• Friederike Helene Unger to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Coppet · Date: 02.04.1811
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friederike Helene Unger
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Coppet
  • Date: 02.04.1811
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: APP2712-Bd-9
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,IV,e,28
  • Number of Pages: 3 S. auf Doppelbl., hs. m. U. u. Adresse
  • Format: 22,9 x 19 cm
  • Incipit: „[1] Berlin d. 2. April 1811.
    Ich beantworte Ihren werthen Brief vom 19. März, mit umgehender Post mein theurer Freund; könnte [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
[1] Berlin d. 2. April 1811.
Ich beantworte Ihren werthen Brief vom 19. März, mit umgehender Post mein theurer Freund; könnte ich, so wie ich wollte und wünschte Sie vernähmen ein Sonores ja! Ach mein Freund, ich bin in einer unangenehmen Lage; welche Alternation! an sich selbst, oder an seinen Freund Treu loß sein zu müssen! In der That mein Freund, dies ist mein Fall. Begnügen Sie sich, diesmal mir, ungefragt eine Bitte zu gewähren; um Ihres verstorbnen Freundes Unger, und um unsres so vieljähriges Verhältniß Willen, gewähren sie mir. Ich kann mich jezt, besondrer Verhältnisse wegen, nicht erklären; erst nach der Leipziger Jubilate Messe vermag ichs. Wollen Sie so lange warten? Vieleicht kann ich Ihnen früher noch, ein zustimmendes ja schicken. Aber, früher vermag ichs nicht. Gewiß, ist Ihre Lage nicht so dringend, daß es Ihnen auf diese kurze Zeit ankäme: mir aber liegt viel sehr viel daran. Ich bin so stolz, Ihre Verlegerin zu sein, so lange es dem Himmel noch gefällt, mich in dieser Pein einzuklemmen. Lassen Sie nicht zu, daß ich ein Gespötte der Litterarischen Troßbuben werde, und daß sie ein Jubilirens über mich erheben: schon machen sich alle, die mit an den Shakespear zerren und züglen sehr laut; und freuen sich, mir den Rang abgelaufen zu haben. Auch Tieck hat sich aufgemacht, und Stücke der alten englischen Bühne bei Reimer zu Tage gefördert. Unter andern, den schon von A W. Schlegel übersezten König Johann. Da hätte ich zu Tieck sagen mögen. Auch du mein Brutus? – Aber ich lasse sie, und kamm stolz daher mit meinen Richard den Dritten geschritten: rufend: hier sind wir! In der That mein Freund, Sie würden sich an, [2] sich, und Ihren Deutschen Landsleuten versündigen, giengen sie auf der ruhmvollen Bahn nicht weiter: den die Erscheinung dieser ersten Abtheilung, hat eine sehr angenehme Sensation erregt, und die Gegeneinanderstellung in den Recensionen, dürfte Ihren Nebenbuhlern eben nicht zu schmeichelhaft und aufmunternd gewesen sein. Noch habe ich meinem Berufe nicht Geschmak u Interresse genug angewonnen, als daß Sie glauben müßten, hier spräche die Verlegerin. Es ist mir warrlich um die Sache; und auch ein wenig – um Ehre. –
Ich habe nun freilich keinen Begrif davon, wie ein Werk über die deutsche Litteratur, so grausam beleidigen kann,, und so grausam gerügt werden muß! Freilich würde auch hier, es anstoß gefunden haben; unsre Censur ist jezt sehr allerte; und die Herren mit den langen Fingern, reichen auch hier her; überdieß bluten wir noch zu heftig, um den schlafenden Löwen nicht gern seine Ruhe zu gönnen. – Sollte aber Ihre edle Freundin, mich beehren, mit einem Erzeugniß ihres hohen Geistes; nun den? den werden sie die arme Berlinerin dankbar finden.
