• August Wilhelm von Schlegel an Johann Wolfgang von Goethe

  • Absendeort: Dresden · Empfangsort: Weimar · Datum: 18.07.1798
Editionsstatus: Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung
    Briefkopfdaten
  • Absender: August Wilhelm von Schlegel
  • Empfänger: Johann Wolfgang von Goethe
  • Absendeort: Dresden
  • Empfangsort: Weimar
  • Datum: 18.07.1798
  • Anmerkung: Empfangsort erschlossen.
    Druck
  • Bibliographische Angabe: August Wilhelm und Friedrich Schlegel im Briefwechsel mit Schiller und Goethe. Hg. v. Josef Körner u. Ernst Wieneke. Leipzig 1926, S. 72‒75.
  • Verlag: Insel Verlag
  • Incipit: „[1] Dresden d. 18 Jul 1798
    Ihr gütiger Brief vom 18ten Jun. bewillkommte mich hier gleich nach meiner Ankunft auf die erfreulichste [...]“
    Handschrift
  • Datengeber: Weimar, Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv
  • Signatur: GSA 28/805 St. 5
  • Provenienz: Klassik Stiftung Weimar
    Sprache
  • Deutsch
[1] Dresden d. 18 Jul 1798
Ihr gütiger Brief vom 18ten Jun. bewillkommte mich hier gleich nach meiner Ankunft auf die erfreulichste Art: er war mir noch nach Berlin geschickt worden, folgte mir aber unmittelbar hieher zurück. Ich habe es bis jetzt verschoben ihn zu beantworten, weil ich ihn gern mit der Sendung von einigem, das ich erst aus Berlin erwarten mußte, und auch, wo möglich, mit einem neuen Gedicht begleiten wollte.
Mlle. Meyer wird die Güte gehabt haben, Ihnen einen Brief von mir zu übergeben, den sie auf ihre Reise mitnahm. Er enthielt ein paar Kleinigkeiten auf eine Rolle von Iffland und eine von Mad. Unzelmann, die mir die Gelegenheit entlockt hatte, und die ich Ihnen, wenn sie nicht zu unbedeutend gefunden würden, für den Almanach überließ. Sie laden mich aber auf eine so unwiderstehliche Art ein, an diesem Theil zu nehmen, daß [2] ich es unmöglich dabey bewenden lassen konnte, durch jene wenigen Zeilen, allenfalls meinen guten Willen bezeugt zu haben. Ich habe daher die ersten ruhigen Tage meines Hierseyns zu poetischen Träumen angewandt. Was konnte mir an diesem Orte näher liegen als eine Künstler-Geschichte? Ich wollte etwas recht fröhliches und leichtes dichten; aber ich fand es schwerer als ich mir vorgestellt hatte, bey diesem Gegenstande die Wärme und Lebendigkeit der sinnlichen Gegenwart mit jener sittlichen Zartheit zu vereinbaren, ohne die er mir nicht edel geschienen hätte. Lassen Sie mich doch ja wissen, wie weit es mir nach Ihrem Urtheile gelungen ist dieß zu erreichen.
Das Gedicht auf die Huldigung ist schon zu sehr vervielfältigt um noch im Almanach zu erscheinen, und auch sonst wohl nicht für ihn geeignet. Ich ließ es meinem Freunde Unger zurück um das Julius-Stück der Jahrbücher der Preuß. Monarchie damit zu [3] eröffnen, und er hat nun noch besonders einige Exemplare davon sauber abdrucken lassen. Ich bin so frey, Ihnen zwey zu überschicken, eines für Sie selbst, und eines, wenn Sie gut finden sollten, es Sr. Durchlaucht dem Herzoge bey seiner Zurückkunft gelegentlich mitzutheilen.
