• August Wilhelm von Schlegel to Johann Jakob Horner

  • Place of Dispatch: Coppet · Place of Destination: Zürich · Date: 11.04.1812
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Johann Jakob Horner
  • Place of Dispatch: Coppet
  • Place of Destination: Zürich
  • Date: 11.04.1812
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Zentralbibliothek Zürich
  • Classification Number: Ms. M 8.48
  • Number of Pages: 2 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Incipit: „[1] Coppet d. 11ten April 12
    Hochgeehrtester Herr Professor!
    Als ich die Ehre hatte Ew. Wohlgeb. letzthin zu schreiben, glaubte ich nicht, [...]“
  • Editors: Bamberg, Claudia · Varwig, Olivia
[1] Coppet d. 11ten April 12
Hochgeehrtester Herr Professor!
Als ich die Ehre hatte Ew. Wohlgeb. letzthin zu schreiben, glaubte ich nicht, daß ich schon so bald wieder in dem Falle seyn würde, Sie mit meinen gelehrten oder vielmehr ungelehrten Zudringlichkeiten zu behelligen. Aber bedenken Sie meine Hülflosigkeit in diesem Stück, da ich es unternommen habe, eine Untersuchung zu Ende zu führen, außerhalb Deutschland, die so viele Berührungspunkte mit der deutschen Geschichte hat.
Es kommt mir in Bezug auf das alte Gedicht vom heil. Anno darauf an, das Jahr zu wissen wann dieser Erzbischof von Cöln (gest. am 4ten Dec. 1075.) canonisirt worden. Bodmer nimmt an, das Lobgedicht auf den heil. Anno sey weniger als 50 Jahre nach seinem Tode also vor dem J. 1125 geschrieben. Nach der Sprache und dem Versbau war ich auch geneigt, dieß für wahr zu halten; allein in der Art de verifier les dates steht, seine Gebeine seyen erst im J. 1183 1073 ausgegraben u zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Wäre die förmliche Heiligsprechung erst damals erfolgt, so hätte das Gedicht auch nicht früher geschrieben werden können. Dieß hängt zusammen mit ähnlichen Zweifeln [2] über das Alter des Königs Rother, der trotz der Sprache und den unförmlichen Versen meines Bedünkens erst nach der Stiftung des Herzogthums Meran geschrieben seyn kann. Diese Die Bestätigung dieser Annahmen würde auf den Schluß führen, daß entweder in den gleichzeitigen Hervorbringungen eine äußerst große Ungleichheit in Absicht auf Sprache und Kunst Statt gefunden, oder daß manches, was wir an den Schluß des 12ten Jahrhunderts setzen, beträchtlich überarbeitet worden. Es ist endlich einmal Zeit, die Geschichte unsrer Poesie mit genauer Kritik zu behandeln.
Findet sich in Ihrer Stadtbibliothek vielleicht die Wilkina u Niftunga-Saga von Peringskiöld?
Das Datum der Canonisirung des heil. Anno steht ohne Zweifel im Surius, den ich aber in Bern und in Genf vergeblich gesucht habe.
Verzeihen Sie diese trockenen Zeilen; ich wünschte bald Gelegenheit zu haben, Ihnen meine Plane und Arbeiten mündlich näher mitzutheilen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ew Wohlgeb.
ergebenster
AWSchlegel
[3] [leer]
[4] [leer]
[1] Coppet d. 11ten April 12
Hochgeehrtester Herr Professor!
Als ich die Ehre hatte Ew. Wohlgeb. letzthin zu schreiben, glaubte ich nicht, daß ich schon so bald wieder in dem Falle seyn würde, Sie mit meinen gelehrten oder vielmehr ungelehrten Zudringlichkeiten zu behelligen. Aber bedenken Sie meine Hülflosigkeit in diesem Stück, da ich es unternommen habe, eine Untersuchung zu Ende zu führen, außerhalb Deutschland, die so viele Berührungspunkte mit der deutschen Geschichte hat.
Es kommt mir in Bezug auf das alte Gedicht vom heil. Anno darauf an, das Jahr zu wissen wann dieser Erzbischof von Cöln (gest. am 4ten Dec. 1075.) canonisirt worden. Bodmer nimmt an, das Lobgedicht auf den heil. Anno sey weniger als 50 Jahre nach seinem Tode also vor dem J. 1125 geschrieben. Nach der Sprache und dem Versbau war ich auch geneigt, dieß für wahr zu halten; allein in der Art de verifier les dates steht, seine Gebeine seyen erst im J. 1183 1073 ausgegraben u zur öffentlichen Verehrung ausgestellt. Wäre die förmliche Heiligsprechung erst damals erfolgt, so hätte das Gedicht auch nicht früher geschrieben werden können. Dieß hängt zusammen mit ähnlichen Zweifeln [2] über das Alter des Königs Rother, der trotz der Sprache und den unförmlichen Versen meines Bedünkens erst nach der Stiftung des Herzogthums Meran geschrieben seyn kann. Diese Die Bestätigung dieser Annahmen würde auf den Schluß führen, daß entweder in den gleichzeitigen Hervorbringungen eine äußerst große Ungleichheit in Absicht auf Sprache und Kunst Statt gefunden, oder daß manches, was wir an den Schluß des 12ten Jahrhunderts setzen, beträchtlich überarbeitet worden. Es ist endlich einmal Zeit, die Geschichte unsrer Poesie mit genauer Kritik zu behandeln.
Findet sich in Ihrer Stadtbibliothek vielleicht die Wilkina u Niftunga-Saga von Peringskiöld?
Das Datum der Canonisirung des heil. Anno steht ohne Zweifel im Surius, den ich aber in Bern und in Genf vergeblich gesucht habe.
Verzeihen Sie diese trockenen Zeilen; ich wünschte bald Gelegenheit zu haben, Ihnen meine Plane und Arbeiten mündlich näher mitzutheilen.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ew Wohlgeb.
ergebenster
AWSchlegel
[3] [leer]
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