• August Wilhelm von Schlegel to Sophie Bernhardi

  • Place of Dispatch: Coppet · Place of Destination: Weimar · Date: 22.05.1804
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Sophie Bernhardi
  • Place of Dispatch: Coppet
  • Place of Destination: Weimar
  • Date: 22.05.1804
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335976727
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 1. Der Texte erste Hälfte. 1791‒1808. Bern u.a. ²1969, S. 84‒87.
  • Incipit: „Coppet d. 22 Mai 1804
    Dienstags
    Seit Sonnabend Mittag bin ich hier, es fanden sich Briefe aus Deutschland, auch aus Weimar vor, aber [...]“
Coppet d. 22 Mai 1804
Dienstags
Seit Sonnabend Mittag bin ich hier, es fanden sich Briefe aus Deutschland, auch aus Weimar vor, aber keiner an mich, was mir ein trauriges Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit gab. Gestern früh erhielt ich den Ihrigen und er erregte mir neue Besorgnisse wegen Ihrer Gesundheit und Stimmung. Meine theuerste Freundin, habe ich Unrecht gethan, Sie jetzt zu verlassen? Es war ja immer Ihre Absicht mich auf den Sommer wegzuschicken, nur nicht in so weite Entfernung. Denken Sie sich diese nur nicht gar zu groß: in zwölf Tagen ist Ihr Brief zu mir gelangt, in acht oder neun könnte ich, wenn es dringend wäre, die Nächte zu Hülfe genommen, die Reise zurücklegen, also in drey Wochen wäre ich bey Ihnen, und wenn Sie mich rufen oder bedürfen, soll und wird mich nichts halten. Schreiben Sie mir ja pünktlich einen Posttag um den andern, ist es Ihnen zu beschwerlich, so tragen Sie es dem treuen geliebten Bruder auf, damit ich nur nicht länger ohne Nachricht bleibe. Melden Sie mir genau den Zustand Ihrer Gesundheit und überwinden Sie hiebey mir zu Gefallen Ihre Abneigung. Sie müssen durchaus diesen Sommer gründlich hergestellt seyn, sonst kann ich es nicht zugeben, daß Sie noch einen Winter in dem herben nordischen Klima zubringen. Ich wünschte sehr, daß Sie Marcus zu Rathe ziehen könnten, d. h. nicht durch Briefe, sondern mündlich. Sie haben ja den Plan nach Töpliz zu gehen, ließe sich das nicht damit vereinigen? Sehen Sie nur die Charte an, von Bamberg ist es nur eine Tagereise nach Baireuth, wo ich nicht irre, und das letztere liegt nicht weit von der Böhmischen Gränze. Nach Bamberg kommen Sie von W.[eimar] in drey Tagen. Sie müßten aber wenigstens eine Woche dort bleiben, damit M.[arcus] Ihre körperliche Verfassung beobachten kann. Er würde sich mit dem größten Eifer der Cur annehmen. Der Weg nach B.[amberg] und die Lage des Ortes selbst ist äusserst angenehm. Überlegen Sie dieß wohl, Hufeland kann jetzt von Ihnen nur durch Briefe zu Rathe gezogen werden, und der Zeitpunkt ist wichtig.