Sie erhalten hiebey auch das 2te St.[ück] vom Athenäum. Wir wünschen, daß Sie das, was Ihnen im ersten gefiel, nicht darin vermissen, und Ihre der Beherzigung so werthe Warnung nicht aus der Acht gelassen finden mögen. Mein Bruder ersucht besonders um Nachsicht gegen seinen Versuch den W. Meister zu charakterisiren, auf die auch gewiß die Lösung einer so hohen und verwickelten Aufgabe Anspruch machen darf. Er würde höchst erfreut seyn, wenn Sie Ihre Ideen wenigstens zum Theil getroffen fänden und nicht ganz unzufrieden wären.
Sie eröffnen uns eine schöne Aussicht auf die poetische Weinlese dieses Herbstes, da [4] Sie so ganz damit beschäftigt scheinen für die Ergiebigkeit derselben zu sorgen. Wenn nur nicht die Veränderung Ihrer äußern Lage in Ansehung der öffentlichen Geschäfte zu viel von Ihrer Zeit und Ihren Kräften dem Kreise raubt, worin wir Sie natürlich am liebsten so einzig wirken sehen, weil hier eine Art von Gemeinschaft der Thätigkeit Statt findet, und weil wir um so mehr mit uns selbst zufrieden seyn dürfen, je besser wir die Früchte der Ihrigen zu genießen verstehen.
Die Nachricht, welche ich von Jena aus erhalte, daß mein Anhalten um die Professur vermuthlich den gewünschten Erfolg haben wird, ist mir auch um deswillen erfreulich, weil sie meinen Aufenthalt in Ihrer Nähe sichert. Ich sinne nun mit Eifer auf die Einrichtung meiner künftigen Vorlesungen auf die ich mich wirklich als auf eine ganz neue Übung des Geistes freue.
Meinen hiesigen Aufenthalt suche ich [5] hier durch Anfrischung und Erweiterung meiner antiquarischen Kenntnisse und Betrachtung der Kunstwerke bestens zu benutzen. Wie glücklich würde ich mich aber schätzen, könnte ich bey dieser die Leitung eines Mannes wie der Prof. Meyer haben, der bey einer solchen Tiefe und Selbständigkeit des Urtheils so viel gesellige Mittheilsamkeit besitzt. Haben Sie doch die Güte, ihn verbindlichst von mir zu grüßen, und ihm eine Bemerkung über den Laokoon zu zeigen, die im Athenäum S. 85 und 86 steht: wir sprachen über diesen Gegenstand, als ich in Weimar war. – Bey der hiesigen Akademie scheinen wie in Berlin, und wie es überhaupt das Loos der Akademien seyn mag, die Sachen ziemlich auf dem Kopfe zu stehen. Dort soll Hirt die Anlagen der Künstler untersuchen und sie auf den richtigsten Weg zur Bildung führen; hier ist Seidelmann Direktor geworden, [6] der nichts eignes zeichnen, geschweige denn mahlen kann, und sich auf der letzten Ausstellung durch einen ungeheuern Gott den Vater, der über und über in einem Schlauch von Gewande steckt, lächerlich gemacht hat. Einen jungen Künstler, Gareis, habe ich kennen gelernt, der viel Feuer des Geistes, Fertigkeit und Keckheit der Hand verräth, und wenn er sich dazu bringen kann, recht ausgeführt und fleißig zu mahlen, und sich vor dem Dekorazionsgeschmacke hütet, vielleicht etwas sehr bedeutendes leisten wird.
In Berlin war ich unter so vielen gesellschaftlichen Zerstreuungen nicht ruhig genug gestimmt mich mit Kunstwerken zu beschäftigen. Ich habe mich in der That vortrefflich unterhalten, und verschiedne Umstände verzögerten meine Abreise, so daß ich volle fünf Wochen dort geblieben bin. Ich würde diese aber auch dann nicht für verloren halten, wenn [7] weiter nichts dadurch zu Stande gebracht wäre als die Aufführung des Hamlet, wozu ich noch in den letzten Tagen mit Iffland alles verabredet. Er bleibt dabey sich ganz treu an die ursprüngliche Gestalt zu halten, bis auf einige Ausdrücke, denen wir der leidigen Schicklichkeit zu lieb, veränderte Lesearten haben unterlegen müssen, und einige Licenzen in Ansehung der Theaterveränderungen, wo sie wohl am ersten erlaubt seyn möchten, weil die Angabe derselben nicht von Shaksp. herrührt, und ihm keine oder wenig Machinerie zu Gebote stand.
