• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Wien · Place of Destination: Unknown · Date: 16.09.1820
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Wien
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 16.09.1820
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 30. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Die Epoche der Zeitschrift Concordia (6. November 1818 ‒ Mai 1823). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Eugène Susini. Paderborn 1980, S. 298‒300.
  • Incipit: „[1] Wien, den 16ten September [1820].
    Geliebter Bruder! Du wirst hoffentlich meine durch die Gesandtschaft über Frankfurt geschickte Sendung mit Drucksachen für [...]“
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: DE-1a-34288
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.d,Nr.231
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl. u. 2 S., hs. m. U.
  • Format: 20,1 x 11,9 cm
    Language
  • German
  • Greek
[1] Wien, den 16ten September [1820].
Geliebter Bruder! Du wirst hoffentlich meine durch die Gesandtschaft über Frankfurt geschickte Sendung mit Drucksachen für Dich und Wind.[ischmann] richtig erhalten haben. Ich war damals – am 20ten Aug.[ust] – eigentlich noch krank, und <eben> im Begriffe aufs Land zu gehen, um der hiesigen <Stadt->Luft zu entfliehen. Die Hitze hatte mich plötzlich ergriffen, und mir eine Entzündung zugezogen, die obwohl ohne Fieber, doch mehrere Blutausleerungen nöthig machte.– Die frische Luft in dem schönen Bergthale von Steyermark hat mich sehr gestärkt und ich fühle mich wieder ziemlich wohl; indessen habe ich doch durch diesen Anfall beynah sechs Wochen verlohren. Meine Frau ist Anfang July zurückgekehrt, und ihr Aussehen erregte mir zuerst sehr viel Besorgniß; indessen fängt sie an, in meiner Nähe sich merklich zu erhohlen, und hat wenigstens seit sie zurück ist, kein Fieber mehr gehabt.– Ich konnte in den letzten Wochen kaum eine Feder in die Hand nehmen und hoffe aller dieser Umstände wegen Nachsicht bey Dir zu finden.– Ich kann Dir übrigens gar [2] nicht genug mit Worten sagen, wie sehr mich alle diese Beweise Deiner brüderlichen Freundschaft, die Du mir diesen Winter hindurch gegeben, so wie Deine neue, herrliche, indische Thätigkeit, erfreut und gestärkt und zu einer Zeit getröstet haben, wo ich des Trostes mehr als jemals in meinem Leben bedurfte. Es entging mir oft lange Zeit hindurch aller Muth und alle Lust und Kraft zum Schreiben.– – Ueber das Ganze meiner Lage werde ich ein andermal noch mehr und näher schreiben; es ist doch jetzt nichts andres zu thun, als Geduld zu fassen. Dieser Brief soll überhaupt nur ein erstes Lebenszeichen seyn; ich werde nun schon wieder ordentlich und recht oft schreiben. Laß mich nur bald Nachricht von Dir hören und genau wissen, zu welcher Zeit Du nach Paris abgehen, überhaupt wo Du immer seyn wirst, und wohin ich die Briefe richten soll.
