• Dorothea von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Wien · Place of Destination: Unknown · Date: [Ende Oktober 1810]
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Dorothea von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Wien
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: [Ende Oktober 1810]
  • Notations: Datum sowie Absendeort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: 335973167
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 2. Der Texte zweite Hälfte. 1809‒1844. Bern u.a. ²1969, S. 168‒169.
  • Incipit: „[1] [Wien, Ende Oktober 1810]
    Glauben Sie ja nicht liebster Bruder daß ich mir einbilde jedesmal einen eignen Brief von Ihnen haben [...]“
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: APP2712-Bd-8
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,II,8
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19 x 11,4 cm
    Language
  • German
[1] [Wien, Ende Oktober 1810]
Glauben Sie ja nicht liebster Bruder daß ich mir einbilde jedesmal einen eignen Brief von Ihnen haben zu müßen; und wenn Sie es recht bedenken wollen so ist diese Resignation nicht einmal demüthig; denn was kann wohl schmeichelhafters für mich seyn als daß Ihre Briefe an Friedrich auch an mich mitgerichtet sind? und so nehme ich es auch. Ich könnte eben so wenig eine Ehre, als eine Wohlfarth für mich abgesondert begehren. Wie herzlich froh wir waren einen Brief von Ihnen noch aus unserm Welttheil zu erhalten das können Sie leicht denken. Die ZeitungsNachrichten wurden zuletzt immer fürchterlicher, immer riesenmäßiger grausam, wir ängstigten uns wie die Kinder wenn sie das Mährchen vom Riesen mit den sieben MeilenStiefeln erzählen hören, der die armen Flüchtlinge immer wieder einhohlt. Wir sahen Sie schon auf dem Meere umher schwimmen, konnten, wie der Kaufmann von Venedig nicht unsre Suppe kalt blasen ohne an die Stürme zu denken denen Sie ausgesetzt seyn mögen; oder gar unter die Menschenfresser – Gott sey dank daß alle diese Schrecken vergeblich waren! Recht bedauern wegen des Ihnen nicht angenehmen Aufenthalts am Genfer See kann ich Sie nun einmal nicht; dazu müßte es wenigstens ein kleines wenig heitrer und hübscher hier um uns [2] seyn; so wie es jetzt ist, kömmt mir Ihr Bruder viel bedauernswürdiger vor. Vor einigen Tagen hatt er die Hälfte des vorräthigen CassaBestandes dazu verwendet einige Scherben mit Blumen zu kaufen um die Gefängniß ähnliche Mauer zu verdecken, die sich etwa zwei Ellen vor unserm einzigen Fenster erhebt, und einiges Licht nur gleichsam wie durch einer Spalte, oder einem etwas weiten Rauchfang durchläßt. Unter uns sind Pferdeställe und die dazu gehörigen Gruben und Pfützen, so daß wir alle Aufmerksamkeit auf das beständige Verschließen der Fenster wenden müßen etc etc. Wie gefällt Ihnen das? kommen Sie sich noch beklagenswerth vor? rechnen Sie dazu das beständige Unwohlseyn des guten Friedrich und daß er oft genug Stunden lang antichambriren muß... lieber Wilhelm seyn Sie heiter und bei guter Laune, allen sieben MeilenStiefeln zum Hohn und Trotz; Mit jeder Zeile von Ihrer Hand mehren sich die Kränze Ihres Ruhms, so wie auch der Frau von Stael. Obgleich ich viel darum schenken möchte das Werk lesen zu können, so muß ich doch aufrichtig bekennen, das Gericht das jener sich selber durch die Unterdrückung desselben gehalten, ist mir lieber noch als selber das Werk.
