﻿<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="1702"><titleStmt><title>August Wilhelm von Schlegel an Jakob Lamberz</title><editor><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Bearbeiterin"><forename>Olivia</forename><surname>Varwig</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-marburg.de">Philipps-Universität Marburg</orgName><orgName ref="https://www.slub-dresden.de">Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier / Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/contact">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition><persName role="Bearbeiter/in"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname></persName><persName role="Bearbeiter/in"><forename>Olivia</forename><surname>Varwig</surname></persName></edition></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 3.0 DE)</licence><ab type="edition">Digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels</ab><ab type="state">Neu transkribiert und ausgezeichnet; zweimal kollationiert</ab></availability><date when="2019-04-12"/><idno type="url">https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/letters/view/1702</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Paul Kaufmann: Auf den Spuren August Wilhelm von Schlegels. In: Preußische Jahrbücher 234 (1933), S. 227−231.</title></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Universitäts- und Landesbibliothek Bonn</institution><repository key="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/content/titleinfo/1923103"/><idno type="signatur">S 2537 : II : 1-4</idno></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="oai">1923103</ab><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab><ab type="pages">1 e. Br. (4 Bl.)</ab><ab type="paper">24,3 x 20,4 cm</ab><ab type="provenance">1939 aus Sondermitteln der Stiftung Vom Rath erworben.</ab><ab type="characteristics">Nach einer Blaustiftfoliierung handelt es sich um Bl. 1-4.</ab><ab type="note">Datum sowie Absende- und Empfangsort erschlossen.</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/letters/view/1702"><correspAction type="sent"><persName key="766" ref="http://d-nb.info/gnd/118607960">August Wilhelm von Schlegel</persName><placeName key="887" ref="http://d-nb.info/gnd/1001909-1">Bonn</placeName><date when="1819-01-10">[10. Januar 1819]</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="6440" ref="http://d-nb.info/gnd/116652721">Jakob Lamberz</persName><placeName key="887" ref="http://d-nb.info/gnd/1001909-1">Bonn</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-0.tif"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-1.tif"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-2.tif"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-3.tif"/><graphic n="5" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-4.tif"/><graphic n="6" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-5.tif"/><graphic n="7" decls="carrier1" url="https://august-wilhelm-schlegel.de/beta/cake_fud/files/temp/images/default/AWS-aw-013c-6.tif"/><graphic n="1" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923106"/><graphic n="2" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923107"/><graphic n="3" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923108"/><graphic n="4" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923109"/><graphic n="5" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923110"/><graphic n="6" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923111"/><graphic n="7" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923112"/><graphic