Das altdeutsche wird bei uns, schier zu viel; es ist ein Losen, und ein Singsang umher, worin Leider! ich mit befangen bin; den ich ließ mich durch den Sänger, oder nachsänger der Nibelungen verleiten, und mehr noch durch die Aussicht, daß, so wenig die Sache auch dem gegenwärtigen Geschmack ansprach, sie doch, durch die Vorlesungen die H. v d Hagen, über [3] altdeutsche Poesie bei hiesiger Universität hält noch gewinnen könen; aber – tout au contraire Ich sitze mit meinem Niebellungen Lied, wie mit dem Journale von Docen, Hagen & Büsching, über das altdeutsche, fast auf dem Sande. Von leztem sind kaum 6. Ex abgegangen.
Ihre Ex: vom Shakespear sind richtig, an die Addressen abgegeben: auch der Brief am Hh: v. Schütz den Reimer besorgte. Ich bin beinahe in litterarischer Hinsicht, ganz desorientirt; den seit Anfang dieses Jahres, habe ich bis jezt her, an ein Nerven Fieber, Tödtlich darnieder gelegen: und kann noch nicht wieder zu Kraft kommen. Gefiele es dem Himmel, mich mal von der häußlichen Bürde zu befreien, an der ich, mit weiblichen Schultern, doch wohl zu schwer trage, mache oder wage ich eine Ausflucht, nach Ihrer Gegend hin: in Contignon habe ich eine Freundin, die mir ihr Hauß anbietet. In meiner Krankheit, habe ich eine unbestimmte Sehnsucht, nach Fernes & Fremdes. Da kamm ein jüngrer Mann aus Ihrer Gegend zu mir; als er die Grünen Savoyischen Gebürge nannte, hatte ich den Gegenstand meiner Sehnsucht gefunden; das war das Ferne & das Fremde. Ach! daß ich Ihre Freundin mir gewinnen könnte. Ihren Geist erreiche ich nie; aber auf mein Herz bin ich stolz: es ist mein eignes; ich gab, ich bildete es mir. Einen Geist wie den meinen haben Tausende ud aber Tausende! Und dies Herz, nennt Sie mit Stolz seinen, meinen Freund und ich mich für immer
Ihre
herzliche Ergebne
Unger.
Woltmann der jügst bei der allerneusten Ordnung der Dinge vis a vis de rien gesezt ist, verläßt Berlin, und erscheint vieleicht in Ihren Gegenden mit seiner Donna
[4] A Monsieur
Monsieur A. W. Schlegel
chés Madame de Staël
a
Copet.
P:
Genève
D: du Leman
[1] Berlin d. 2. April 1811.
Ich beantworte Ihren werthen Brief vom 19. März, mit umgehender Post mein theurer Freund; könnte ich, so wie ich wollte und wünschte Sie vernähmen ein Sonores ja! Ach mein Freund, ich bin in einer unangenehmen Lage; welche Alternation! an sich selbst, oder an seinen Freund Treu loß sein zu müssen! In der That mein Freund, dies ist mein Fall. Begnügen Sie sich, diesmal mir, ungefragt eine Bitte zu gewähren; um Ihres verstorbnen Freundes Unger, und um unsres so vieljähriges Verhältniß Willen, gewähren sie mir. Ich kann mich jezt, besondrer Verhältnisse wegen, nicht erklären; erst nach der Leipziger Jubilate Messe vermag ichs. Wollen Sie so lange warten? Vieleicht kann ich Ihnen früher noch, ein zustimmendes ja schicken. Aber, früher vermag ichs nicht. Gewiß, ist Ihre Lage nicht so dringend, daß es Ihnen auf diese kurze Zeit ankäme: mir aber liegt viel sehr viel daran. Ich bin so stolz, Ihre Verlegerin zu sein, so lange es dem Himmel noch gefällt, mich in dieser Pein einzuklemmen. Lassen Sie nicht zu, daß ich ein Gespötte der Litterarischen Troßbuben werde, und daß sie ein Jubilirens über mich erheben: schon machen sich alle, die mit an den Shakespear zerren und züglen sehr laut; und freuen sich, mir den Rang abgelaufen zu haben. Auch Tieck hat sich aufgemacht, und Stücke der alten englischen Bühne bei Reimer zu Tage gefördert. Unter