• August Wilhelm von Schlegel to Friedrich von Schlegel

  • Place of Dispatch: Bonn · Place of Destination: Unknown · Date: 26.12.1827
Edition Status: Single collated printed full text without registry labelling not including a registry
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Friedrich von Schlegel
  • Place of Dispatch: Bonn
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 26.12.1827
    Printed Text
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: 362613826
  • Bibliography: Friedrich Schlegels Briefe an seinen Bruder August Wilhelm. Hg. v. Oskar Walzel. Berlin 1890, S. 652‒654.
  • Incipit: „Bonn, den 26ten December 1827.
    Theuerster Bruder! Erst vor kurzem hat mir Herr Helmsdörfer, der sich unterwegs aufgehalten, Deinen Brief vom 1ten [...]“
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: DE-1a-34288
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.d,Nr.236
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl., hs.
  • Format: 20,8 x 12,5 cm
    Language
  • German
Bonn, den 26ten December 1827.
Theuerster Bruder! Erst vor kurzem hat mir Herr Helmsdörfer, der sich unterwegs aufgehalten, Deinen Brief vom 1ten November eingehändigt. Ich war sehr bestürzt, nicht nur keine Anweisung darin zu finden, sondern auch zu sehen, daß Du mich wegen der gewünschten Zahlung auf eine unbestimmte Zukunft vertröstest. Ich hatte ganz gewiß darauf gerechnet, vollends da ich von Deiner Reise nach München hörte. Denn ich dachte, es sey entweder eine Reise zum Vergnügen, folglich ein Beweis von Ueberfluß in der Casse; oder eine amtliche Geschäftsreise: dann würde sie Dir reichlich vergütet. Nun meldest Du mir, es sey eine Gesundheits-Reise gewesen: das hätte ich auf hundert Meilen nicht errathen. Ich befinde mich wirklich recht in Verlegenheit. Durch einen sehr unerwarteten und in jeder Hinsicht für mich äußerst schmerzlichen Todesfall wird eine bedeutende Zahlung verzögert, die auf Neujahr zu erwarten hatte. Viele Rechnungen von meinem Hausbau sind noch rückständig, und ich will meinen guten Credit bei meinen Mitbürgern nicht einbüßen. Zudem habe ich eins meiner Pferde eingebüßt, und das edle Thier noch nicht ersetzen können. ‒ Ich bitte Dich nochmals, mir die kleine Summe zurückzuzahlen. Du hast hier Gelegenheit mir einen wesentlichen Dienst zu erweisen. Das Wort ,Nicht könnenʻ steht für solche Fälle gar nicht in meinem Wörterbuche. Es würde mir aber doch leid thun, glauben zu müssen, daß Du nicht willst.
Von der traurigen Lage, welche Du mir schilderst, wußte ich kein Wort, und kann dieß auch jetzt noch nicht begreifen. Ich wußte vielmehr, daß Du dasselbe Gehalt hast wie ich, ein solches wovon viele Leute unsers Standes ohne Vermögen und mit zahlreicher Familie anständig leben. Dazu die Einnahmen von der Sammlung Deiner Werke, die beneidenswerthe Muße, die Dir Zeit und Kräfte zu einem ehrenvollen Erwerb durch gelehrte Arbeiten frei läßt! Dann hatte ich verschiedentlich von Erholungs-Reisen, Aufenthalt auf dem Lande u. s. w. gehört, niemals aber von Unglücksfällen, wodurch man in seinen Vermögens-Umständen zurückkommt. Doch einem Zustande abzuhelfen, welcher der äußeren Würde so viel Abbruch thut, und wobei auch gar kein heiterer Lebensgenuß Statt finden kann, das ist Deine eigne Angelegenheit, und hängt unstreitig nur von der Kraft des Willens ab.
Ich gehe zu etwas anderem und wichtigerem fort, Dir einen Entschluß zu melden, der nur sehr langsam und allmälig in mir zur Reife gekommen ist. Bei den noch freien Römern pflegten Männer, die als Freunde mit einander gelebt und gemeinschaftlich gewirkt hatten, wenn sie nun nach ihrer Ueberzeugung von den öffentlichen Angelegenheiten sich trennen und einander entgegenwirken mußten, ihre Gegnerschaft sich förmlich ankündigen. Dieß thue ich jetzt Dir als Schriftsteller. Mache Dich darauf gefaßt, nächstens Angriffe von mir auf Deine späteren Schriften, mit oder ohne meinen Namen, in Deutschland oder auswärts, mit den Waffen des Scherzes oder ernster Beredsamkeit ans Licht treten zu sehen. Ob die Römer dabei die geselligen Verhältnisse des Privatlebens vorbehielten, weiß ich nicht. Ich bin aber der Meynung, daß man es thun könne und müsse, und wenn Du mir durch einen Besuch dazu die Gelegenheit schaffst, so werde ich es durch die That beweisen, und an der brüderlichen Aufnahme nichts fehlen lassen.
