• August Wilhelm von Schlegel to Johannes Schulze

  • Place of Dispatch: Bonn · Place of Destination: Berlin · Date: 02.12.1829
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Johannes Schulze
  • Place of Dispatch: Bonn
  • Place of Destination: Berlin
  • Date: 02.12.1829
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Universitäts- und Landesbibliothek Bonn
  • OAI Id: 1849502
  • Classification Number: Autographensammlung der Universitäts- und Landesbibliothek Bonn
  • Number of Pages: 1 e. Br. (1 Doppelbl.)
  • Format: 21 x 12,6 cm
  • Incipit: „[1] Bonn d. 2ten Dec. 29.
    Hochgeehrtester Herr Geheimerath!
    Ich hatte schon vor geraumer Zeit die Ehre, an Ew. Hochwohlgeboren zu schreiben, [...]“
  • Editors: Bamberg, Claudia · Varwig, Olivia
[1] Bonn d. 2ten Dec. 29.
Hochgeehrtester Herr Geheimerath!
Ich hatte schon vor geraumer Zeit die Ehre, an Ew. Hochwohlgeboren zu schreiben, und zwar, wenn ich nicht irre, ziemlich ausführlich: ich war aber nicht so glücklich, seitdem irgend ein Zeichen Ihres Andenkens zu erhalten. Indessen weiß ich, wie sehr Sie mit Geschäften überhäuft sind, und bin schon zufrieden, wenn ich nur hoffen darf, daß das, was ich Ihnen vortrage, nicht unberücksichtigt bleibt.
Dießmal muß ich Ihnen mit einer Fürbitte für einen meiner wackersten Schüler beschwerlich fallen: Der Studiosus der Philologie Hermann Köster, Sohn eines Predigers in Altona, hat das Unglück gehabt vorigen Sommer in einen Duell verwickelt zu werden, und seinem Gegner eine leichte Wunde beizubringen. Das akademische Gericht hatte, da keine aggravirenden Umstände dabei Statt fanden, ihn zu einer Gefängniß-Strafe verurtheilt. Nun hat aber, wie ich höre, der Herr Regierungs-Bevollmächtigte bei dem Königl. Ministerium auf eine Schärfung der Strafe angetragen; dieß ist bestätigt worden, und der junge Mann ist verbannt. Seine Studien hat er schon beendigt, er war damit beschäftigt eine Dissertation auszuarbeiten, und im Begriff sich zur Promotion zu melden. Ich sagte [2] ihm, als er mir seine Verlegenheit klagte, er werde die Doctorwürde in Göttingen oder Heidelberg gewiß ohne Schwierigkeit erlangen; er erwiederte aber, dieß gelte in seinem Vaterlande nicht so viel, als wenn er sie hier erwürbe. Er hat sich daher zuvörderst nach Cöln begeben, und wollte von dort aus eine Bittschrift an den Herrn Staatsminister von Altenstein einsenden, es möge ihm verstattet werden, sich hier zur Promotion zu melden, und nur so lange auf hiesiger Universität zu verweilen, als zu den Leistungen erfoderlich ist.
Der Studiosus Köster hat mehrere meiner Vorlesungen besucht, insbesondre aber ein Jahr lang an dem Unterricht im Sanskrit Theil genommen. Da die Schüler hiebei selbst interpretiren müssen, so habe ich Gelegenheit, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse genau kennen zu lernen; und ich kann ihm für beides ein sehr günstiges Zeugniß ausstellen.
Ich bitte Sie demnach, hochgeehrtester Herr Geheimerath, sein Gesuch durch Ihre nachdrückliche Fürsprache bestens zu unterstützen. Es wäre ein wahrer Verlust für die Facultät, wenn es ihm unmöglich gemacht würde, hier zu promoviren: denn ich bin überzeugt, er wird der erlangten Doctorwürde Ehre machen.
Seit einiger Zeit haben sich Studirende aus Holstein, Hamburg u. s. w., besonders Philologen, hieher gewendet, die sonst alle nach Göttingen gingen. In diesem Jahre haben wir zwei Promotionen junger Männer aus der dortigen Gegend gehabt: des Dr. Clausen aus Holstein, und des Dr. Classen aus Hamburg; beide waren ausgezeichnet. Ich nehme seit geraumer Zeit an jedem [3] Magister-Examen thätigen Antheil, da ich an Hüllmanns Stelle als Professor der Geschichte fungiren muß. Daß die hier ertheilte philosophische Doctorwürde im Auslande so viel gilt, verdankt unsre Facultät einzig und allein ihrem gründlichen und gewissenhaften Verfahren bei den Prüfungen. Auch die öffentliche Disputation ist bei uns förmlicher und ausführlicher als anderswo. Oft war ich bestellter Opponent, andre male pflege ich ex improviso zu opponiren. – Man kann die Ausländer durch eine Strenge, wovon ich den Grund nicht zu begreifen gestehe, leicht wegschrecken: die Universität wird unausbleiblich dabei verlieren. Das Ansehen der Promotionen kann dagegen kein Regierungsbevollmächtigter begründen: dieß ist eine Sache der Meynung, welcher man nicht gebieten kann.