Iffland hat mir aufgetragen mich zu erkundigen, ob Schillers Wallenstein so früh fertig werden würde, daß er etwa im November gegeben werden könnte? und unter welchen Bedingungen der Verfasser geneigt seyn würde, ihn dem Berliner Theater zur Aufführung zu überlassen? Da ich Ifflanden nicht sagen konnte [8] daß ich jetzt nicht an Schiller schreibe, so habe ich die Anfrage übernommen; ich ersuche Sie um Bestellung derselben, und um Nachricht an mich oder unmittelbar an Iffland.
Meine Frau und mein Bruder, der mich hieher begleitet hat, um hier recht ruhig für unsre Unternehmung zu arbeiten, empfehlen sich Ihnen angelegentlich. Letzthin vermehrte unser Freund Hardenberg, der jetzt in Töpliz die Kur braucht, unsern häuslichen Kreis auf ein paar Tage. Auch er bittet mich ihn zu empfehlen. Sie sind uns in diesem angenehmen Gartenhause recht oft gegenwärtig und es wird Ihrer mit den Gesinnungen gedacht, die Sie an uns allen kennen. Leben Sie recht wohl und gesund.
Aug Wilh. Schlegel
[1] Dresden d. 18 Jul 1798
Ihr gütiger Brief vom 18ten Jun. bewillkommte mich hier gleich nach meiner Ankunft auf die erfreulichste Art: er war mir noch nach Berlin geschickt worden, folgte mir aber unmittelbar hieher zurück. Ich habe es bis jetzt verschoben ihn zu beantworten, weil ich ihn gern mit der Sendung von einigem, das ich erst aus Berlin erwarten mußte, und auch, wo möglich, mit einem neuen Gedicht begleiten wollte.
Mlle. Meyer wird die Güte gehabt haben, Ihnen einen Brief von mir zu übergeben, den sie auf ihre Reise mitnahm. Er enthielt ein paar Kleinigkeiten auf eine Rolle von Iffland und eine von Mad. Unzelmann, die mir die Gelegenheit entlockt hatte, und die ich Ihnen, wenn sie nicht zu unbedeutend gefunden würden, für den Almanach überließ. Sie laden mich aber auf eine so unwiderstehliche Art ein, an diesem Theil zu nehmen, daß [2] ich es unmöglich dabey bewenden lassen konnte, durch jene wenigen Zeilen, allenfalls meinen guten Willen bezeugt zu haben. Ich habe daher die ersten ruhigen Tage meines Hierseyns zu poetischen Träumen angewandt. Was konnte mir an diesem Orte näher liegen als eine Künstler-Geschichte? Ich wollte etwas recht fröhliches und leichtes dichten; aber ich fand es schwerer als ich mir vorgestellt hatte, bey diesem Gegenstande die Wärme und Lebendigkeit der sinnlichen Gegenwart mit jener sittlichen Zartheit zu vereinbaren, ohne die er mir nicht edel geschienen hätte. Lassen Sie mich doch ja wissen, wie weit es mir nach Ihrem Urtheile gelungen ist dieß zu erreichen.
Das Gedicht auf die Huldigung ist schon zu sehr vervielfältigt um noch im Almanach zu erscheinen, und auch sonst wohl nicht für ihn geeignet. Ich ließ es meinem Freunde Unger zurück um das Julius-Stück der Jahrbücher der Preuß. