• Augusta von Buttlar to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Dresden-Wachwitz · Place of Destination: Bonn · Date: 30. Juli [1826]
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Augusta von Buttlar
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Dresden-Wachwitz
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: 30. Juli [1826]
  • Notations: Datum (Jahr) sowie Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-38972
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.3,Nr.136
  • Number of Pages: 5 S., hs. m. U.
  • Format: 20 x 12,4 cm u. 11,9 x 10 cm
  • Incipit: „[1] Wachwitz bey Dresden den 30
    Juli
    Geliebter theurer Oheim!
    ich habe Deinen Brief vom 4ten Juli richtig erhalten, und da ich in [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
[1] Wachwitz bey Dresden den 30
Juli
Geliebter theurer Oheim!
ich habe Deinen Brief vom 4ten Juli richtig erhalten, und da ich in einigen Tagen mit den Kindern zu meinem Mann nach Teplitz zurück kehre, so will ich Dir noch vorher darauf antworten; ich hätte es schon früher gethan, wenn ich nicht immer gehofft hätte einen Brief von Dir zu erhalten, als Antwort auf den, worin ich Dir das Testament geschickt, den du doch ohne Zweifel wirst erhalten haben.
Ehe ich Dir für alle Freundschaft und Liebe danke, will ich erst alle Haupt- u Geschäfts Punkte in deinem Briefe so kurtz als möglich beantworten.
Das Verbrennen Deiner Briefe hat bis jetzt noch nicht geschehen können, weil man mir die Papiere der Eltern so wie alle mir gehörigen Sachen noch nicht verabfolgt hat; aber ich werde darauf dringen sie bald zu erhalten und dann kannst du versichert sein daß ich deinen Wunsch gewißenhaft erfülle. Das Amt hat deshalb alle Papiere und Briefe zurück behalten, weil sie denken, noch irgend etwas darinnen zu finden was auf Geld Beziehung hat.
Was den zweiten Punkt betrifft, so kann ich Dir nicht ganz unbedingt die Erfüllung desselben versprechen; meinen häuslichen Frieden ungestöhrt zu erhalten, ist die Hauptsache wonach ich strebe, denn nur bey diesem kann ich mich geistig wie körperlich erhalten, und wer mich lieb hat wird gewiß darauf Rücksicht nehmen; es kann aber nicht der Fall sein wenn ich meinen Mann (über dem ich in keiner Art Ursache zu klagen habe) [2] von allem entferne was zu Familien Angelegenheiten gehört. Nach meiner Ansicht glaube ich, daß eine Frau zwar alles was zu Unfrieden Anlaß geben und dem Manne kränken könnte, verschweigt, ihn aber von allen auszuschließen wozu er als mein Mann Ansprüche hat, würde mich in den Augen aller tugendhaften und vernünftigen Menschen, mehr herab würdigen als ihn selbst. Ihn, in der ihm gebührenden Stelle, zu der Welt, und meinen Verwandten zu erhalten, wird immer mein erstes Bestreben sein, deshalb bitte ich Dich lieber Oheim es nicht zu verlang[en] daß ich Deine Briefe meinem Mann vorenthalte, hast Du mir etwas zu sagen, was du nicht wünschst daß er wißen soll, so werde ich Dir eine Adreße geben, wodurch ich Deine Briefe richtig erhalte, ohne daß mein Mann etwas davon erfährt; aber für gewöhnlich bitte ich Dich die Correspondenz auf die alte Weise mit mir fortzusetzen. Bisher hat die Religion ja nie eine Scheidewand zwischen Dir und der Welt gemacht, warum denn jetzt bey deinen Verwandten?