andern, den schon von A W. Schlegel übersezten König Johann. Da hätte ich zu Tieck sagen mögen. Auch du mein Brutus? – Aber ich lasse sie, und kamm stolz daher mit meinen Richard den Dritten geschritten: rufend: hier sind wir! In der That mein Freund, Sie würden sich an, [2] sich, und Ihren Deutschen Landsleuten versündigen, giengen sie auf der ruhmvollen Bahn nicht weiter: den die Erscheinung dieser ersten Abtheilung, hat eine sehr angenehme Sensation erregt, und die Gegeneinanderstellung in den Recensionen, dürfte Ihren Nebenbuhlern eben nicht zu schmeichelhaft und aufmunternd gewesen sein. Noch habe ich meinem Berufe nicht Geschmak u Interresse genug angewonnen, als daß Sie glauben müßten, hier spräche die Verlegerin. Es ist mir warrlich um die Sache; und auch ein wenig – um Ehre. –
Ich habe nun freilich keinen Begrif davon, wie ein Werk über die deutsche Litteratur, so grausam beleidigen kann,, und so grausam gerügt werden muß! Freilich würde auch hier, es anstoß gefunden haben; unsre Censur ist jezt sehr allerte; und die Herren mit den langen Fingern, reichen auch hier her; überdieß bluten wir noch zu heftig, um den schlafenden Löwen nicht gern seine Ruhe zu gönnen. – Sollte aber Ihre edle Freundin, mich beehren, mit einem Erzeugniß ihres hohen Geistes; nun den? den werden sie die arme Berlinerin dankbar finden.
Das altdeutsche wird bei uns, schier zu viel; es ist ein Losen, und ein Singsang umher, worin Leider! ich mit befangen bin; den ich ließ mich durch den Sänger, oder nachsänger der Nibelungen verleiten, und mehr noch durch die Aussicht, daß, so wenig die Sache auch dem gegenwärtigen Geschmack ansprach, sie doch, durch die Vorlesungen die H. v d Hagen, über [3] altdeutsche Poesie bei hiesiger Universität hält noch gewinnen könen; aber – tout au contraire Ich sitze mit meinem Niebellungen Lied, wie mit dem Journale von Docen, Hagen & Büsching, über das altdeutsche, fast auf dem Sande. Von leztem sind kaum 6. Ex abgegangen.
Ihre Ex: vom Shakespear sind richtig, an die Addressen abgegeben: auch der Brief am Hh: v. Schütz den Reimer besorgte. Ich bin beinahe in litterarischer Hinsicht, ganz desorientirt; den seit Anfang dieses Jahres, habe ich bis jezt her, an ein Nerven Fieber, Tödtlich darnieder gelegen: und kann noch nicht wieder zu Kraft kommen. Gefiele es dem Himmel, mich mal von der häußlichen Bürde zu befreien, an der ich, mit weiblichen Schultern, doch wohl zu schwer trage, mache oder wage ich eine Ausflucht, nach Ihrer Gegend hin: in Contignon habe ich eine Freundin, die mir ihr Hauß anbietet. In meiner Krankheit, habe ich eine unbestimmte Sehnsucht, nach Fernes & Fremdes. Da kamm ein jüngrer Mann aus Ihrer Gegend zu mir; als er die Grünen Savoyischen Gebürge nannte, hatte ich den Gegenstand meiner Sehnsucht gefunden; das war das Ferne & das Fremde. Ach! daß ich Ihre Freundin mir gewinnen könnte. Ihren Geist erreiche ich nie; aber auf mein Herz bin ich stolz: es ist mein eignes; ich gab, ich bildete es mir. Einen Geist wie den meinen haben Tausende ud aber Tausende! Und dies Herz, nennt Sie mit Stolz seinen, meinen Freund und ich mich für immer
Ihre
herzliche Ergebne
Unger.
Woltmann der jügst bei der allerneusten Ordnung der Dinge vis a vis de rien gesezt ist, verläßt Berlin, und erscheint vieleicht in Ihren Gegenden mit seiner Donna
[4] A Monsieur
Monsieur A. W. Schlegel
chés Madame de Staël
a
Copet.
P:
Genève
D: du Leman
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