• Augusta von Buttlar to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Dresden · Place of Destination: Bonn · Date: 03.07.1838
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Augusta von Buttlar
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Dresden
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: 03.07.1838
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-38972
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.3,Nr.146
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19,9 x 12,9 cm
  • Incipit: „[1] Dresden den 3ten Juli 1838
    Mein geliebter theurer Oheim!
    wiewohl nun wiederum Jahre vergangen sind, seit wir uns kein sichtbares Zeichen [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
[1] Dresden den 3ten Juli 1838
Mein geliebter theurer Oheim!
wiewohl nun wiederum Jahre vergangen sind, seit wir uns kein sichtbares Zeichen des Lebens gegeben haben, so kann ich dir dennoch versichern, daß ich sehr, ja sehr oft Deiner mit recht inniger Liebe gedacht habe! und hätte ich dir nur irgend etwas Intereßantes mitzutheilen gehabt, so würde ich Dir auch gewiß geschrieben haben, aber so glaubte ich Dir nur lästig zu fallen, und einige an dich angefangene frühere Briefe habe ich aus diesem Grunde, liegen laßen, um so mehr da ich mit der Feder schlecht bestellt bin, und lieber wenn es gienge einen Brief zeichnete als schriebe. Auch jetzt habe ich Dir weiter nichts mitzutheilen, als daß ich eine sehr große Sehnsucht habe etwas von Dir zu wißen und zu hören, und eine noch größere dich noch einmal wieder zu sehen! seit Jahren arbeite und spare ich zu diesen Zweck, aber leider habe ich die Summe von zwei hundert Thalern die ich doch zu so einer solchen Reise brauche, nicht zusammen bringen können, denn in den letzten Jahren war mein Verdienst leider kärglich, und wenn ich auch schon manchmal etwas zurück gelegt hatte, so habe ich bald darauf das Geld wieder zu meinen Bedarf angreifen müßen, denn das Leben in Dresden [2] ist jetzt sehr theuer geworden und der Künstler sind dabei wie Sand am Meere, und keine reichen Leute die etwas für die Kunst thun, denn die Fremden laßen in der Regel wenig machen. – Manchmal bekomme ich wohl einen ehrenvollen Auftrag, aber selten einen Einträglichen, da sich die Leute der Wohlfeilheit wegen gewöhnlich nur in Aquarel malen laßen, weil es billiger ist wie in Oel, so wie unsere Königin und die Prinzeßin Johann die ich beide dieses Frühjar in dieser Manier malen mußte, worüber ich von den Andern noch schrecklich beneidet wurde, da ich die erste bin von der sich unsere Königin in Sachsen hat malen laßen. – Meine größte Freude, und der Ersatz für so manche ausgestandene Leiden, ist mein Töchterchen, an der ich recht viele Freude erlebe, und die sich durch ihre liebenswürdigen Eigenschaften die Liebe aller Menschen erwirbt die sie näher kennen lernen ja ohne hübsch zu sein gefällt sie jeden durch ihr höchst unschuldiges anspruchloses und doch intelligentes Wesen. Künste treibt sie keine, als blos die Musik, ihr Haupttalent sind Sprachen, die sie mit großer Leichtigkeit erlernt, und wozu sie auch große Lust hat. Französisch kann sie ganz gründlich, so daß sie den besten Unterricht darin geben kann, außerdem treibt sie noch Italiänisch und Englisch, und später mögte sie gern noch eine Sprache anfangen, wo[rin] sie Deinen Rath gern in Anspruch nähme?
Sie hat bis voriges Jahr ihre Erziehung in dem [3] hiesigen Fräulein Stifte was unter der Direction der Prinzeßin Auguste steht, vollendet und sich die Liebe ihrer hohen Gönnerin so erworben, daß selbige auch immer eine besonderes Intereße u Theilnahme für sie hat, die bis in das größte Detail geht. – Dieses Stift wo Marianne war, ist nur für 10 adliche unbemittelte Fräulein’s, die dort unentgeltlich erzogen werden, und da solche nur bis zum 18ten Jahre darin bleiben dürfen, so sind diese arme Mädchen, wenn sie nicht bemittelte Verwandte haben recht schlimm daran wenn sie heraus kommen die sie zu vornehm erzogen sind als daß sie sich leicht selbst durch die Welt helfen können, um diesen Übelstand abzuhelfen hat die Prinzeßin beschloßen solche die Talent und Fähigkeiten besitzen zum Erziehungsfach zu bilden, und hatte meine Marianne als die, die ihr die meiste Ehre machen würde dazu bestimmt den Anfang zu machen. Sie hat sie hier zu einer der gebildesten und geachtetsten Familien als Erzieherinn für deren kleine Tochter gegeben, und die dem Hofe sehr nahe stehen, so daß die Prinzeßin sich beinahe Täglich von Mariannes Thun und Laßen unterichten läßt. Frau von Lüttichau (so heißt die Dame) ist eine intime Freundin von Tiek. – Ich gestehe es war mir sehr hart mein Kind wieder von neuen wegzugeben, und mich in den Wunsch der Prinzeßin zu fügen, denn aus eignen Antrieb hätte ich meine Tochter nicht [4] Gouvernante werden laßen, als höchstens in einem fürstlichen Hause, denn dazu bin ich etwas zu Stolz, aber ich konnte nicht gegen den Willen der Prinzeßin handeln ohne mir sie und den Hof zum Feinde zu machen, wiewohl mir daß allein stehen in der Welt sehr schmerzlich ist, und ein liebendes theilnehmendes Wesen um mich, sehr vermiße, denn je älter ich werde desto weniger schließe ich mich an fremde Menschen an, und von meinen alten Freunden bin ich entweder getrennt, oder sie sterben mir weg!
