• Julie Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Hannover · Place of Destination: Coppet · Date: 20.02.1811
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Julie Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Hannover
  • Place of Destination: Coppet
  • Date: 20.02.1811
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34097
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.23,Nr.53
  • Number of Pages: 18 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 18,9 x 11,3 cm
  • Incipit: „[1] Hannover d 20t Febr. 1811
    Ihr Brief den wir gestern empfingen, hat uns geliebtester Bruder! unaussprechlich erschüttert. ich hatte mir [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
[1] Hannover d 20t Febr. 1811
Ihr Brief den wir gestern empfingen, hat uns geliebtester Bruder! unaussprechlich erschüttert. ich hatte mir schon hundertmahl vorher den Inhalt Ihres Briefs der kommen würde gesagt, aber es ist doch das nicht, als wenn man die eigenen Worthe eines so edeln u so bekümmerten Herzens ließt –. zehnmahl habe ich Ihren schönen Brief gelesen, aber jedesmahl floßen aufs neue meine Trähnen. Ach! er grief mich um so mehr an, da ich erst eben anfange mich von einer heftigen Krannkheit zu erholen, deren Ursache nicht weit zu suchen ist. die Anstrengungen bey der guten Mutter Krannkheit u Beerdigung, das Nachtwachen u vor allem die Gemüthsbewegungen machten es wohl natürlich daß ich unterlag. ich bin auf der Besserung, welche nur so langsahm geht; auch werde ich oft die Feder niederlegen müßen, da ich das lange aufsitzen noch nicht vertragen kann, aber ich muß meinen Herzen folgen u Ihnen so gleich den wehmütigen Troßt zu geben, alles was Sie wünschen von der Mutter zu sagen, die für uns alle zu früh dahingegangen ist. wenn ich etwas wiederhole, was ich Ihnen schon im vorgen Brief schrieb, daß müßen Sie gütigst verzeihn, da ich mich nicht des Inhalts ganz errinnere.
Schon seit etwa Michaeli merkten wir nach u nach eine Veränderung an der guten Mutter. sie ward samfter u zufriedener, man konnte sie leichter erfreuen, was ich auch bey jeder Gelegenheit zu tuhn sugte; sie ward aber auch magerer u lied öfterer an kleinen Übelen, besonders Schnupfen. sie schonte sich dabey sehr, ging nicht mehr so viel aus, sondern lies mehr Besuch zu sich kommen, wo es ihr immer große Freude machte, wenn sich jemand bey ihr melden lies. auch mogte sie es gern, wenn ich ihr Minna zu weilen schickte, mit der sie sich gern u wie sie selbst sagte [2] gut unterhalten könnte. wie wir diesen Winter so ganz unerwartet August zu uns nehmen mußten, fühlte sie sehr die koßten u die Last die wir dadurch bekahmen u als ich ihr mahl klagte, daß es mich sehr genire wegen Minna, die völlig erwachsen ist, die ich aber gern öfterer zu Haus laße, wenn wir ausgehn wo es sich nicht für sie paßt, u doch hielt ich es für unschicklich, wenn sie mit August allein blieb, so wählte sie selbst Minna daß die dann jedes mahl zu ihr kommen mögte. auch versprag sie ihr, auf ihre Confermation die diese Ostern ist ein Geschenk zu machen u ihr ein paar Strümpfe zu stricken. den Neujahrstag ist Karls Geburtstag. wir hatten dis mahl unsere Pattenser Freunde gebeten, bey denen wir die Weihnachtstage so vergnügt hingebracht hatten u noch einige, es versteht sich von selbst die Mutter zuerst sie wolte aber nicht kommen, weil ihr das späte Essen schon lange nicht gut bekahm, sie machte es uns vorzüglich aber Minnan zur Pflicht, daß wir es jeden in der Gesellschaft sagen solten, daß sie deshalb nicht gekommen wehre. ich brachte ihr von allen Backwerk den morgen was ich selbst gemacht hatte u worüber sie sich freuete, ich mußte ihr zugleich alles erzählen womit ich den Abend tracktirte u wo ich ihr von allen zu schicken versprag. ich ward sehr gerühret als sie mir ihre Anstalten zeigte, womit sie den Tag feiern wolte. sie hatte 8 Freundinnen gebeten, 2 Boutellien Bischhof gemacht u eine große Schüßel Confeckt holen laßen, was sonst gar ihre Art nicht war. Die Damen hatten so lange Essen u trinken müßen, wie was da gewesen war. von dem was ich ihr schickte, hatte sie den andern Abemd der Pastorin Butjentern u Mamsell Brückmann (die ich noch öfterer erwähnen werde) eine kleine Abendmahlzeit vorgesetzt. noch muß ich Ihnen sagen, daß ich sie bat als ich den morgen [3] bey ihr war, mir einen großen The Topf zu leihn. sie schickte ihn mir eine Stunde nachher nebst einen Milch Topf u schrieb mir: daß sie mir beydes zum Geschenk mache. die Töpfe sind alt u ganz ordinär, aber ich miste sie für keinen Preis. ich habe auch noch das Billiet. am 16t Jan. besugte sie die Past. Butjentern welche nicht weit von ihr wohnte. Der Wind reißt während sie da ist ein Fenster auf, worüber sich beyde sehr erschrecken u den Luftzug gleich übel empfinden. Doch ist sie den 17t noch wohl. Karl hatte sie Mittag sehr munter gefunden, sie hatte sich gefreuet, daß sich einige bey ihr hatten melden laßen. auch den Abend ist sie anfangs noch recht munter. auf einmal bekommt sie etwa um 8 Uhr einem sehr heftigen Frost, so daß ihre Geselschaft weg geht, weil sie zu Bette wünscht. Dis hätte uns müßen gleich gemeldet werden, aber Lotte, das Mädchen, hat gar kein arg daraus gehabt. Lotte bleibt doch aber die Nacht auf, wo sie sehr unruhig ist. den andern morgen, will Lotte den Arzt holen, die Mutter will es nicht, u steht auf, läßt sich ankleiden, u Lotte soll Gesellschaft bitten. sie muß sich aber nach einer halben Stunde wieder niederlegen. um wird der Arzt geholt, der gleich von ihr zu uns kahm u sagte sie wehre sehr krannk, ich solte für eine starke Warts Frau sorgen, da sie oft würde gehoben werden müßen. ich flog gleich zu ihr, wo ich auch die Brückmann bey ihr fand. Das Ansehn der guten Mutter war sehr verändert, dabey kannte sie jeden, war aber mit ihren Geist immer abwesend. sie fing immer etwas an zu reden, vollendete aber nichts, sie grif immer nach etwas in der Luft, hußtete u war sehr gleichgültig gegen alles was um ihr vorging. sie nahm alle Arzeney wenn ich sie ihr reichte, der Brückmannen u Lotten ver[4]weigerte sie sie, von wo an ich sie ihr auch immer selbst gegeben habe. Verlangen tath sie den Tag nach nichts, als nach bittern Bier. das untersagte Hansen u erlaubt nur, daß ich ihr, wenn das Verlangen zu groß war, i[hr] etwas gekochtes mit Zucker versüßtes gab. sie äußerte öfterer: daß sie sich wundere, daß ich den ganzen Tag da sey, da sie gar so krannk nicht sey. ich sagte ihr daß ich sie auch bey einer kleinen Unpäslichkeit nicht verlaßen würde u mir ihre Pflege nicht nehmen ließe, worauf sie antwortete: nun daß ist recht hübsch, ich bin auch mit allen zufrieden, wie sie es machen. den Abend mußte ich ihr unter die Füße SempfPflasters legen, was sie auch geduldig zu gab. der Arzt hatte mir versichert, daß für die Nacht durchaus keine Gefahr sey, er es auch wünschte daß ich da schliefe, weil schlimmere Nächte kommen würden, wo ich nöteg[e]r sey. Lotte, eine gute WartsFrau u M. Brückmann blieben bey ihr. bis gegen 10 Uhr war ich da, wo ich sie ruhig verlies. Die Nacht war auch ganz gut gewesen, sie hatte mitunter geschlafen. Den Sontag morgen um 8 Uhr ging ich wieder hin. ich fand ihr Ansehn besser, sie war heiter, fragte nach allen was gestern mit ihr vorgenommen sey? lobte alle[s] was ich getahn hatte, versicherte, sie wehre gar nicht krannk. sie erfuhr daß