• August Wilhelm von Schlegel to Sophie Bernhardi

  • Place of Dispatch: Mailand · Place of Destination: München · Date: 09.01.1805
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Sophie Bernhardi
  • Place of Dispatch: Mailand
  • Place of Destination: München
  • Date: 09.01.1805
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335976727
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 1. Der Texte erste Hälfte. 1791‒1808. Bern u.a. ²1969, S. 180‒184.
  • Incipit: „Mailand d. 9ten Jan [180]5
    Ist es denn wirklich Ihre Absicht, meine theuerste Freundin, mich dieses fremde Land ohne alle Nachricht von [...]“
    Language
  • German
Mailand d. 9ten Jan [180]5
Ist es denn wirklich Ihre Absicht, meine theuerste Freundin, mich dieses fremde Land ohne alle Nachricht von Ihnen und den Ihrigen durchstreifen zu lassen? Seit undenklicher Zeit habe ich keine Zeile von Ihrer Hand gehabt, und die letzten waren mit bittern, und wie mir mein Gefühl sagt, nicht verdienten Vorwürfen angefüllt. Ich habe vielfältig geschrieben: einen Brief mit einer weitläuftigen Einlage an Ihren ältesten Bruder, ein paarmal an den jüngsten über das Basrelief nebst einer Anweisung an Desport, und der Empfangschein hierüber ist das einzige Lebenszeichen was auch Tieck seit so geraumer Zeit gegeben. Von der richtigen Ankunft eines auf Frege in Leipzig gestellten Wechsels von 10 Carolin den ich an Sie eingelegt hatte, weiß ich noch nichts. Aber meine Briefe möchten immerhin von Ihnen vernachläßigt werden, wenn ich nur wüßte, wie es Ihnen geht, ob nicht die schlimme Jahrszeit einen Theil von der guten Wirkung der Bäder wieder zerstört hat, was die Engel von Kindern machen, ob Sie nicht Verdruß von B.[ernhardi] erfahren, oder er gar nach W.[eimar] zu reisen gewagt hat, was ich freylich nicht glaube. Da Sie wissen, wie sehr mich dieß alles beschäftigen, und die Ungewißheit darüber mich ängstigen muß, so kann ich es nicht anders erklären als daß entweder Ihr Unwille gegen mich fortdauert, oder Ihre Vergessenheit meiner zunimmt; und ich weiß nicht, welche dieser beyden Vermuthungen ich mehr scheuen soll. Wie dem auch sey, Sie werden mich immer bis zum letzten Athemzuge als den treuergebensten Freund finden, in der Nähe oder Ferne, und wie sich auch der Plan Ihres Lebens wenden mag. Ihre Zufriedenheit, Ihr Glück wird immer meine theuerste Angelegenheit seyn; wie sollte ich den schönsten Bestrebungen jemals abtrünnig werden?
Ich habe zwar auch einige Wochen hindurch nicht geschrieben, allein die Umstände meiner Reise machten mir es unmöglich. Von Genf langten wir nach drey Tagen in Lyon an, blieben nur wenige Tage dort, und legten hierauf in neun Tagen den nicht sehr beschwerlichen Weg durch Savoyen und über den Mont Cenis nach Turin zurück. Hier blieben wir 8 Tage, aber es konnte nichts helfen von da aus zu schreiben, weil die Briefe aus allen Provinzen selbst an der Gränze erst nach Paris gehen und also einen großen Umweg hätten machen müssen um zu Ihnen zu gelangen. Erst hier habe ich die Möglichkeit einen Brief grade nach Deutschland zu befördern. Wir sind zwar schon 10 Tage hier, ich habe aber von Tage zu Tage verschoben Ihnen zu schreiben, weil ich immer auf Briefe hoffte. Fr.[au] v. St.[aël] hat auch wirklich welche aus Deutschland erhalten, und wäre etwas für mich in Coppet angekommen, so würde es unfehlbar richtig in meine Hände gelangt seyn. Ihre Vorwürfe haben mich so abgeschreckt, daß ich auch diese Blätter möchte liegen lassen, ob nicht etwan vor meiner Abreise von hier noch etwas eintrifft, um vorher zu erfahren ob Sie versöhnt sind, und sogleich eine Antwort beyzufügen, da alles dieß in gänzlicher Unwissenheit Ihrer Lage und Gesinnungen geschrieben ist.