Ich muß Dir noch von einer Sendung Nachricht geben, welche mehr als ein Jahr lang verspätet worden, und obwohl an Mr. Frederic Schl.[egel] a Vienne, addressirt, doch ohne Zweifel für Dich bestimmt war; und hier bey der Staatskanzley nach <dem sie> mehr als ein Jahr <unterwegs> gewesen, eingetroffen und da die Addresse an mich war, an mich abgegeben worden <ist>. Der [3] König von Frankreich hat nämlich, wie ich denke in Erinnerung Deines Werkes über die provenzalische Litteratur, ein Ex.[emplar] von Reynouards histoire des troubadours ohne Zweifel Dir bestimmt. Im Auftrag des Königs – Ministère de la Maison du Roi – sendet nun dieses Buch und unterzeichnet – Le Directeur General ayant le Portefeuille – Cte. de Pradel.– d. d. – Mai 1819.– Ich werde Dir das Original des Briefes (auf Folio im dicksten Velin) mit dem 2ten Hefte der Con.[cordia] über Frankfurt schicken.– Da ich Dir letzthin das Packet sandte, suchte ich danach konnte es aber nicht gleich finden, und mich nicht sehr anstrengen, da ich noch an der Hand etc. verbunden war.– Du wirst nun aus dieser Sendung gesehen haben, daß ich mich noch einmal auf meine alten Tage habe verleiten lassen, eine Zeitschrift herauszugeben; die ich Deiner freundschaftlichen Theilnahme bestens empfehle und wohl zu wissen wünschte, wie Du und auch Wind.[ischmann] mit dieser ,Signaturʻ zufrieden seyn werdet. Ein kleiner Triumph dabey ist, daß diese ,Concordiaʻ die mir in Frankfurt so ganz zur Discordia ausgeschlagen war, nun doch noch hier zu Stande ge[4]kommen ist. Ich wünschte auch sehr Dein Urtheil über das mitgeschickte Gedicht zu wißen, inwiefern es Dir zusagt.– Nimm indessen mit diesen Dingen vorlieb. Durch die indische Bibliothek hast Du mir eine unsägliche Freude gemacht, und ich habe mich wiederhohlt so recht satt daran gelesen, und finde alles ganz herrlich und klar heiter zu trinken, so Prosa als Verse. Nur das Eine kann ich nicht zugeben noch mich darein finden, daß Du statt des ehrwürdigen alten indischen viereckten Schlokas und geviert einherschreitenden Elephanten, dieses erhabene Metrum, der antediluvianischen Urzeit, <was auch allein für diese antediluvianischen Gedanken paßt>, den flüchtigen hellenischen Sechser genommen hast. Das ist doch eine gänzliche Verwandlung und Verkehrung und völlige μετάβασις εἰς ἄλλο γένος.– Und wie würdest Du erst jenen göttlichen Schlokas, der schon durch die Sylbenzahl und Gedankengliederung unsrer deutschen Art und Sprache so angemessen ist, gemacht haben? Daran kann ich nicht ohne Bedauern denken. Lieber einzelne Distichen, die uns zu leer oder trocken sind, auslassen, Freund! als so zusammenziehend verschmelzen. Ich hege auch die Hoffnung, daß Du das andre wenigstens auch [5] versuchen, und dann gewiß selbst davon angezogen werden und es vorziehen wirst.–
Was mich betrifft, so würde ich, etwas besser mit Hülfsmitteln versehen, am liebsten noch eine Arbeit über die indische Philosophie unternehmen, wenigstens den Entwicklungsgang der ursprünglichen Systeme im Allgemeinen auszufinden trachten. Ich gebe auch hiezu die Hoffnung nicht ganz auf. Einige einzelne Bemerkungen über alles was Du im Werke und auch gegen mich im Briefe sagst, behalte ich mir für meinen nächsten Brief vor, da ich Dir jetzt gewiß bald wieder schreibe. Was die Elephanten und die Autochtonen betrifft, so kann ich Dir die Elephanten wohl gelten lassen, als das mitvernünftige Hausthier gigantischer Urmenschen, aber nicht als selbstvernünftigen Erbkönig und eigentlichen Menschen der Urzeit; so auch die Autochtonen <und Urvölker, die Granit-Grundlage der ältesten Bevölkerung> wohl als die sporadischen Ueberbleibsel des Stammes Kain, für deren älteres (psychisches) Heidenthum die älteste Stadt Henoch (Bamyan) der bekannte Mittelpunkt war; aber nicht als eigentliche Autochtonen [6] oder Erdgebohrnes Menschengewürme.– Kennst Du wohl einen französischen Schriftsteller über den Ursprung der Sprache Fabre dʼOlivet.– Ich möchte etwas von ihm wissen; was ein gewisser Ballanche der Dich und mich über Philosophie der Sprache häufig citirt, als dessen Meynung anführt, daß ,die Sprache aus der Schrift entstanden seyʻ – macht mich begierig, mehr davon zu wißen; da mir diese Meynung, so sonderbar sie klingt, besonders auch in Beziehung auf psychische Erscheinungen sehr merkwürdig ist.– Grüße Wind.[ischmann] recht herzlich von mir. Ich sehe seinen Beyträgen zur Conc.[ordia] mit dem größten Verlangen entgegen. Ich habe den Anfang der Conc.[ordia] der Gegenwart und jetzigen Zeit ganz nahe zu stellen gesucht; meine Hauptabsicht bey dem Ganzen ist aber ausschließend auf christliche Philosophie gerichtet.– Was sagst Du nur zu allem, was in der Welt vorgeht? Es scheint mir auch in Frankreich nicht gut auszusehen. Erhalte mir Deine Freundschaft; mit brüderlicher Liebe
Dein Friedrich Sch.
