• Henriette Ernst to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Hannover · Place of Destination: Amsterdam · Date: 05.04.1792
Edition Status: Newly transcribed and labelled; single collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Henriette Ernst
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Hannover
  • Place of Destination: Amsterdam
  • Date: 05.04.1792
  • Notations: Absende- und Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-33449
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.7,Nr.57
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl., hs. m. U
  • Format: 23,3 x 19,1 cm
  • Incipit: „[1] 1792 den 5ten April
    Liebster Bruder,
    Also äußerst wahrscheinlich ist es nun bestimmt, daß du in Holland bleibst! Ob ich gleich [...]“
  • Editors: Bamberg, Claudia
[1] 1792 den 5ten April
Liebster Bruder,
Also äußerst wahrscheinlich ist es nun bestimmt, daß du in Holland bleibst! Ob ich gleich es vorher ziemlich gewiß glaubte, so erregte die Bestätigung, in deinem letzten Briefe doch wieder eine Empfindung als wenn ich nun von neuen, von dir getrennt wäre! 6 Jahre ist eine lange zeit, und doch jedes einzelne Jahr so geschwind davon verlebt! – Im ganzen genommen so wie die Lage der Sachen einmahl ist, muß es einen doch lieb seyn, daß du dort bleibst, du hättest fürs erste hier doch keine Aussichten gehabt! unendlich viel werth ist mir aber die Hofnung, dich über Jahr, wenigstens, einmahl hier zu haben; wennʼs denn auch nur wenige Wochen seyn können, so wollen wir sie doch recht genießen.
Ich komme heute von einem Besuch, der mich eben nicht scherzen schreiben aufgelegt gemacht hat; von der Klockenbringken; es hat für mich etwas wiedriges eine Frau zu sehen und sprechen zu hören, deren Eitelkeit ihr beinahe alle übrige Empfindungen raubt! – denn itzt findet sie in dem Unglük was ihren Mann betroffen eine sehr reiche Quelle sich zu loben und hervorzustreichen; aber sie verfehlt dadurch ihren Endzweck ganz – und dies wirft so gar auch auf das Gute was ihr niemand streitig machen kann einen Schatten, anstat es zu releviren! Mit ihm ist es noch immer eben daßelbe, er weiß daß er Toll ist, freut sich darüber, weil er glaubt [2] daß gehöre dazu um hier in diesem Leben schon verklärt zu werden, in welchem Zustande er itzt wäre! Ich mag nicht gerne viel davon hören und heute habe ich auf lange Zeit genug davon.
Ich muß dir auch noch ein Projekt von Charlotten mitheilen, welches wahrscheinlich ausgeführt werden wird, und welches unmittelbaren Einfluß auf unsere häußliche Einrichtung hat, da wir dadurch einen Hausgenoßen mehr bekommen; Ernst hat noch einen jüngeren Bruder, der Theologie studiert hat; in Sachsen ist es itzt mit dem Predigerbestellungen eine ganz eigene Bewandniß, da der Präsident alle Stellen ganz eigenmächtig besetzt, sich aber gar nicht darauf einläßt, die Leute zu prüfen, es ist also nur immer bloßer Glücksfall ob ein Candidat befördert wird und wie er befördert wird; gewöhnlich geschieht es nach der ançienität, und da es eine große Menge alter Candidaten giebt so haben die jüngeren Zeit zu warten, sie mögen auch noch so geschickt seyn. So bald mein Vater erster Consistorialrath worden, hat also meine Schwester die Anlage, daß mein Vater mal für seine Beförderung hier im Lande sorgen sollte; itzt ist es in den Verhandlungen so weit gediehen daß er am Ende des Mays her kommen wird, und sich bey uns aufhalten, er soll fürs erste, wenn seine Sprache nicht etwas gar zu auffallend abschreckendes für hiesige Ohren hat, meinem Vater viel Predigten abnehmen, und ü[3]berhaupt, wird er suchen ihm manche Erleichterung zu verschaffen Ein angenehmer Gesellschafter hoffe ich wird es für dem Vater seyn, da er denn doch auch ein Wörtchen über theologische Materien mit ihm sprechen kann. Wenn es glückt (das haupt Hinderniß wird immer seine Sprache seyn) so wird es meinen Eltern sehr angenehm seyn, zumahl da wir immer doch noch den Wunsch haben Fritzen eben plaçirt zu sehen, und Ernsts also alles was an ihrem Bruder geschieht, Fritzen erwiedern können. Itzt ist Fritz schon in Dresden, mit Berger und Witzendorf ist er hingereißt. Kind will ihn bey seinem jetzigen Besuche auf dem Zahn fühlen, wie es mit seinem juristischen Kenntnißen steht, und da wird viel darauf ankommen wie er da besteht. Lottchen ist diesen Winter immer recht wohl gewesen, aber ihre letzten Briefe die handeln auch von nichts als ihrem Schwager, da ihr das Ding sehr am Herzen liegt. Er hat ein paar Briefe geschrieben einen an Vater und einen an Lottchen die sehr gut geschrieben waren; darin übertrift er seinen Bruder; viel Empfindung zeigt sich darin, aber sehr natürlich ausgedrückt. Wenn er erst da ist will ich mehr davon schreiben; ich habe ihn zwar in Dresden gesehen, aber nur flüchtig, so daß ich keine Beschreibung von ihm machen kann; aber daß ist mir doch aufgefallen, viel Bescheidenheit mit bonsens, jar nichts von dem Hofman[4]nischen Wesen seines Bruders ohne im geringsten blöde zu seyn.