Freilich habe ich jetzt nicht die Mittel die Bildung meiner Tochter durch den nöthigen Sprach und Musik Unterricht fortzusetzen, und in dem Hause wo sie jetzt ist hat sie die Gelegenheit dazu. Übrigens habe ich ich gar kein bestimmtes engament eingegangen, und wenn Marianne würdig ist, und ich erst ihr kleines Vermögen, was unter den Händen der Advokaten sehr geschmolzen ist, heraus habe, so werde ich jeden Fall Dresden verlaßen, wo es mir gar nicht mehr gefällt, besonders die dortige Kunstkenner u Schöngeister Klicke.
Mein Mann lebt schon seit vielen Jahren in dem Städtchen Brüx in Böhmen wo er an den dortigen Gimnasium den jungen Profeßoren in der französichen Sprache unterricht gegeben hat, ich besuche ihn öfterer, und bin eben im begriff morgen dahin abzureisen, wo ich ohngefähr 5 bis 6 Wochen bleiben werde, und sehr sehr glücklich würde es mich machen wenn ich dann auf bei meiner Rückkehr auf ein paar freundliche Zeilen von Dir hoffen könnte! Denn wenn ich bis zum Herbst noch etwas guten Verdienst hätte, so könnte ich der Sehnsucht nicht wiederstehen dich noch einmal zu besuchen und wenn es nur auf einige Tage wäre um Dich nicht länger zu belästigen, auch würde ich um Dir gar keine Unruhe zu machen im Gasthofe bleiben, nur sehen u [3] sprechen mögte ich Dich noch einmal, und den theuren Bruder meiner unvergeßlichen Mutter! denn ich bin sehr schwächlich und weiß Gott ob ich noch lange lebe! Meine [2] Tochter küßt dir unbekannter Weise die Hand, und ich bin deine dich zärtlich liebende Nichte Augusta von Buttlar
[1] Meine Wohnung ist „im Italiänischen Dörfchen No 16. auch kann du den Brief auch nur an Tieks adreßiren.
[1] Dresden den 3ten Juli 1838
Mein geliebter theurer Oheim!
wiewohl nun wiederum Jahre vergangen sind, seit wir uns kein sichtbares Zeichen des Lebens gegeben haben, so kann ich dir dennoch versichern, daß ich sehr, ja sehr oft Deiner mit recht inniger Liebe gedacht habe! und hätte ich dir nur irgend etwas Intereßantes mitzutheilen gehabt, so würde ich Dir auch gewiß geschrieben haben, aber so glaubte ich Dir nur lästig zu fallen, und einige an dich angefangene frühere Briefe habe ich aus diesem Grunde, liegen laßen, um so mehr da ich mit der Feder schlecht bestellt bin, und lieber wenn es gienge einen Brief zeichnete als schriebe. Auch jetzt habe ich Dir weiter nichts mitzutheilen, als daß ich eine sehr große Sehnsucht habe etwas von Dir zu wißen und zu hören, und eine noch größere dich noch einmal wieder zu sehen! seit Jahren arbeite und spare ich zu diesen Zweck, aber leider habe ich die Summe von zwei hundert Thalern die ich doch zu so einer solchen Reise brauche, nicht zusammen bringen können, denn in den letzten Jahren war mein Verdienst leider kärglich, und wenn ich auch schon manchmal etwas zurück gelegt hatte, so habe ich bald darauf das Geld wieder zu meinen Bedarf angreifen müßen, denn das Leben in Dresden [2] ist jetzt sehr theuer geworden und der Künstler sind dabei wie Sand am Meere, und keine reichen Leute die etwas für die Kunst thun, denn die Fremden laßen in der Regel wenig machen. – Manchmal bekomme ich wohl einen ehrenvollen Auftrag, aber selten einen Einträglichen, da sich die Leute der Wohlfeilheit wegen gewöhnlich nur in Aquarel malen laßen, weil es billiger ist wie in Oel, so wie unsere Königin und die Prinzeßin Johann die ich beide dieses Frühjar in dieser Manier malen mußte, worüber ich von den Andern noch schrecklich beneidet wurde, da ich die erste bin von der sich unsere Königin in Sachsen hat malen laßen. – Meine größte Freude, und der Ersatz für so manche ausgestandene Leiden, ist mein Töchterchen, an der ich recht viele Freude erlebe, und die sich durch ihre liebenswürdigen Eigenschaften die Liebe aller Menschen erwirbt die sie näher kennen lernen ja ohne hübsch zu sein gefällt sie jeden durch ihr höchst unschuldiges anspruchloses und doch intelligentes Wesen. Künste treibt sie keine, als blos die Musik, ihr Haupttalent sind Sprachen, die sie mit großer Leichtigkeit erlernt, und wozu sie auch große Lust hat. Französisch kann sie ganz gründlich, so daß sie den besten Unterricht darin geben kann, außerdem treibt sie noch Italiänisch und Englisch, und später mögte sie gern noch eine Sprache anfangen, wo[rin] sie Deinen Rath gern in Anspruch nähme?