Die Reise würde mir viel Vergnügen machen wenn nicht meine Gedanken durch und für Sie geängstigt würden. Wiewohl noch im Norden Italiens, empfinden wir doch die größere Milde des Himmels, selbst diese weniger dafür bekannten Städte Turin und Mailand, wo wir uns länger aufhalten als ich eigentlich wünschte, sind nicht ganz arm an Kunstwerken, meine Fortschritte im Italiänisch Sprechen, wozu ich denn besonders die Zeit benutze, da es für den Anblick großer Gegenstände weniger geschehen kann, fangen an mir Vergnügen zu machen. Fr.[au] v. St.[aël] wird überall mit der größten Auszeichnung aufgenommen, und der Vortheil davon kommt mir natürlich mit zu Gute. In Turin hat uns der General Menou in den Prachtzimmern des Königs von Sardinien aufs beste bewirthet, seine Frau zu sehen, die von Mahomet abstammt, dazu wurde freylich nur meine Reisegefährtin mit ihren Kindern zugelassen. Hier sehen wir täglich zwey der ausgezeichnetsten Italiänischen Gelehrten: den Arzt Moscati, der durch seine in der politischen Laufbahn erlittnen Unglücksfälle so bekannt ist, und den Dichter Monti, der Italiänische Verse entzückend vorliest und mir mit Stellen aus dem Dante viele Thränen abgelockt hat, andere angenehme Bekanntschaften nicht zu erwähnen. Ein Genfer Namens Simonde, der aber halb in Italien einheimisch ist, hat sich zu uns gesellt, und wird die übrige Reise mit uns machen. Constant ist in Paris, um die Angelegenheiten seiner Freundin zu betreiben; noch ist aber weder wegen der Geldfoderung noch der Rückkehr eine irgend befriedigende Aussicht gewonnen worden. Lucien Bonaparte ist hier, incognito unter einem fremden Namen, und sieht keinen Menschen; jedoch hat er und seine Frau Fr.[au] v. St.[aël] öfter bey sich gesehen und sie sehr gut aufgenommen. – Er geht auf den Frühling nach der Schweiz, und nicht nach Rom zurück, was mir für Tieck nicht lieb ist; denn da er ein großer Kunstliebhaber so hätte er vielleicht sich für ihn interessirt und ihn vortheilhaft beschäftigt. – In drey Tagen reisen wir von hier, und halten uns dann bis Neapel nicht weiter auf, als einige Tage in Bologna und in Rom, wohin wir erst mit Anfang der Fasten zurückkehren. Die Zeit zur Reise ist durch den anfänglichen Aufschub und den verlängerten Aufenthalt in der Lombardey sehr beengt, und manches werde ich deswegen bey allem Eifer versäumen müssen. Leider fällt Florenz und Toscana weg wegen der Cordons, die zu einer Quarantaine nöthig wurden. Man fürchtet im Frühlinge Wiederausbruch der Krankheit, die wirklich das gelbe Fieber war, und wird daher in den Vorsichtsmaßregeln nichts nachlassen. Alles dieß wissen wir durch Moscati, der als Arzt und Regierungs-Mitglied am besten unterrichtet seyn kann.