Meine Frau grüßt herzlich.
[1] Wien, den 16ten September [1820].
Geliebter Bruder! Du wirst hoffentlich meine durch die Gesandtschaft über Frankfurt geschickte Sendung mit Drucksachen für Dich und Wind.[ischmann] richtig erhalten haben. Ich war damals – am 20ten Aug.[ust] – eigentlich noch krank, und <eben> im Begriffe aufs Land zu gehen, um der hiesigen <Stadt->Luft zu entfliehen. Die Hitze hatte mich plötzlich ergriffen, und mir eine Entzündung zugezogen, die obwohl ohne Fieber, doch mehrere Blutausleerungen nöthig machte.– Die frische Luft in dem schönen Bergthale von Steyermark hat mich sehr gestärkt und ich fühle mich wieder ziemlich wohl; indessen habe ich doch durch diesen Anfall beynah sechs Wochen verlohren. Meine Frau ist Anfang July zurückgekehrt, und ihr Aussehen erregte mir zuerst sehr viel Besorgniß; indessen fängt sie an, in meiner Nähe sich merklich zu erhohlen, und hat wenigstens seit sie zurück ist, kein Fieber mehr gehabt.– Ich konnte in den letzten Wochen kaum eine Feder in die Hand nehmen und hoffe aller dieser Umstände wegen Nachsicht bey Dir zu finden.– Ich kann Dir übrigens gar [2] nicht genug mit Worten sagen, wie sehr mich alle diese Beweise Deiner brüderlichen Freundschaft, die Du mir diesen Winter hindurch gegeben, so wie Deine neue, herrliche, indische Thätigkeit, erfreut und gestärkt und zu einer Zeit getröstet haben, wo ich des Trostes mehr als jemals in meinem Leben bedurfte. Es entging mir oft lange Zeit hindurch aller Muth und alle Lust und Kraft zum Schreiben.– – Ueber das Ganze meiner Lage werde ich ein andermal noch mehr und näher schreiben; es ist doch jetzt nichts andres zu thun, als Geduld zu fassen. Dieser Brief soll überhaupt nur ein erstes Lebenszeichen seyn; ich werde nun schon wieder ordentlich und recht oft schreiben. Laß mich nur bald Nachricht von Dir hören und genau wissen, zu welcher Zeit Du nach Paris abgehen, überhaupt wo Du immer seyn wirst, und wohin ich die Briefe richten soll.
Ich muß Dir noch von einer Sendung Nachricht geben, welche mehr als ein Jahr lang verspätet worden, und obwohl an Mr. Frederic Schl.[egel] a Vienne, addressirt, doch ohne Zweifel für Dich bestimmt war; und hier bey der Staatskanzley nach <dem sie> mehr als ein Jahr <unterwegs> gewesen, eingetroffen und da die Addresse an mich war, an mich abgegeben worden <ist>. Der [3] König von Frankreich hat nämlich, wie ich denke in Erinnerung Deines Werkes über die provenzalische Litteratur, ein Ex.[emplar] von Reynouards histoire des troubadours ohne Zweifel Dir bestimmt. Im Auftrag des Königs – Ministère de la Maison du Roi – sendet nun dieses Buch und unterzeichnet – Le Directeur General ayant le Portefeuille – Cte. de Pradel.– d. d. – Mai 1819.– Ich werde Dir das Original des Briefes (auf Folio im dicksten Velin) mit dem 2ten Hefte der Con.[cordia] über Frankfurt schicken.– Da ich Dir letzthin das Packet sandte, suchte ich danach konnte es aber nicht gleich finden, und mich nicht sehr anstrengen, da ich noch an der Hand etc. verbunden war.– Du wirst nun aus dieser Sendung gesehen haben, daß ich mich noch einmal auf meine alten Tage habe verleiten lassen, eine Zeitschrift herauszugeben; die ich Deiner freundschaftlichen Theilnahme bestens empfehle und wohl zu wissen wünschte, wie Du und auch Wind.