• Friederike Helene Unger to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Unknown · Date: 25.08.1810
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friederike Helene Unger
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 25.08.1810
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: APP2712-Bd-9
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,IV,e,25
  • Number of Pages: 2 S., hs. m. U.
  • Format: 23,9 x 19,3 cm
  • Incipit: „[1] Berlin den 25. August 1810.
    Mein vortreflicher Freund!
    Wunderbar hat mich Ihr Brief erfreut, überrascht. Eben hatte ich die in dem [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
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[1] Berlin den 25. August 1810.
Mein vortreflicher Freund!
Wunderbar hat mich Ihr Brief erfreut, überrascht. Eben hatte ich die in dem bei Cotta herauskommenden Morgenblatte gelesen, das ich, die vieleicht undankbare Mühe nahm, für Sie abzuschreiben, weil Sie es wohl kaum werden lesen können, da ich mit meinen zugrunde gerichteten Augen durch ein Glaß schreibe – Ich saß hie, und schrieb de mon chef eine Ankündigung, dazu Sie mich schon in Ihrem lezten Schreiben authorisirten, die ich dann in alle Welt wollte gehen lassen, die Heiden zu bekehren: als mir ein Brief gebracht wurde. Er ist von ihm rief ich laut jubelnd. Und er wars. Noch, mein Freund, ist die erste Abtheilung nicht in alle Welt gegangen den in Deutschland ist auch unter andern Armuth an Papier, weil alles Leinen, für die arme Geschlachteten verbraucht ist: wir können noch nicht das erforderliche Papier schaffen. Aber in spätestens 14. Tage, solls ja hier sein. Mir liegt selbst zu viel, an dieses Unternehmen, es ist mein Ehrenpünktchen, wie einst ein Gxxxxxx, Point dʼhonneur zu deutsch gab: als daß ich nicht alles anwenden sollte, es zu Tage zu fördern.
Ziehen Sie nicht strafend gegen mich aus, daß ich in meinem Namen, ein edles deutsches Mädchen, einen edlen französchen Jüngling lieben lasse. Wer ist der deutsche Mann, der sich, sein Vaterland, seinen Geist u alles was an ihm ist, einer Französin hin gab? der sich in dem Grade expatriert daß er so gar das Welttheil worin seine Deutsche Mitbürger wohnen verläßt? Lassen Sie uns gerecht sein: und eingestehen, daß es unter jedem Volke so unter Gottes Sonne lebt u webt, Halunken ud Tugendliche Menschen gibt. Die hochgeprießne deutsche Kraft, zeigte sich nur in den rohesten Zeitaltern als sie noch vereint wirkte. Sie ging zum Henker, als Deutschland sich in hundert u aber hundert Theile und Theilchen zersplitterte. Als noch ein Wille, die eine vereinte Kraft regierte. Und die Verschiedenheit welche die Natur, in den Nationen legte, dürfen wir nicht rügen, es ist eine schöne Mannichfaltigkeit. Wenn Sie wollen, ich bin eine solche Mestize: mein Vater war Franzose. Meine Mutter eine Deutsche. Das leichte Blut, daß er mir verlieh, hilft mir das Ungemach meiner Lage, mit leichtem Muthe ertragen.
Ich glaube, daß das Werk der Fr. von Stael treflich ausfallen wird, dank sei es dem Apoll der sie begeistert, und seinem Geist ein haucht. Reine Kritik, ist nicht die Sache der Franzosen, auch nicht einer Stael; Sie mein Freund sind allgemein, als der erste, feinste ud scharfsinnigste kritische Geist anerkand: ich wünschte unter solchen auspicien vor das Publikum auftreten zu können: schon in Corinna sind deutliche Spuhren dieses inspirirenden Geistes. Dessen Abfall vom Vaterlande, gewiß von jedem der zu schätzen weiß, innigst bedauert wird. Ueberhaupt scheint [2] unsre Blüthe abgestreift zu sein: unsre Natur bedarf einer langen Erholung ehe sie wieder etwas genialisches hervorzubringen vermag. Der alte Stamm treibt nur sparsame Blüthen. Am frühen Morgen stand er prangend da; Knaben warfen mit Steinen u Koth darein: nun stehen noch einige welke Spätlinge da; und was neu hervortreibt, ist kraft u saftlos.
Ihre Aufträge werde ich zu ihrer Zeit, gern und pünktlich ausrichten ich werde auf jede Gelegenheit merken, Ihre Schriften nach Hannover senden zu können. so auch die franz Ex. an Ort u Stelle zu fördern.
Die Universität wird im October anfangen statt zu haben. Fichte ist nach Wien gegangen, ob er wiederkommt weiß man nicht. Er steth sich hier doch ganz gut. Wolf der Philologe von Halle ist auch dort; man meint der Abschied sei nicht freundlich geschehen. Am Gelehrten ist verlohren, am Menschen keiner Stecknadels werth. Wir Buchhändler u Buchdrucker Geschwader erwarten goldne Tage von dieser neuen Stiftung: ich nicht: ich meine wir werden nun wieder auf eine neue Manier verbergen lernen müssen.