Sie hat bis voriges Jahr ihre Erziehung in dem [3] hiesigen Fräulein Stifte was unter der Direction der Prinzeßin Auguste steht, vollendet und sich die Liebe ihrer hohen Gönnerin so erworben, daß selbige auch immer eine besonderes Intereße u Theilnahme für sie hat, die bis in das größte Detail geht. – Dieses Stift wo Marianne war, ist nur für 10 adliche unbemittelte Fräulein’s, die dort unentgeltlich erzogen werden, und da solche nur bis zum 18ten Jahre darin bleiben dürfen, so sind diese arme Mädchen, wenn sie nicht bemittelte Verwandte haben recht schlimm daran wenn sie heraus kommen die sie zu vornehm erzogen sind als daß sie sich leicht selbst durch die Welt helfen können, um diesen Übelstand abzuhelfen hat die Prinzeßin beschloßen solche die Talent und Fähigkeiten besitzen zum Erziehungsfach zu bilden, und hatte meine Marianne als die, die ihr die meiste Ehre machen würde dazu bestimmt den Anfang zu machen. Sie hat sie hier zu einer der gebildesten und geachtetsten Familien als Erzieherinn für deren kleine Tochter gegeben, und die dem Hofe sehr nahe stehen, so daß die Prinzeßin sich beinahe Täglich von Mariannes Thun und Laßen unterichten läßt. Frau von Lüttichau (so heißt die Dame) ist eine intime Freundin von Tiek. – Ich gestehe es war mir sehr hart mein Kind wieder von neuen wegzugeben, und mich in den Wunsch der Prinzeßin zu fügen, denn aus eignen Antrieb hätte ich meine Tochter nicht [4] Gouvernante werden laßen, als höchstens in einem fürstlichen Hause, denn dazu bin ich etwas zu Stolz, aber ich konnte nicht gegen den Willen der Prinzeßin handeln ohne mir sie und den Hof zum Feinde zu machen, wiewohl mir daß allein stehen in der Welt sehr schmerzlich ist, und ein liebendes theilnehmendes Wesen um mich, sehr vermiße, denn je älter ich werde desto weniger schließe ich mich an fremde Menschen an, und von meinen alten Freunden bin ich entweder getrennt, oder sie sterben mir weg!
Freilich habe ich jetzt nicht die Mittel die Bildung meiner Tochter durch den nöthigen Sprach und Musik Unterricht fortzusetzen, und in dem Hause wo sie jetzt ist hat sie die Gelegenheit dazu. Übrigens habe ich ich gar kein bestimmtes engament eingegangen, und wenn Marianne würdig ist, und ich erst ihr kleines Vermögen, was unter den Händen der Advokaten sehr geschmolzen ist, heraus habe, so werde ich jeden Fall Dresden verlaßen, wo es mir gar nicht mehr gefällt, besonders die dortige Kunstkenner u Schöngeister Klicke.
Mein Mann lebt schon seit vielen Jahren in dem Städtchen Brüx in Böhmen wo er an den dortigen Gimnasium den jungen Profeßoren in der französichen Sprache unterricht gegeben hat, ich besuche ihn öfterer, und bin eben im begriff morgen dahin abzureisen, wo ich ohngefähr 5 bis 6 Wochen bleiben werde, und sehr sehr glücklich würde es mich machen wenn ich dann auf bei meiner Rückkehr auf ein paar freundliche Zeilen von Dir hoffen könnte! Denn wenn ich bis zum Herbst noch etwas guten Verdienst hätte, so könnte ich der Sehnsucht nicht wiederstehen dich noch einmal zu besuchen und wenn es nur auf einige Tage wäre um Dich nicht länger zu belästigen, auch würde ich um Dir gar keine Unruhe zu machen im Gasthofe bleiben, nur sehen u [3] sprechen mögte ich Dich noch einmal, und den theuren Bruder meiner unvergeßlichen Mutter! denn ich bin sehr schwächlich und weiß Gott ob ich noch lange lebe! Meine [2] Tochter küßt dir unbekannter Weise die Hand, und ich bin deine dich zärtlich liebende Nichte Augusta von Buttlar
[1] Meine Wohnung ist „im Italiänischen Dörfchen No 16. auch kann du den Brief auch nur an Tieks adreßiren.
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