[ischmann] mit dieser ,Signaturʻ zufrieden seyn werdet. Ein kleiner Triumph dabey ist, daß diese ,Concordiaʻ die mir in Frankfurt so ganz zur Discordia ausgeschlagen war, nun doch noch hier zu Stande ge[4]kommen ist. Ich wünschte auch sehr Dein Urtheil über das mitgeschickte Gedicht zu wißen, inwiefern es Dir zusagt.– Nimm indessen mit diesen Dingen vorlieb. Durch die indische Bibliothek hast Du mir eine unsägliche Freude gemacht, und ich habe mich wiederhohlt so recht satt daran gelesen, und finde alles ganz herrlich und klar heiter zu trinken, so Prosa als Verse. Nur das Eine kann ich nicht zugeben noch mich darein finden, daß Du statt des ehrwürdigen alten indischen viereckten Schlokas und geviert einherschreitenden Elephanten, dieses erhabene Metrum, der antediluvianischen Urzeit, <was auch allein für diese antediluvianischen Gedanken paßt>, den flüchtigen hellenischen Sechser genommen hast. Das ist doch eine gänzliche Verwandlung und Verkehrung und völlige μετάβασις εἰς ἄλλο γένος.– Und wie würdest Du erst jenen göttlichen Schlokas, der schon durch die Sylbenzahl und Gedankengliederung unsrer deutschen Art und Sprache so angemessen ist, gemacht haben? Daran kann ich nicht ohne Bedauern denken. Lieber einzelne Distichen, die uns zu leer oder trocken sind, auslassen, Freund! als so zusammenziehend verschmelzen. Ich hege auch die Hoffnung, daß Du das andre wenigstens auch [5] versuchen, und dann gewiß selbst davon angezogen werden und es vorziehen wirst.–
Was mich betrifft, so würde ich, etwas besser mit Hülfsmitteln versehen, am liebsten noch eine Arbeit über die indische Philosophie unternehmen, wenigstens den Entwicklungsgang der ursprünglichen Systeme im Allgemeinen auszufinden trachten. Ich gebe auch hiezu die Hoffnung nicht ganz auf. Einige einzelne Bemerkungen über alles was Du im Werke und auch gegen mich im Briefe sagst, behalte ich mir für meinen nächsten Brief vor, da ich Dir jetzt gewiß bald wieder schreibe. Was die Elephanten und die Autochtonen betrifft, so kann ich Dir die Elephanten wohl gelten lassen, als das mitvernünftige Hausthier gigantischer Urmenschen, aber nicht als selbstvernünftigen Erbkönig und eigentlichen Menschen der Urzeit; so auch die Autochtonen <und Urvölker, die Granit-Grundlage der ältesten Bevölkerung> wohl als die sporadischen Ueberbleibsel des Stammes Kain, für deren älteres (psychisches) Heidenthum die älteste Stadt Henoch (Bamyan) der bekannte Mittelpunkt war; aber nicht als eigentliche Autochtonen [6] oder Erdgebohrnes Menschengewürme.– Kennst Du wohl einen französischen Schriftsteller über den Ursprung der Sprache Fabre dʼOlivet.– Ich möchte etwas von ihm wissen; was ein gewisser Ballanche der Dich und mich über Philosophie der Sprache häufig citirt, als dessen Meynung anführt, daß ,die Sprache aus der Schrift entstanden seyʻ – macht mich begierig, mehr davon zu wißen; da mir diese Meynung, so sonderbar sie klingt, besonders auch in Beziehung auf psychische Erscheinungen sehr merkwürdig ist.– Grüße Wind.[ischmann] recht herzlich von mir. Ich sehe seinen Beyträgen zur Conc.[ordia] mit dem größten Verlangen entgegen. Ich habe den Anfang der Conc.[ordia] der Gegenwart und jetzigen Zeit ganz nahe zu stellen gesucht; meine Hauptabsicht bey dem Ganzen ist aber ausschließend auf christliche Philosophie gerichtet.– Was sagst Du nur zu allem, was in der Welt vorgeht? Es scheint mir auch in Frankreich nicht gut auszusehen. Erhalte mir Deine Freundschaft; mit brüderlicher Liebe
Dein Friedrich Sch.
Meine Frau grüßt herzlich.
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