Aus Deutschland habe ich verschiednes erfahren, durch Joh. Müller in Berlin, auch durch Briefe aus Weimar; nur meine Freunde melden mir nichts, und es ergeht mir eben so wie meinem Bruder, schnell in ihre Vergessenheit zu gerathen. Dieser ist immer noch in Paris, mit Indischen Studien besonders dem Abschreiben der Sacontala beschäftigt; er war eine Zeit lang unwohl. – Einen Brief habe ich aus Deutschland erhalten, der mir aber äusserst unangenehm seyn mußte: von Reimer. Er jammert nicht nur ganz ungebührlich über die Verzögerung des Spanischen Theaters, sondern da ich auf seine früheren Klagen mich erboten ihm den dadurch verursachten Schaden zu ersetzen, in der Meynung ihm die Zinsen des vorgeschoßnen Honorars, höchstens noch die Zinsen der Druckkosten bis zur Erscheinung des Bandes zurückzuzahlen, so verlangt er – stellen Sie sich vor! – ein Darlehn von 1000 rth. ohne Zinsen bis ein Jahr nach Erscheinen des Buchs. Solche abgeschmackte Foderungen zurückzuweisen, dieß ist es nun freylich nicht, was mich in Verlegenheit setzt; aber leider erwähnt er auch, daß meine Rechnung bey ihm für Bücher, nebst den Auslagen sich auf 30 L[oui]sd.[or] beläuft, und diese muß ich allerdings so bald als möglich abtragen wenn ich ihm nicht zu gegründeten Beschwerden Anlaß geben will. Sogleich nach meiner Rückkehr in der Schweiz denke ich zwar den 2ten Band des Spanischen Theaters fertig auszuarbeiten, aber dieß hilft mir dazu nichts, da er schon im voraus bezahlt ist; und an einen dritten ist so bald nicht zu denken da ich zuvor einen Band vom Shakspeare schuldig, indem Unger so gefällig 40 L[oui]sd.[or] für mich an Hufeland ausgezahlt hat. Ich schicke ihm jetzt eben eine erneuerte Anzeige über die Fortsetzung des Shakspeare, nebst meiner Quittung, worin ich mich anheischig mache, im unverhofften Fall einer allzulangen Verzögerung ihm die Summe zurückzuzahlen. Ich muß ihn nothwendig bey guter Laune erhalten.
Alles dieß erfüllt mich mit mannichfaltigen Geldsorgen, zudem bin ich jetzt gar nicht in Vorrath. Lassen Sie sich die Langeweile einer Ihnen abgelegten Rechnung als einen Beweis meines redlichen Eifers nicht verdrießen. Meiner Mutter habe ich vor der Abreise, zum Ersatz dessen was sie durch die gegenwärtigen Umstände einbüßt, 8 Carolin geschickt; mein Bruder hat von Paris aus noch 6 Carolin auf mich assignirt, die ich ihm nicht verweigern konnte, da er mit dem was ich von Fr.[au] v. St.[aël] für seine Reisekosten erhalten, nicht ausgekommen war und sich in Verlegenheit befand. Es war unumgänglich, mich vor der Reise mit verschiednen Bedürfnissen an Wäsche, Kleidern usw. zu versehen, wofür ich noch eine Auslage von 10 Carolin schuldig bin. Während der Reise habe ich für Wäsche und Trinkgelder mehr Ausgaben als gewöhnlich. Dieß alles zusammen macht, daß mir noch ein oder zweymal mein monatliches Einkommen von zehn Carolin durch die Hände gehen wird, so wie ich es bekomme. Ich habe also kein andres Mittel Freunden zu dienen als durch ein außerordentliches Anliegen an meine Gönnerin und Freundin, und erwarte mit Ungeduld Ihre und Ihres Bruders Entschlüsse wegen der Reise nach Italien, und Nachricht über die dazu vorhandnen und noch erfoderlichen Mittel. Was irgend in meinen Kräften steht, daran soll es weder jetzt noch in Zukunft fehlen.
Tiecks Stillschweigen über den Empfang der Zeichnungen für das Basrelief die vermuthlich also spät angekommen sind, und die neuen Aufträge, von denen er in seinem letzten Briefe schrieb, lassen mich befürchten, daß er länger in Weimar aufgehalten werden wird, als er rechnete. Sollte er zu spät abreisen, um noch vor der Mitte Aprils in Rom einzutreffen, so müßten wir eine Zusammenkunft in Venedig verabreden, welches von Verona aus, da Sie ebenfalls Toscana werden vermeiden und am Adriatischen Meere hinunterreisen müssen, wenig aus dem Wege liegt. Unendlich schöner wäre es freylich sich in Rom zu finden. Haben Sie die Güte, Ihren nächsten Brief nicht nach Coppet, sondern geradezu nach Rom zu schicken mit der Addresse: A Mr. Schlegel chez Mme. de Staël-Holstein aux soins de Mr. Marin Torlonia Banquier; so finde ich ihn gewiß bey meiner Rückkehr von Neapel vor, und werde dann keinen Posttag mit der Beantwortung versäumen.