Dem guten Friedrich thust du sehr Unrecht wenn Du glaubst, daß er bey meinem Manne so wohl als bey Minna das Bekehrungs-Werk betrieben, Minna ist gewiß jetzt noch was sie war als sie nach Wien kam, dafür kann ich stehen, denn Onkel so wohl als Tante kümmern sich gar nicht um ihre Seelensorge, und was hätten sie auch an diesem Leichtsinnigen Wesen für einen Gewinnst? überdem hat sie auch Onkel gar nicht eingeladen nach Wien zu kommen, und daß er sie bey sich aufgenommen geschah blos weil er glaubt es sey Pflicht sich ihrer anzunehmen. Kannst Du ihr [3] aber vielleicht ein anderes Unterkommen verschaffen so geschieht Onkeln so wie Tanten der größte Gefallen damit, Dies kann ich dir versichern. Als Gesellschafterin würde sie vielleicht auch schon eine paßende Stelle gefunden haben, sie hat aber nicht die Kenntniße und dünkt sich auch zu vornehm dazu. – Was meinen Mann anbetrifft so war er schon damals als er in Bonn war, der Catholischen Religion sehr geneigt, worüber du nur Windischmann fragen kannst, also eine Sache die schon längst im Werke war. – Um eine Pension bey unserm Hofe zu erhalten, werde ich gewiß nichts versäumen, und thun was ich kann, nur fürchte ich wird es so fruchtlos bleiben wie die ersten Versuche, denn ich habe bis jetzt noch keine Beweise gehabt, daß man für meinen Vater, und für seine treuen Dienste besondere Rücksichten gehabt; erhalte ich nichts vom Hofe, so wirst du selbst einsehen daß mich in Dresden gar nichts feßelt, denn den sterblichen Resten meiner Eltern nahe zu sein, und täglich die schmerzlichen Eindrücke erneuern, würde mich, ich glaube, bald selbst dem Grabe nahe bringen. Seit dem Tode meiner Eltern ist meine Gesundheit so zerrüttet, daß ich alles mögliche vermeiden muß, was meine Gefühle zu sehr aufregt. Ich hoffte daß die schöne Landluft die ich hier genieße wohlthätig auf mich würcken würde, doch bis jetzt habe ich noch keine Veränderung verspührt. Der Geist meiner Eltern hat ihre Hülle verlaßen, warum soll ich ihrer noch nahe bleiben? denn auf diese Welt ist nun einmal das Band gelöst was mich an ihnen knüpfte, und nur im Himmel finden sich [4] unsere Seelen wieder. – Ich muß darauf denken mich da aufzuhalten wo ich Freunde und vielen Verdienst habe und beides ist in Dresden sehr spärlich. Das Geld was ich mi[r] in Dresden zur Münchner Reise gesammelt, war der Erwerb von 4 ganzen Jahren; Wenn mir meine Kunst die[s] jetzt nicht in einem Jahre einbringt, so sehe ich mich genöthigt sie ganz liegen zu laßen, und in Dresden würde es nie der Fall sein, frage nur selbst einen Künstler, wie es mit dem Verdienst in Dresden steht. Frauen besonders werden hier von andern Künstlern, und namentlich von den Profeßoren sehr unterdrückt, denn nirgends ist der Brodtneid größer wie hier.
Es hat mich sehr geschmerzt lieber Oheim, daß Du glaubst ich hätte Dich vergeßen und mich Friedrich mehr zugewendet! glaubst du denn lieber Oheim daß ich nur ein Plätzchen in meinem Herzen habe, und daß wenn einer darinnen ist es nicht auch ein anderer seyn kann? Du hast mir oft gesagt ich wüßte mich nicht geltend zu machen, dasselbe ist auch bey meinen Gefühlen der Fall, und wenn es darauf ankäme durch Worte meine Liebe zu bezeigen, so würde ich so schlecht darin bestehen wie Cordelia. – Es thut mir leid daß Laßen dir jetzt Sorgen und Unkosten macht, und ich freue mich um so mehr daß mich meiner Hände Arbeit in den Stand setzt, keinen meiner Verwandten auf die geringste Art zur Last zu fallen, und selbst wenn ich meine Kunst nicht hätte, und von allen entbst wäre, so würde ich es dennoch nie thuen. – Nun geliebter Oheim lebe wohl, und habe noch Tausend Dank für deine Liebe und Freundschaft; nimm es, nicht übel daß ich dir meine Gedanken und Meinungen so offen mitgetheilt, ich habe aber zu dir gesprochen als zu einem lieben theuren Verwandten, nicht wie zu einem Weltmann; den ich jetzt ganz beiseite setze. – In drey Tagen gehe ich nach Teplitz zu meinen Mann, wo ich so lange bleibe bis mich meine Geschäfte wieder nach Dresden rufen, die ich dann in Zeit von acht bis vierzehn Tagen [5] zu beschließen gedenke. Viel unangenehmes habe ich schon bestanden, und vieles steht mir noch bevor; doch wurde mir bis jetzt alles bittere durch die Zarteste liebe meiner Freundin versüßt, die ein Muster der treusten Freundschaft ist. Meine Kinderchen sind Gott sey Dank sehr wohl, und machen mir sehr viel Freude. – meine Adreße in Teplitz an uns ist, in der Graupner Gaße in der goldnen Kugel. Vier Wochen werden wir wohl in Teplitz verweilen, wo wir dann sein werden, werde ich dir bis dahin schon melden, jetzt weiß ich selbst noch nicht genau was mit mir geschieht. Die Adreße für die Briefe die ich nur allein lesen soll ist; an Frau von Buttlar in Dresden, abzugeben bey den Herrn Bürgermeister Pohland. Durch diesen Weg erhalte ich alle Briefe [6] sicher, wo ich auch sein werde. Nun noch einmal gehab dich wohl, und vergiß nicht
Deine Dich herzlich liebende
Nichte Auguste Buttlar.