die Butjendern mit ihr zugleich krannk geworden sey, die verlangte sie nehmlich zu sehn. Das machte sie unruhig u bat mich für die zu sorgen, was ich ihr auch versprag u hielt. sie freute sich, daß ich auch für die Brückmannen sorgte, die viel da war; wir hatten einige Tage zu vor geschlachtet, sie fragte nach allen, wie e[s] ausgefallen wehre? empfahl mir die Würste die ich [5] ihr geschickt hatte, in den Rauch zu hängen. sie freuete sich auf unsere Sülze u Schinken, wovon ich ihr versprag. auch lies sie sich öfterer wiederholen, was ich ihr für Krannken Essen machen wolte, wenn sie besser sey. Der Arzt fand aber den Puls troz ihrer Heiterkeit nichts besser u verbot jemand fremdes zu ihr zu laßen. Fr. v. Hinnüber ihre liebste Freundin u eine sehr gute Frau, kahm den morgen sie zu besuchen. sie hörte daß die da war u wünschte sie zu sehn. da hätte ich es für grausahm gehalten, wenn ich die nicht zu ihr geführt hätte. mit der sprag sie noch einiges unbedeutendes, u keine kleine äußerung, als ob sie glaubte sie nicht wieder zu sehn. zu Hanchen, der kleinen Waise, sagte sie den morgen, als die auch kahm: bete für mich daß ich bald wieder besser werde, ich muß auch noch um deinent willen leben. ich mußte ihr 3 Spanische Fliegen legen u die Sempf Plaster erneuern. nichts zog, was sehr meinen Muth benahm. leiden tath sie aber auch an den Tage nicht viel. den Abend nahm das Fieber zu. sie wolte es erst gar nicht zugeben, daß ich die Nacht da blieb, doch freuete sie sich, daß ich darauf bestand u bat mich, im neben zimmer mir ein Bette zu machen u mich da nider zu legen. sie fing gegen Abend an sehr viel zu sprechen u unaufhörlich nach der Butjendern zu fragen. einmahl sagte sie: ich habe es Lotchen geschrieben daß ich Krannk bin, die kann es Wilhelm schreiben u Sie auch. denn bedauerte sie oft Moritz daß er so viel Kummer an August erlebe, wovon sie alle Schuld der Frau gab. Daß sie die nicht liebte, äußerte sie öfterer – sie hatte auch darin nicht unrecht –. dann sprag sie viel von [6] Bialoblotzkys, lobte die Kinder Erziehung u freute sich daß die alte Superdendentin Ballhorn, ihre Mutter diese Ostern zu ihnen zöge. gegen Mitternacht ward sie sehr unruhig. 50 mahl haben wir sie wenigstens aus u wieder ins Bette gebracht, was sehr schwehr war, da ihr Kräfte sie ganz verließen. Die Wartsfrau Lotte u ich haben die Nacht keinen Augenblick Ruhe gehabt. ich hatte alle möglichen Tisanen u Gelees gekocht womit ich sie abwechselend erfrischte aber von 4 Uhr an die Nacht mogte sie nichts von allen den mehr. da ward sie ruhiger, daß sie nicht immer aus den Bette wolte, aber das Fieber stieg fürchterlich. sie war so roth wie ich nie das Jüngste Mädchen gesehn habe, 130 Pulsschläge in einer Minute, die Augen weit herraus, der Mund offen u schwarz vor hitze, das Röcheln hörte man auf der Treppe. u doch fragte sie: habe ich wohl Fieber? muß ich morgen auch wohl im Bette bleiben? ihr Verlangen nach Wein stieg mit jeden Augenblick ich kann Ihnen diese Angst der Nacht nicht beschreiben. um 6 Uhr schrieb ich alles an Hansen u bat flehentlich doch Wein zu erlauben. er erlaubte alten Rein Wein den ich ihr immer selbst reichte u ihr die größte Labung war. der alte Hansen kahm bald selbst u fand alle Hoffnung dahin. um 1 Uhr verlangte sie nach Karl, der alle die Tage recht oft kahm, ich lies ihn gleich holen, sie freuete sich über sein kommen, sagte aber nichts besondres. die Unruhe der [7] Nacht machte daß sie übel im Bette lag, jedoch ohne es zu empfinden. wir brachten sie also noch einmahl mit unsäglicher Mühe herraus u machten ihr das Bette noch ein mahl recht schön, sie lag von da an ganz Bequähm. die Sprache fing um 10 Uhr älmähllig an undeutlich zu werden. um 11 Uhr kahm Ernst von Langenhagen den erkannte sie, auch die Frau, u lächelte ihnen noch einmahl zu. im neben Zimmer war der Pastor Münichmeyer der sich nach ihr erkundigen wolte, auch den erkannte sie an der Stimme. um 12 Uhr fragte sie wieder nach der Butjendern wo ich sie fragte: ob sie es wünsche daß ich mich dieser Frau annähme, wenn sie es nicht könnte. sie nickte mir darauf freundlich u streichelte meine Backen. ich versprach ihr darauf alles für die Frau zu tuhn was ich nur könnte. von da an konnte sie gar nicht mehr sprechen. ich blieb beständig zum Füßen ihres Bettes sitzen u benetzte ihre heiße, verbrante Zunge immer mit Wein, was der sie gern nahm. etwa um 3 stand Hanchen bey mir. ich hatte das Kind gebeten nicht zu weinen, um sie nicht unruhig zu machen. auf ein mahl sah mich die Mutter starr an, dann auf Hanchen, sie schin mir unruhig, ich fragte: wünschten Sie mir etwas zu sagen? worauf sie nickte. ich suchte meiner Stimme stärke zu geben, u sagte: wenn Sie gehindert werden für Hanchen zu sorgen daß die noch recht viel lernt, so will ich für dis gute Kind sorgen, daß Ihr angefan[8]genes Werk nicht unvollendet bleibt. ich nahm Hanchen in meine Arme, daß sie es sehn konnte, u entfernte das Kind, die sich nicht mehr halten konnte. Drauf nickte mir die Mutter noch einmal freundlich zu u ich küßte ihr nicht ohne Trähnen die Hände. von da an war sie durchaus ruhig. gegen 5 uhr brachen ihr die Augen. ein Lärm auf der Straße erschreckte sie auch nicht mehr. das Schlucken hörte auch auf. Hansen der da noch einmahl kam, fand noch 126 Pulsschläge, u sagte: es könne noch bis zum morgen dauren, ehe sie ausgelitten habe. so wie ich die Abnahme aller Sinne in den letzten Stunden beobachtet hatte, glaubte ich das nun nicht, doch machte mir Hansens äußerung es leichter Karl zu bereden, zu Münichmeyer, ein Freund von uns, zu gehn. ich schickte heimlich zu den, u lies ihn bitten, Karln nicht weg zu laßen, bis ich schickte. ich wolte nicht daß Karl in den letzten Augenblicken da seyn solte. er hatte noch nie einen sterben sehn – u die Mutter sollte die erste seyn –. ich war doch auch den lebenden Schonung schuldig. schon um ¾ auf 7 Uhr entfloh ihr Geißt so samft, so ruhig, wie Sie es sich nur dennken können war ihr Ende. ich habe sie bis in den letzten Augenblick nicht verlaßen u ihr auch die Augen zugedrückt[.] [9] O! mein geliebter Bruder! ich habe Sie wohl tief erschüttert? aber Sie wolten es selbst. ach! u ich kann Ihnen auch sagen, daß ich Gott an diesen Sterbe Bette gebeten habe, mir auch einmahl ein solches Ende zu schenken u ihn gedannkt habe daß er meinen Körper u meiner Seele die Kraft gab meine Pflicht treu bey unserer geliebten Mutter zu erfüllen, auch habe ich die Überzeugung, daß sie mich gern um sich gehabt hat u ich ihr nützlich gewesen bin. auch meine Minna ist den letzten morgen noch da gewesen. auch sie soll sich gewöhnen bey solchen ernsten Auftritten standhaft und doch mit Gefühl sich nützlich machen zu können. wie ich mich etwas gefaßt hatte ging ich zu meinen troßtlosen Karl, ich sage Ihnen nichts von seinen schmerz –. wie er etwas ruhiger geworden war, kahm ihn der Gedannke, ob es auch wohl nur ein schen Todt wehr! Münichmeyer ging zu hansen, um den zu fragen, ob es eine möglichkeit sey, daß der eintreten könnte. seine antworth war verneinend, doch ward Karl nicht ruhig, ich ging also von Münichmeyer begleitet den Abend spät noch einmahl hin. sah ihre ungestörte ruhige Lage im Bette, fühlte ihr an den Puls u hielt ihr lange einen reinen Spiegel vor, u so gab ich mein armen Mann auch diese Ruhe, aber ich gestehe dieser Weg war mir nicht leicht –.