n="8" decls="carrier2" url="http://digitale-sammlungen.ulb.uni-bonn.de/ulbbnhans/download/webcache/1000/1923113"/></facsimile><text><body><div><p><milestone unit="start" n="20451"/>[1]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20451"/> Hochzuverehrender Herr Kreisrichter,<lb/>Da Ew. Wohlgeb. die Güte haben wollen, in einer höchst widerwärtigen und verworrenen Angelegenheit als Rechtsgelehrter und als Freund mein Rathgeber zu seyn, was ich als einen Umstand von der günstigsten Vorbedeutung anerkenne, so erlauben Sie mir, nachdem Sie alle hierauf bezüglichen Briefe gelesen, Ihnen den Verlauf der Sache schriftlich, und genau nach der Zeitordnung vorzutragen, um Ihrem Gedächtnisse die Mühe zu erleichtern. Sie werden bemerken, daß aus der bloßen Vergleichung der Zeitangaben sehr merkwürdige Aufschlüsse hervorgehen.<lb/>Diese Ehe, – wozu der Antrag <hi rend="overstrike:1"><milestone unit="start" n="24763"/>xxxxx</hi><note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Nicht entzifferte Streichung</title></note><milestone unit="end" n="24763"/><hi rend="overstrike:1"></hi> sowohl von <persName key="243"><persName key="186">den Eltern</persName></persName> als der <persName key="2402">Tochter</persName> auf alle Weise begünstigt worden war, und bereitwillig angenommen wurde ohne nur einen Augenblick Bedenkzeit zu begehren, – diese Ehe habe ich geschlossen, in der redlichsten Absicht, alle Vortheile meiner äußern Lage, welche nicht unrühmliche Bestrebungen mir erworben haben, auf <persName key="2402">meine Gattin</persName> zu übertragen, sie jeder niederdrückenden Sorge und Beschäftigung zu überheben, und ihr Leben durch jeden edlen Genuß zu erheitern. Nur wahre Neigung konnte mein Bewegungsgrund seyn: dieß leuchtet von selbst ein.<lb/>Die Verlobung erfolgte, jedoch ohne Förmlichkeit, in den letzten Tagen des <hi rend="underline:1">Julius</hi>; die Hochzeit war <hi rend="underline:1">am 30sten August</hi>.<lb/>Mein Ruf nach <placeName key="15"><orgName key="6004">Berlin</orgName></placeName> war schon früher bekannt, die Bestätigung traf einige Zeit nach der Verlobung ein. <persName key="243"><persName key="186">Meine Schwieger<milestone unit="start" n="20452"/>[2]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20452"/>eltern</persName></persName> drangen sowohl vor als nach der Hochzeit sehr lebhaft in mich, kein Amt anzunehmen, meine mäßigen Einkünfte in <placeName key="574">Heidelberg</placeName> zu verzehren und durch schriftstellerische Arbeiten zu vermehren, und ein gemeinschaftliches Hauswesen <hi rend="overstrike:1"><milestone unit="start" n="24764"/>xxxx</hi><note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Nicht entzifferte Streichung</title></note><milestone unit="end" n="24764"/><hi rend="overstrike:1"></hi> zu stiften. Sie hätten dieß zur Bedingung ihrer Einwilligung machen können, haben es aber nicht gethan, auch habe ich nie ein solches Versprechen gegeben. Ich entschied mich für die Annahme des ehrenvollen Rufes, weil ich hoffen konnte, auf solche Weise <persName key="2402">meine Gattin</persName> in größeren Wohlstand zu setzen, und besser für ihre Zukunft zu sorgen; theils weil es mir nicht geziemend schien, daß ein Mann, von dem seine Mitbürger eine öffentliche nützliche Wirksamkeit erwarten können, sich Familien-Verhältnissen zu lieb, ganz davon zurückziehe.