[3] Vorigen Sommer schickten Sie zwei vortrefliche zart klagende Strophen vom Gesang der Nachtigallen; wollen Sie diese nicht einmal vollenden? Die Nachtigallen singen ja auch im Käficht. Wenn Sie nur recht viel für den oesterreichischen Beobachter schicken wollten! Ihre Sachen machen eine der vornehmsten Zierden desselben aus. Wir haben hier einen ausgezeichnet gut denkenden Dänen, Namens Eckstein, ein Mensch von Geist und Gefühl, dieser lernt aus Ihren und aus Friedrichs Gedichten Deutsch schreiben und dichten, (denn das letzte möchte er besonders gerne). Neulich fand er im Beobachter das Sonett von Ihnen, von der Taufe des Negers – seitdem ist er ganz und gar Ihr Anbeter geworden. Alle viertelstunde ungefähr ruft er mit großem Entzücken aus: „Ein Lichstrahl fällt auf seine dunkle Stirne“! – Dieser Eckstein kennt die Frau v. Stael persönlich, er ward einmal ich glaube von Oelenschläger bei ihr eingeführt, und sah auch Sie daselbst. Nach seinem eignen Geständniß wird man aber bei Ihnen keine Notitz weiter von ihm genommen haben, weil er kein Wort gesprochen hat, woran ihn vorzüglich sein Landsmann Oelenschläger verhinderte den er nicht leiden mag, und in dessen Gegenwart er sich genirt fühlte. Er ist aber gewiß kein übler Mensch!
Die Chezy ihre Geschichte ist sehr traurig, um so trauriger da sie selber die Schuld zu tragen scheint. Was [4] können wir nun für sie thun? und vorzüglich für das arme Ungebohrne, das wie es scheint nicht anerkannt wird, und weshalb sie auch wohl gezwungen war Paris zu verlassen? eine andre Ursache giebt es gar nicht; denn wäre es blos um vom Manne getrennt zu leben, so ist Paris dazu weit genug. Wer wird nun in dieser Entfernung auf die gehörige Entrichtung der Pension dringen und dafür sorgen? besonders wenn Chezy von der Existenz dieses intruse hört, wird er nicht seine eigne Kinder als denn zurückfordern und sie ihrem Schicksal überlassen? Es ist hart an die Schuld einer Unglücklichen zu denken, und doch ist es hier fast gar nicht anders möglich.
Wir leben diesen Winter recht still und eingezogen; wenigstens ich für meine Person; Friedrich besucht so oft seine Gesundheit es erlaubt, von Zeit zu Zeit die größern Gesellschaften. Mein ältester Sohn ist bei uns. Der jüngste ist nach Dresden zurück. Einige Mahler, aus Paris kommend und ein Deutsches Vaterland suchend, haben sich gleichfalls zu uns gesellt, dann dieser extra feine Däne, und ein paar geistliche Herrn, das macht (Czernyʼs eingerechnet) unsern häußlichen Kreis aus. Damit bin ich sehr zufrieden, ich kenne für meinen Geschmack keine gute Gesellschaft als die der wahrhaft frommen Geistlichen und der Künstler.
Ich empfehle mich Ihrem freundlichen Andenken.
Dorothea S.[chlegel]
[1] [Wien, Ende Oktober 1810]
Glauben Sie ja nicht liebster Bruder daß ich mir einbilde jedesmal einen eignen Brief von Ihnen haben zu müßen; und wenn Sie es recht bedenken wollen so ist diese Resignation nicht einmal demüthig; denn was kann wohl schmeichelhafters für mich seyn als daß Ihre Briefe an Friedrich auch an mich mitgerichtet sind? und so nehme ich es auch. Ich könnte eben so wenig eine Ehre, als eine Wohlfarth für mich abgesondert begehren. Wie herzlich froh wir waren einen Brief von Ihnen noch aus unserm Welttheil zu erhalten das können Sie leicht denken. Die ZeitungsNachrichten wurden zuletzt immer fürchterlicher, immer riesenmäßiger grausam, wir ängstigten uns wie die Kinder wenn sie das Mährchen vom Riesen mit den sieben MeilenStiefeln erzählen hören, der die armen Flüchtlinge immer wieder einhohlt. Wir sahen Sie schon auf dem Meere umher schwimmen, konnten, wie der Kaufmann von Venedig nicht unsre Suppe kalt blasen ohne an die Stürme zu denken denen Sie ausgesetzt seyn mögen; oder gar unter die Menschenfresser – Gott sey dank daß alle diese Schrecken vergeblich waren! Recht bedauern wegen des Ihnen nicht angenehmen Aufenthalts am Genfer See kann ich Sie nun einmal nicht; dazu müßte es wenigstens ein kleines wenig heitrer und hübscher hier um uns [2] seyn; so wie es jetzt ist, kömmt mir Ihr Bruder viel bedauernswürdiger vor. Vor einigen Tagen hatt er die Hälfte des vorräthigen CassaBestandes dazu verwendet einige Scherben mit Blumen zu kaufen um die Gefängniß ähnliche Mauer zu verdecken, die sich etwa zwei Ellen vor unserm einzigen Fenster erhebt, und einiges Licht nur gleichsam wie durch einer Spalte, oder einem etwas weiten Rauchfang durchläßt. Unter uns sind Pferdeställe und die dazu gehörigen Gruben und Pfützen, so daß wir alle Aufmerksamkeit auf das beständige Verschließen der Fenster wenden müßen etc etc. Wie gefällt Ihnen das? kommen Sie sich noch beklagenswerth vor? rechnen Sie dazu das beständige Unwohlseyn des guten Friedrich und daß er oft genug Stunden lang antichambriren muß... lieber Wilhelm seyn Sie heiter und bei guter Laune, allen sieben MeilenStiefeln zum Hohn und Trotz; Mit jeder Zeile von Ihrer Hand mehren sich die Kränze Ihres Ruhms, so wie auch der Frau von Stael. Obgleich ich viel darum schenken möchte das Werk lesen zu können, so muß ich doch aufrichtig bekennen, das Gericht das jener sich selber durch die Unterdrückung desselben gehalten, ist mir lieber noch als selber das Werk.
