• August Wilhelm von Schlegel to August Ludwig Hülsen

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Unknown · Date: 18.12.1801
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: August Ludwig Hülsen
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 18.12.1801
  • Notations: Empfänger erschlossen. Die Erschließung ist plausibel, aber nicht sicher.
    Manuscript
  • Provider: Goethe-Museum Düsseldorf
  • Number of Pages: 2 Doppelblätter, 5 1/2 S. beschrieben
  • Format: 18,5 x 11,4 cm
  • Incipit: „[1] Berlin d. 18 Dec. 1801
    Ihre Sendung, werthester Freund, hat mir eine große und überraschende Freude gemacht. Ich hatte noch [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
[1] Berlin d. 18 Dec. 1801
Ihre Sendung, werthester Freund, hat mir eine große und überraschende Freude gemacht. Ich hatte noch eine Schuld gegen Sie auf dem Herzen, einen Brief nicht beantwortet zu haben, den ich vor geraumer Zeit von Ihnen erhielt. Gewiß war nicht Mangel an Theilnahme Schuld daran, vielmehr nahm ich ihn mit der innigsten auf; mich hatten ähnliche Unglücksfälle betroffen, womit ich Ihre Erzählung erwiedern mußte, welches bey unsrer damaligen Stimmung uns beyde aufs äußerste bewegen mußte. Jetzt haben Sie wieder froheren Lebensmuth genommen, und ich habe zwar meine Trauer nicht überwunden, was nie geschehen wird, aber ich kann von dem unersetzlichsten Verluste meines Lebens reden, und dabey meiner mächtig bleiben. Ich will Ihnen nur eine kurze Erzählung machen, da ich nicht voraussetzen kann, daß Sie in Ihrer Zurückgezogenheit davon gehört haben.
Im Winter vor zwey Jahren ward meine Frau von einem sehr gefährlichen Nervenfieber niedergeworfen, und wohl ein Vierteljahr [2] bettlägrig erhalten. Nur mit Mühe erhohlte sie sich gegen den Frühling, u ihr wurde verordnet sogleich eine Reise zu machen, um sich durch den Gebrauch eines Mineralbads vollends wieder herzustellen. Sie reiste deswegen nach Franken, wohin ihre Tochter, unsre theure Auguste, sie begleitete. Kaum waren Sie vierzehn Tage an dem Badeorte gewesen, als diese, vermuthlich von einer zufälligen Verkältung die Ruhr bekam und innerhalb zwölf Tagen weggerafft wurde. Meine Frau, die auf dem Wege zur Besserung war, fiel durch diesen betrübenden u ihr alles raubenden Schlag in die äußerste Schwäche zurück, und kränkelt nun seit anderthalb Jahren beständig. Sie begab sich aus dem Bade nach Bamberg, welches nur eine Tagereise davon liegt, und wo sie den Rath zweyer vortrefflicher Ärzte, u unsrer sehr wakern Freunde haben konnte. Ich reiste sogleich dahin, um ihr Gesellschaft zu leisten, und sie, wo möglich aufzuheitern; wir brachten den Rest des Sommers in untröstlich trauerndem Andenken in Bamberg zu, im Herbste begleitete [3] ich sie zu ihrer Mutter u Schwester nach Braunschweig, wo ich sie gegen Ende Februars zurückließ, um meine hiesigen Freunde zu besuchen. Bis in die Hälfte des Sommers blieb ich hier, u reiste dann nach Jena zurück, wohin Caroline schon im Frühlinge in Begleitung ihrer Schwester gegangen war. Seit Anfang Novembers bin ich nun wieder hier, und führe einen Plan aus, der im Sommer gefaßt ward, nämlich Vorlesungen zu geben, um mir durch den Ertrag dieser Arbeit die Mittel des Aufenthaltes hier im Kreise meiner Freunde zu verschaffen, wozu außer Bernhardiʼs und Schleiermacher, verschiedne andre geistreiche Männer gehören; Fichte, der nicht so viel Theil nimmt, nicht zu vergessen.
Als ich Ihren Brief erhielt, erwartete ich eben einen Besuch meines Bruders hier, und schickte deswegen den Ihrigen an ihn nicht ab. Er ist auch jetzt angekommen, und wohnt bey Schleiermacher, mit dem er gemeinschaftlich die Arbeit vorhat, den Plato zu übersetzen, worüber sie sich denn mündlig [4] berathen. Er hat sich Ihrer Sendung ebenfalls außerordentlich gefreut, und wenn Sie noch keinen Brief von ihm empfangen haben, so wird seiner dem meinigen gewiß bald nachfolgen.