Ich erinnre nur im Vorbeigehn daran, daß ich schon vor sechs Jahren durch einen ausführlichen aus Paris geschriebenen Brief zu einer offnen Erklärung kommen wollte, daß aber eine Freundin, deren Charakter ich verehre, Marie Mendelssohn, dieses hintertrieb, indem sie den Brief nicht an seine Bestimmung gelangen ließ. Ob sie daran wohl gethan? Ich weiß nicht. Ich that das meinige, indem ich Dir meldete, es sey ein solcher Brief vorhanden, dessen Inhalt Du Dir allenfalls an den Fingern abzählen konntest.
Was mich in meinem Vorsatze bestärkt, ist die Gewißheit, daß meine Denkart in ihrem Antagonismus gegen Deine Lehren und die ganze Richtung Deiner Schriften auf das vollkommenste mit der Denkart unsers verewigten Bruders Moriz übereinstimmt. Dieser weise und fromme Mann, der seine Kräfte bis zu ihrer gänzlichen Erschöpfung und Auflösung der gewissenhaftesten Erfüllung seines würdigen Berufes widmete, pflegte in den letzten Jahren seines Lebens die wenigen Nebenstunden durch Abfassung von Aufsätzen aufzuheitern, die er in seinen Verhältnissen nicht drucken lassen konnte und die er nur Freunden mittheilte. Ein einziger ist gedruckt, unter dem Namen des Candidaten Wahrmund: es ist eine sehr geistreiche und ergötzliche Satire auf den Adelstolz. In einem andern Aufsatze, den ich von seiner eignen Hand besitze, finde ich eine Erwähnung Deiner Concordia: zwar nur flüchtig, aber ganz in meinem Sinne. Sonderbar genug! sogar in der Benennung Concordia discors im Gegensatz mit der Ovidischen Discordia concors, sind wir zusammengetroffen. Indem ich also gegen Dich schreibe, glaube ich im Auftrage unsers verewigten Bruders zu handeln, und ein gutes Werk zu vollführen, woran er verhindert war. Ich will nicht von den Zeitgenossen und der Nachwelt mißverstanden seyn, und lieber die Ruhe und den Frieden meiner vielleicht nur wenigen noch übrigen Lebenstage daran setzen.
Meine besten Grüße an die Nichte. Ihre Lage flößt mir herzliches Bedauern ein. Daß sie seit vier Jahren immer fort gegen meinen Rath gehandelt, und sich mir seltsam entfremdet hat, hat keinen Einfluß auf meine Gesinnungen, die ich als ein Vermächtniß ihrer Eltern betrachte. Welch ein zerreißendes Andenken, der Tod unserer Geschwister in Dresden, alles was seit zehn Jahren vorhergegangen und was darauf gefolgt ist! Die Nichte mit ihren Kindern wird mir immer willkommen seyn, und das Leben in meinem Hause würde sie doch mancher Sorge überheben.
Lebe recht wohl und schreibe mir bald wieder.
Bonn, den 26ten December 1827.
Theuerster Bruder! Erst vor kurzem hat mir Herr Helmsdörfer, der sich unterwegs aufgehalten, Deinen Brief vom 1ten November eingehändigt. Ich war sehr bestürzt, nicht nur keine Anweisung darin zu finden, sondern auch zu sehen, daß Du mich wegen der gewünschten Zahlung auf eine unbestimmte Zukunft vertröstest. Ich hatte ganz gewiß darauf gerechnet, vollends da ich von Deiner Reise nach München hörte. Denn ich dachte, es sey entweder eine Reise zum Vergnügen, folglich ein Beweis von Ueberfluß in der Casse; oder eine amtliche Geschäftsreise: dann würde sie Dir reichlich vergütet. Nun meldest Du mir, es sey eine Gesundheits-Reise gewesen: das hätte ich auf hundert Meilen nicht errathen. Ich befinde mich wirklich recht in Verlegenheit. Durch einen sehr unerwarteten und in jeder Hinsicht für mich äußerst schmerzlichen Todesfall wird eine bedeutende Zahlung verzögert, die auf Neujahr zu erwarten hatte. Viele Rechnungen von meinem Hausbau sind noch rückständig, und ich will meinen guten Credit bei meinen Mitbürgern nicht einbüßen. Zudem habe ich eins meiner Pferde eingebüßt, und das edle Thier noch nicht ersetzen können. ‒ Ich bitte Dich nochmals, mir die kleine Summe zurückzuzahlen. Du hast hier Gelegenheit mir einen wesentlichen Dienst zu erweisen. Das Wort ,Nicht könnenʻ steht für solche Fälle gar nicht in meinem Wörterbuche. Es würde mir aber doch leid thun, glauben zu müssen, daß Du nicht willst.