Göthe hat nach seinen Wahlverwandtschaften, eine Farben Lehre geschrieben, die aufsehen macht, und geschäzt wird. Ueber das erste Werk, was auch ins Französische übersezt wird oder ist, sind die Stimmen getheilt. Die Meinige sagt; – Doch maßt sie sich nur an mein Urtheil zu geben. – Das Buch ist wie alles was Göthe schreibt, mit hinreissend schönem Stil. Ein schönes Gewand was einen gebrechlichen Körper verbirgt. Es ist das Kind, eines älternden Vaters: dies spricht sich am Ganzen aus: die frische Blüthe ist dahin: die Ueberreife soll sie ersetzen. Die moralische Tendenz wenn es derlei hat, ist abscheulich. Seine Männer sind meist immer Schwächlinge; vom Werther an, bis zu diesem Zwitterwesen: der auch einer strafbaren Liebe, nicht entgegen zu streben vermag. So, seine natürliche Tochter; dies langweilige Theater Produkt, hat auf keiner Bühne Glük gemacht; man zwang sich bravo zu rufen, kann aber für lauter Gähnen nicht dazu kommen.
Der schnelle unterwartete Todt unsrer Königin, hat viel Federn in Bewegung gebracht; so auch, viel Phrasenkram zu Papiere: die welche den Ertrag davon geniessen, scheinen ganz getröstet. –
Tiek ist nicht mehr in München, sondern in Baden, zu baden. Der Arme Gichtbrüchige! Von Kriegrich Schlegel höre u sehe ich nur in den Zeitungen; sein Stiefsohn von Stam Juda, ist in den Schooß der Christcatholischen Kirche in Wien aufgenommen. Bernhardi ist immer noch der alte Hardi. Woltmann repräsentirt immer noch für die Hansée u viel kleine Kliffer von Deutschen Fürsten; und muß sie alle mit seiner ungeheuern Korpulenz vorstellen: sonst in sehr trauriger Lage des Vermögens. aber in glüklicher Ehre in so fern dies in der Liebe beruht. – Fr: v Kalb lebt auf dem Schlosse bei ihrer Tochter, die allerliebste Edda ist Hofdame bei unsrer Prinzessin Wilhelm. Fr: v Ahlefeld lebt abwechseln in Kiel, u in Saxdorf in Holstein: und ich, Ihre Ergebenste, lebe ein mühvolles unbelohntes Witwenleben; liebe meine wenigen Freunde, die mir geblieben sind, liebe u ehre die Anwesenden, und bin darin stets treue u ergebne Freundin. Fridricke Unger.
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[1] Berlin den 25. August 1810.
Mein vortreflicher Freund!
Wunderbar hat mich Ihr Brief erfreut, überrascht. Eben hatte ich die in dem bei Cotta herauskommenden Morgenblatte gelesen, das ich, die vieleicht undankbare Mühe nahm, für Sie abzuschreiben, weil Sie es wohl kaum werden lesen können, da ich mit meinen zugrunde gerichteten Augen durch ein Glaß schreibe – Ich saß hie, und schrieb de mon chef eine Ankündigung, dazu Sie mich schon in Ihrem lezten Schreiben authorisirten, die ich dann in alle Welt wollte gehen lassen, die Heiden zu bekehren: als mir ein Brief gebracht wurde. Er ist von ihm rief ich laut jubelnd. Und er wars. Noch, mein Freund, ist die erste Abtheilung nicht in alle Welt gegangen den in Deutschland ist auch unter andern Armuth an Papier, weil alles Leinen, für die arme Geschlachteten verbraucht ist: wir können noch nicht das erforderliche Papier schaffen. Aber in spätestens 14. Tage, solls ja hier sein. Mir liegt selbst zu viel, an dieses Unternehmen, es ist mein Ehrenpünktchen, wie einst ein Gxxxxxx, Point dʼhonneur zu deutsch gab: als daß ich nicht alles anwenden sollte, es zu Tage zu fördern.
Ziehen Sie nicht strafend gegen mich aus, daß ich in meinem Namen, ein edles deutsches Mädchen, einen edlen französchen Jüngling lieben lasse. Wer ist der deutsche Mann, der sich, sein Vaterland, seinen Geist u alles was an ihm ist, einer Französin hin gab? der sich in dem Grade expatriert daß er so gar das Welttheil worin seine Deutsche Mitbürger wohnen verläßt? Lassen Sie uns gerecht sein: und eingestehen, daß es unter jedem Volke so unter Gottes Sonne lebt u webt, Halunken ud Tugendliche Menschen gibt. Die hochgeprießne deutsche Kraft, zeigte sich nur in den rohesten Zeitaltern als sie noch vereint wirkte. Sie ging zum Henker, als Deutschland sich in hundert u aber hundert Theile und Theilchen zersplitterte. Als noch ein Wille, die eine vereinte Kraft regierte. Und die Verschiedenheit welche die Natur, in den Nationen legte, dürfen wir nicht rügen, es ist eine schöne Mannichfaltigkeit. Wenn Sie wollen, ich bin eine solche Mestize: mein Vater war Franzose. Meine Mutter eine Deutsche. Das leichte Blut, daß er mir verlieh, hilft mir das Ungemach meiner Lage, mit leichtem Muthe ertragen.