[1] Wachwitz bey Dresden den 30
Juli
Geliebter theurer Oheim!
ich habe Deinen Brief vom 4ten Juli richtig erhalten, und da ich in einigen Tagen mit den Kindern zu meinem Mann nach Teplitz zurück kehre, so will ich Dir noch vorher darauf antworten; ich hätte es schon früher gethan, wenn ich nicht immer gehofft hätte einen Brief von Dir zu erhalten, als Antwort auf den, worin ich Dir das Testament geschickt, den du doch ohne Zweifel wirst erhalten haben.
Ehe ich Dir für alle Freundschaft und Liebe danke, will ich erst alle Haupt- u Geschäfts Punkte in deinem Briefe so kurtz als möglich beantworten.
Das Verbrennen Deiner Briefe hat bis jetzt noch nicht geschehen können, weil man mir die Papiere der Eltern so wie alle mir gehörigen Sachen noch nicht verabfolgt hat; aber ich werde darauf dringen sie bald zu erhalten und dann kannst du versichert sein daß ich deinen Wunsch gewißenhaft erfülle. Das Amt hat deshalb alle Papiere und Briefe zurück behalten, weil sie denken, noch irgend etwas darinnen zu finden was auf Geld Beziehung hat.
Was den zweiten Punkt betrifft, so kann ich Dir nicht ganz unbedingt die Erfüllung desselben versprechen; meinen häuslichen Frieden ungestöhrt zu erhalten, ist die Hauptsache wonach ich strebe, denn nur bey diesem kann ich mich geistig wie körperlich erhalten, und wer mich lieb hat wird gewiß darauf Rücksicht nehmen; es kann aber nicht der Fall sein wenn ich meinen Mann (über dem ich in keiner Art Ursache zu klagen habe) [2] von allem entferne was zu Familien Angelegenheiten gehört. Nach meiner Ansicht glaube ich, daß eine Frau zwar alles was zu Unfrieden Anlaß geben und dem Manne kränken könnte, verschweigt, ihn aber von allen auszuschließen wozu er als mein Mann Ansprüche hat, würde mich in den Augen aller tugendhaften und vernünftigen Menschen, mehr herab würdigen als ihn selbst. Ihn, in der ihm gebührenden Stelle, zu der Welt, und meinen Verwandten zu erhalten, wird immer mein erstes Bestreben sein, deshalb bitte ich Dich lieber Oheim es nicht zu verlang[en] daß ich Deine Briefe meinem Mann vorenthalte, hast Du mir etwas zu sagen, was du nicht wünschst daß er wißen soll, so werde ich Dir eine Adreße geben, wodurch ich Deine Briefe richtig erhalte, ohne daß mein Mann etwas davon erfährt; aber für gewöhnlich bitte ich Dich die Correspondenz auf die alte Weise mit mir fortzusetzen. Bisher hat die Religion ja nie eine Scheidewand zwischen Dir und der Welt gemacht, warum denn jetzt bey deinen Verwandten?
