• August Wilhelm von Schlegel to Friedrich Wilhelm IV., Preußen, König

  • Place of Dispatch: Bonn · Place of Destination: Unknown · Date: 21.10.1844
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Friedrich Wilhelm IV., Preußen, König
  • Place of Dispatch: Bonn
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 21.10.1844
    Printed Text
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: 343347008
  • Bibliography: Briefe von und an August Wilhelm Schlegel. Gesammelt und erläutert durch Josef Körner. Bd. 1. Zürich u.a. 1930, S. 618‒620.
  • Incipit: „Großmächtigster König!
    Allergnädigster König und Herr!
    Ew. Majestät haben allergnädigst zu erlauben geruhet, daß ich einige Bedenklichkeiten, die sich mir bei wiederholter Erwägung [...]“
    Language
  • German
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Großmächtigster König!
Allergnädigster König und Herr!
Ew. Majestät haben allergnädigst zu erlauben geruhet, daß ich einige Bedenklichkeiten, die sich mir bei wiederholter Erwägung einzelner Züge in den Schriften K.[önig] Friedrichs des Zweiten aufgedrängt haben, zu Höchsteigner Entscheidung unmittelbar vorlegen dürfe.
Diese Bedenklichkeiten sind von geringem Umfange, wiewohl nicht ohne Bedeutung; sie betreffen nur eine einzige Gattung von Aufsätzen, die nicht zu den ernsteren Werken gehören.
Die Religionsmeynungen des großen Königs sind bekannt: als Philosoph war er ein Skeptiker; in bezug auf die historische Theologie war seine Denkart entschieden verneinend. Jeder bloß auf Schrift und Überlieferung gegründete Glaube der Völker und Jahrhunderte galt ihm für Aberglauben. Ihm erschien in der Weltgeschichte nur eins von beiden: der freie Gedanke oder die Täuschung.
Jedoch sind alle seine ernsten Erklärungen über diese Gegenstände von einer hohen Gesinnung beseelt. Er setzte den schlaffen Lehren der Zeitgenossen, die keine andre Regel der menschlichen Handlungen anerkannten, als einen klugen sinnlichen Egoismus, den stoischen Grundsatz der uneigennützigen Pflichterfüllung entgegen.
Nur in leicht hingeworfenen Scherzgedichten ließ er seiner muthwilligen Laune freien Lauf. Er dachte dabei nicht an eine vielleicht für die Folge unvermeidliche Öffentlichkeit. Er glaubte sich allein mit einigen gleichgesinnten Freunden, und beabsichtigte nichts als eine gesellige Unterhaltung.
Die ersten Herausgeber der nachgelassenen Werke haben, wie es scheint, gewünscht Anstoß zu vermeiden; sie haben deswegen das misfällige Wort oder mehrere, wo es nöthig war, ausgelassen und die Lücke mit Sternchen bezeichnet. Die Zweckmäßigkeit dieser Auskunft ist zu bezweifeln. Die Auslassungen sind ein Räthsel; sie erregen die Neugierde, und lenken sie auf das hin, was vielleicht sonst ohne Ärgerniß vorübergegangen wäre. Ferner lassen Sylbenmaß und Reim jeden Kenner der französischen Sprache und Versification die passende Ergänzung leichter errathen, und dann ist die ganze Verkleidung aufgehoben. Freilich möchten solche Kenner gegenwärtig in Deutschland sehr selten seyn; aber die neue unter Ew. Majestät Auspizien veranstaltete Ausgabe ist ja für das ganze gebildete Europa bestimmt. Da nun die dem Spotte angelegte Maske so leicht abgehoben werden kann, wie ich es durch die That in der Beilage gezeigt habe; da auch der Zusammenhang nicht erlaubt, ganze Reihen von Versen aus einem Gedichte her auszureißen: so bleibt wohl keine andre Wahl, als entweder die fraglichen Worte vollaus zu schreiben, oder die Stücke, worin sie enthalten sind, von der neuen Sammlung auszuschließen.
Bei dem letzteren Verfahren müßte zwar eine Anzahl witziger Einfälle und sinnreicher Wendungen aufgeopfert werden, aber es bliebe noch ein großer Reichthum von scherzhaften Gedichten übrig, die nirgends das Zartgefühl verletzen können, und sich in den Gränzen einer heitern Laune halten.
Wie gern der große König bereit war, einen für achtungswerthe Leser kränkenden Ausdruck zu mildern, erhellt aus ein paar Stellen seines Briefwechsels mit dem Marquis dʼArgens, die ich abschriftlich beilege.
In der Besorgniß Ew. Majestät Aufmerksamkeit schon allzu sehr ermüdet zu haben, verspare ich meine Zweifel gegen den erneuerten Abdruck zweier satirischen Gedichte, welche von den ersten Herausgebern in einen vermischten Nachtrag ächter und unächter Stücke verwiesen worden sind, auf eine andere Zeit, da für jetzt keine Gefahr bei dem Verzuge ist. Überhaupt hätte ich es nie gewagt, eine Immediat-Eingabe über diesen Gegenstand Allerhöchsten Orts vorzulegen, wenn ich nicht erwogen hätte, daß dem Gedächtnisse Ew. Majestät unmöglich Alles gegenwärtig seyn könne, was in der bändereichen Sammlung der Werke vorkommt. Das geistige Denkmal, das der großherzige Nachfolger seinem glorwürdigen Vorgänger stiften will, ist eine Familien-Angelegenheit, sogar eine persönliche Ew. Majestät; und eine übertriebene Ängstlichkeit bei der Ausführung des Allerhöchsten Befehls ist gewiß ein geringerer Fehler, als ein voranschreiten nach eigenem Gutdünken. Ich verharre in tiefster Ehrerbietung
Ew. Majestät
treugehorsamster Unterthan
A. W. von Schlegel
Bonn, d. 21. Octob. 1844
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Großmächtigster König!
