• Jacob Grimm to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Göttingen · Place of Destination: Unknown · Date: 17.09.1833
Edition Status: Single collated printed full text without registry labelling not including a registry
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Jacob Grimm
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Göttingen
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 17.09.1833
    Printed Text
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: 390911364-19040100
  • Bibliography: Schmidt, Ludwig: Briefe Jacob Grimms an August Wilhelm Schlegel. In: Anzeiger für deutsches Altertum und deutsche Litteratur 29 (1904), S. 163‒164.
  • Incipit: „[1] Mein Dank, hochverehrter Freund, für das mir schon vor einem Jahr gütigst überschickte Buch, und selbst die schuldige Antwort [...]“
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: DE-1a-33708
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.9,Nr.49
  • Number of Pages: 3S. auf Doppelbl., hs. m. U. u. Adresse
  • Format: 25,3 x 20,9 cm
    Language
  • German
[1] Mein Dank, hochverehrter Freund, für das mir schon vor einem Jahr gütigst überschickte Buch, und selbst die schuldige Antwort auf Ihre letzte Zuschrift hat sich sehr verspätet; ich gedachte eine Gegengabe, meine Schrift über Reinhart Fuchs, bald übersenden zu können, allein ihr Druck schreitet so langsam vor, dass er erst gegen Weihnachten beendigt sein wird. Der Sommer ist mir unerfreulich und betrübt verstrichen, ich habe meine einzige geliebte Schwester verloren und dadurch kam auch gewaltige Störung in alle meine Arbeiten.
Das Exemplar Ihres Werks für die hiesige Societät ist richtig abgegeben, Ewald hat davon eine Anzeige gemacht. Mich freute unter anderen vorzüglich Ihre Aeusserung über den Werth der persischen und arabischen Literatur, die mir von jeher den Eindruck von Bisamduft und Schminke gemacht hat, aus dem ich mich immer gern in die gesunde und natürliche Luft unserer [2] europäischen Dichtungen zurückzog. Wer möchte sich alle Speisen mit Rosenwasser und Zimmt vorsetzen lassen! Von der indischen Poesie kann man hingegen sagen, dass sie sich der abendländischen Natur und einfacheren Färbung viel mehr nähert als jene. Ich habe nicht vernommen, ob und was Wilson erwiedert hat; es wird ihm schwer geworden sein.
Ueber unsere altdeutsche Literatur hat sich neulich in den Heidelberger Jahrbüchern jemand, vermuthlich ein Schüler Schlossers, sehr umständlich Luft gemacht. Man könnte schon mit dem was er zugibt und selbst der Gesinnung, in der er es thut, zufrieden sein, aber ich sehe nicht ein, welchen Gewinn es bringen kann, dass Leute, die nichts ordentlich von der Sache verstehen und nicht die Lust haben tiefer einzudringen, sich ein solches oberflächlich verständiges Urtheil bilden, um nur mit allem schnell fertig zu werden. Es würde gar nicht schwer sein, in gleicher Manier sich über alle und jede Poesie eine ebenso triftige oder untriftige Entscheidung anzumassen.
Bopps vergleichende Grammatik habe ich noch nicht [3] ordentlich gelesen, werde aber wohl Ihrem Urtheil unbedenklich beipflichten, dass die Mittheilungen über das Zend den Hauptwerth und das eigentlich Neue des Buchs machen. Burnouf soll mancherlei einzuwenden haben.
Meine Amtsgeschäfte rauben mir gar zu viel Zeit. Jetzt muss ich über dem Buch, das mich hinhält, die Grammatik beinahe ruhen lassen, und wenn ich nächstes Jahr die Mythologie schreibe, noch länger. Die Neigung zu den grammatischen Arbeiten mindert sich aber dadurch nicht im geringsten, und ich erlasse mir keinen meiner Vorsätze.
Ich denke mir nicht anders, als dass Sie dem Wolfram von Eschenbach, auch bei aller Abneigung gegen den Herausgeber, die verdiente Anerkennung widerfahren lassen werden. Es ist wirklich ausserordentliches von ihm geleistet worden.
Mit unveränderter Hochachtung
Jac. Grimm.
Göttingen 17 sept. 1833.
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[1] Mein Dank, hochverehrter Freund, für das mir schon vor einem Jahr gütigst überschickte Buch, und selbst die schuldige Antwort auf Ihre letzte Zuschrift hat sich sehr verspätet; ich gedachte eine Gegengabe, meine Schrift über Reinhart Fuchs, bald übersenden zu können, allein ihr Druck schreitet so langsam vor, dass er erst gegen Weihnachten beendigt sein wird. Der Sommer ist mir unerfreulich und betrübt verstrichen, ich habe meine einzige geliebte Schwester verloren und dadurch kam auch gewaltige Störung in alle meine Arbeiten.
Das Exemplar Ihres Werks für die hiesige Societät ist richtig abgegeben, Ewald hat davon eine Anzeige gemacht. Mich freute unter anderen vorzüglich Ihre Aeusserung über den Werth der persischen und arabischen Literatur, die mir von jeher den Eindruck von Bisamduft und Schminke gemacht hat, aus dem ich mich immer gern in die gesunde und natürliche Luft unserer [2] europäischen Dichtungen zurückzog. Wer möchte sich alle Speisen mit Rosenwasser und Zimmt vorsetzen lassen! Von der indischen Poesie kann man hingegen sagen, dass sie sich der abendländischen Natur und einfacheren Färbung viel mehr nähert als jene. Ich habe nicht vernommen, ob und was Wilson erwiedert hat; es wird ihm schwer geworden sein.
Ueber unsere altdeutsche Literatur hat sich neulich in den Heidelberger Jahrbüchern jemand, vermuthlich ein Schüler Schlossers, sehr umständlich Luft gemacht. Man könnte schon mit dem was er zugibt und selbst der Gesinnung, in der er es thut, zufrieden sein, aber ich sehe nicht ein, welchen Gewinn es bringen kann, dass Leute, die nichts ordentlich von der Sache verstehen und nicht die Lust haben tiefer einzudringen, sich ein solches oberflächlich verständiges Urtheil bilden, um nur mit allem schnell fertig zu werden. Es würde gar nicht schwer sein, in gleicher Manier sich über alle und jede Poesie eine ebenso triftige oder untriftige Entscheidung anzumassen.
Bopps vergleichende Grammatik habe ich noch nicht [3] ordentlich gelesen, werde aber wohl Ihrem Urtheil unbedenklich beipflichten, dass die Mittheilungen über das Zend den Hauptwerth und das eigentlich Neue des Buchs machen. Burnouf soll mancherlei einzuwenden haben.
Meine Amtsgeschäfte rauben mir gar zu viel Zeit. Jetzt muss ich über dem Buch, das mich hinhält, die Grammatik beinahe ruhen lassen, und wenn ich nächstes Jahr die Mythologie schreibe, noch länger. Die Neigung zu den grammatischen Arbeiten mindert sich aber dadurch nicht im geringsten, und ich erlasse mir keinen meiner Vorsätze.
Ich denke mir nicht anders, als dass Sie dem Wolfram von Eschenbach, auch bei aller Abneigung gegen den Herausgeber, die verdiente Anerkennung widerfahren lassen werden. Es ist wirklich ausserordentliches von ihm geleistet worden.
Mit unveränderter Hochachtung
Jac. Grimm.
Göttingen 17 sept. 1833.
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