Mich verlangt unaussprechlich zu wissen wie es Ihnen geht, ob Sie sich in Weimar für den Winter erfreulich haben einrichten können, was Wilhelm und Felix machen, ob sie noch immer so schön heranblühen. Geben Sie mir auch Nachricht von dem ältesten Bruder und den übrigen Freunden. Wenn Maria Alberti noch bey Ihnen ist, so bestellen Sie ihr meine freundschaftlichsten Grüße. Auch Vo[i]gts bitte ich mich zu empfehlen.
Wie wünsche ich Sie erst in Italien willkommen zu heißen! Ich betrachte mich nur als Ihren Vorläufer und Wegebereiter. Noch befinde ich mich in den Vorstädten des herrlichen Landes, in der ungünstigsten Jahrszeit, und doch spüre ich den wohlthätigen Einfluß. Der milde und kurze Winter, Früchte in allen Jahrszeiten, eine größere Sorglosigkeit der Lebensart, die himmlische Musik, die schönen Gemählde, die ernsten Ruinen, die üppige Natur, die Entfernung selbst von so manchen Erinnerungen, die in Deutschland Sie drückten, Beschäftigung mit der geliebten Poesie in dieser Umgebung: alles dieß muß Ihrem zarten Gemüth und Körper wohl thun, und ich hoffe endlich meinen Lieblingstraum erfüllt zu sehen, daß Sie in der heitersten Jugend wieder aufblühen. Ich werde mich dann genugsam glücklich schätzen, wenn Sie meiner nicht vergessen, und ein schwesterliches Gefühl meiner unerschütterlich treuen Freundschaft behalten. Leben Sie tausendmal wohl, meine innigsten Wünsche sind bey Ihnen. Ich herze in Gedanken die Kinder, und bitte Sie Ihnen meinen Namen zu nennen nebst den goldensten Versprechungen von Geschenken an Spielsachen und Näschereyen, so bald ich sie wiedersehe.
Das nächstemal schreibe ich aus Rom oder Neapel.
Mailand d. 9ten Jan [180]5
Ist es denn wirklich Ihre Absicht, meine theuerste Freundin, mich dieses fremde Land ohne alle Nachricht von Ihnen und den Ihrigen durchstreifen zu lassen? Seit undenklicher Zeit habe ich keine Zeile von Ihrer Hand gehabt, und die letzten waren mit bittern, und wie mir mein Gefühl sagt, nicht verdienten Vorwürfen angefüllt. Ich habe vielfältig geschrieben: einen Brief mit einer weitläuftigen Einlage an Ihren ältesten Bruder, ein paarmal an den jüngsten über das Basrelief nebst einer Anweisung an Desport, und der Empfangschein hierüber ist das einzige Lebenszeichen was auch Tieck seit so geraumer Zeit gegeben. Von der richtigen Ankunft eines auf Frege in Leipzig gestellten Wechsels von 10 Carolin den ich an Sie eingelegt hatte, weiß ich noch nichts. Aber meine Briefe möchten immerhin von Ihnen vernachläßigt werden, wenn ich nur wüßte, wie es Ihnen geht, ob nicht die schlimme Jahrszeit einen Theil von der guten Wirkung der Bäder wieder zerstört hat, was die Engel von Kindern machen, ob Sie nicht Verdruß von B.[ernhardi] erfahren, oder er gar nach W.[eimar] zu reisen gewagt hat, was ich freylich nicht glaube. Da Sie wissen, wie sehr mich dieß alles beschäftigen, und die Ungewißheit darüber mich ängstigen muß, so kann ich es nicht anders erklären als daß entweder Ihr Unwille gegen mich fortdauert, oder Ihre Vergessenheit meiner zunimmt; und ich weiß nicht, welche dieser beyden Vermuthungen ich mehr scheuen soll. Wie dem auch sey, Sie werden mich immer bis zum letzten Athemzuge als den treuergebensten Freund finden, in der Nähe oder Ferne, und wie sich auch der Plan Ihres Lebens wenden mag. Ihre Zufriedenheit, Ihr Glück wird immer meine theuerste Angelegenheit seyn; wie sollte ich den schönsten Bestrebungen jemals abtrünnig werden?