Unsre lebhafteste Bitte an Sie ist nun, doch recht bald einen Besuch hier zu machen. Sie werden in unserm Kreise mit der herzlichsten Freude bewillkommt werden. Mein Bruder bleibt bis in den Januar, es ist noch unentschieden wie lange; doch hoffe ich, er wird uns nicht so schnell verlassen. Der Dichter Tiek hatte versprochen, auch diesen Winter aus Dresden, wo er lebt u wo mein Bruder demnächst hingeht, einen Besuch hier zu machen, doch hoffe ich nach seinen letzten Briefen kaum daß er dazu kommt. Dagegen lebt sein Bruder, der Bildhauer Tiek jetzt mit uns.
In der gewissen Hoffnung Sie bald zu sehen, verspare ich eigentlich alles aufs mündliche. Nur noch einige kurze Nachrichten will ich hinzufügen.
Unser unvergeßlicher Freund Hardenberg [5] ist uns vorigen Frühling durch ein auszehrendes Übel entrissen worden, mein Bruder war bey seinem Tode gegenwärtig. Ein herber Verlust für uns und für alles das, was wir mit unserm besten Streben zu erreichen suchen.
Schelling lebt in Jena in großer Thätigkeit und seine Vorlesungen werden mit ungemeinem Eifer besucht. Von seinem Journal für speculative Physik sind vier Hefte erschienen, wovon das letzte besonders wichtig. – Fichte arbeitet an seiner Neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, worauf er, wie er mir sagte, die ganze Kraft seines Geistes wenden wolle. – Vom Athenäum hat der Buchhändler noch einen 4ten Band übernommen: das erste Heft habe ich mit einer großen kritischen Arbeit anzufüllen versprochen, das zweyte mein Bruder mit einer philosophischen. Wie bald etwas erscheint, kann ich noch nicht sagen.
Gries lebt in Jena, u bleibt, so viel ich weiß, den Winter noch da. Der zweyte Band seines Tasso ist in der Michaelis-Messe [6] erschienen. – Empfehlen Sie mich doch unbekannter Weise dem Hrn. v. Fouqué, die Proben eines wahrhaft dichterischen Geistes in den mitgetheilten Sachen haben mich sehr erfreut. Sagen Sie ihm, daß ich mich glücklich schätze, wenn unser Almanach ihm in seiner Einsamkeit einige heitre Stunden hat machen können.
Leben Sie indessen recht wohl, u kommen Sie baldigst, das ist die wiederhohlte Bitte
Ihres Freundes
AWSchlegel
[1] Berlin d. 18 Dec. 1801
Ihre Sendung, werthester Freund, hat mir eine große und überraschende Freude gemacht. Ich hatte noch eine Schuld gegen Sie auf dem Herzen, einen Brief nicht beantwortet zu haben, den ich vor geraumer Zeit von Ihnen erhielt. Gewiß war nicht Mangel an Theilnahme Schuld daran, vielmehr nahm ich ihn mit der innigsten auf; mich hatten ähnliche Unglücksfälle betroffen, womit ich Ihre Erzählung erwiedern mußte, welches bey unsrer damaligen Stimmung uns beyde aufs äußerste bewegen mußte. Jetzt haben Sie wieder froheren Lebensmuth genommen, und ich habe zwar meine Trauer nicht überwunden, was nie geschehen wird, aber ich kann von dem unersetzlichsten Verluste meines Lebens reden, und dabey meiner mächtig bleiben. Ich will Ihnen nur eine kurze Erzählung machen, da ich nicht voraussetzen kann, daß Sie in Ihrer Zurückgezogenheit davon gehört haben.