Von der traurigen Lage, welche Du mir schilderst, wußte ich kein Wort, und kann dieß auch jetzt noch nicht begreifen. Ich wußte vielmehr, daß Du dasselbe Gehalt hast wie ich, ein solches wovon viele Leute unsers Standes ohne Vermögen und mit zahlreicher Familie anständig leben. Dazu die Einnahmen von der Sammlung Deiner Werke, die beneidenswerthe Muße, die Dir Zeit und Kräfte zu einem ehrenvollen Erwerb durch gelehrte Arbeiten frei läßt! Dann hatte ich verschiedentlich von Erholungs-Reisen, Aufenthalt auf dem Lande u. s. w. gehört, niemals aber von Unglücksfällen, wodurch man in seinen Vermögens-Umständen zurückkommt. Doch einem Zustande abzuhelfen, welcher der äußeren Würde so viel Abbruch thut, und wobei auch gar kein heiterer Lebensgenuß Statt finden kann, das ist Deine eigne Angelegenheit, und hängt unstreitig nur von der Kraft des Willens ab.
Ich gehe zu etwas anderem und wichtigerem fort, Dir einen Entschluß zu melden, der nur sehr langsam und allmälig in mir zur Reife gekommen ist. Bei den noch freien Römern pflegten Männer, die als Freunde mit einander gelebt und gemeinschaftlich gewirkt hatten, wenn sie nun nach ihrer Ueberzeugung von den öffentlichen Angelegenheiten sich trennen und einander entgegenwirken mußten, ihre Gegnerschaft sich förmlich ankündigen. Dieß thue ich jetzt Dir als Schriftsteller. Mache Dich darauf gefaßt, nächstens Angriffe von mir auf Deine späteren Schriften, mit oder ohne meinen Namen, in Deutschland oder auswärts, mit den Waffen des Scherzes oder ernster Beredsamkeit ans Licht treten zu sehen. Ob die Römer dabei die geselligen Verhältnisse des Privatlebens vorbehielten, weiß ich nicht. Ich bin aber der Meynung, daß man es thun könne und müsse, und wenn Du mir durch einen Besuch dazu die Gelegenheit schaffst, so werde ich es durch die That beweisen, und an der brüderlichen Aufnahme nichts fehlen lassen.
Ich erinnre nur im Vorbeigehn daran, daß ich schon vor sechs Jahren durch einen ausführlichen aus Paris geschriebenen Brief zu einer offnen Erklärung kommen wollte, daß aber eine Freundin, deren Charakter ich verehre, Marie Mendelssohn, dieses hintertrieb, indem sie den Brief nicht an seine Bestimmung gelangen ließ. Ob sie daran wohl gethan? Ich weiß nicht. Ich that das meinige, indem ich Dir meldete, es sey ein solcher Brief vorhanden, dessen Inhalt Du Dir allenfalls an den Fingern abzählen konntest.
Was mich in meinem Vorsatze bestärkt, ist die Gewißheit, daß meine Denkart in ihrem Antagonismus gegen Deine Lehren und die ganze Richtung Deiner Schriften auf das vollkommenste mit der Denkart unsers verewigten Bruders Moriz übereinstimmt. Dieser weise und fromme Mann, der seine Kräfte bis zu ihrer gänzlichen Erschöpfung und Auflösung der gewissenhaftesten Erfüllung seines würdigen Berufes widmete, pflegte in den letzten Jahren seines Lebens die wenigen Nebenstunden durch Abfassung von Aufsätzen aufzuheitern, die er in seinen Verhältnissen nicht drucken lassen konnte und die er nur Freunden mittheilte. Ein einziger ist gedruckt, unter dem Namen des Candidaten Wahrmund: es ist eine sehr geistreiche und ergötzliche Satire auf den Adelstolz. In einem andern Aufsatze, den ich von seiner eignen Hand besitze, finde ich eine Erwähnung Deiner Concordia: zwar nur flüchtig, aber ganz in meinem Sinne. Sonderbar genug! sogar in der Benennung Concordia discors im Gegensatz mit der Ovidischen Discordia concors, sind wir zusammengetroffen. Indem ich also gegen Dich schreibe, glaube ich im Auftrage unsers verewigten Bruders zu handeln, und ein gutes Werk zu vollführen, woran er verhindert war. Ich will nicht von den Zeitgenossen und der Nachwelt mißverstanden seyn, und lieber die Ruhe und den Frieden meiner vielleicht nur wenigen noch übrigen Lebenstage daran setzen.
Meine besten Grüße an die Nichte. Ihre Lage flößt mir herzliches Bedauern ein. Daß sie seit vier Jahren immer fort gegen meinen Rath gehandelt, und sich mir seltsam entfremdet hat, hat keinen Einfluß auf meine Gesinnungen, die ich als ein Vermächtniß ihrer Eltern betrachte. Welch ein zerreißendes Andenken, der Tod unserer Geschwister in Dresden, alles was seit zehn Jahren vorhergegangen und was darauf gefolgt ist! Die Nichte mit ihren Kindern wird mir immer willkommen seyn, und das Leben in meinem Hause würde sie doch mancher Sorge überheben.
Lebe recht wohl und schreibe mir bald wieder.
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