Ich glaube, daß das Werk der Fr. von Stael treflich ausfallen wird, dank sei es dem Apoll der sie begeistert, und seinem Geist ein haucht. Reine Kritik, ist nicht die Sache der Franzosen, auch nicht einer Stael; Sie mein Freund sind allgemein, als der erste, feinste ud scharfsinnigste kritische Geist anerkand: ich wünschte unter solchen auspicien vor das Publikum auftreten zu können: schon in Corinna sind deutliche Spuhren dieses inspirirenden Geistes. Dessen Abfall vom Vaterlande, gewiß von jedem der zu schätzen weiß, innigst bedauert wird. Ueberhaupt scheint [2] unsre Blüthe abgestreift zu sein: unsre Natur bedarf einer langen Erholung ehe sie wieder etwas genialisches hervorzubringen vermag. Der alte Stamm treibt nur sparsame Blüthen. Am frühen Morgen stand er prangend da; Knaben warfen mit Steinen u Koth darein: nun stehen noch einige welke Spätlinge da; und was neu hervortreibt, ist kraft u saftlos.
Ihre Aufträge werde ich zu ihrer Zeit, gern und pünktlich ausrichten ich werde auf jede Gelegenheit merken, Ihre Schriften nach Hannover senden zu können. so auch die franz Ex. an Ort u Stelle zu fördern.
Die Universität wird im October anfangen statt zu haben. Fichte ist nach Wien gegangen, ob er wiederkommt weiß man nicht. Er steth sich hier doch ganz gut. Wolf der Philologe von Halle ist auch dort; man meint der Abschied sei nicht freundlich geschehen. Am Gelehrten ist verlohren, am Menschen keiner Stecknadels werth. Wir Buchhändler u Buchdrucker Geschwader erwarten goldne Tage von dieser neuen Stiftung: ich nicht: ich meine wir werden nun wieder auf eine neue Manier verbergen lernen müssen.
Göthe hat nach seinen Wahlverwandtschaften, eine Farben Lehre geschrieben, die aufsehen macht, und geschäzt wird. Ueber das erste Werk, was auch ins Französische übersezt wird oder ist, sind die Stimmen getheilt. Die Meinige sagt; – Doch maßt sie sich nur an mein Urtheil zu geben. – Das Buch ist wie alles was Göthe schreibt, mit hinreissend schönem Stil. Ein schönes Gewand was einen gebrechlichen Körper verbirgt. Es ist das Kind, eines älternden Vaters: dies spricht sich am Ganzen aus: die frische Blüthe ist dahin: die Ueberreife soll sie ersetzen. Die moralische Tendenz wenn es derlei hat, ist abscheulich. Seine Männer sind meist immer Schwächlinge; vom Werther an, bis zu diesem Zwitterwesen: der auch einer strafbaren Liebe, nicht entgegen zu streben vermag. So, seine natürliche Tochter; dies langweilige Theater Produkt, hat auf keiner Bühne Glük gemacht; man zwang sich bravo zu rufen, kann aber für lauter Gähnen nicht dazu kommen.
Der schnelle unterwartete Todt unsrer Königin, hat viel Federn in Bewegung gebracht; so auch, viel Phrasenkram zu Papiere: die welche den Ertrag davon geniessen, scheinen ganz getröstet. –
Tiek ist nicht mehr in München, sondern in Baden, zu baden. Der Arme Gichtbrüchige! Von Kriegrich Schlegel höre u sehe ich nur in den Zeitungen; sein Stiefsohn von Stam Juda, ist in den Schooß der Christcatholischen Kirche in Wien aufgenommen. Bernhardi ist immer noch der alte Hardi. Woltmann repräsentirt immer noch für die Hansée u viel kleine Kliffer von Deutschen Fürsten; und muß sie alle mit seiner ungeheuern Korpulenz vorstellen: sonst in sehr trauriger Lage des Vermögens. aber in glüklicher Ehre in so fern dies in der Liebe beruht. – Fr: v Kalb lebt auf dem Schlosse bei ihrer Tochter, die allerliebste Edda ist Hofdame bei unsrer Prinzessin Wilhelm. Fr: v Ahlefeld lebt abwechseln in Kiel, u in Saxdorf in Holstein: und ich, Ihre Ergebenste, lebe ein mühvolles unbelohntes Witwenleben; liebe meine wenigen Freunde, die mir geblieben sind, liebe u ehre die Anwesenden, und bin darin stets treue u ergebne Freundin. Fridricke Unger.
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