Allergnädigster König und Herr!
Ew. Majestät haben allergnädigst zu erlauben geruhet, daß ich einige Bedenklichkeiten, die sich mir bei wiederholter Erwägung einzelner Züge in den Schriften K.[önig] Friedrichs des Zweiten aufgedrängt haben, zu Höchsteigner Entscheidung unmittelbar vorlegen dürfe.
Diese Bedenklichkeiten sind von geringem Umfange, wiewohl nicht ohne Bedeutung; sie betreffen nur eine einzige Gattung von Aufsätzen, die nicht zu den ernsteren Werken gehören.
Die Religionsmeynungen des großen Königs sind bekannt: als Philosoph war er ein Skeptiker; in bezug auf die historische Theologie war seine Denkart entschieden verneinend. Jeder bloß auf Schrift und Überlieferung gegründete Glaube der Völker und Jahrhunderte galt ihm für Aberglauben. Ihm erschien in der Weltgeschichte nur eins von beiden: der freie Gedanke oder die Täuschung.
Jedoch sind alle seine ernsten Erklärungen über diese Gegenstände von einer hohen Gesinnung beseelt. Er setzte den schlaffen Lehren der Zeitgenossen, die keine andre Regel der menschlichen Handlungen anerkannten, als einen klugen sinnlichen Egoismus, den stoischen Grundsatz der uneigennützigen Pflichterfüllung entgegen.
Nur in leicht hingeworfenen Scherzgedichten ließ er seiner muthwilligen Laune freien Lauf. Er dachte dabei nicht an eine vielleicht für die Folge unvermeidliche Öffentlichkeit. Er glaubte sich allein mit einigen gleichgesinnten Freunden, und beabsichtigte nichts als eine gesellige Unterhaltung.
Die ersten Herausgeber der nachgelassenen Werke haben, wie es scheint, gewünscht Anstoß zu vermeiden; sie haben deswegen das misfällige Wort oder mehrere, wo es nöthig war, ausgelassen und die Lücke mit Sternchen bezeichnet. Die Zweckmäßigkeit dieser Auskunft ist zu bezweifeln. Die Auslassungen sind ein Räthsel; sie erregen die Neugierde, und lenken sie auf das hin, was vielleicht sonst ohne Ärgerniß vorübergegangen wäre. Ferner lassen Sylbenmaß und Reim jeden Kenner der französischen Sprache und Versification die passende Ergänzung leichter errathen, und dann ist die ganze Verkleidung aufgehoben. Freilich möchten solche Kenner gegenwärtig in Deutschland sehr selten seyn; aber die neue unter Ew. Majestät Auspizien veranstaltete Ausgabe ist ja für das ganze gebildete Europa bestimmt. Da nun die dem Spotte angelegte Maske so leicht abgehoben werden kann, wie ich es durch die That in der Beilage gezeigt habe; da auch der Zusammenhang nicht erlaubt, ganze Reihen von Versen aus einem Gedichte her auszureißen: so bleibt wohl keine andre Wahl, als entweder die fraglichen Worte vollaus zu schreiben, oder die Stücke, worin sie enthalten sind, von der neuen Sammlung auszuschließen.
Bei dem letzteren Verfahren müßte zwar eine Anzahl witziger Einfälle und sinnreicher Wendungen aufgeopfert werden, aber es bliebe noch ein großer Reichthum von scherzhaften Gedichten übrig, die nirgends das Zartgefühl verletzen können, und sich in den Gränzen einer heitern Laune halten.
Wie gern der große König bereit war, einen für achtungswerthe Leser kränkenden Ausdruck zu mildern, erhellt aus ein paar Stellen seines Briefwechsels mit dem Marquis dʼArgens, die ich abschriftlich beilege.
In der Besorgniß Ew. Majestät Aufmerksamkeit schon allzu sehr ermüdet zu haben, verspare ich meine Zweifel gegen den erneuerten Abdruck zweier satirischen Gedichte, welche von den ersten Herausgebern in einen vermischten Nachtrag ächter und unächter Stücke verwiesen worden sind, auf eine andere Zeit, da für jetzt keine Gefahr bei dem Verzuge ist. Überhaupt hätte ich es nie gewagt, eine Immediat-Eingabe über diesen Gegenstand Allerhöchsten Orts vorzulegen, wenn ich nicht erwogen hätte, daß dem Gedächtnisse Ew. Majestät unmöglich Alles gegenwärtig seyn könne, was in der bändereichen Sammlung der Werke vorkommt. Das geistige Denkmal, das der großherzige Nachfolger seinem glorwürdigen Vorgänger stiften will, ist eine Familien-Angelegenheit, sogar eine persönliche Ew. Majestät; und eine übertriebene Ängstlichkeit bei der Ausführung des Allerhöchsten Befehls ist gewiß ein geringerer Fehler, als ein voranschreiten nach eigenem Gutdünken. Ich verharre in tiefster Ehrerbietung
Ew. Majestät
treugehorsamster Unterthan
A. W. von Schlegel
Bonn, d. 21. Octob. 1844
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