Dr. Kalthof ist in Paris sehr fleißig, er hat auf meine Empfehlung an die dortigen Gelehrten freien Zutritt zu den Handschriften erlangt. Sein Anliegen hatte ich schon die Ehre Ew. Hochwohlgeboren ausführlich vorzulegen. Ich wiederhole meine Bitte um dessen wohlwollende Begünstigung.
Erlauben Sie mir auch, meinen Neffen Dr. Schlegel bei Ihnen ins Andenken zu bringen. Alles was seine Lage und meine Wünsche betrifft, habe ich Ihnen mündlich und schriftlich vorgetragen. Er ist nun seit mehr als einem halben Jahre in meinem Hause, und benutzt seinen Aufenthalt hier fleißig für die zu seinem Fache gehörigen Studien. Er würde gern mit einer sehr mäßigen Anstellung sich begnügen.
[4] Ich arbeite, so mismuthig ich bin, sehr angestrengt für die Förderung meiner gelehrten Unternehmungen. Nachdem in diesem Jahre zwei Bände Sanskrit-Texte mit kritischen Vorreden erschienen sind, wird in wenigen Monaten der zweite Band des Râmâyańa u die Lateinische Übersetzung des ersten ans Licht treten. Dr. Lassenʼs vortreffliche kritische Noten zum Hitôpadêśa mit einigen Zuthaten von mir sind fertig ausgearbeitet, u warten nur auf die kleinen Lettern aus Berlin. Bonn ist und bleibt der erste Ort in Europa für das Studium der Indischen Litteratur. Dieß wird auch in London und Paris anerkannt, nur in Berlin scheint es nicht beachtet zu werden. Prof. Bopp dreht sich immer auf demselben Flecke herum, u da die Sache selbst vorwärts schreitet, so kommt er natürlicher Weise zurück. Was alles seinen Arbeiten mangelt, wäre zu weitläuftig hier zu erörtern: es wird nächstens öffentlich geschehen. Aber sein latein: hilf Himmel! Er hat das Unglück gehabt zwei Bücher mit folgenden Titeln herauszugeben: Glossarium Sanscritum a Francisco Bopp; Grammatica Sanscrita a Francisco Bopp. Wahrlich! er compromittirt die Akademie der Wissenschaften und die Universität. Wenn man nicht Lateinisch zu schreiben weiß, so sollte man doch wissen, daß man es nicht weiß, und sich seine Exercitien vor dem Drucke corrigiren lassen.
Ich hoffe und wünsche lebhaft, zu erfahren daß Sie mit den Ihrigen recht wohl sind: Ich bitte Sie, mir ein wohlwollendes Andenken zu bewahren, und die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung zu empfangen.
Ew Hochwohlgeboren
gehorsamster
AWvSchlegel
[1] Bonn d. 2ten Dec. 29.
Hochgeehrtester Herr Geheimerath!
Ich hatte schon vor geraumer Zeit die Ehre, an Ew. Hochwohlgeboren zu schreiben, und zwar, wenn ich nicht irre, ziemlich ausführlich: ich war aber nicht so glücklich, seitdem irgend ein Zeichen Ihres Andenkens zu erhalten. Indessen weiß ich, wie sehr Sie mit Geschäften überhäuft sind, und bin schon zufrieden, wenn ich nur hoffen darf, daß das, was ich Ihnen vortrage, nicht unberücksichtigt bleibt.
Dießmal muß ich Ihnen mit einer Fürbitte für einen meiner wackersten Schüler beschwerlich fallen: Der Studiosus der Philologie Hermann Köster, Sohn eines Predigers in Altona, hat das Unglück gehabt vorigen Sommer in einen Duell verwickelt zu werden, und seinem Gegner eine leichte Wunde beizubringen. Das akademische Gericht hatte, da keine aggravirenden Umstände dabei Statt fanden, ihn zu einer Gefängniß-Strafe verurtheilt. Nun hat aber, wie ich höre, der Herr Regierungs-Bevollmächtigte bei dem Königl. Ministerium auf eine Schärfung der Strafe angetragen; dieß ist bestätigt worden, und der junge Mann ist verbannt. Seine Studien hat er schon beendigt, er war damit beschäftigt eine Dissertation auszuarbeiten, und im Begriff sich zur Promotion zu melden. Ich sagte [2] ihm, als er mir seine Verlegenheit klagte, er werde die Doctorwürde in Göttingen oder Heidelberg gewiß ohne Schwierigkeit erlangen; er erwiederte aber, dieß gelte in seinem Vaterlande nicht so viel, als wenn er sie hier erwürbe. Er hat sich daher zuvörderst nach Cöln begeben, und wollte von dort aus eine Bittschrift an den Herrn Staatsminister von Altenstein einsenden, es möge ihm verstattet werden, sich hier zur Promotion zu melden, und nur so lange auf hiesiger Universität zu verweilen, als zu den Leistungen erfoderlich ist.