Dann wäre mein Plan, daß Sie auf allen Fall, auch wenn es nicht dringend nöthig scheint, für den Winter ein milderes Klima suchen möchten. Etwa in der Mitte Augusts müßten Sie die Reise antreten, so könnten Sie den ganzen September, der hier sehr schön und heiter seyn soll, noch am Genfer See genießen, und alsdann weiter fürs erste nach Nizza oder Pisa, dann vielleicht späterhin nach Neapel gehen. Bey Erwähnung Ihrer Reise nach dem Süden (wo ich nicht irre, war es noch in B.[erlin]) hat Fr.[au] v. St.[aël] schon einmal einen Ruhepunkt und den Genuß der Schweiz von ihrem Schlosse aus vorgeschlagen, und gewiß würde sie diese Einladung erneuern, wenn es dazu käme. Sollten Sie aber allein zu wohnen vorziehen, so würde sich in der Nähe am Ufer des Sees eine ländliche Wohnung finden lassen. Auch die weitere Reise nach Italien könnte ein Mittel des Wiedersehens werden. Fr.[au] v. St.[aël] hat schon verschiedentlich davon gesprochen, auf den Herbst südwärts zu gehen, da ihr anfänglicher Plan war, den Winter in Genf zuzubringen, ich glaube, daß ich zu der Entscheidung beytragen könnte, wie auch nachher auf die Anordnung der Reise einwirken. – Was die äußerlichen Einrichtungen für Sie bey diesem Unternehmen betrifft, da muß ich mich freylich auf Kn.[orring] verlassen; wenn nur sein erster Versuch nicht so unglücklich ausgefallen wäre; er sollte sich doch mehr auf dergleichen legen, um nicht ganz von seinen Bedienten abhängig zu seyn. In Ansehung der Gelderfodernisse aber bin ich gewiß im Stande, bedeutende Schwierigkeiten zu heben, denn ich bin gewiß, daß Frau von St.[aël] aus Freundschaft für mich jede Bitte dieser Art erfüllt, und ich habe kein Bedenken Zeit und Kräfte auf Jahre voraus zu verpflichten, wo es darauf ankommt, Ihr schönes Leben herzustellen.
Ich kann es mir nicht verzeihen eines der edelsten reinsten und liebevollsten Gemüther das mir sein Zutrauen geschenkt hat, anfangs durch die Oberfläche ungewohnter Sitten, und die Störungen des umgebenden Weltgewühls irregeleitet, ungerecht beurteilt zu haben. Wer um einen zweyundsiebzigjährigen Vater so trauert, so unersättlich im Schmerz, so erfinderisch ist sich mit Vorwürfen zu quälen, dessen Leidenschaftlichkeit in andern Verhältnissen ist gewiß genugsam gerechtfertigt. Glauben Sie, daß an allem, was uns in Berlin von W.[eimar] aus berichtet ward, nicht ein wahres Wort ist.
Ich hoffe, meine Reisebeschreibung bis Morgenthal, leider der erste Ort wo ich geschrieben, werden Sie erhalten haben. Ich muß den Beschluß der Reise und den hiesigen Aufenthalt zu schildern auf den nächsten Brief versparen, so wie manches über meine Lage und Verhältnisse, damit ich heute den Abgang der Post nicht versäume.
Vielleicht könnten Sie mit Friedrich hier zusammentreffen. Wäre es denn gar nicht möglich daß der Bildhauer sich schon auf den Winter zur Italiänischen Reise losmachte?
Meine Rückstände in B.[erlin] ängstigen mich hauptsächlich, weil sie noch ein Hinderniß sind, alles das für Sie zu thun, was ich wünschte. Der beym Hofr.[ath] Fischer freylich auch so. Wenn mein Brief an ihn noch immer in W.[eimar] liegt, so muß ich baldigst einen andern von hier aus schreiben. Wie ist es denn mit Otto? Auch der Schuhmacher beunruhigt mich. Mit dem Schneider hat es weniger auf sich. Die Leute werden doch nicht glauben, daß ich durchgegangen sey. Für jetzt habe ich keine andre Ausgabe als Kleider und Wäsche, und ich werde mich damit möglichst behelfen, bis ich mit meinen Geschäften aufs reine bin.
Ich küsse Ihnen die Hand, geliebte Freundin, ich umarme den Bruder, an den meine Briefe mitgeschrieben sind, und Herze die Engelskinder. Was Sie mir von ihrem Andenken sagen hat mich entzückt. An Tieck werde ich nächstens eine große Bitte thun, fußfällig und mit allen möglichen Schmeicheleyen, die Lieben zusammen als heilige Familie im kleinen zu zeichnen. Felix muß des Alters wegen das Christkind seyn, wiewohl er fast besser zum Johannes paßte, doch wird sich am Wilhelm auch schon Miene und Stellung zu diesem finden. Der liebe Künstler mag sich selbst als Joseph anbringen, und seine blonden Haare für graue ausgeben.
Leben Sie recht wohl.
Auf Ihrem Briefe war hinzugefügt franco Schaffhausen, setzen Sie dieß künftig selbst darauf, um gewiß zu seyn, daß die Briefe durch die Schweiz und nicht durch das französische Gebiet gehen, wo ich sie weit später erhalten würde.
