• August Wilhelm von Schlegel to Johann Carl Fürchtegott Schlegel

  • Place of Dispatch: Göttingen · Place of Destination: Hannover · Date: 04.05.1786
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
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    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Johann Carl Fürchtegott Schlegel
  • Place of Dispatch: Göttingen
  • Place of Destination: Hannover
  • Date: 04.05.1786
  • Notations: Absendeort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 343347008
  • Bibliography: Briefe von und an August Wilhelm Schlegel. Gesammelt und erläutert durch Josef Körner. Bd. 1. Zürich u.a. 1930, S. 3‒4.
  • Incipit: „[1] [Göttingen] Donnerstags. d. 4ten May 1786
    Liebster Carl!
    Weißt Du warum ich von allen meinen Geschwistern an Dich zuerst schreibe? Ich denke [...]“
    Manuscript
  • Provider: Universitätsbibliothek Leipzig
  • Classification Number: II A IV 1528
  • Number of Pages: 4 S.
[1] [Göttingen] Donnerstags. d. 4ten May 1786
Liebster Carl!
Weißt Du warum ich von allen meinen Geschwistern an Dich zuerst schreibe? Ich denke daß Du mein treuester Correspondent seyn wirst, und Leuten die uns so wichtige Dienste leisten muß man sich wohl gefällig zu machen suchen. Nur leider weiß ich nicht recht viel schönes zu schreiben, überdem ist es heute morgen hier noch so kalt, daß mein Witz gefriert. Es wird also wohl das beste seyn daß ich ein Reisebeschreiber von meiner ersten Excursion von 11 Meilen werde. Zuerst wirst Du gewiß in der Meynung [seyn] daß ich den ganzen Weg hindurch erbärmlich an der Seekrankheit gelitten, unaufhörlich den Weg unsers Wagens übel bezeichnet, und mir den Tod gewünscht habe. Nichts von alle dem. Wenn mir ja einmal übel zu Sinne ward, so half sogleich der Wein und die Eßwaren die wir copieusement herumgehen ließen. Denn wir hatten alle etwas mitgenommen; mein Rindfleisch fand auch sehr thätige Approbation. Zu Wülfingen hinter Tiedenwiese hielten wir zuerst und sahen daselbst einen Menschen von einer ganz sonderbaren Unklugheit, der wie er sagte, dreymal die Linie passirt war, auch die schwimmenden Luftmaschinen des Elliot gesehn hatte. Zu Ahlefeld aßen wir zu Mittage. Um 6½ Uhr kamen wir in Einbeck an, und aßen daselbst wiederum Weinsuppe. Diese doppelte [2] Weinsuppe, nebst dem sonstigen Weine hatte die Wirkung, daß wir alle sehr plauderhaft herzig und innig wurden. Nur verdroß es mich, daß wir (so schien es mir) immer mit der ganzen Stube hin und her gewiegt wurden, und daß ich doch nicht entdecken konnte wer es eigentlich that. Um 9 Uhr waren wir im Bett, um 3½ wieder auf. Wenn die Gegenden vor Einbeck schon sehr oft schön waren so zog ich doch das was hinter Einbeck kam, jenem noch vor. Ohngeachtet Du die Reise so oft gemacht hast, glaubʼ ich doch nicht daß Du sie je zu so günstiger Zeit und Wetter gemacht. Allenthalben das frischeste Grün, die reinste Lufthelle. Ich mußte wenn wir so hindurchrollten im Thal oder auf der Höhe meine Aufmerksamkeit recht weißlich eintheilen um doch alles recht zu verschlingen. Besonders der Prospect vom alten Schloß Salz der Helden, wie es so kühn an dem vorbeyströmenden Fluß hervorragt erhob mir die Seele. Es drangen Ideen auf mich ein aus Götz von Berlichingen, Otto von Wittelsbach, und Oberon. Weiter hin verlor ich mich im Homer und Ossian. Oben am Schloß sah ich (dünkte es mich) einen edlen Ritter stehen wie er schon in voller Rüstung die Morgensonne grüßt, und mit dem Falkenauge umher schaut, wo irgendetwas für seine Lanze zu thun sey, unten im Thal am Wald stellte ich mir zwey Ritter mit ihrer Schaar von Vasallen vor, wie [sie] aufeinanderstoßen. – Ach! sie sind nicht mehr, die Zeiten der Heroen, wir staunen an sie hinan und schämen uns unsrer Kleinheit.