<lb/>Ich suchte jedoch die Trennung <persName key="2402">der Tochter</persName> von <persName key="243"><persName key="186">ihren Eltern</persName></persName> so viel möglich zu mildern, und das künftige Wiedersehen zu erleichtern, indem ich, mit Aufopferung vieler äußeren Vortheile, <placeName key="887"><orgName key="6155">Bonn</orgName></placeName> statt <placeName key="15"><orgName key="6004">Berlin</orgName></placeName> erwählte, was mir nicht ohne mein wiederhohltes Ansuchen zugestanden ward.<lb/><hi rend="underline:1">Zehn Tage nach der Hochzeit</hi> fand ich mich bewogen eine schnelle Reise nach <placeName key="1591">Coblenz</placeName> zu machen. Zu gleicher Zeit reiste <persName key="2402">meine Frau</persName> <hi rend="overstrike:1">nach</hi> mit <persName key="243">ihrer Mutter</persName> nach <placeName key="1370">Stuttgart</placeName> ab, um <persName key="6443">ihre dortigen Verwandten</persName> zu besuchen. Bemerken Sie wohl, daß während dieser ersten Abwesenheit Mutter und Tochter zehn Tage allein beysammen und in demselben Hause waren. Dieß nur, um das nachherige Vorgeben zu widerlegen daß vor meiner letzten Abreise von <placeName key="574">Heidelberg</placeName> keine Mittheilungen über die geheime Geschichte der Ehe zwischen Mutter und Tochter hätten Statt finden können.<lb/><milestone unit="start" n="20453"/>[3]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20453"/> <ref target="fud://5401">Am <hi rend="underline:1">14ten Sept.</hi> schrieb mir <persName key="186">mein Schwiegervater</persName></ref>, <persName key="2402">meine Frau</persName> habe auf das Begehren ihrer Verwandten, sie solle mich beschreiben, geantwortet: „Ich kann ihn weiter nicht beschreiben; <hi rend="underline:1">er ist gerade so, wie ich mir ihn gewünscht habe.</hi><lb/><persName key="2402">Meine Frau</persName> schrieb mir sehr fleißig aus <placeName key="1370">Stuttgart</placeName>, und immer in dem zärtlichsten Tone. Unter andern sogleich nach ihrer Ankunft in Stuttgart <ref target="fud://3866">am <hi rend="underline:1">11ten Sept</hi></ref>: „<hi rend="underline:1">Ich bin gewaltig muthwillig, und das bloß in der Hoffnung, Sie recht recht bald wieder zu sehen. Zu lang würde ich es ohne Sie nicht aushalten können, und wenn ich wüßte, daß es etwas hülfe, wenn ich tüchtig Algebra lernte, so wollte ich Tag und Nacht sitzen, bis ich Sie hieher gerechnet hätte.</hi>“<lb/>Sobald ich meine Geschichte in <placeName key="1591">Coblentz</placeName> u <placeName key="887">Bonn</placeName> ausgerichtet hatte, eilte ich Tag und Nacht nach <placeName key="1370">Stuttgart</placeName>. Ich bemerkte bald, daß man sich bemüht hatte Mishelligkeiten zwischen den Neuvermählten zu stiften. Es gelang mir ohne Schwierigkeit, diese leichten Wolken zu zerstreuen. Einige Zeit darauf bekam <persName key="2402">meine Frau</persName> die Masern, auch während ihrer Krankheit hatte man ihr Mistrauen gegen meine Gesinnungen beyzubringen gesucht. Die Herzlichkeit wurde bald wieder hergestellt, Sie versprach mir, wenn sie künftig einen Grund der Unzufriedenheit <hi rend="overstrike:1">hatt</hi> zu haben glaubte, es mir offen zu sagen. Kaum von den Masern genesen, pflegte sie, da sie in ihrem Zimmer nicht allein schlief, alle Morgen mein Bett mit Ihrem Besuch zu beglücken. Mit welcher Sorgfalt ich sie während ihrer Genesung gepflegt habe, davon, darf ich sagen, ist ganz Stuttgart Zeuge gewesen.<lb/><milestone unit="start" n="20454"/>[4]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20454"/> Seit <persName key="243">meine Schwiegermutter</persName> sah, daß ich mich im Ernst anschickte, mein Amt anzutreten, war ihre Gesinnung ganz verändert. Sie faßte von dieser Zeit an den Plan, <persName key="2402">ihre Tochter</persName> bey sich zu behalten, das kaum geknüpfte Band wieder zu zerreißen, aber wie sichs nachher offenbart hat, ihre Tochter zugleich auf meine Kosten zu bereichern.