Der Studiosus Köster hat mehrere meiner Vorlesungen besucht, insbesondre aber ein Jahr lang an dem Unterricht im Sanskrit Theil genommen. Da die Schüler hiebei selbst interpretiren müssen, so habe ich Gelegenheit, ihre Fähigkeiten und Kenntnisse genau kennen zu lernen; und ich kann ihm für beides ein sehr günstiges Zeugniß ausstellen.
Ich bitte Sie demnach, hochgeehrtester Herr Geheimerath, sein Gesuch durch Ihre nachdrückliche Fürsprache bestens zu unterstützen. Es wäre ein wahrer Verlust für die Facultät, wenn es ihm unmöglich gemacht würde, hier zu promoviren: denn ich bin überzeugt, er wird der erlangten Doctorwürde Ehre machen.
Seit einiger Zeit haben sich Studirende aus Holstein, Hamburg u. s. w., besonders Philologen, hieher gewendet, die sonst alle nach Göttingen gingen. In diesem Jahre haben wir zwei Promotionen junger Männer aus der dortigen Gegend gehabt: des Dr. Clausen aus Holstein, und des Dr. Classen aus Hamburg; beide waren ausgezeichnet. Ich nehme seit geraumer Zeit an jedem [3] Magister-Examen thätigen Antheil, da ich an Hüllmanns Stelle als Professor der Geschichte fungiren muß. Daß die hier ertheilte philosophische Doctorwürde im Auslande so viel gilt, verdankt unsre Facultät einzig und allein ihrem gründlichen und gewissenhaften Verfahren bei den Prüfungen. Auch die öffentliche Disputation ist bei uns förmlicher und ausführlicher als anderswo. Oft war ich bestellter Opponent, andre male pflege ich ex improviso zu opponiren. – Man kann die Ausländer durch eine Strenge, wovon ich den Grund nicht zu begreifen gestehe, leicht wegschrecken: die Universität wird unausbleiblich dabei verlieren. Das Ansehen der Promotionen kann dagegen kein Regierungsbevollmächtigter begründen: dieß ist eine Sache der Meynung, welcher man nicht gebieten kann.
Dr. Kalthof ist in Paris sehr fleißig, er hat auf meine Empfehlung an die dortigen Gelehrten freien Zutritt zu den Handschriften erlangt. Sein Anliegen hatte ich schon die Ehre Ew. Hochwohlgeboren ausführlich vorzulegen. Ich wiederhole meine Bitte um dessen wohlwollende Begünstigung.
Erlauben Sie mir auch, meinen Neffen Dr. Schlegel bei Ihnen ins Andenken zu bringen. Alles was seine Lage und meine Wünsche betrifft, habe ich Ihnen mündlich und schriftlich vorgetragen. Er ist nun seit mehr als einem halben Jahre in meinem Hause, und benutzt seinen Aufenthalt hier fleißig für die zu seinem Fache gehörigen Studien. Er würde gern mit einer sehr mäßigen Anstellung sich begnügen.
[4] Ich arbeite, so mismuthig ich bin, sehr angestrengt für die Förderung meiner gelehrten Unternehmungen. Nachdem in diesem Jahre zwei Bände Sanskrit-Texte mit kritischen Vorreden erschienen sind, wird in wenigen Monaten der zweite Band des Râmâyańa u die Lateinische Übersetzung des ersten ans Licht treten. Dr. Lassenʼs vortreffliche kritische Noten zum Hitôpadêśa mit einigen Zuthaten von mir sind fertig ausgearbeitet, u warten nur auf die kleinen Lettern aus Berlin. Bonn ist und bleibt der erste Ort in Europa für das Studium der Indischen Litteratur. Dieß wird auch in London und Paris anerkannt, nur in Berlin scheint es nicht beachtet zu werden. Prof. Bopp dreht sich immer auf demselben Flecke herum, u da die Sache selbst vorwärts schreitet, so kommt er natürlicher Weise zurück. Was alles seinen Arbeiten mangelt, wäre zu weitläuftig hier zu erörtern: es wird nächstens öffentlich geschehen. Aber sein latein: hilf Himmel! Er hat das Unglück gehabt zwei Bücher mit folgenden Titeln herauszugeben: Glossarium Sanscritum a Francisco Bopp; Grammatica Sanscrita a Francisco Bopp. Wahrlich! er compromittirt die Akademie der Wissenschaften und die Universität. Wenn man nicht Lateinisch zu schreiben weiß, so sollte man doch wissen, daß man es nicht weiß, und sich seine Exercitien vor dem Drucke corrigiren lassen.
Ich hoffe und wünsche lebhaft, zu erfahren daß Sie mit den Ihrigen recht wohl sind: Ich bitte Sie, mir ein wohlwollendes Andenken zu bewahren, und die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung zu empfangen.
Ew Hochwohlgeboren
gehorsamster
AWvSchlegel
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