• Caroline von Schelling to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Harburg, Elbe · Place of Destination: Berlin · Date: 04.04.1801 bis 05.04.1801
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Caroline von Schelling
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Harburg, Elbe
  • Place of Destination: Berlin
  • Date: 04.04.1801 bis 05.04.1801
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 370516575
  • Bibliography: Schelling, Caroline von: Briefe aus der Frühromantik. Nach Georg Waitz vermehrt hg. v. Erich Schmidt. Bd. 2. Leipzig 1913, S. 90‒93 u. S. 608 (Kommentar).
  • Incipit: „Harburg d. 4ten[‒5.] Aprill [18]01.
    Lieber Schlegel, Du hast einen recht dummen Spaß gemacht, mit Emma zu reden, daß Du Luisen schriebst [...]“
Harburg d. 4ten[‒5.] Aprill [18]01.
Lieber Schlegel, Du hast einen recht dummen Spaß gemacht, mit Emma zu reden, daß Du Luisen schriebst ohne mir ein Wort zu sagen. Denn heute hab ich nun so sehnlich auf Briefe gewartet, ich bin so trostlos darüber, daß nichts anlangte wie dieser schlechte Bescheid! Nun kann in 3 bis 4 Tagen noch nichts kommen, und ich nicht ruhig seyn. Ohnedas habe ich eine wunderbare Angst, hier so losgerissen an dem öden Ufer der Elbe herumzuwandeln und von engländischen Flotillen zu hören und dänischen Kriegsvölkern, und einrückenden Preußen und herbeymarschirenden Russen. Wenn wir doch alle erst beysammen wären! Doch ich will Dir erzählen, wie ich hieher kam. Am Sontag fuhr ich mit Rosen allein nach Zelle. Diese ließ ich wieder zurückgehn, denn hier brauchte ich sie keinesweges, sie würde nur allenthalben, auch bey der Rückreise, den Platz beengt haben. In Zelle nahmen mich Dahmens mit alter Freundschaft auf und Böhmers mit erneuter, möcht ich sagen. Am Montag Abend kam meines Bruders Frau und deren Schwager um mich abzuholen, weil Philipp nicht selbst konnte. Mein lieber Wilhelm, das ist eine ganz scharmante kleine Frau, sehr hübsch, sehr gut, eine recht pikante schlanke Blondine voller Lebhaftigkeit und witzigen Wesens. Er hat sehr gut gewählt. Wir blieben den Dienstag noch in Zelle (wo, im Vorbeygehn gesagt, Frau von Berlepsch so eben frisch aus Caledonien debarkirte) und fuhren Mittwoch, in Einem Tage 12 Meilen, mit des Schwagers Pferden und Vorspann und andern relais von Philipps militärischen guten Freunden hieher, wo Philipp sehnlich unsrer wartete, der gute brave Mensch. Er ist sehr stark geworden.
Die Eile war das Beste von der Reise, denn hilf Himmel welch ein Land! Ich wurde seekrank von dem einförmigen Anblick der Heide und des Himmels, und so geht es doch von Braunschweig bis hieher 18 Meilen in Einem fort, dürre braune Heide, Sand, verkrüppelte Bäume mit Moos und Schimmel überzogen, alle Meile ein Dorf statt Meilenzeiger, das recht aus dem nehmlichen Boden hervorgewachsen zu seyn scheint. Auch hier sind die Ufer nichts weniger wie schön, und der Anblick von Hamburg wirkt blos in der Idee. Übermorgen werd ich es in der Nähe sehn. Wir hörten diesen Nachmittag drüben kanoniren; man ist hier gespannt auf jeden Ton, wie Du denken kanst. ‒ In diesem Augenblick bringt mir Philipp die entscheidende Nachricht, wegen Besiznehmung des Hannöverischen, das Georg denn doch treulos aufopfert. Von dem Effekt dieser Nachricht will ich Dir nichts weiter sagen. Wie ich in Zelle war, schien man den Streich noch für ganz unmöglich zu halten. Gewiß wird einen oder den andern dieses vor der Zeit ins Grab bringen. Höpfner ist vorher dahingegangen. ‒ Prinz Adolph wird sogleich nach England abgehn; ich vermuthe, daß er Tatter mitnimmt.
Lieber, schreib mir nun nur oft. Ich bin so sehr unruhig. Ich will sehn, ob ich in Hamburg andres Sinnes werde; Harburg wills nicht thun. Auch die Elbe nicht. Mir ist, als wäre ich so draußen im Norden. Und was man hier vom Kriege hört, ist so barbarisch gegen unsre romantischen Kriegsszenen in Franken.