<lb/>Schon in der letzten Zeit in <placeName key="1370">Stuttgart</placeName> war die Erbitterung <persName key="243">der Mutter</persName> so hoch gestiegen, daß sie einmal, als ich sie an ihrem Krankenlager besuchte, in Gegenwart <hi rend="overstrike:1">aller</hi> <hi rend="offset:4">andrer</hi> Personen alle Achtung aus den Augen setzte, in eine Art von convulsivischer Wuth gerieth, und ihre Schwester, <persName key="6443">die Frau Doctorin Mollwitz</persName>, in den rohesten Worten schalt, weil sie mich in das Zimmer gelassen hatte.<lb/>Die Rückreise nach <placeName key="574">Heidelberg</placeName> unternahm ich nur <hi rend="overstrike:1">mit</hi> nach dem Rathe des Arztes, und mit der größten Vorsicht für die Gesundheit <persName key="2402">meiner Frau</persName>. Ich brachte nachher noch etwa zehn Tage in Heidelberg mit ihr zu.<lb/><persName key="243"><persName key="186">Meine Schwiegereltern</persName></persName> trafen erst zwey Tage vor meiner Abreise ein. <persName key="2402">Meine Frau</persName> hütete damals das Zimmer. Meine Schwiegermutter vermied es, während meiner Anwesenheit allein mit meiner Frau zu sprechen, unter dem Vorwande eigner Unpäßlichkeit, als ob man nicht von einem Zimmer ins andre gehen könnte, wenn man von <placeName key="1370">Stuttgart</placeName> nach <placeName key="574">Heidelberg</placeName> gefahren ist. Aber zu ihren geheimen Zwecken mußte meine Abwesenheit abgewartet werden.<lb/>Nach den bisherigen Erfahrungen hätte ich sehr wohl gethan, ohne die Zurückkunft <persName key="243"><persName key="186">der Eltern</persName></persName> abzuwarten, <persName key="2402">meine Frau</persName> sogleich mit mir <placeName key="887">hieher</placeName> zu führen. Aber aus zärtlicher Besorgniß für ihre <milestone unit="start" n="20455"/>[5]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20455"/> Gesundheit, und um ihr jede Mühe der ersten Einrichtung zu ersparen, ließ ich sie zurück. Ich hoffte, die Festigkeit ihrer Gesinnungen würde allen nachtheiligen Einflüssen widerstehen.<lb/><hi rend="underline:1">Am 1sten November</hi> reiste ich ab. <persName key="2402">Meine Frau</persName> hatte mir bis zu den letzten Tagen unsers Beysammenseyns die besten Verheißungen für die Zukunft, sie vergoß Thränen beym Abschiede, und bezeugte dieß selbst in <ref target="fud://1092">einem wenige Stunden nachher geschriebenen Briefe</ref>.<lb/><hi rend="underline:1">Sonntag d. 1sten Nov.</hi> „Liebster bester Wilhelm, – – – – ich sitze jetzt ganz allein, und an demselben Tage allein, wo ich dich noch gesehen und gesprochen hatte. Glaube mir, ich war beym Abschied betrübter als ich aussah, denn gerade wenn mir etwas recht schwer fällt, lasse ich mir nichts merken, nur dann wenn ich allein bin, kommt die Betrübniß doppelt, auch wohl Thränen. – <hi rend="underline:1">Sey von meiner festen Treue und Liebe überzeugt</hi>, leb wohl und schreibe bald deiner <persName key="2402"><hi rend="underline:1">Sophie</hi></persName>.“<lb/>Dieß schrieb <persName key="2402">Frau von Schlegel</persName> zwey Monate nach ihrer Vermählung, und seitdem haben wir uns nicht wieder gesehen.<lb/>Nach meiner Abreise bezog sie die Wohnung <persName key="243"><persName key="186">ihrer Eltern</persName></persName>. Nun erfolgte kein Brief wieder bis zum <hi rend="underline:1">10ten Nov.