da ich gar nichts schriftliches über ihr Leichenbegängniß vorfand, richtete ich alles so ein, wie sie mir öfterer im Leben äußerte, daß sie es gern hätte. ein schönes eichenes Sarg mit schönen [10] Beschlag. der wird jetzt hier öfterer nur geliehen, um die Koßten zu erspahren, dagegen hatte sie sich aber öfterer erklährt, mir auch öfterer geäußert, daß sie gern mögte wenn bey so einer Gelegenheit alles reichlich Bezahlt würde, daß ist auch geschehn ohne jedoch zu verschwenden. ich hatte sie anständig u hübsch ankleiden laßen, ein Lacken worauf sie im Sarge zu liegen wünschte, hatte sie sich selbst genähet, ich habe sie so lange sie über der Erde stand, täglich gesehn, aber schon sehr früh traten die Spuhren der Verwesung bey ihr ein. den Abend vor ihrer Beerdigung stand der auf die Diehle, auf demselben 4 große Silberne Leuchter mit Wachs Lichtern, drumherum 8 Geridons mit Silber Leucher u Lichtern. zum Schmuck dieser 12 Lichter hatte ich LichtManschetten geschnitten, so wie die Mutter so so gern mogte, u deren ich ihr manches Dutzend geschnitten hatte, wenn sie Geselschaft hatte. am morgen branten diese Lichter wieder. 12 Träger, Bürger der Neustadt, trugen den Sarg in den Wagen, 4 Kutschen folgten, in den denselben: mein Mann, der Hofmedecus Hansen, der Consistorial Rath Holscher, Pastor Münichmeyer u Pastor Sievers, ein Kammer Registrator Friderici, den sie oft besugte, ihr Nachbahr der Kaufmann Hätzel u ihr Wirth. im letzten Wagen Minna u Hanchen. ich hatte jeden ein Körbchen der schönsten Blumen gegeben, welche sie Kniend auf das Grab gepflanzt haben, auch habe ich mit einigen sehr schönen Blumen ihre Leiche geschmückt. sie ist dicht neben den Seligen Vater gekommen, in ein Erbbegräbniß [11] worin schon 2 Brüder von Ihnen, Adolf u Heinrich liegen, u es ist mir ein Troßt, zu wißen daß ich da auch einmahl hinnein komme. Karl u ich haben schon öfterer diesen Ort besuchen, u werden es gewiß an den ersten heitern Frühlings Tage wieder tuhn, es liegt ein großer schöner Stein auf den Gräbern, worauf des Vaters Nahme steht. Karl wolte der Mutter ihren auch drauf hauen laßen. vieleicht ändert dis Ihren Entschluß, wegen des Dennkmahls. es würde auch Kostbahr kommen, da allein die Erlaubniß dazu 40 Rt. koßtet. noch habe ich vergeßen zu sagen, daß auch Lotte den Toten Wagen voranging. Den Mittag hatten wir die arme Mamsell Brückmann zu uns gebeten, die recht viel an der guten Mutter verliehrt. es ist eine alte kümmerliche Persohn die um vieles Betrogen ist, ihre kleine Pension jetzt nicht orndlich ausgezahlt bekommt; von der Mutter bekahm sie jährlich 10 Rt. u war die Woche gewiß 4–5 mahl des Abends bey ihr, was ihr eine große Hülfe war, da sie dadurch Licht, Feurung u das AbendEssen erspahrte. wir werden an ihr thun was wir können, u ich habe es ihr auch schon versprochen, wenn sie Krannk wird, mich ihrer aufs treulichste anzunehmen. sie hat gar keine Verwante oder nahe Freunde, auch hat sie manches unangenähme was manchen von ihr zurück schreckt, mich solls aber um der selg. Mutter willen nicht zurück schrecken. sie ist bisher fast täglich gekommen u weint sich bey mir aus. noch mehr ligt mir am Herzen die alte Pastorin Butjenderen. Diese Frau hatte die Mutter noch lieber u unterstüzte sie noch mehr. auch ihr gab sie zur Miethe. sie ist von Charackter sehr gut. ihr Mann war in Londen HofPrediger sie hat in mehreren Jahren ihre gute Pension nicht ausge[12]zahlt bekommen, wodurch sie in wahre Noth versetzt ist. sie hat gar keine Verwante oder sonst jemand der sich ihrer annimt. i[ch] sehe die also als ein Vermächtniß der Mutter an, das mir heilig ist. sie ward mit der Mutter zugleich sehr krannk geworden, so daß ich an ihren aufkommen zweifelte. obsie gleich die weißen Frieseln dazu bekahm die für anstekend gehalten werden, bin ich doch täglich zu ihr gegangen, um ihr Pflege zu geben so gut ich konnte. bey den großen Verlusten die mein Karl erleidet, würde es un[s] ohn möglich seyn, die Kosten für sie allein zu tragen, ich habe einigen, wo ich es tuhn durfte, ihre Noth geklagt, u bin so glücklich gewesen bis jetzt 36 Rt. für sie zusammen zu kriegen, die ich aufs gewißen-hafteste für sie verwenden werde. wie mehrere Menschen mir keine Fehlbitte tuhn ließen, konnte ich mich gar des Gedennkes nicht erwehren, das es der guten Mutter ihr seliges Geschäft jetzt sey, diese Herzen so wohltähtig zu lenken –. auch an Wein u anderen Erfrischungen bekomme ich öfterer für sie geschickt u was unsere Küche vermag, schicke ich ihr täglich. das Geld wird für andere Bedürfniße nötig seyn, den noch liegt sie recht Krannk u ich fürchte daß es eine Auszehrung wird. wegen meiner eigenen Krannkheit, habe ich sie 14 Tage nicht sehn können, doch habe ich ihr Minna öfterer geschickt, heute will ich mich zu ihr tragen laße[n] um mich zu überzeugen, daß es ihr an nichts fehlt. ich hab[e] dieser armen Frau auch ihren großen Verlust erst nach u nach sagen können, nachdem die gute Mutter schon 14 Tage ausgelitten hatte. da ich schwarz gekleidet war, sagte ich ihr, ich hätte einen Onkel verlohren.
Vor allen darf aber Hanchen nicht verlaßen werden. es ist ein gutes, tallentvolles Kind, daß einmahl gut geleitet, ein sehr brauchbares Mädchen werden kann. da sie einen zarten Körper hat, würde sie einmahl mehr zu feineren Geschäften Paßen. nach meinen Plahn den ich entworfen habe, soll sie recht gut Nähn lernen, u dann will ich mir alle Mühe geben sie in ein g[utes][13] Haus zu bringen. da sie liebe u zutrauen zu mir hat, werde ich mir beydes zu erhalten suchen. zu den Koßten für sie, will Lotchen u Moritz auch mit beytragen.
Über den Nachlaß der Selg. Mutter muß ich Ihnen nun auch noch weitläuftig Nachricht geben. ist es Ihnen möglich, mein lieber bester Bruder! so geben Sie uns gleich nach Empfang dieses Briefs Nachricht, was Ihre Meinung darüber ist. bis dahin wird nichts geschehn. Sie wißen daß die Selg. Tannte in Ohsen Moritz ein Cappital von 550 Rt. vermacht hatte, welches die Mutter aus dem Nachlas des Vaters übernommen hatte. Moritz ist dagen 150 Rt. der Mutter schuldig, so daß er noch 400 Rt. zu fodern hat. 210 Rt. ist baar vorrätig davon müßen die Beerdigungs u Krannkheits Kosten genommen werden, welches etwa 100 Rt. betragen werden. Die Miethe, Lohn u Kost Geld für Lotten, u die Rechnungen die sich zu bezahlen finden, weden etwas über hundert Rt. betragen. was nun noch die Sehlg Mutter zu fodern hätte, würde so viel bis etwas auf 50 Rt. nach seyn, wie Moritz zu fodern hätte. da aber eine Summe von 160 Rt. jetzt noch nicht ausgezahlt werden wird, so muß Moritz das noch fehlende aus den andern Sachen nehmen. was dann noch übrig bleibt, können Sie leicht dennken ist unbedeutend, da Lotte die Brückmannen u einige alte Frauen auch paßende Andennken haben müßen. die Selg. Mutter hat es mir so oft geäußert, daß sie nicht haben wolte, daß eine öfentliche Aucktion von ihren Sachen gehalten würde, sie setzte auch einen zu großen Werth in ihre Sachen, die freilich größten Theils alt, aber durch Reinlichkeit sehr gut erhalten sind, als daß sie nicht oft den Wunsch äußerte, daß, vorzüglich wir, sie nach ihren Tode gebrauchen mögten. hätte nun mein guter Mann seine alte Einnahme behalten, so würden wir alles was nach Moritzens Bezahlung übrig bliebe taxiren laßen, u jeden Geschwistern ihren Theil herraus [14] geben, ich würde jedes Stück von diesen kleinen Nachlaß wie ein heiligtuhm aufheben u dazu nutzen, unser Garten Häuschen damit zu möbelieren. nach meiner Meinung würden wir alles gut bezahlen, wenn wir jeden 30 Rt. gegeben hätten. Die Foderung von 160 Rt. würde dann getheilt, so wie es ein kähme. dadurch würde jedes unangenähme verhindert, was ich fürchte, daß wir anders durch die Schwigerin in Göttingen haben werden, was ich Ihnen