Eine Frage mein lieber, Hast du etwa Mösers patriotisch Phantasien mitgenommen? Sie werden in des Vaters Bücherkammer vermißt. Die Frau von Voigt wird Carolinen abholen, ob in diesem oder den folgenden Monat weis ich noch nicht; itzt ist Caroline unpaß, aber ich denke es hat nicht[s] zu bedeuten, nur daß es unangenehm ist wenn so etwas sich in die länge zieht, es ist ein Cathar, und ich fürcht sie wird etwas Ausschlag im Gesicht bekommen. – Neues weiß ich doch itzt gar nichts, welches dich intereßieren könnte, ich will aber morgen Carl fragen ob der nichts weis. Dame kömt nach Zelle an Jacobis Stelle, da wird mein Vater denn wahrscheinlich den neuen Generalsuperindenten von Clausthal einzuführen haben; wenn es sich gerade in einer gute Zeit trift, so wird es eine angenehme Zerstreuung seyn.
Der Vater ist nun in der vollen Besoldung, vom ersten Rath eingerückt; mit seinen den Anfang zum Gesangbuche glücklich fertig, und so daß es doch noch zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Itzt sind viele Predigerbesetzungen, welches ihm sehr viel zu thun macht, und eben sein Lieblingsgeschäft nicht ist; es ist diesmahl eine solche große Besetzung als seit langer Zeit nicht gewesen. Alle auswärtigen Geschwister sind wohl. Rehbergs laßen dich vielmahls grüßen, auch Bialoblotzky, der kürzlich eine Zulage von 50 Rt. aus der Kirche bekommen hat, auch noch fürs vergangene Jahr. Diesen Früjahr haben wir hier gewaltig viel Regen, ich freue mich daß es im [3] vorigen Jahre nicht so war, denn sonst hätte ich die schönen Gegenden um Dresden nicht so nutzen können; Lebe tausend mahl wohl liebster Bruder Deine Henriette Schlegel
[1] 1792 den 5ten April
Liebster Bruder,
Also äußerst wahrscheinlich ist es nun bestimmt, daß du in Holland bleibst! Ob ich gleich es vorher ziemlich gewiß glaubte, so erregte die Bestätigung, in deinem letzten Briefe doch wieder eine Empfindung als wenn ich nun von neuen, von dir getrennt wäre! 6 Jahre ist eine lange zeit, und doch jedes einzelne Jahr so geschwind davon verlebt! – Im ganzen genommen so wie die Lage der Sachen einmahl ist, muß es einen doch lieb seyn, daß du dort bleibst, du hättest fürs erste hier doch keine Aussichten gehabt! unendlich viel werth ist mir aber die Hofnung, dich über Jahr, wenigstens, einmahl hier zu haben; wennʼs denn auch nur wenige Wochen seyn können, so wollen wir sie doch recht genießen.
Ich komme heute von einem Besuch, der mich eben nicht scherzen schreiben aufgelegt gemacht hat; von der Klockenbringken; es hat für mich etwas wiedriges eine Frau zu sehen und sprechen zu hören, deren Eitelkeit ihr beinahe alle übrige Empfindungen raubt! – denn itzt findet sie in dem Unglük was ihren Mann betroffen eine sehr reiche Quelle sich zu loben und hervorzustreichen; aber sie verfehlt dadurch ihren Endzweck ganz – und dies wirft so gar auch auf das Gute was ihr niemand streitig machen kann einen Schatten, anstat es zu releviren! Mit ihm ist es noch immer eben daßelbe, er weiß daß er Toll ist, freut sich darüber, weil er glaubt [2] daß gehöre dazu um hier in diesem Leben schon verklärt zu werden, in welchem Zustande er itzt wäre! Ich mag nicht gerne viel davon hören und heute habe ich auf lange Zeit genug davon.