Ich habe zwar auch einige Wochen hindurch nicht geschrieben, allein die Umstände meiner Reise machten mir es unmöglich. Von Genf langten wir nach drey Tagen in Lyon an, blieben nur wenige Tage dort, und legten hierauf in neun Tagen den nicht sehr beschwerlichen Weg durch Savoyen und über den Mont Cenis nach Turin zurück. Hier blieben wir 8 Tage, aber es konnte nichts helfen von da aus zu schreiben, weil die Briefe aus allen Provinzen selbst an der Gränze erst nach Paris gehen und also einen großen Umweg hätten machen müssen um zu Ihnen zu gelangen. Erst hier habe ich die Möglichkeit einen Brief grade nach Deutschland zu befördern. Wir sind zwar schon 10 Tage hier, ich habe aber von Tage zu Tage verschoben Ihnen zu schreiben, weil ich immer auf Briefe hoffte. Fr.[au] v. St.[aël] hat auch wirklich welche aus Deutschland erhalten, und wäre etwas für mich in Coppet angekommen, so würde es unfehlbar richtig in meine Hände gelangt seyn. Ihre Vorwürfe haben mich so abgeschreckt, daß ich auch diese Blätter möchte liegen lassen, ob nicht etwan vor meiner Abreise von hier noch etwas eintrifft, um vorher zu erfahren ob Sie versöhnt sind, und sogleich eine Antwort beyzufügen, da alles dieß in gänzlicher Unwissenheit Ihrer Lage und Gesinnungen geschrieben ist.
Die Reise würde mir viel Vergnügen machen wenn nicht meine Gedanken durch und für Sie geängstigt würden. Wiewohl noch im Norden Italiens, empfinden wir doch die größere Milde des Himmels, selbst diese weniger dafür bekannten Städte Turin und Mailand, wo wir uns länger aufhalten als ich eigentlich wünschte, sind nicht ganz arm an Kunstwerken, meine Fortschritte im Italiänisch Sprechen, wozu ich denn besonders die Zeit benutze, da es für den Anblick großer Gegenstände weniger geschehen kann, fangen an mir Vergnügen zu machen. Fr.[au] v. St.[aël] wird überall mit der größten Auszeichnung aufgenommen, und der Vortheil davon kommt mir natürlich mit zu Gute. In Turin hat uns der General Menou in den Prachtzimmern des Königs von Sardinien aufs beste bewirthet, seine Frau zu sehen, die von Mahomet abstammt, dazu wurde freylich nur meine Reisegefährtin mit ihren Kindern zugelassen. Hier sehen wir täglich zwey der ausgezeichnetsten Italiänischen Gelehrten: den Arzt Moscati, der durch seine in der politischen Laufbahn erlittnen Unglücksfälle so bekannt ist, und den Dichter Monti, der Italiänische Verse entzückend vorliest und mir mit Stellen aus dem Dante viele Thränen abgelockt hat, andere angenehme Bekanntschaften nicht zu erwähnen. Ein Genfer Namens Simonde, der aber halb in Italien einheimisch ist, hat sich zu uns gesellt, und wird die übrige Reise mit uns machen. Constant ist in Paris, um die Angelegenheiten seiner Freundin zu betreiben; noch ist aber weder wegen der Geldfoderung noch der Rückkehr eine irgend befriedigende Aussicht gewonnen worden. Lucien Bonaparte ist hier, incognito unter einem fremden Namen, und sieht keinen Menschen; jedoch hat er und seine Frau Fr.[au] v. St.[aël] öfter bey sich gesehen und sie sehr gut aufgenommen. – Er geht auf den Frühling nach der Schweiz, und nicht nach Rom zurück, was mir für Tieck nicht lieb ist; denn da er ein großer Kunstliebhaber so hätte er vielleicht sich für ihn interessirt und ihn vortheilhaft beschäftigt. – In drey Tagen reisen wir von hier, und halten uns dann bis Neapel nicht weiter auf, als einige Tage in Bologna und in Rom, wohin wir erst mit Anfang der Fasten zurückkehren. Die Zeit zur Reise ist durch den anfänglichen Aufschub und den verlängerten Aufenthalt in der Lombardey sehr beengt, und manches werde ich deswegen bey allem Eifer versäumen müssen. Leider fällt Florenz und Toscana weg wegen der Cordons, die zu einer Quarantaine nöthig wurden. Man fürchtet im Frühlinge Wiederausbruch der Krankheit, die wirklich das gelbe Fieber war, und wird daher in den Vorsichtsmaßregeln nichts nachlassen. Alles dieß wissen wir durch Moscati, der als Arzt und Regierungs-Mitglied am besten unterrichtet seyn kann.