gleich zeigen werde. um doch so viel wie möglich ist der Mutter ihren Wunsch zu erfüllen, schlage ich nun folgendes vor: Moritz nimt nach Taxato so viel von den besten Sachen, daß seine Foderung bezahlt wird. ich habe jedoch Karl gebeten eine Bergere u die Stühle dazu an sich zu kaufen u damit mein Zimmer zu schmücken. dann werden die Andennkens für oben genannte Persohnen davon genommen. allen kleinen HausRath, nebst der Mutter ihren NachtTisch u einigen andern alten Möbeln, nehmen wir nach Taxato an, bezahlen davon einen jeden Geschwister sein Theil, oder berechnen es für Hanchen, wie das jeder will, das Leibzeug, die Kleidung u die paar andern Stücke Möbeln, die nun noch übrig seyn werden, theilen sich Moritz u Karl; Karl berechnet sich mit Ihnen geliebter Bruder, Moritz mit Friderich u beyde mit Lotchen. die 160 Rt. die doch noch vieleicht nach bezahlt werden, theilen sich auch die Geschwister. die kommen aber vieleicht nie, oder nach Jahren. Lotte erhält das Lohn bis Ostern, so wie auch Kostgeld, bis dahin. wir haben sie ins Haus genommen u geben ihr zu Essen u Trinken, was ihr auch Vortheil ist. Dann bekommt sie das Bette, worauf sie geschlafen hat, u noch einiges paßende von dem Zeuge. solte sie noch etwa 5 Rt. außerdem bekommen, so würde sie gewiß zufrieden seyn. ich mache ihr hir im [15] Hause das Leben so angenähm wie ich nur kann. aber leider habe ich viel Verdruß von meinen neidischen Mädchen darüber gehabt, die doch nichts dadurch verlohr. Daß ich für uns auf keine Weise einen Intreßirten Vorschlag getahn habe, wird Ihnen begreiflich seyn. ich haße auch dergleichen sehr, aber um so mehr schmerzt es mich wenn ich andere so kennen lerne. Die Schwigerinn in Göttingen kann ich nicht frey von diesen Fehler sprechen, u ich fürchte sie stimmt auch ihren Mann darauf. doch giebt selbiger zu, daß Sie die Haubt Stimme hiebey haben, da durch Ihre edele Freygebigkeit gegen die Mutter daß erhalten ist, was noch da ist. wie ernstlich es die Sch. nimt, sehn Sie daraus, daß sie diese Ostern darum kommen will, desfals wünschten wir bald Ihre Antworth. Moritz hatte habe ich obigen Vorschlag noch nicht mitgetheilt. ich hatte ihn aber wegen der andern Persohnen geschrieben, damit ich wußte, was ich dennen vorläufig sagen konnte. zu gleich hatte ich ihn noch folgendes mitgetheilt: die gute Mutter hatte 12 platirte Leuchter, welche sie uns immer jedesmahl lieh wenn wir Gesellschaft hatten. ja sie nahm es übel wenn ich sie mahl nicht geliehen hatte, wobey sie immer äußerte, daß wir sie doch einmahl haben solten. sie hatte dis auch noch im Neujahr wiederholt, solches öfterer auch zur Brückmannen u Lotten gesagt. Dann habe ich Ihnen schon gesagt: daß sie Minnan auf ihre Confermamation ein Geschenk versprochen hatte, was ihr um so mehr Freude machte, da sie noch nie auch nur eine Kleinigkeit von ihr bekommen hatte. ich fragte Moritz darüber um seine Meinung u bat ob er seine Einwilligung dazu geben wolle, daß Minna ein schwarzes Kleid was die Mutter hatte zum Andennken erhielte, was sie bey dieser Gelegenheit so gut nutzen könne. Moritz antwortete [16] mir blos: meinen Vorschlag wergen der Brückmannen, Hanchen, Lotten u den alten Frauen stimmte er mit bey. auch haben sie sich von Göttingen aus sehr genau gezeigt, wie wir ihren Sohn so ganz gegen unsern Willen auf einmahl zugeschickt bekahmen. wir haben ihn doch ¼ Jahr ohne das mindeste vergütet zu bekommen bey uns gehabt, der uns viel Koßten, Last, Sorge u recht viel Verdruß gemacht hat. Karln seine Gutheit kennen Sie ja u ich habe ihn wie meinen Sohn behandelt u doch kann der leichtsinnige Mensch uns den Kummer machen heimlich weg zu laufen. wir mußten zu den Schreck u Kummer den wir darüber hatten, noch gute Miene machen, damit es nur keiner erfuhr, u doch sind wir noch immer in Angst, von Seiten der Prefecktur drum befragt zu werden. aber auch keine Zeihle haben wir uns von der Mutter zu erfreuen, obgleich Karl an sie mahl schrieb um sie doch schonend für ihren Sohn zu stimmen. sie hat ih[m] nicht geantworthet. ja wir erfahren es nicht einmah[l] wo er jetzt ist. diese Geschichte hat auch der guten Selg. Mutter viel Verdruß gemacht, obgleich wir ihr alles so schonend wie möglich sagten u ihr vi[eles] verheimlichten.
Nach den letzten Briefe von Moritz an mich, versteht es sich von selbst, daß wir die Leuchter nicht als ein Anden[nken] für uns besonders nehmen, sondern sie sich Karl berechn[en] wird. u für Minna stehe ich ganz ab. sie soll ein schön[e]res Andennken von der Mutter ihren Haaren haben. ich darf gar nicht fürchten daß ich Ihnen von dem liebsten was Sie auf der Welt hatten zu viel sage. also theil[e] ich Ihnen mein Gefühlvoller Bruder, alles mit, was ich nur weis. schrieftliches hat die gute Mutter nicht hinterlaßen. als einen Aufsatz an ihre Kinder, der [17] schon vor 6 Jahren geschrieben ist, worin sie sich blos entschuldigt u die Ursachen angiebt, daß u warum sie kein Vermögen hinterlaßen hat. übrigens ist alles in der schönsten Ordnung. alle Pappiere sind zusammen gewickelt u oben auf geschrieben, was sie enthalten. dann führte sie auch ein genaues anschreibe buch, worin nicht allein ihre Ausgaben bemerkt waren, sondern auch, wen sie gebeten hatte oder wohin sie gegangen war. bey einigen sind Anmerkungen, von denen ich Ihnen doch einige abschreiben will. nach jeden Punckt kommt ein neues Datum: den 25 May. Hanchen zu Ehren eine kleine Feete. bey Hansens zum freundschaftlichen The, Ernst war da. bey der Ditmern, nur so hingegangen. bey meinen Kindern zum Essen bis den Abend. nach den Huldigungs Lärm bey Sextros gewesen. nach der Blumen ohne The. bey Fr. v. Hinüber sehr gut auf genommen. bey Fr. Pastorin Butjendern gebeten zu hübscher Gesellschaft. bey Fr. Pastorin Eichhorn, hat mir viel paßlichen Besuch zu gebeten. es ist mir Intreßant gewesen dis Buch durchzulesen, u freue mich daß sie in den letzten Jahre recht oft bey uns gewesen ist. auch an ihren letzten Geburts Tage hat sie bey uns gegeßen.
Ich habe Ihnen nun geschrieben was ich nur wußte, aber auf jede Frage die Sie mir tuhn werden, Beantworthe ich Ihnen mit der größten Bereitwilligkeit. daß ich für meinen guten Mann auf das treuste sorgen werde, seyn Sie fest überzeugt. meine Liebe zu [i]hn lehrt mich daß schon, aber wehre ich nicht auch die [18] unglücklichste Frau, wenn ich ihn verliehren solte? seine Gesundheit ist diesen Winter recht gut u ich wende alles was von mir abhängt an, sie ihn auch zu erhalten. Tausend Danck daß Sie ihn jetzt seine Sorge abgenommen haben, auch ich werde daran arbeiten, daß Ih[nen] diese Summe kann bald wieder bezahlt werden, da mich schulden sehr unglücklich machen.
Nun wage ich Ihnen mein gütiger Bruder, noch eine große Bitte zu tuhn. Minna Mahlt jetzt schon recht hübsch in Pastel u wir halten es für Pfli[cht] dis Tallent ihr so viel wir können, ausbilden zu laßen[.] was von Pastel Farben zu haben war, haben wir ihr gekauft, aber zu den schönen großen Stücken geht viel Farbe. hier kann ich kein Stück mehr auftreiben, u sch[o]n fehlen ihr mehrere. in Lausanne soll eine schöne Fabrrick davon seyn, wenn Sie da noch einmahl hing[e]he[n] oder sonst Gelegenheit hätten, hätten Sie wohl nich[t] die Güte mir einen Volständigen Kasten dieser Farben zu bestellen? am liebsten wehre es mir, wenn der Farbickannt sie uns durch eine Meß Gelegenhei[t] schicken könnte, oder bis Braunschweig oder Cassel dahin, von wo ab sie dann mit der Post kommen kön[nen] u er mir dann hier, oder sonst wo eine Haußangabe, wo ich die Bezahlung leißtete. auch wünsch[te] ich sehr, dann seine Adreße zu haben. mir ligt sehr viel an diesen Farben, daß ich mir selbst den Weg der Post gefallen laße. da Minna auch das Tallen[t] hat, zu treffen, so ist es ihr vielleicht mahl von großen Nutzen.