Im Winter vor zwey Jahren ward meine Frau von einem sehr gefährlichen Nervenfieber niedergeworfen, und wohl ein Vierteljahr [2] bettlägrig erhalten. Nur mit Mühe erhohlte sie sich gegen den Frühling, u ihr wurde verordnet sogleich eine Reise zu machen, um sich durch den Gebrauch eines Mineralbads vollends wieder herzustellen. Sie reiste deswegen nach Franken, wohin ihre Tochter, unsre theure Auguste, sie begleitete. Kaum waren Sie vierzehn Tage an dem Badeorte gewesen, als diese, vermuthlich von einer zufälligen Verkältung die Ruhr bekam und innerhalb zwölf Tagen weggerafft wurde. Meine Frau, die auf dem Wege zur Besserung war, fiel durch diesen betrübenden u ihr alles raubenden Schlag in die äußerste Schwäche zurück, und kränkelt nun seit anderthalb Jahren beständig. Sie begab sich aus dem Bade nach Bamberg, welches nur eine Tagereise davon liegt, und wo sie den Rath zweyer vortrefflicher Ärzte, u unsrer sehr wakern Freunde haben konnte. Ich reiste sogleich dahin, um ihr Gesellschaft zu leisten, und sie, wo möglich aufzuheitern; wir brachten den Rest des Sommers in untröstlich trauerndem Andenken in Bamberg zu, im Herbste begleitete [3] ich sie zu ihrer Mutter u Schwester nach Braunschweig, wo ich sie gegen Ende Februars zurückließ, um meine hiesigen Freunde zu besuchen. Bis in die Hälfte des Sommers blieb ich hier, u reiste dann nach Jena zurück, wohin Caroline schon im Frühlinge in Begleitung ihrer Schwester gegangen war. Seit Anfang Novembers bin ich nun wieder hier, und führe einen Plan aus, der im Sommer gefaßt ward, nämlich Vorlesungen zu geben, um mir durch den Ertrag dieser Arbeit die Mittel des Aufenthaltes hier im Kreise meiner Freunde zu verschaffen, wozu außer Bernhardiʼs und Schleiermacher, verschiedne andre geistreiche Männer gehören; Fichte, der nicht so viel Theil nimmt, nicht zu vergessen.
Als ich Ihren Brief erhielt, erwartete ich eben einen Besuch meines Bruders hier, und schickte deswegen den Ihrigen an ihn nicht ab. Er ist auch jetzt angekommen, und wohnt bey Schleiermacher, mit dem er gemeinschaftlich die Arbeit vorhat, den Plato zu übersetzen, worüber sie sich denn mündlig [4] berathen. Er hat sich Ihrer Sendung ebenfalls außerordentlich gefreut, und wenn Sie noch keinen Brief von ihm empfangen haben, so wird seiner dem meinigen gewiß bald nachfolgen.
Unsre lebhafteste Bitte an Sie ist nun, doch recht bald einen Besuch hier zu machen. Sie werden in unserm Kreise mit der herzlichsten Freude bewillkommt werden. Mein Bruder bleibt bis in den Januar, es ist noch unentschieden wie lange; doch hoffe ich, er wird uns nicht so schnell verlassen. Der Dichter Tiek hatte versprochen, auch diesen Winter aus Dresden, wo er lebt u wo mein Bruder demnächst hingeht, einen Besuch hier zu machen, doch hoffe ich nach seinen letzten Briefen kaum daß er dazu kommt. Dagegen lebt sein Bruder, der Bildhauer Tiek jetzt mit uns.
In der gewissen Hoffnung Sie bald zu sehen, verspare ich eigentlich alles aufs mündliche. Nur noch einige kurze Nachrichten will ich hinzufügen.
Unser unvergeßlicher Freund Hardenberg [5] ist uns vorigen Frühling durch ein auszehrendes Übel entrissen worden, mein Bruder war bey seinem Tode gegenwärtig. Ein herber Verlust für uns und für alles das, was wir mit unserm besten Streben zu erreichen suchen.
Schelling lebt in Jena in großer Thätigkeit und seine Vorlesungen werden mit ungemeinem Eifer besucht. Von seinem Journal für speculative Physik sind vier Hefte erschienen, wovon das letzte besonders wichtig. – Fichte arbeitet an seiner Neuen Darstellung der Wissenschaftslehre, worauf er, wie er mir sagte, die ganze Kraft seines Geistes wenden wolle. – Vom Athenäum hat der Buchhändler noch einen 4ten Band übernommen: das erste Heft habe ich mit einer großen kritischen Arbeit anzufüllen versprochen, das zweyte mein Bruder mit einer philosophischen. Wie bald etwas erscheint, kann ich noch nicht sagen.
Gries lebt in Jena, u bleibt, so viel ich weiß, den Winter noch da. Der zweyte Band seines Tasso ist in der Michaelis-Messe [6] erschienen. – Empfehlen Sie mich doch unbekannter Weise dem Hrn. v. Fouqué, die Proben eines wahrhaft dichterischen Geistes in den mitgetheilten Sachen haben mich sehr erfreut. Sagen Sie ihm, daß ich mich glücklich schätze, wenn unser Almanach ihm in seiner Einsamkeit einige heitre Stunden hat machen können.
Leben Sie indessen recht wohl, u kommen Sie baldigst, das ist die wiederhohlte Bitte
Ihres Freundes
AWSchlegel
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