Sie baden sich doch alle Tage und bringen die Hälfte der Zeit im Park zu? Schreiben Sie mir über alle kleinen Umstände. Nochmals Lebewohl.
Joh. Müller kehrt nach Berlin zurück und wird Anfang Juni hier seyn worauf ich mich sehr freue.
Coppet d. 22 Mai 1804
Dienstags
Seit Sonnabend Mittag bin ich hier, es fanden sich Briefe aus Deutschland, auch aus Weimar vor, aber keiner an mich, was mir ein trauriges Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit gab. Gestern früh erhielt ich den Ihrigen und er erregte mir neue Besorgnisse wegen Ihrer Gesundheit und Stimmung. Meine theuerste Freundin, habe ich Unrecht gethan, Sie jetzt zu verlassen? Es war ja immer Ihre Absicht mich auf den Sommer wegzuschicken, nur nicht in so weite Entfernung. Denken Sie sich diese nur nicht gar zu groß: in zwölf Tagen ist Ihr Brief zu mir gelangt, in acht oder neun könnte ich, wenn es dringend wäre, die Nächte zu Hülfe genommen, die Reise zurücklegen, also in drey Wochen wäre ich bey Ihnen, und wenn Sie mich rufen oder bedürfen, soll und wird mich nichts halten. Schreiben Sie mir ja pünktlich einen Posttag um den andern, ist es Ihnen zu beschwerlich, so tragen Sie es dem treuen geliebten Bruder auf, damit ich nur nicht länger ohne Nachricht bleibe. Melden Sie mir genau den Zustand Ihrer Gesundheit und überwinden Sie hiebey mir zu Gefallen Ihre Abneigung. Sie müssen durchaus diesen Sommer gründlich hergestellt seyn, sonst kann ich es nicht zugeben, daß Sie noch einen Winter in dem herben nordischen Klima zubringen. Ich wünschte sehr, daß Sie Marcus zu Rathe ziehen könnten, d. h. nicht durch Briefe, sondern mündlich. Sie haben ja den Plan nach Töpliz zu gehen, ließe sich das nicht damit vereinigen? Sehen Sie nur die Charte an, von Bamberg ist es nur eine Tagereise nach Baireuth, wo ich nicht irre, und das letztere liegt nicht weit von der Böhmischen Gränze. Nach Bamberg kommen Sie von W.[eimar] in drey Tagen. Sie müßten aber wenigstens eine Woche dort bleiben, damit M.[arcus] Ihre körperliche Verfassung beobachten kann. Er würde sich mit dem größten Eifer der Cur annehmen. Der Weg nach B.[amberg] und die Lage des Ortes selbst ist äusserst angenehm. Überlegen Sie dieß wohl, Hufeland kann jetzt von Ihnen nur durch Briefe zu Rathe gezogen werden, und der Zeitpunkt ist wichtig.
Dann wäre mein Plan, daß Sie auf allen Fall, auch wenn es nicht dringend nöthig scheint, für den Winter ein milderes Klima suchen möchten. Etwa in der Mitte Augusts müßten Sie die Reise antreten, so könnten Sie den ganzen September, der hier sehr schön und heiter seyn soll, noch am Genfer See genießen, und alsdann weiter fürs erste nach Nizza oder Pisa, dann vielleicht späterhin nach Neapel gehen. Bey Erwähnung Ihrer Reise nach dem Süden (wo ich nicht irre, war es noch in B.[erlin]) hat Fr.[au] v. St.[aël] schon einmal einen Ruhepunkt und den Genuß der Schweiz von ihrem Schlosse aus vorgeschlagen, und gewiß würde sie diese Einladung erneuern, wenn es dazu käme. Sollten Sie aber allein zu wohnen vorziehen, so würde sich in der Nähe am Ufer des Sees eine ländliche Wohnung finden lassen. Auch die weitere Reise nach Italien könnte ein Mittel des Wiedersehens werden. Fr.[au] v. St.[aël] hat schon verschiedentlich davon gesprochen, auf den Herbst südwärts zu gehen, da ihr anfänglicher Plan war, den Winter in Genf zuzubringen, ich glaube, daß ich zu der Entscheidung beytragen könnte, wie auch nachher auf die Anordnung der Reise einwirken. – Was die äußerlichen Einrichtungen für Sie bey diesem Unternehmen betrifft, da muß ich mich freylich auf Kn.[orring] verlassen; wenn nur sein erster Versuch nicht so unglücklich ausgefallen wäre; er sollte sich doch mehr auf dergleichen legen, um nicht ganz von seinen Bedienten abhängig zu seyn. In Ansehung der Gelderfodernisse aber bin ich gewiß im Stande, bedeutende Schwierigkeiten zu heben, denn ich bin gewiß, daß Frau von St.[aël] aus Freundschaft für mich jede Bitte dieser Art erfüllt, und ich habe kein Bedenken Zeit und Kräfte auf Jahre voraus zu verpflichten, wo es darauf ankommt, Ihr schönes Leben herzustellen.