Nun leben Sie herzlich wohl mein theurester Brude[r] dennken Sie mit Liebe an Ihre Sie innigst verehrende
u liebende Schwester Julie.
[1] Hannover d 20t Febr. 1811
Ihr Brief den wir gestern empfingen, hat uns geliebtester Bruder! unaussprechlich erschüttert. ich hatte mir schon hundertmahl vorher den Inhalt Ihres Briefs der kommen würde gesagt, aber es ist doch das nicht, als wenn man die eigenen Worthe eines so edeln u so bekümmerten Herzens ließt –. zehnmahl habe ich Ihren schönen Brief gelesen, aber jedesmahl floßen aufs neue meine Trähnen. Ach! er grief mich um so mehr an, da ich erst eben anfange mich von einer heftigen Krannkheit zu erholen, deren Ursache nicht weit zu suchen ist. die Anstrengungen bey der guten Mutter Krannkheit u Beerdigung, das Nachtwachen u vor allem die Gemüthsbewegungen machten es wohl natürlich daß ich unterlag. ich bin auf der Besserung, welche nur so langsahm geht; auch werde ich oft die Feder niederlegen müßen, da ich das lange aufsitzen noch nicht vertragen kann, aber ich muß meinen Herzen folgen u Ihnen so gleich den wehmütigen Troßt zu geben, alles was Sie wünschen von der Mutter zu sagen, die für uns alle zu früh dahingegangen ist. wenn ich etwas wiederhole, was ich Ihnen schon im vorgen Brief schrieb, daß müßen Sie gütigst verzeihn, da ich mich nicht des Inhalts ganz errinnere.
Schon seit etwa Michaeli merkten wir nach u nach eine Veränderung an der guten Mutter. sie ward samfter u zufriedener, man konnte sie leichter erfreuen, was ich auch bey jeder Gelegenheit zu tuhn sugte; sie ward aber auch magerer u lied öfterer an kleinen Übelen, besonders Schnupfen. sie schonte sich dabey sehr, ging nicht mehr so viel aus, sondern lies mehr Besuch zu sich kommen, wo es ihr immer große Freude machte, wenn sich jemand bey ihr melden lies. auch mogte sie es gern, wenn ich ihr Minna zu weilen schickte, mit der sie sich gern u wie sie selbst sagte [2] gut unterhalten könnte. wie wir diesen Winter so ganz unerwartet August zu uns nehmen mußten, fühlte sie sehr die koßten u die Last die wir dadurch bekahmen u als ich ihr mahl klagte, daß es mich sehr genire wegen Minna, die völlig erwachsen ist, die ich aber gern öfterer zu Haus laße, wenn wir ausgehn wo es sich nicht für sie paßt, u doch hielt ich es für unschicklich, wenn sie mit August allein blieb, so wählte sie selbst Minna daß die dann jedes mahl zu ihr kommen mögte. auch versprag sie ihr, auf ihre Confermation die diese Ostern ist ein Geschenk zu machen u ihr ein paar Strümpfe zu stricken. den Neujahrstag ist Karls Geburtstag. wir hatten dis mahl unsere Pattenser Freunde gebeten, bey denen wir die Weihnachtstage so vergnügt hingebracht hatten u noch einige, es versteht sich von selbst die Mutter zuerst sie wolte aber nicht kommen, weil ihr das späte Essen schon lange nicht gut bekahm, sie machte es uns vorzüglich aber Minnan zur Pflicht, daß wir es jeden in der Gesellschaft sagen solten, daß sie deshalb nicht gekommen wehre. ich brachte ihr von allen Backwerk den morgen was ich selbst gemacht hatte u worüber sie sich freuete, ich mußte ihr zugleich alles erzählen womit ich den Abend tracktirte u wo ich ihr von allen zu schicken versprag. ich ward sehr gerühret als sie mir ihre Anstalten zeigte, womit sie den Tag feiern wolte. sie hatte 8 Freundinnen gebeten, 2 Boutellien Bischhof gemacht u eine große Schüßel Confeckt holen laßen, was sonst gar ihre Art nicht war. Die Damen hatten so lange Essen u trinken müßen, wie was da gewesen war. von dem was ich ihr schickte, hatte sie den andern Abemd der Pastorin Butjentern u Mamsell Brückmann (die ich noch öfterer erwähnen werde) eine kleine Abendmahlzeit vorgesetzt. noch muß ich Ihnen sagen, daß ich sie bat als ich den morgen [3] bey ihr war, mir einen großen The Topf zu leihn. sie schickte ihn mir eine Stunde nachher nebst einen Milch Topf u schrieb mir: daß sie mir beydes zum Geschenk mache. die Töpfe sind alt u ganz ordinär, aber ich miste sie für keinen Preis. ich habe auch noch das Billiet. am 16t Jan. besugte sie die Past. Butjentern welche nicht weit von ihr wohnte. Der Wind reißt während sie da ist ein Fenster auf, worüber sich beyde sehr erschrecken u den Luftzug gleich übel empfinden. Doch ist sie den 17t noch wohl. Karl hatte sie Mittag sehr munter gefunden, sie hatte sich gefreuet, daß sich einige bey ihr hatten melden laßen. auch den Abend ist sie anfangs noch recht munter. auf einmal bekommt sie etwa um 8 Uhr einem sehr heftigen Frost, so daß ihre Geselschaft weg geht, weil sie zu Bette wünscht. Dis hätte uns müßen gleich gemeldet werden, aber Lotte, das Mädchen, hat gar kein arg daraus gehabt. Lotte bleibt doch aber die Nacht auf, wo sie sehr unruhig ist. den andern morgen, will Lotte den Arzt holen, die Mutter will es nicht, u steht auf, läßt sich ankleiden, u Lotte soll Gesellschaft bitten. sie muß sich aber nach einer halben Stunde wieder niederlegen. um wird der Arzt geholt, der gleich von ihr zu uns kahm u sagte sie wehre sehr krannk, ich solte für eine starke Warts Frau sorgen, da sie oft würde gehoben werden müßen. ich flog gleich zu ihr, wo ich auch die Brückmann bey ihr fand. Das Ansehn der guten Mutter war sehr verändert, dabey kannte sie jeden, war aber mit ihren Geist immer abwesend. sie fing immer etwas an zu reden, vollendete aber nichts, sie grif immer nach etwas in der Luft, hußtete u war sehr gleichgültig gegen alles was um ihr vorging. sie nahm alle Arzeney wenn ich sie ihr reichte, der Brückmannen u Lotten ver[4]weigerte sie sie, von wo an ich sie ihr auch immer selbst gegeben habe. Verlangen tath sie den Tag nach nichts, als nach bittern Bier. das untersagte Hansen u erlaubt nur, daß ich ihr, wenn das Verlangen zu groß war, i[hr] etwas gekochtes mit Zucker versüßtes gab. sie äußerte öfterer: daß sie sich wundere, daß ich den ganzen Tag da sey, da sie gar so krannk nicht sey. ich sagte ihr daß ich sie auch bey einer kleinen Unpäslichkeit nicht verlaßen würde u mir ihre Pflege nicht nehmen ließe, worauf sie antwortete: nun daß ist recht hübsch, ich bin auch mit allen zufrieden, wie sie es machen. den Abend mußte ich ihr unter die Füße SempfPflasters legen, was sie auch geduldig zu gab. der Arzt hatte mir versichert, daß für die Nacht durchaus keine Gefahr sey, er es auch wünschte daß ich da schliefe, weil schlimmere Nächte kommen würden, wo ich nöteg[e]r sey. Lotte, eine gute WartsFrau u M. Brückmann blieben bey ihr. bis gegen 10 Uhr war ich da, wo ich sie ruhig verlies. Die Nacht war auch ganz gut gewesen, sie hatte mitunter geschlafen. Den Sontag morgen um 8 Uhr ging ich wieder hin. ich fand ihr Ansehn besser, sie war heiter, fragte nach allen was gestern mit ihr vorgenommen sey? lobte alle[s] was ich getahn hatte, versicherte, sie wehre gar nicht krannk. sie erfuhr daß die Butjendern mit ihr zugleich krannk geworden sey, die verlangte sie nehmlich zu sehn. Das machte sie unruhig u bat mich für die zu sorgen, was ich ihr auch versprag u hielt. sie freute sich, daß ich auch für die Brückmannen sorgte, die viel da war; wir hatten einige Tage zu vor geschlachtet, sie