Aus Deutschland habe ich verschiednes erfahren, durch Joh. Müller in Berlin, auch durch Briefe aus Weimar; nur meine Freunde melden mir nichts, und es ergeht mir eben so wie meinem Bruder, schnell in ihre Vergessenheit zu gerathen. Dieser ist immer noch in Paris, mit Indischen Studien besonders dem Abschreiben der Sacontala beschäftigt; er war eine Zeit lang unwohl. – Einen Brief habe ich aus Deutschland erhalten, der mir aber äusserst unangenehm seyn mußte: von Reimer. Er jammert nicht nur ganz ungebührlich über die Verzögerung des Spanischen Theaters, sondern da ich auf seine früheren Klagen mich erboten ihm den dadurch verursachten Schaden zu ersetzen, in der Meynung ihm die Zinsen des vorgeschoßnen Honorars, höchstens noch die Zinsen der Druckkosten bis zur Erscheinung des Bandes zurückzuzahlen, so verlangt er – stellen Sie sich vor! – ein Darlehn von 1000 rth. ohne Zinsen bis ein Jahr nach Erscheinen des Buchs. Solche abgeschmackte Foderungen zurückzuweisen, dieß ist es nun freylich nicht, was mich in Verlegenheit setzt; aber leider erwähnt er auch, daß meine Rechnung bey ihm für Bücher, nebst den Auslagen sich auf 30 L[oui]sd.[or] beläuft, und diese muß ich allerdings so bald als möglich abtragen wenn ich ihm nicht zu gegründeten Beschwerden Anlaß geben will. Sogleich nach meiner Rückkehr in der Schweiz denke ich zwar den 2ten Band des Spanischen Theaters fertig auszuarbeiten, aber dieß hilft mir dazu nichts, da er schon im voraus bezahlt ist; und an einen dritten ist so bald nicht zu denken da ich zuvor einen Band vom Shakspeare schuldig, indem Unger so gefällig 40 L[oui]sd.[or] für mich an Hufeland ausgezahlt hat. Ich schicke ihm jetzt eben eine erneuerte Anzeige über die Fortsetzung des Shakspeare, nebst meiner Quittung, worin ich mich anheischig mache, im unverhofften Fall einer allzulangen Verzögerung ihm die Summe zurückzuzahlen. Ich muß ihn nothwendig bey guter Laune erhalten.