Mein Urtheil über den hiesigen Tisch, Lebensart und so weiter, verspare [3] ich bis ich erst mehr davon weiß. Es kömmt mir hier nun schon so ganz wöhnlich vor und ich fühle gar nicht das Unstete was man sonst fühlt wenn man an einen fremden Ort kommt. Freylich habe ich verschiedentlich ausgehen müssen und muß es noch um mich ein wenig zu orientiren. Ich habe meine Wohnung schon lieb gewonnen; zur Abwechslung werde ich mich oft in die Kammer setzen wo ich eine sehr reizende Aussicht habe, auf Gärten die weiter hin mit Häusern umschlossen sind, im Hintergrunde ein Stück vom Wall und ein starker Bergrücken. – Ich habe hier auch schon Nachtigallen schlagen hören.
Ueberhaupt finde ich es angenehm, so ganz in eine neue Sphäre versezt zu seyn, wo man sich neue Gesetze des Handelns bilden kann, durch äußere Anstoße in vielen Stücken neue und bessere Gewohnheiten annimmt und über die Einrichtungen seiner Lebensart (die Einprache der Vernunft und des Geldbeutels ausgenommen) unumschränkter Herr ist.
Ich bin heute bei verschiednen Professoren gewesen um Collegia zu belegen, unter andern auch bey Heynen. Er war wie mir Oelrichs versicherte über das gewöhnliche aufgeräumt und artig. Ich gab ihm den Brief meines Vaters. Ich weiß nicht ob er ihn gleich ganz auslas denn er war gleich damit fertig. Indessen da er erstaunlich geschwind liest, so schließ ich es beynahe aus dem was er nachher sagte. Er sagte ich sollte ihm mit der Zeit Proben geben woraus er meine Lectüre und Fähigkeiten [4] genauer draus kennen lernen könnte, und ich möchte das Seminarium nur vors erste als Hospes besuchen. Als er mir den Zettel auf meinen Platz gegeben hatte, wollte er das Geld nicht nehmen sondern sagte er wolle das schon mit meinem Vater abrechnen. Lebe wohl und schreibe bald. Dein treuer Bruder
W. Schlegel
[4]
[1] [Göttingen] Donnerstags. d. 4ten May 1786
Liebster Carl!
Weißt Du warum ich von allen meinen Geschwistern an Dich zuerst schreibe? Ich denke daß Du mein treuester Correspondent seyn wirst, und Leuten die uns so wichtige Dienste leisten muß man sich wohl gefällig zu machen suchen. Nur leider weiß ich nicht recht viel schönes zu schreiben, überdem ist es heute morgen hier noch so kalt, daß mein Witz gefriert. Es wird also wohl das beste seyn daß ich ein Reisebeschreiber von meiner ersten Excursion von 11 Meilen werde. Zuerst wirst Du gewiß in der Meynung [seyn] daß ich den ganzen Weg hindurch erbärmlich an der Seekrankheit gelitten, unaufhörlich den Weg unsers Wagens übel bezeichnet, und mir den Tod gewünscht habe. Nichts von alle dem. Wenn mir ja einmal übel zu Sinne ward, so half sogleich der Wein und die Eßwaren die wir copieusement herumgehen ließen. Denn wir hatten alle etwas mitgenommen; mein Rindfleisch fand auch sehr thätige Approbation. Zu Wülfingen hinter Tiedenwiese hielten wir zuerst und sahen daselbst einen Menschen von einer ganz sonderbaren Unklugheit, der wie er sagte, dreymal die Linie passirt war, auch die schwimmenden Luftmaschinen des Elliot gesehn hatte. Zu Ahlefeld aßen wir zu Mittage. Um 6½ Uhr kamen wir in Einbeck an, und aßen daselbst wiederum Weinsuppe. Diese doppelte [2] Weinsuppe, nebst dem sonstigen Weine hatte die Wirkung, daß wir alle sehr plauderhaft herzig und