fragte nach allen, wie e[s] ausgefallen wehre? empfahl mir die Würste die ich [5] ihr geschickt hatte, in den Rauch zu hängen. sie freuete sich auf unsere Sülze u Schinken, wovon ich ihr versprag. auch lies sie sich öfterer wiederholen, was ich ihr für Krannken Essen machen wolte, wenn sie besser sey. Der Arzt fand aber den Puls troz ihrer Heiterkeit nichts besser u verbot jemand fremdes zu ihr zu laßen. Fr. v. Hinnüber ihre liebste Freundin u eine sehr gute Frau, kahm den morgen sie zu besuchen. sie hörte daß die da war u wünschte sie zu sehn. da hätte ich es für grausahm gehalten, wenn ich die nicht zu ihr geführt hätte. mit der sprag sie noch einiges unbedeutendes, u keine kleine äußerung, als ob sie glaubte sie nicht wieder zu sehn. zu Hanchen, der kleinen Waise, sagte sie den morgen, als die auch kahm: bete für mich daß ich bald wieder besser werde, ich muß auch noch um deinent willen leben. ich mußte ihr 3 Spanische Fliegen legen u die Sempf Plaster erneuern. nichts zog, was sehr meinen Muth benahm. leiden tath sie aber auch an den Tage nicht viel. den Abend nahm das Fieber zu. sie wolte es erst gar nicht zugeben, daß ich die Nacht da blieb, doch freuete sie sich, daß ich darauf bestand u bat mich, im neben zimmer mir ein Bette zu machen u mich da nider zu legen. sie fing gegen Abend an sehr viel zu sprechen u unaufhörlich nach der Butjendern zu fragen. einmahl sagte sie: ich habe es Lotchen geschrieben daß ich Krannk bin, die kann es Wilhelm schreiben u Sie auch. denn bedauerte sie oft Moritz daß er so viel Kummer an August erlebe, wovon sie alle Schuld der Frau gab. Daß sie die nicht liebte, äußerte sie öfterer – sie hatte auch darin nicht unrecht –. dann sprag sie viel von [6] Bialoblotzkys, lobte die Kinder Erziehung u freute sich daß die alte Superdendentin Ballhorn, ihre Mutter diese Ostern zu ihnen zöge. gegen Mitternacht ward sie sehr unruhig. 50 mahl haben wir sie wenigstens aus u wieder ins Bette gebracht, was sehr schwehr war, da ihr Kräfte sie ganz verließen. Die Wartsfrau Lotte u ich haben die Nacht keinen Augenblick Ruhe gehabt. ich hatte alle möglichen Tisanen u Gelees gekocht womit ich sie abwechselend erfrischte aber von 4 Uhr an die Nacht mogte sie nichts von allen den mehr. da ward sie ruhiger, daß sie nicht immer aus den Bette wolte, aber das Fieber stieg fürchterlich. sie war so roth wie ich nie das Jüngste Mädchen gesehn habe, 130 Pulsschläge in einer Minute, die Augen weit herraus, der Mund offen u schwarz vor hitze, das Röcheln hörte man auf der Treppe. u doch fragte sie: habe ich wohl Fieber? muß ich morgen auch wohl im Bette bleiben? ihr Verlangen nach Wein stieg mit jeden Augenblick ich kann Ihnen diese Angst der Nacht nicht beschreiben. um 6 Uhr schrieb ich alles an Hansen u bat flehentlich doch Wein zu erlauben. er erlaubte alten Rein Wein den ich ihr immer selbst reichte u ihr die größte Labung war. der alte Hansen kahm bald selbst u fand alle Hoffnung dahin. um 1 Uhr verlangte sie nach Karl, der alle die Tage recht oft kahm, ich lies ihn gleich holen, sie freuete sich über sein kommen, sagte aber nichts besondres. die Unruhe der [7] Nacht machte daß sie übel im Bette lag, jedoch ohne es zu empfinden. wir brachten sie also noch einmahl mit unsäglicher Mühe herraus u machten ihr das Bette noch ein mahl recht schön, sie lag von da an ganz Bequähm. die Sprache fing um 10 Uhr älmähllig an undeutlich zu werden. um 11 Uhr kahm Ernst von Langenhagen den erkannte sie, auch die Frau, u lächelte ihnen noch einmahl zu. im neben Zimmer war der Pastor Münichmeyer der sich nach ihr erkundigen wolte, auch den erkannte sie an der Stimme. um 12 Uhr fragte sie wieder nach der Butjendern wo ich sie fragte: ob sie es wünsche daß ich mich dieser Frau annähme, wenn sie es nicht könnte. sie nickte mir darauf freundlich u streichelte meine Backen. ich versprach ihr darauf alles für die Frau zu tuhn was ich nur könnte. von da an konnte sie gar nicht mehr sprechen. ich blieb beständig zum Füßen ihres Bettes sitzen u benetzte ihre heiße, verbrante Zunge immer mit Wein, was der sie gern nahm. etwa um 3 stand Hanchen bey mir. ich hatte das Kind gebeten nicht zu weinen, um sie nicht unruhig zu machen. auf ein mahl sah mich die Mutter starr an, dann auf Hanchen, sie schin mir unruhig, ich fragte: wünschten Sie mir etwas zu sagen? worauf sie nickte. ich suchte meiner Stimme stärke zu geben, u sagte: wenn Sie gehindert werden für Hanchen zu sorgen daß die noch recht viel lernt, so will ich für dis gute Kind sorgen, daß Ihr angefan[8]genes Werk nicht unvollendet bleibt. ich nahm Hanchen in meine Arme, daß sie es sehn konnte, u entfernte das Kind, die sich nicht mehr halten konnte. Drauf nickte mir die Mutter noch einmal freundlich zu u ich küßte ihr nicht ohne Trähnen die Hände. von da an war sie durchaus ruhig. gegen 5 uhr brachen ihr die Augen. ein Lärm auf der Straße erschreckte sie auch nicht mehr. das Schlucken hörte auch auf. Hansen der da noch einmahl kam, fand noch 126 Pulsschläge, u sagte: es könne noch bis zum morgen dauren, ehe sie ausgelitten habe. so wie ich die Abnahme aller Sinne in den letzten Stunden beobachtet hatte, glaubte ich das nun nicht, doch machte mir Hansens äußerung es leichter Karl zu bereden, zu Münichmeyer, ein Freund von uns, zu gehn. ich schickte heimlich zu den, u lies ihn bitten, Karln nicht weg zu laßen, bis ich schickte. ich wolte nicht daß Karl in den letzten Augenblicken da seyn solte. er hatte noch nie einen sterben sehn – u die Mutter sollte die erste seyn –. ich war doch auch den lebenden Schonung schuldig. schon um ¾ auf 7 Uhr entfloh ihr Geißt so samft, so ruhig, wie Sie es sich nur dennken können war ihr Ende. ich habe sie bis in den letzten Augenblick nicht verlaßen u ihr auch die Augen zugedrückt[.] [9] O! mein geliebter Bruder! ich habe Sie wohl tief erschüttert? aber Sie wolten es selbst. ach! u ich kann Ihnen auch sagen, daß ich Gott an diesen Sterbe Bette gebeten habe, mir auch einmahl ein solches Ende zu schenken u ihn gedannkt habe daß er meinen Körper u meiner Seele die Kraft gab meine Pflicht treu bey unserer geliebten Mutter zu erfüllen, auch habe ich die Überzeugung, daß sie mich gern um sich gehabt hat u ich ihr nützlich gewesen bin. auch meine Minna ist den letzten morgen noch da gewesen. auch sie soll sich gewöhnen bey solchen ernsten Auftritten standhaft und doch mit Gefühl sich nützlich machen zu können. wie ich mich etwas gefaßt hatte ging ich zu meinen troßtlosen Karl, ich sage Ihnen nichts von seinen schmerz –. wie er etwas ruhiger geworden war, kahm ihn der Gedannke, ob es auch wohl nur ein schen Todt wehr! Münichmeyer ging zu hansen, um den zu fragen, ob es eine möglichkeit sey, daß der eintreten könnte. seine antworth war verneinend, doch ward Karl nicht ruhig, ich ging also von Münichmeyer begleitet den Abend spät noch einmahl hin. sah ihre ungestörte ruhige Lage im Bette, fühlte ihr an den Puls u hielt ihr lange einen reinen Spiegel vor, u so gab ich mein armen Mann auch diese Ruhe, aber ich gestehe dieser Weg war mir nicht leicht –.