Dem guten Friedrich thust du sehr Unrecht wenn Du glaubst, daß er bey meinem Manne so wohl als bey Minna das Bekehrungs-Werk betrieben, Minna ist gewiß jetzt noch was sie war als sie nach Wien kam, dafür kann ich stehen, denn Onkel so wohl als Tante kümmern sich gar nicht um ihre Seelensorge, und was hätten sie auch an diesem Leichtsinnigen Wesen für einen Gewinnst? überdem hat sie auch Onkel gar nicht eingeladen nach Wien zu kommen, und daß er sie bey sich aufgenommen geschah blos weil er glaubt es sey Pflicht sich ihrer anzunehmen. Kannst Du ihr [3] aber vielleicht ein anderes Unterkommen verschaffen so geschieht Onkeln so wie Tanten der größte Gefallen damit, Dies kann ich dir versichern. Als Gesellschafterin würde sie vielleicht auch schon eine paßende Stelle gefunden haben, sie hat aber nicht die Kenntniße und dünkt sich auch zu vornehm dazu. – Was meinen Mann anbetrifft so war er schon damals als er in Bonn war, der Catholischen Religion sehr geneigt, worüber du nur Windischmann fragen kannst, also eine Sache die schon längst im Werke war. – Um eine Pension bey unserm Hofe zu erhalten, werde ich gewiß nichts versäumen, und thun was ich kann, nur fürchte ich wird es so fruchtlos bleiben wie die ersten Versuche, denn ich habe bis jetzt noch keine Beweise gehabt, daß man für meinen Vater, und für seine treuen Dienste besondere Rücksichten gehabt; erhalte ich nichts vom Hofe, so wirst du selbst einsehen daß mich in Dresden gar nichts feßelt, denn den sterblichen Resten meiner Eltern nahe zu sein, und täglich die schmerzlichen Eindrücke erneuern, würde mich, ich glaube, bald selbst dem Grabe nahe bringen. Seit dem Tode meiner Eltern ist meine Gesundheit so zerrüttet, daß ich alles mögliche vermeiden muß, was meine Gefühle zu sehr aufregt. Ich hoffte daß die schöne Landluft die ich hier genieße wohlthätig auf mich würcken würde, doch bis jetzt habe ich noch keine Veränderung verspührt. Der Geist meiner Eltern hat ihre Hülle verlaßen, warum soll ich ihrer noch nahe bleiben? denn auf diese Welt ist nun einmal das Band gelöst was mich an ihnen knüpfte, und nur im Himmel finden sich [4] unsere Seelen wieder. – Ich muß darauf denken mich da aufzuhalten wo ich Freunde und vielen Verdienst habe und beides ist in Dresden sehr spärlich. Das Geld was ich mi[r] in Dresden zur Münchner Reise gesammelt, war der Erwerb von 4 ganzen Jahren; Wenn mir meine Kunst die[s] jetzt nicht in einem Jahre einbringt, so sehe ich mich genöthigt sie ganz liegen zu laßen, und in Dresden würde es nie der Fall sein, frage nur selbst einen Künstler, wie es mit dem Verdienst in Dresden steht. Frauen besonders werden hier von andern Künstlern, und namentlich von den Profeßoren sehr unterdrückt, denn nirgends ist der Brodtneid größer wie hier.
Es hat mich sehr geschmerzt lieber Oheim, daß Du glaubst ich hätte Dich vergeßen und mich Friedrich mehr zugewendet! glaubst du denn lieber Oheim daß ich nur ein Plätzchen in meinem Herzen habe, und daß wenn einer darinnen ist es nicht auch ein anderer seyn kann? Du hast mir oft gesagt ich wüßte mich nicht geltend zu machen, dasselbe ist auch bey meinen Gefühlen der Fall, und wenn es darauf ankäme durch Worte meine Liebe zu bezeigen, so würde ich so schlecht darin bestehen wie Cordelia. – Es thut mir leid daß Laßen dir jetzt Sorgen und Unkosten macht, und ich freue mich um so mehr daß mich meiner Hände Arbeit in den Stand setzt, keinen meiner Verwandten auf die geringste Art zur Last zu fallen, und selbst wenn ich meine Kunst nicht hätte, und von allen entbst wäre, so würde ich es dennoch nie thuen. – Nun geliebter Oheim lebe wohl, und habe noch Tausend Dank für deine Liebe und Freundschaft; nimm es, nicht übel daß ich dir meine Gedanken und Meinungen so offen mitgetheilt, ich habe aber zu dir gesprochen als zu einem lieben theuren Verwandten, nicht wie zu einem Weltmann; den ich jetzt ganz beiseite setze. – In drey Tagen gehe ich nach Teplitz zu meinen Mann, wo ich so lange bleibe bis mich meine Geschäfte wieder nach Dresden rufen, die ich dann in Zeit von acht bis vierzehn Tagen [5] zu beschließen gedenke. Viel unangenehmes habe ich schon bestanden, und vieles steht mir noch bevor; doch wurde mir bis jetzt alles bittere durch die Zarteste liebe meiner Freundin versüßt, die ein Muster der treusten Freundschaft ist. Meine Kinderchen sind Gott sey Dank sehr wohl, und machen mir sehr viel Freude. – meine Adreße in Teplitz an uns ist, in der Graupner Gaße in der goldnen Kugel. Vier Wochen werden wir wohl in Teplitz verweilen, wo wir dann sein werden, werde ich dir bis dahin schon melden, jetzt weiß ich selbst noch nicht genau was mit mir geschieht. Die Adreße für die Briefe die ich nur allein lesen soll ist; an Frau von Buttlar in Dresden, abzugeben bey den Herrn Bürgermeister Pohland. Durch diesen Weg erhalte ich alle Briefe [6] sicher, wo ich auch sein werde. Nun noch einmal gehab dich wohl, und vergiß nicht
Deine Dich herzlich liebende
Nichte Auguste Buttlar.
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