</hi> und <ref target="fud://1093">dieser Brief</ref> war in einem ganz veränderten Tone abgefaßt. <persName key="2402">Meine Frau</persName> klagte jedoch nur über die vorgebliche <hi rend="overstrike:1"><milestone unit="start" n="24765"/>xxx</hi><note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Nicht entzifferte Streichung</title></note><milestone unit="end" n="24765"/><hi rend="overstrike:1"></hi> Kälte meines ersten Briefes und über meine vornehmen Launen. Sie äußerte, „<persName key="243">ihre Mutter</persName> wolle durchaus nicht zugeben, daß ich in der winterlichen Jahreszeit reisen solle.“ <hi rend="offset:4">Seitdem haben <ref target="fud://1094">meine dringendsten Bitten</ref>, <ref target="fud://1099">meine zärtlichsten Klagen</ref> nie wieder sie zu einer Sylbe Antwort vermögen können.</hi><lb/><ref target="fud://5404">Am <hi rend="underline:1">8ten <milestone unit="start" n="24782"/>Sept</hi></ref><note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Lies: November</title></note><milestone unit="end" n="24782"/><ref target="fud://5404"><hi rend="underline:1">.</hi></ref> ermahnte mich <persName key="186">mein Schwiegervater</persName> sehr angelegentlich, mich über die Gesundheit <persName key="2402">seiner Tochter</persName> nicht zu beunruhigen. Ich habe einen indirecten Beweis in Händen, daß mein Schwiegervater <milestone unit="start" n="20456"/>[6]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20456"/> <hi rend="underline:1">neunzehn Tage</hi> nach meiner Abreise noch nicht in das Geheimniß eingeweiht war, daß seine Tochter zurückgehalten, und ganz von mir getrennt werden sollte. Indem er mir die Ankunft eines für meine Frau bestimmten Forte-Piano meldet, fügt er bey: (<ref target="fud://5405">d. 19ten Nov.</ref>) „Der Flügel kann leicht wieder eingepackt, und weitergeschickt werden, sobald sie wollen.“<lb/>Erst <ref target="fud://1095">unter dem Datum <hi rend="underline:1">vom 22sten November</hi></ref>, drey Wochen nach meiner Abreise erfolgten von Seiten <persName key="186">meines Schwiegervaters</persName> ernsthaftere Vorwürfe, die sich aber meistens auf mein vorgeblich nicht liebevolles Betragen bezogen; auf den nachherigen Vorwand einer Nullitäts Klage wurde nur in verdeckten Worten angespielt. Dieß verstand ich damals noch nicht, weil eine so abgeschmackte Erdichtung sich nicht errathen ließ. Man hatte selbst mit dieser ersten Anspielung den Zeitpunkt abgewartet, wo man gewiß seyn konnte, daß ein ganz natürliches Ereigniß nicht eine freche Behauptung Lügen strafen würde.<lb/>Erst nachdem ich wiederhohlt darauf gedrungen hatte, <persName key="2402">meine Frau</persName> möge ihr am Altar gegebenes Versprechen, die Gefährtin meines Lebens zu seyn, erfüllen; <ref target="fud://1098">nachdem ich erklärt hatte</ref>, da sie unterdessen immer schwieg, falls sie nicht eigenhändig ihre Weigerung bezeugte, würde ich demnächst kommen, um sie abzuhohlen, erfolgte <ref target="fud://1097">ein langes Schreiben <persName key="186">des H. Geh. Kirchenrath Paulus</persName></ref>, <hi rendition="#PRSDoppeltUnterstrichen">datirt</hi> vom <hi rend="underline:1">16ten December</hi> (eingehändigt wurde es mir erst am <hi rend="underline:1">5ten Januar</hi>) worin die Nulliät der Ehe ausdrücklich behauptet ward. Dieses Schreiben, angefüllt mit den unerhörtesten Schmähungen, hub an <milestone unit="start" n="20457"/>[7]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20457"/> mit einer Strafpredigt, hierauf kam die juristische Chicane, und endlich ging es in eine Finanz-Speculation aus. <persName key="3456">Der Rechtsgelehrte</persName>, welcher ihn überbrachte, war bevollmächtigt, wegen über eine Ehescheidung durch gegenseitige Übereinstimmung und über die dabey von mir zu leistende <hi rend="underline:1">pecuniäre Entschädigung</hi> zu unterhandeln.