Heute hab ich die Schwester des Superintendenten Schlegel besucht, die sich mit überschwenglicher Zärtlichkeit des lieben Wilhelm erinnert, was aber ihrer Fatalität nichts benimmt.
–––––
Ostertag [5. April].
Schelling schreibt mir, daß Hardenberg sehr schlecht ist, daß Starke ihn aufgegeben hat.
Bleibe Du nur gesund, mein Freund, und laß uns einander bald wiedersehn. Ich habe im Grunde keinen andern Gedanken, als wie ich bald von hier wieder wegkommen will; die Umstände können noch manche Hindernisse in den Weg legen, denn Philipp wird sich doch nicht eher entfernen können, bis die Preußen Haarburg wirklich besetzt haben. Das Befinden der Mutter ist übrigens leidlich. Du hast Luisen das Tuch etwas zu spät geschickt, sie hatte sich schon eins gekauft, dieses aber, weil Du es ihr geschenkweise zu Füßen gelegt hast, dennoch behalten nach ihrer Art, derweil ich sehr großen Mangel daran leide, und blos aus Bescheidenheit um keines bat. Sey so gut und bringe mir eins mit. Hättest Du es mir zugeschickt, so wäre dieses erspart.
Es scheint, daß Friedrich und die Veit von Jena abwesend sind, so hat wenigstens Winkelmann Luisen berichtet; jene in Leipzig, dieser in Weißenfels. Wie wird es nun mit meinen Aufträgen und den Schlüsseln werden?
Wie Niedersachsen, sowohl hier als in Zelle, beschaffen ist, versteht sich von selbst. Man weiß von nichts. Man wundert sich besonders, wie die Schriftsteller Bezahlung finden, und wer in aller Welt ZB. Fichtens Bücher nur ließt. Lauter blindes Heidenthum, aber ohne Götzenbilder. ‒ In Zelle soll man doch Ramdohrs Moralitäten langweilig finden.
O daß ich Briefe von Dir hätte. Seit mehr als 14 Tagen kein Wort. Ist das recht? Ich will auch nur aufhören zu schreiben, aus Furcht dieses nehmliche Lied stets zu wiederholen; ich kan keinen andern Ton jetzt angeben. Lebe wohl und schreibe so oft forthin, wie Du kannst, wenn es auch nur wenige Zeilen sind.
Wenn ich morgen auf der Elbe untergehn sollte, so denk nur, daß ich es heute geahndet habe.
Harburg d. 4ten[‒5.] Aprill [18]01.
Lieber Schlegel, Du hast einen recht dummen Spaß gemacht, mit Emma zu reden, daß Du Luisen schriebst ohne mir ein Wort zu sagen. Denn heute hab ich nun so sehnlich auf Briefe gewartet, ich bin so trostlos darüber, daß nichts anlangte wie dieser schlechte Bescheid! Nun kann in 3 bis 4 Tagen noch nichts kommen, und ich nicht ruhig seyn. Ohnedas habe ich eine wunderbare Angst, hier so losgerissen an dem öden Ufer der Elbe herumzuwandeln und von engländischen Flotillen zu hören und dänischen Kriegsvölkern, und einrückenden Preußen und herbeymarschirenden Russen. Wenn wir doch alle erst beysammen wären! Doch ich will Dir erzählen, wie ich hieher kam. Am Sontag fuhr ich mit Rosen allein nach Zelle. Diese ließ ich wieder zurückgehn, denn hier brauchte ich sie keinesweges, sie würde nur allenthalben, auch bey der Rückreise, den Platz beengt haben. In Zelle nahmen mich Dahmens mit alter Freundschaft auf und Böhmers mit erneuter, möcht ich sagen. Am Montag Abend kam meines Bruders Frau und deren Schwager um mich abzuholen, weil Philipp nicht selbst konnte. Mein lieber Wilhelm, das ist eine ganz scharmante kleine Frau, sehr hübsch, sehr gut, eine recht pikante schlanke Blondine voller Lebhaftigkeit und witzigen Wesens. Er hat sehr gut gewählt. Wir blieben den Dienstag noch in Zelle (wo, im Vorbeygehn gesagt, Frau von Berlepsch so eben frisch aus Caledonien debarkirte) und fuhren Mittwoch, in Einem Tage 12 Meilen, mit des Schwagers Pferden und Vorspann und andern relais von Philipps militärischen guten Freunden hieher, wo Philipp sehnlich unsrer wartete, der gute brave Mensch. Er ist sehr stark geworden.