[3] Vorigen Sommer schickten Sie zwei vortrefliche zart klagende Strophen vom Gesang der Nachtigallen; wollen Sie diese nicht einmal vollenden? Die Nachtigallen singen ja auch im Käficht. Wenn Sie nur recht viel für den oesterreichischen Beobachter schicken wollten! Ihre Sachen machen eine der vornehmsten Zierden desselben aus. Wir haben hier einen ausgezeichnet gut denkenden Dänen, Namens Eckstein, ein Mensch von Geist und Gefühl, dieser lernt aus Ihren und aus Friedrichs Gedichten Deutsch schreiben und dichten, (denn das letzte möchte er besonders gerne). Neulich fand er im Beobachter das Sonett von Ihnen, von der Taufe des Negers – seitdem ist er ganz und gar Ihr Anbeter geworden. Alle viertelstunde ungefähr ruft er mit großem Entzücken aus: „Ein Lichstrahl fällt auf seine dunkle Stirne“! – Dieser Eckstein kennt die Frau v. Stael persönlich, er ward einmal ich glaube von Oelenschläger bei ihr eingeführt, und sah auch Sie daselbst. Nach seinem eignen Geständniß wird man aber bei Ihnen keine Notitz weiter von ihm genommen haben, weil er kein Wort gesprochen hat, woran ihn vorzüglich sein Landsmann Oelenschläger verhinderte den er nicht leiden mag, und in dessen Gegenwart er sich genirt fühlte. Er ist aber gewiß kein übler Mensch!
Die Chezy ihre Geschichte ist sehr traurig, um so trauriger da sie selber die Schuld zu tragen scheint. Was [4] können wir nun für sie thun? und vorzüglich für das arme Ungebohrne, das wie es scheint nicht anerkannt wird, und weshalb sie auch wohl gezwungen war Paris zu verlassen? eine andre Ursache giebt es gar nicht; denn wäre es blos um vom Manne getrennt zu leben, so ist Paris dazu weit genug. Wer wird nun in dieser Entfernung auf die gehörige Entrichtung der Pension dringen und dafür sorgen? besonders wenn Chezy von der Existenz dieses intruse hört, wird er nicht seine eigne Kinder als denn zurückfordern und sie ihrem Schicksal überlassen? Es ist hart an die Schuld einer Unglücklichen zu denken, und doch ist es hier fast gar nicht anders möglich.
Wir leben diesen Winter recht still und eingezogen; wenigstens ich für meine Person; Friedrich besucht so oft seine Gesundheit es erlaubt, von Zeit zu Zeit die größern Gesellschaften. Mein ältester Sohn ist bei uns. Der jüngste ist nach Dresden zurück. Einige Mahler, aus Paris kommend und ein Deutsches Vaterland suchend, haben sich gleichfalls zu uns gesellt, dann dieser extra feine Däne, und ein paar geistliche Herrn, das macht (Czernyʼs eingerechnet) unsern häußlichen Kreis aus. Damit bin ich sehr zufrieden, ich kenne für meinen Geschmack keine gute Gesellschaft als die der wahrhaft frommen Geistlichen und der Künstler.
Ich empfehle mich Ihrem freundlichen Andenken.
Dorothea S.[chlegel]
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