<lb/>Wenn ich nicht sofort alles gefoderte einginge, so drohte <persName key="186">Hr. GKR. Paulus</persName> seinem Briefe die größte Publicität zu geben, um zugleich die Nullitäts- und Entschädigungs-Klage anhängig zu machen. Die Absicht, <hi rend="overstrike:1"><milestone unit="start" n="24766"/>xxx</hi><note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Nicht entzifferte Streichung</title></note><milestone unit="end" n="24766"/><hi rend="overstrike:1"></hi> <hi rend="offset:4">mich in</hi> Schrecken <hi rend="overstrike:1"><milestone unit="start" n="24767"/>xxx</hi><note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Nicht entzifferte Streichung</title></note><milestone unit="end" n="24767"/><hi rend="overstrike:1"></hi> zu setzen, und durch die Abneigung, welche jeder rechtliche Mann vor der öffentlichen Erwähnung gewisser Dinge hat, wenn er sich auch noch so unschuldig weiß, mir einen beträchtlichen Theil meines Vermögens abzunöthigen, lag am Tage. Ich wies in <ref target="fud://1103">einer kurzen Antwort</ref> an Hrn. Paulus diesen wütenden Angriff auf meine Ehre mit ruhiger Festigkeit zurück. Ew. Wohlgeb. hatten die Güte in meinem Namen mit <persName key="3456">dem Bevollmächtigten der Gegenpartey</persName> zu sprechen, u da von diesem Augenblick an Ihre für mich so wohlthätige Theilnahme u Mitwirkung eintritt, so kann ich hier meinen Bericht schließen.<lb/>Ich füge nur noch folgende Bemerkungen hinzu. Sollten <persName key="243"><persName key="186"><persName key="2402">meine Gegner</persName></persName></persName> in ihrer Verblendung so weit gehen, ihre Nullitätsklage wirklich anzustellen, so werden sie zwar den Richtern, den Ärzten und dem gesamten Publicum reichlichen Stoff zur Unterhaltung gewähren, allein ich habe von dem Ausgange nicht das mindeste zu besorgen. Sie werden mir leicht glauben, daß ich den Gedanken nicht gefaßt habe, in meinem Alter zu heirathen, ohne meinen Arzt zu Rathe zu ziehen. <persName key="868">Ein sehr geschickter Deutscher Arzt</persName> in <placeName key="171">Paris</placeName> <milestone unit="start" n="20458"/>[8]<note type="Notiz_zur_Transkription"><title>Paginierung des Editors</title></note><milestone unit="end" n="20458"/> hat nicht nur mein Vorhaben gebilligt, sondern es mir wiederhohlt angerathen. Es versteht sich, die Frage war nur davon, ob es körperlich zuträglich wäre; daß es thunlich wäre, darüber konnte gar kein Zweifel Statt finden.<lb/>Ferner muß ich erinnern, daß kein Ehecontract geschlossen worden ist. Mündlich habe ich versprochen, auf den Fall daß ich ohne Kinder stürbe, <persName key="2402">meine Frau</persName> zur Erbin einzusetzen. Es ist eine Hauptklage, daß ich verschoben habe, dieß Testament zu machen. Hieran sind bloß die Zerstreuungen Schuld gewesen, welche mir verschiedene Reisen, die Krankheit meiner Frau u meine eilige Berufung <placeName key="887">hieher</placeName> verursachten. <persName key="186">Hrn. GKR. Paulus</persName> hätte es nur ein Wort gekostet, so hätte ich es vor meiner Abreise aufgesetzt. Ich <hi rend="offset:4">war</hi> weit entfernt, damals den Fall vorauszusehen daß meine Frau durch ihr feindseliges Betragen mich berechtigen würde, es durch ein späteres Testament wieder ungültig zu machen.<lb/>Mit der ausgezeichnetsten Hochachtung<lb/>Ew Wohlgeb.<lb/>ergebenster<lb/>AW von Schlegel<lb/><lb/>An<lb/>Herrn Kreisrichter <hi rend="family:Courier">Lamberts</hi></p></div></body></text></TEI>