da ich gar nichts schriftliches über ihr Leichenbegängniß vorfand, richtete ich alles so ein, wie sie mir öfterer im Leben äußerte, daß sie es gern hätte. ein schönes eichenes Sarg mit schönen [10] Beschlag. der wird jetzt hier öfterer nur geliehen, um die Koßten zu erspahren, dagegen hatte sie sich aber öfterer erklährt, mir auch öfterer geäußert, daß sie gern mögte wenn bey so einer Gelegenheit alles reichlich Bezahlt würde, daß ist auch geschehn ohne jedoch zu verschwenden. ich hatte sie anständig u hübsch ankleiden laßen, ein Lacken worauf sie im Sarge zu liegen wünschte, hatte sie sich selbst genähet, ich habe sie so lange sie über der Erde stand, täglich gesehn, aber schon sehr früh traten die Spuhren der Verwesung bey ihr ein. den Abend vor ihrer Beerdigung stand der auf die Diehle, auf demselben 4 große Silberne Leuchter mit Wachs Lichtern, drumherum 8 Geridons mit Silber Leucher u Lichtern. zum Schmuck dieser 12 Lichter hatte ich LichtManschetten geschnitten, so wie die Mutter so so gern mogte, u deren ich ihr manches Dutzend geschnitten hatte, wenn sie Geselschaft hatte. am morgen branten diese Lichter wieder. 12 Träger, Bürger der Neustadt, trugen den Sarg in den Wagen, 4 Kutschen folgten, in den denselben: mein Mann, der Hofmedecus Hansen, der Consistorial Rath Holscher, Pastor Münichmeyer u Pastor Sievers, ein Kammer Registrator Friderici, den sie oft besugte, ihr Nachbahr der Kaufmann Hätzel u ihr Wirth. im letzten Wagen Minna u Hanchen. ich hatte jeden ein Körbchen der schönsten Blumen gegeben, welche sie Kniend auf das Grab gepflanzt haben, auch habe ich mit einigen sehr schönen Blumen ihre Leiche geschmückt. sie ist dicht neben den Seligen Vater gekommen, in ein Erbbegräbniß [11] worin schon 2 Brüder von Ihnen, Adolf u Heinrich liegen, u es ist mir ein Troßt, zu wißen daß ich da auch einmahl hinnein komme. Karl u ich haben schon öfterer diesen Ort besuchen, u werden es gewiß an den ersten heitern Frühlings Tage wieder tuhn, es liegt ein großer schöner Stein auf den Gräbern, worauf des Vaters Nahme steht. Karl wolte der Mutter ihren auch drauf hauen laßen. vieleicht ändert dis Ihren Entschluß, wegen des Dennkmahls. es würde auch Kostbahr kommen, da allein die Erlaubniß dazu 40 Rt. koßtet. noch habe ich vergeßen zu sagen, daß auch Lotte den Toten Wagen voranging. Den Mittag hatten wir die arme Mamsell Brückmann zu uns gebeten, die recht viel an der guten Mutter verliehrt. es ist eine alte kümmerliche Persohn die um vieles Betrogen ist, ihre kleine Pension jetzt nicht orndlich ausgezahlt bekommt; von der Mutter bekahm sie jährlich 10 Rt. u war die Woche gewiß 4–5 mahl des Abends bey ihr, was ihr eine große Hülfe war, da sie dadurch Licht, Feurung u das AbendEssen erspahrte. wir werden an ihr thun was wir können, u ich habe es ihr auch schon versprochen, wenn sie Krannk wird, mich ihrer aufs treulichste anzunehmen. sie hat gar keine Verwante oder nahe Freunde, auch hat sie manches unangenähme was manchen von ihr zurück schreckt, mich solls aber um der selg. Mutter willen nicht zurück schrecken. sie ist bisher fast täglich gekommen u weint sich bey mir aus. noch mehr ligt mir am Herzen die alte Pastorin Butjenderen. Diese Frau hatte die Mutter noch lieber u unterstüzte sie noch mehr. auch ihr gab sie zur Miethe. sie ist von Charackter sehr gut. ihr Mann war in Londen HofPrediger sie hat in mehreren Jahren ihre gute Pension nicht ausge[12]zahlt bekommen, wodurch sie in wahre Noth versetzt ist. sie hat gar keine Verwante oder sonst jemand der sich ihrer annimt. i[ch] sehe die also als ein Vermächtniß der Mutter an, das mir heilig ist. sie ward mit der Mutter zugleich sehr krannk geworden, so daß ich an ihren aufkommen zweifelte. obsie gleich die weißen Frieseln dazu bekahm die für anstekend gehalten werden, bin ich doch täglich zu ihr gegangen, um ihr Pflege zu geben so gut ich konnte. bey den großen Verlusten die mein Karl erleidet, würde es un[s] ohn möglich seyn, die Kosten für sie allein zu tragen, ich habe einigen, wo ich es tuhn durfte, ihre Noth geklagt, u bin so glücklich gewesen bis jetzt 36 Rt. für sie zusammen zu kriegen, die ich aufs gewißen-hafteste für sie verwenden werde. wie mehrere Menschen mir keine Fehlbitte tuhn ließen, konnte ich mich gar des Gedennkes nicht erwehren, das es der guten Mutter ihr seliges Geschäft jetzt sey, diese Herzen so wohltähtig zu lenken –. auch an Wein u anderen Erfrischungen bekomme ich öfterer für sie geschickt u was unsere Küche vermag, schicke ich ihr täglich. das Geld wird für andere Bedürfniße nötig seyn, den noch liegt sie recht Krannk u ich fürchte daß es eine Auszehrung wird. wegen meiner eigenen Krannkheit, habe ich sie 14 Tage nicht sehn können, doch habe ich ihr Minna öfterer geschickt, heute will ich mich zu ihr tragen laße[n] um mich zu überzeugen, daß es ihr an nichts fehlt. ich hab[e] dieser armen Frau auch ihren großen Verlust erst nach u nach sagen können, nachdem die gute Mutter schon 14 Tage ausgelitten hatte. da ich schwarz gekleidet war, sagte ich ihr, ich hätte einen Onkel verlohren.
Vor allen darf aber Hanchen nicht verlaßen werden. es ist ein gutes, tallentvolles Kind, daß einmahl gut geleitet, ein sehr brauchbares Mädchen werden kann. da sie einen zarten Körper hat, würde sie einmahl mehr zu feineren Geschäften Paßen. nach meinen Plahn den ich entworfen habe, soll sie recht gut Nähn lernen, u dann will ich mir alle Mühe geben sie in ein g[utes][13] Haus zu bringen. da sie liebe u zutrauen zu mir hat, werde ich mir beydes zu erhalten suchen. zu den Koßten für sie, will Lotchen u Moritz auch mit beytragen.
Über den Nachlaß der Selg. Mutter muß ich Ihnen nun auch noch weitläuftig Nachricht geben. ist es Ihnen möglich, mein lieber bester Bruder! so geben Sie uns gleich nach Empfang dieses Briefs Nachricht, was Ihre Meinung darüber ist. bis dahin wird nichts geschehn. Sie wißen daß die Selg. Tannte in Ohsen Moritz ein Cappital von 550 Rt. vermacht hatte, welches die Mutter aus dem Nachlas des Vaters übernommen hatte. Moritz ist dagen 150 Rt. der Mutter schuldig, so daß er noch 400 Rt. zu fodern hat. 210 Rt. ist baar vorrätig davon müßen die Beerdigungs u Krannkheits Kosten genommen werden, welches etwa 100 Rt. betragen werden. Die Miethe, Lohn u Kost Geld für Lotten, u die Rechnungen die sich zu bezahlen finden, weden etwas über hundert Rt. betragen. was nun noch die Sehlg Mutter zu fodern hätte, würde so viel bis etwas auf 50 Rt. nach seyn, wie Moritz zu fodern hätte. da aber eine Summe von 160 Rt. jetzt noch nicht ausgezahlt werden wird, so muß Moritz das noch fehlende aus den andern Sachen nehmen. was dann noch übrig bleibt, können Sie leicht dennken ist unbedeutend, da Lotte die Brückmannen u einige alte Frauen auch paßende Andennken haben müßen. die Selg. Mutter hat es mir so oft geäußert, daß sie nicht haben wolte, daß eine öfentliche Aucktion von ihren Sachen gehalten würde, sie setzte auch einen zu großen Werth in ihre Sachen, die freilich größten Theils alt, aber durch Reinlichkeit sehr gut erhalten sind, als daß sie nicht oft den Wunsch äußerte, daß, vorzüglich wir, sie nach ihren Tode gebrauchen mögten. hätte nun mein guter Mann seine alte Einnahme behalten, so würden wir alles was nach Moritzens Bezahlung übrig bliebe taxiren laßen, u jeden Geschwistern ihren Theil herraus [14] geben, ich würde jedes Stück von diesen kleinen Nachlaß wie ein heiligtuhm aufheben u dazu nutzen, unser Garten Häuschen damit zu möbelieren. nach meiner Meinung würden wir alles gut bezahlen, wenn wir jeden 30 Rt. gegeben hätten. Die Foderung von 160 Rt. würde dann getheilt, so wie es ein kähme. dadurch würde jedes unangenähme verhindert, was ich fürchte, daß wir anders durch die Schwigerin in Göttingen haben werden, was ich Ihnen gleich zeigen werde. um doch so viel wie möglich ist der Mutter ihren Wunsch zu erfüllen, schlage ich nun folgendes vor: Moritz nimt nach Taxato so viel von den besten Sachen, daß seine Foderung bezahlt wird. ich