Ich kann es mir nicht verzeihen eines der edelsten reinsten und liebevollsten Gemüther das mir sein Zutrauen geschenkt hat, anfangs durch die Oberfläche ungewohnter Sitten, und die Störungen des umgebenden Weltgewühls irregeleitet, ungerecht beurteilt zu haben. Wer um einen zweyundsiebzigjährigen Vater so trauert, so unersättlich im Schmerz, so erfinderisch ist sich mit Vorwürfen zu quälen, dessen Leidenschaftlichkeit in andern Verhältnissen ist gewiß genugsam gerechtfertigt. Glauben Sie, daß an allem, was uns in Berlin von W.[eimar] aus berichtet ward, nicht ein wahres Wort ist.
Ich hoffe, meine Reisebeschreibung bis Morgenthal, leider der erste Ort wo ich geschrieben, werden Sie erhalten haben. Ich muß den Beschluß der Reise und den hiesigen Aufenthalt zu schildern auf den nächsten Brief versparen, so wie manches über meine Lage und Verhältnisse, damit ich heute den Abgang der Post nicht versäume.
Vielleicht könnten Sie mit Friedrich hier zusammentreffen. Wäre es denn gar nicht möglich daß der Bildhauer sich schon auf den Winter zur Italiänischen Reise losmachte?
Meine Rückstände in B.[erlin] ängstigen mich hauptsächlich, weil sie noch ein Hinderniß sind, alles das für Sie zu thun, was ich wünschte. Der beym Hofr.[ath] Fischer freylich auch so. Wenn mein Brief an ihn noch immer in W.[eimar] liegt, so muß ich baldigst einen andern von hier aus schreiben. Wie ist es denn mit Otto? Auch der Schuhmacher beunruhigt mich. Mit dem Schneider hat es weniger auf sich. Die Leute werden doch nicht glauben, daß ich durchgegangen sey. Für jetzt habe ich keine andre Ausgabe als Kleider und Wäsche, und ich werde mich damit möglichst behelfen, bis ich mit meinen Geschäften aufs reine bin.
Ich küsse Ihnen die Hand, geliebte Freundin, ich umarme den Bruder, an den meine Briefe mitgeschrieben sind, und Herze die Engelskinder. Was Sie mir von ihrem Andenken sagen hat mich entzückt. An Tieck werde ich nächstens eine große Bitte thun, fußfällig und mit allen möglichen Schmeicheleyen, die Lieben zusammen als heilige Familie im kleinen zu zeichnen. Felix muß des Alters wegen das Christkind seyn, wiewohl er fast besser zum Johannes paßte, doch wird sich am Wilhelm auch schon Miene und Stellung zu diesem finden. Der liebe Künstler mag sich selbst als Joseph anbringen, und seine blonden Haare für graue ausgeben.
Leben Sie recht wohl.
Auf Ihrem Briefe war hinzugefügt franco Schaffhausen, setzen Sie dieß künftig selbst darauf, um gewiß zu seyn, daß die Briefe durch die Schweiz und nicht durch das französische Gebiet gehen, wo ich sie weit später erhalten würde.
Sie baden sich doch alle Tage und bringen die Hälfte der Zeit im Park zu? Schreiben Sie mir über alle kleinen Umstände. Nochmals Lebewohl.
Joh. Müller kehrt nach Berlin zurück und wird Anfang Juni hier seyn worauf ich mich sehr freue.
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