innig wurden. Nur verdroß es mich, daß wir (so schien es mir) immer mit der ganzen Stube hin und her gewiegt wurden, und daß ich doch nicht entdecken konnte wer es eigentlich that. Um 9 Uhr waren wir im Bett, um 3½ wieder auf. Wenn die Gegenden vor Einbeck schon sehr oft schön waren so zog ich doch das was hinter Einbeck kam, jenem noch vor. Ohngeachtet Du die Reise so oft gemacht hast, glaubʼ ich doch nicht daß Du sie je zu so günstiger Zeit und Wetter gemacht. Allenthalben das frischeste Grün, die reinste Lufthelle. Ich mußte wenn wir so hindurchrollten im Thal oder auf der Höhe meine Aufmerksamkeit recht weißlich eintheilen um doch alles recht zu verschlingen. Besonders der Prospect vom alten Schloß Salz der Helden, wie es so kühn an dem vorbeyströmenden Fluß hervorragt erhob mir die Seele. Es drangen Ideen auf mich ein aus Götz von Berlichingen, Otto von Wittelsbach, und Oberon. Weiter hin verlor ich mich im Homer und Ossian. Oben am Schloß sah ich (dünkte es mich) einen edlen Ritter stehen wie er schon in voller Rüstung die Morgensonne grüßt, und mit dem Falkenauge umher schaut, wo irgendetwas für seine Lanze zu thun sey, unten im Thal am Wald stellte ich mir zwey Ritter mit ihrer Schaar von Vasallen vor, wie [sie] aufeinanderstoßen. – Ach! sie sind nicht mehr, die Zeiten der Heroen, wir staunen an sie hinan und schämen uns unsrer Kleinheit.
Mein Urtheil über den hiesigen Tisch, Lebensart und so weiter, verspare [3] ich bis ich erst mehr davon weiß. Es kömmt mir hier nun schon so ganz wöhnlich vor und ich fühle gar nicht das Unstete was man sonst fühlt wenn man an einen fremden Ort kommt. Freylich habe ich verschiedentlich ausgehen müssen und muß es noch um mich ein wenig zu orientiren. Ich habe meine Wohnung schon lieb gewonnen; zur Abwechslung werde ich mich oft in die Kammer setzen wo ich eine sehr reizende Aussicht habe, auf Gärten die weiter hin mit Häusern umschlossen sind, im Hintergrunde ein Stück vom Wall und ein starker Bergrücken. – Ich habe hier auch schon Nachtigallen schlagen hören.
Ueberhaupt finde ich es angenehm, so ganz in eine neue Sphäre versezt zu seyn, wo man sich neue Gesetze des Handelns bilden kann, durch äußere Anstoße in vielen Stücken neue und bessere Gewohnheiten annimmt und über die Einrichtungen seiner Lebensart (die Einprache der Vernunft und des Geldbeutels ausgenommen) unumschränkter Herr ist.
Ich bin heute bei verschiednen Professoren gewesen um Collegia zu belegen, unter andern auch bey Heynen. Er war wie mir Oelrichs versicherte über das gewöhnliche aufgeräumt und artig. Ich gab ihm den Brief meines Vaters. Ich weiß nicht ob er ihn gleich ganz auslas denn er war gleich damit fertig. Indessen da er erstaunlich geschwind liest, so schließ ich es beynahe aus dem was er nachher sagte. Er sagte ich sollte ihm mit der Zeit Proben geben woraus er meine Lectüre und Fähigkeiten [4] genauer draus kennen lernen könnte, und ich möchte das Seminarium nur vors erste als Hospes besuchen. Als er mir den Zettel auf meinen Platz gegeben hatte, wollte er das Geld nicht nehmen sondern sagte er wolle das schon mit meinem Vater abrechnen. Lebe wohl und schreibe bald. Dein treuer Bruder
W. Schlegel
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