habe jedoch Karl gebeten eine Bergere u die Stühle dazu an sich zu kaufen u damit mein Zimmer zu schmücken. dann werden die Andennkens für oben genannte Persohnen davon genommen. allen kleinen HausRath, nebst der Mutter ihren NachtTisch u einigen andern alten Möbeln, nehmen wir nach Taxato an, bezahlen davon einen jeden Geschwister sein Theil, oder berechnen es für Hanchen, wie das jeder will, das Leibzeug, die Kleidung u die paar andern Stücke Möbeln, die nun noch übrig seyn werden, theilen sich Moritz u Karl; Karl berechnet sich mit Ihnen geliebter Bruder, Moritz mit Friderich u beyde mit Lotchen. die 160 Rt. die doch noch vieleicht nach bezahlt werden, theilen sich auch die Geschwister. die kommen aber vieleicht nie, oder nach Jahren. Lotte erhält das Lohn bis Ostern, so wie auch Kostgeld, bis dahin. wir haben sie ins Haus genommen u geben ihr zu Essen u Trinken, was ihr auch Vortheil ist. Dann bekommt sie das Bette, worauf sie geschlafen hat, u noch einiges paßende von dem Zeuge. solte sie noch etwa 5 Rt. außerdem bekommen, so würde sie gewiß zufrieden seyn. ich mache ihr hir im [15] Hause das Leben so angenähm wie ich nur kann. aber leider habe ich viel Verdruß von meinen neidischen Mädchen darüber gehabt, die doch nichts dadurch verlohr. Daß ich für uns auf keine Weise einen Intreßirten Vorschlag getahn habe, wird Ihnen begreiflich seyn. ich haße auch dergleichen sehr, aber um so mehr schmerzt es mich wenn ich andere so kennen lerne. Die Schwigerinn in Göttingen kann ich nicht frey von diesen Fehler sprechen, u ich fürchte sie stimmt auch ihren Mann darauf. doch giebt selbiger zu, daß Sie die Haubt Stimme hiebey haben, da durch Ihre edele Freygebigkeit gegen die Mutter daß erhalten ist, was noch da ist. wie ernstlich es die Sch. nimt, sehn Sie daraus, daß sie diese Ostern darum kommen will, desfals wünschten wir bald Ihre Antworth. Moritz hatte habe ich obigen Vorschlag noch nicht mitgetheilt. ich hatte ihn aber wegen der andern Persohnen geschrieben, damit ich wußte, was ich dennen vorläufig sagen konnte. zu gleich hatte ich ihn noch folgendes mitgetheilt: die gute Mutter hatte 12 platirte Leuchter, welche sie uns immer jedesmahl lieh wenn wir Gesellschaft hatten. ja sie nahm es übel wenn ich sie mahl nicht geliehen hatte, wobey sie immer äußerte, daß wir sie doch einmahl haben solten. sie hatte dis auch noch im Neujahr wiederholt, solches öfterer auch zur Brückmannen u Lotten gesagt. Dann habe ich Ihnen schon gesagt: daß sie Minnan auf ihre Confermamation ein Geschenk versprochen hatte, was ihr um so mehr Freude machte, da sie noch nie auch nur eine Kleinigkeit von ihr bekommen hatte. ich fragte Moritz darüber um seine Meinung u bat ob er seine Einwilligung dazu geben wolle, daß Minna ein schwarzes Kleid was die Mutter hatte zum Andennken erhielte, was sie bey dieser Gelegenheit so gut nutzen könne. Moritz antwortete [16] mir blos: meinen Vorschlag wergen der Brückmannen, Hanchen, Lotten u den alten Frauen stimmte er mit bey. auch haben sie sich von Göttingen aus sehr genau gezeigt, wie wir ihren Sohn so ganz gegen unsern Willen auf einmahl zugeschickt bekahmen. wir haben ihn doch ¼ Jahr ohne das mindeste vergütet zu bekommen bey uns gehabt, der uns viel Koßten, Last, Sorge u recht viel Verdruß gemacht hat. Karln seine Gutheit kennen Sie ja u ich habe ihn wie meinen Sohn behandelt u doch kann der leichtsinnige Mensch uns den Kummer machen heimlich weg zu laufen. wir mußten zu den Schreck u Kummer den wir darüber hatten, noch gute Miene machen, damit es nur keiner erfuhr, u doch sind wir noch immer in Angst, von Seiten der Prefecktur drum befragt zu werden. aber auch keine Zeihle haben wir uns von der Mutter zu erfreuen, obgleich Karl an sie mahl schrieb um sie doch schonend für ihren Sohn zu stimmen. sie hat ih[m] nicht geantworthet. ja wir erfahren es nicht einmah[l] wo er jetzt ist. diese Geschichte hat auch der guten Selg. Mutter viel Verdruß gemacht, obgleich wir ihr alles so schonend wie möglich sagten u ihr vi[eles] verheimlichten.
Nach den letzten Briefe von Moritz an mich, versteht es sich von selbst, daß wir die Leuchter nicht als ein Anden[nken] für uns besonders nehmen, sondern sie sich Karl berechn[en] wird. u für Minna stehe ich ganz ab. sie soll ein schön[e]res Andennken von der Mutter ihren Haaren haben. ich darf gar nicht fürchten daß ich Ihnen von dem liebsten was Sie auf der Welt hatten zu viel sage. also theil[e] ich Ihnen mein Gefühlvoller Bruder, alles mit, was ich nur weis. schrieftliches hat die gute Mutter nicht hinterlaßen. als einen Aufsatz an ihre Kinder, der [17] schon vor 6 Jahren geschrieben ist, worin sie sich blos entschuldigt u die Ursachen angiebt, daß u warum sie kein Vermögen hinterlaßen hat. übrigens ist alles in der schönsten Ordnung. alle Pappiere sind zusammen gewickelt u oben auf geschrieben, was sie enthalten. dann führte sie auch ein genaues anschreibe buch, worin nicht allein ihre Ausgaben bemerkt waren, sondern auch, wen sie gebeten hatte oder wohin sie gegangen war. bey einigen sind Anmerkungen, von denen ich Ihnen doch einige abschreiben will. nach jeden Punckt kommt ein neues Datum: den 25 May. Hanchen zu Ehren eine kleine Feete. bey Hansens zum freundschaftlichen The, Ernst war da. bey der Ditmern, nur so hingegangen. bey meinen Kindern zum Essen bis den Abend. nach den Huldigungs Lärm bey Sextros gewesen. nach der Blumen ohne The. bey Fr. v. Hinüber sehr gut auf genommen. bey Fr. Pastorin Butjendern gebeten zu hübscher Gesellschaft. bey Fr. Pastorin Eichhorn, hat mir viel paßlichen Besuch zu gebeten. es ist mir Intreßant gewesen dis Buch durchzulesen, u freue mich daß sie in den letzten Jahre recht oft bey uns gewesen ist. auch an ihren letzten Geburts Tage hat sie bey uns gegeßen.
Ich habe Ihnen nun geschrieben was ich nur wußte, aber auf jede Frage die Sie mir tuhn werden, Beantworthe ich Ihnen mit der größten Bereitwilligkeit. daß ich für meinen guten Mann auf das treuste sorgen werde, seyn Sie fest überzeugt. meine Liebe zu [i]hn lehrt mich daß schon, aber wehre ich nicht auch die [18] unglücklichste Frau, wenn ich ihn verliehren solte? seine Gesundheit ist diesen Winter recht gut u ich wende alles was von mir abhängt an, sie ihn auch zu erhalten. Tausend Danck daß Sie ihn jetzt seine Sorge abgenommen haben, auch ich werde daran arbeiten, daß Ih[nen] diese Summe kann bald wieder bezahlt werden, da mich schulden sehr unglücklich machen.
Nun wage ich Ihnen mein gütiger Bruder, noch eine große Bitte zu tuhn. Minna Mahlt jetzt schon recht hübsch in Pastel u wir halten es für Pfli[cht] dis Tallent ihr so viel wir können, ausbilden zu laßen[.] was von Pastel Farben zu haben war, haben wir ihr gekauft, aber zu den schönen großen Stücken geht viel Farbe. hier kann ich kein Stück mehr auftreiben, u sch[o]n fehlen ihr mehrere. in Lausanne soll eine schöne Fabrrick davon seyn, wenn Sie da noch einmahl hing[e]he[n] oder sonst Gelegenheit hätten, hätten Sie wohl nich[t] die Güte mir einen Volständigen Kasten dieser Farben zu bestellen? am liebsten wehre es mir, wenn der Farbickannt sie uns durch eine Meß Gelegenhei[t] schicken könnte, oder bis Braunschweig oder Cassel dahin, von wo ab sie dann mit der Post kommen kön[nen] u er mir dann hier, oder sonst wo eine Haußangabe, wo ich die Bezahlung leißtete. auch wünsch[te] ich sehr, dann seine Adreße zu haben. mir ligt sehr viel an diesen Farben, daß ich mir selbst den Weg der Post gefallen laße. da Minna auch das Tallen[t] hat, zu treffen, so ist es ihr vielleicht mahl von großen Nutzen.
Nun leben Sie herzlich wohl mein theurester Brude[r] dennken Sie mit Liebe an Ihre Sie innigst verehrende
u liebende Schwester Julie.
· Beiliegender Brief von/an A.W. Schlegel , [20. Februar 1811]
· Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
· Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.23,Nr.85
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Notizen

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