Die Eile war das Beste von der Reise, denn hilf Himmel welch ein Land! Ich wurde seekrank von dem einförmigen Anblick der Heide und des Himmels, und so geht es doch von Braunschweig bis hieher 18 Meilen in Einem fort, dürre braune Heide, Sand, verkrüppelte Bäume mit Moos und Schimmel überzogen, alle Meile ein Dorf statt Meilenzeiger, das recht aus dem nehmlichen Boden hervorgewachsen zu seyn scheint. Auch hier sind die Ufer nichts weniger wie schön, und der Anblick von Hamburg wirkt blos in der Idee. Übermorgen werd ich es in der Nähe sehn. Wir hörten diesen Nachmittag drüben kanoniren; man ist hier gespannt auf jeden Ton, wie Du denken kanst. ‒ In diesem Augenblick bringt mir Philipp die entscheidende Nachricht, wegen Besiznehmung des Hannöverischen, das Georg denn doch treulos aufopfert. Von dem Effekt dieser Nachricht will ich Dir nichts weiter sagen. Wie ich in Zelle war, schien man den Streich noch für ganz unmöglich zu halten. Gewiß wird einen oder den andern dieses vor der Zeit ins Grab bringen. Höpfner ist vorher dahingegangen. ‒ Prinz Adolph wird sogleich nach England abgehn; ich vermuthe, daß er Tatter mitnimmt.
Lieber, schreib mir nun nur oft. Ich bin so sehr unruhig. Ich will sehn, ob ich in Hamburg andres Sinnes werde; Harburg wills nicht thun. Auch die Elbe nicht. Mir ist, als wäre ich so draußen im Norden. Und was man hier vom Kriege hört, ist so barbarisch gegen unsre romantischen Kriegsszenen in Franken.
Heute hab ich die Schwester des Superintendenten Schlegel besucht, die sich mit überschwenglicher Zärtlichkeit des lieben Wilhelm erinnert, was aber ihrer Fatalität nichts benimmt.
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Ostertag [5. April].
Schelling schreibt mir, daß Hardenberg sehr schlecht ist, daß Starke ihn aufgegeben hat.
Bleibe Du nur gesund, mein Freund, und laß uns einander bald wiedersehn. Ich habe im Grunde keinen andern Gedanken, als wie ich bald von hier wieder wegkommen will; die Umstände können noch manche Hindernisse in den Weg legen, denn Philipp wird sich doch nicht eher entfernen können, bis die Preußen Haarburg wirklich besetzt haben. Das Befinden der Mutter ist übrigens leidlich. Du hast Luisen das Tuch etwas zu spät geschickt, sie hatte sich schon eins gekauft, dieses aber, weil Du es ihr geschenkweise zu Füßen gelegt hast, dennoch behalten nach ihrer Art, derweil ich sehr großen Mangel daran leide, und blos aus Bescheidenheit um keines bat. Sey so gut und bringe mir eins mit. Hättest Du es mir zugeschickt, so wäre dieses erspart.
Es scheint, daß Friedrich und die Veit von Jena abwesend sind, so hat wenigstens Winkelmann Luisen berichtet; jene in Leipzig, dieser in Weißenfels. Wie wird es nun mit meinen Aufträgen und den Schlüsseln werden?
Wie Niedersachsen, sowohl hier als in Zelle, beschaffen ist, versteht sich von selbst. Man weiß von nichts. Man wundert sich besonders, wie die Schriftsteller Bezahlung finden, und wer in aller Welt ZB. Fichtens Bücher nur ließt. Lauter blindes Heidenthum, aber ohne Götzenbilder. ‒ In Zelle soll man doch Ramdohrs Moralitäten langweilig finden.
O daß ich Briefe von Dir hätte. Seit mehr als 14 Tagen kein Wort. Ist das recht? Ich will auch nur aufhören zu schreiben, aus Furcht dieses nehmliche Lied stets zu wiederholen; ich kan keinen andern Ton jetzt angeben. Lebe wohl und schreibe so oft forthin, wie Du kannst, wenn es auch nur wenige Zeilen sind.
Wenn ich morgen auf der Elbe untergehn sollte, so denk nur, daß ich es heute geahndet habe.
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