Ich muß dir auch noch ein Projekt von Charlotten mitheilen, welches wahrscheinlich ausgeführt werden wird, und welches unmittelbaren Einfluß auf unsere häußliche Einrichtung hat, da wir dadurch einen Hausgenoßen mehr bekommen; Ernst hat noch einen jüngeren Bruder, der Theologie studiert hat; in Sachsen ist es itzt mit dem Predigerbestellungen eine ganz eigene Bewandniß, da der Präsident alle Stellen ganz eigenmächtig besetzt, sich aber gar nicht darauf einläßt, die Leute zu prüfen, es ist also nur immer bloßer Glücksfall ob ein Candidat befördert wird und wie er befördert wird; gewöhnlich geschieht es nach der ançienität, und da es eine große Menge alter Candidaten giebt so haben die jüngeren Zeit zu warten, sie mögen auch noch so geschickt seyn. So bald mein Vater erster Consistorialrath worden, hat also meine Schwester die Anlage, daß mein Vater mal für seine Beförderung hier im Lande sorgen sollte; itzt ist es in den Verhandlungen so weit gediehen daß er am Ende des Mays her kommen wird, und sich bey uns aufhalten, er soll fürs erste, wenn seine Sprache nicht etwas gar zu auffallend abschreckendes für hiesige Ohren hat, meinem Vater viel Predigten abnehmen, und ü[3]berhaupt, wird er suchen ihm manche Erleichterung zu verschaffen Ein angenehmer Gesellschafter hoffe ich wird es für dem Vater seyn, da er denn doch auch ein Wörtchen über theologische Materien mit ihm sprechen kann. Wenn es glückt (das haupt Hinderniß wird immer seine Sprache seyn) so wird es meinen Eltern sehr angenehm seyn, zumahl da wir immer doch noch den Wunsch haben Fritzen eben plaçirt zu sehen, und Ernsts also alles was an ihrem Bruder geschieht, Fritzen erwiedern können. Itzt ist Fritz schon in Dresden, mit Berger und Witzendorf ist er hingereißt. Kind will ihn bey seinem jetzigen Besuche auf dem Zahn fühlen, wie es mit seinem juristischen Kenntnißen steht, und da wird viel darauf ankommen wie er da besteht. Lottchen ist diesen Winter immer recht wohl gewesen, aber ihre letzten Briefe die handeln auch von nichts als ihrem Schwager, da ihr das Ding sehr am Herzen liegt. Er hat ein paar Briefe geschrieben einen an Vater und einen an Lottchen die sehr gut geschrieben waren; darin übertrift er seinen Bruder; viel Empfindung zeigt sich darin, aber sehr natürlich ausgedrückt. Wenn er erst da ist will ich mehr davon schreiben; ich habe ihn zwar in Dresden gesehen, aber nur flüchtig, so daß ich keine Beschreibung von ihm machen kann; aber daß ist mir doch aufgefallen, viel Bescheidenheit mit bonsens, jar nichts von dem Hofman[4]nischen Wesen seines Bruders ohne im geringsten blöde zu seyn.
Eine Frage mein lieber, Hast du etwa Mösers patriotisch Phantasien mitgenommen? Sie werden in des Vaters Bücherkammer vermißt. Die Frau von Voigt wird Carolinen abholen, ob in diesem oder den folgenden Monat weis ich noch nicht; itzt ist Caroline unpaß, aber ich denke es hat nicht[s] zu bedeuten, nur daß es unangenehm ist wenn so etwas sich in die länge zieht, es ist ein Cathar, und ich fürcht sie wird etwas Ausschlag im Gesicht bekommen. – Neues weiß ich doch itzt gar nichts, welches dich intereßieren könnte, ich will aber morgen Carl fragen ob der nichts weis. Dame kömt nach Zelle an Jacobis Stelle, da wird mein Vater denn wahrscheinlich den neuen Generalsuperindenten von Clausthal einzuführen haben; wenn es sich gerade in einer gute Zeit trift, so wird es eine angenehme Zerstreuung seyn.
Der Vater ist nun in der vollen Besoldung, vom ersten Rath eingerückt; mit seinen den Anfang zum Gesangbuche glücklich fertig, und so daß es doch noch zu seiner Zufriedenheit ausgefallen ist. Itzt sind viele Predigerbesetzungen, welches ihm sehr viel zu thun macht, und eben sein Lieblingsgeschäft nicht ist; es ist diesmahl eine solche große Besetzung als seit langer Zeit nicht gewesen. Alle auswärtigen Geschwister sind wohl. Rehbergs laßen dich vielmahls grüßen, auch Bialoblotzky, der kürzlich eine Zulage von 50 Rt. aus der Kirche bekommen hat, auch noch fürs vergangene Jahr. Diesen Früjahr haben wir hier gewaltig viel Regen, ich freue mich daß es im [3] vorigen Jahre nicht so war, denn sonst hätte ich die schönen Gegenden um Dresden nicht so nutzen können; Lebe tausend mahl wohl liebster Bruder Deine Henriette Schlegel
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