Alles dieß erfüllt mich mit mannichfaltigen Geldsorgen, zudem bin ich jetzt gar nicht in Vorrath. Lassen Sie sich die Langeweile einer Ihnen abgelegten Rechnung als einen Beweis meines redlichen Eifers nicht verdrießen. Meiner Mutter habe ich vor der Abreise, zum Ersatz dessen was sie durch die gegenwärtigen Umstände einbüßt, 8 Carolin geschickt; mein Bruder hat von Paris aus noch 6 Carolin auf mich assignirt, die ich ihm nicht verweigern konnte, da er mit dem was ich von Fr.[au] v. St.[aël] für seine Reisekosten erhalten, nicht ausgekommen war und sich in Verlegenheit befand. Es war unumgänglich, mich vor der Reise mit verschiednen Bedürfnissen an Wäsche, Kleidern usw. zu versehen, wofür ich noch eine Auslage von 10 Carolin schuldig bin. Während der Reise habe ich für Wäsche und Trinkgelder mehr Ausgaben als gewöhnlich. Dieß alles zusammen macht, daß mir noch ein oder zweymal mein monatliches Einkommen von zehn Carolin durch die Hände gehen wird, so wie ich es bekomme. Ich habe also kein andres Mittel Freunden zu dienen als durch ein außerordentliches Anliegen an meine Gönnerin und Freundin, und erwarte mit Ungeduld Ihre und Ihres Bruders Entschlüsse wegen der Reise nach Italien, und Nachricht über die dazu vorhandnen und noch erfoderlichen Mittel. Was irgend in meinen Kräften steht, daran soll es weder jetzt noch in Zukunft fehlen.
Tiecks Stillschweigen über den Empfang der Zeichnungen für das Basrelief die vermuthlich also spät angekommen sind, und die neuen Aufträge, von denen er in seinem letzten Briefe schrieb, lassen mich befürchten, daß er länger in Weimar aufgehalten werden wird, als er rechnete. Sollte er zu spät abreisen, um noch vor der Mitte Aprils in Rom einzutreffen, so müßten wir eine Zusammenkunft in Venedig verabreden, welches von Verona aus, da Sie ebenfalls Toscana werden vermeiden und am Adriatischen Meere hinunterreisen müssen, wenig aus dem Wege liegt. Unendlich schöner wäre es freylich sich in Rom zu finden. Haben Sie die Güte, Ihren nächsten Brief nicht nach Coppet, sondern geradezu nach Rom zu schicken mit der Addresse: A Mr. Schlegel chez Mme. de Staël-Holstein aux soins de Mr. Marin Torlonia Banquier; so finde ich ihn gewiß bey meiner Rückkehr von Neapel vor, und werde dann keinen Posttag mit der Beantwortung versäumen.
Mich verlangt unaussprechlich zu wissen wie es Ihnen geht, ob Sie sich in Weimar für den Winter erfreulich haben einrichten können, was Wilhelm und Felix machen, ob sie noch immer so schön heranblühen. Geben Sie mir auch Nachricht von dem ältesten Bruder und den übrigen Freunden. Wenn Maria Alberti noch bey Ihnen ist, so bestellen Sie ihr meine freundschaftlichsten Grüße. Auch Vo[i]gts bitte ich mich zu empfehlen.
Wie wünsche ich Sie erst in Italien willkommen zu heißen! Ich betrachte mich nur als Ihren Vorläufer und Wegebereiter. Noch befinde ich mich in den Vorstädten des herrlichen Landes, in der ungünstigsten Jahrszeit, und doch spüre ich den wohlthätigen Einfluß. Der milde und kurze Winter, Früchte in allen Jahrszeiten, eine größere Sorglosigkeit der Lebensart, die himmlische Musik, die schönen Gemählde, die ernsten Ruinen, die üppige Natur, die Entfernung selbst von so manchen Erinnerungen, die in Deutschland Sie drückten, Beschäftigung mit der geliebten Poesie in dieser Umgebung: alles dieß muß Ihrem zarten Gemüth und Körper wohl thun, und ich hoffe endlich meinen Lieblingstraum erfüllt zu sehen, daß Sie in der heitersten Jugend wieder aufblühen. Ich werde mich dann genugsam glücklich schätzen, wenn Sie meiner nicht vergessen, und ein schwesterliches Gefühl meiner unerschütterlich treuen Freundschaft behalten. Leben Sie tausendmal wohl, meine innigsten Wünsche sind bey Ihnen. Ich herze in Gedanken die Kinder, und bitte Sie Ihnen meinen Namen zu nennen nebst den goldensten Versprechungen von Geschenken an Spielsachen und Näschereyen, so bald ich sie wiedersehe.
Das nächstemal schreibe ich aus Rom oder Neapel.
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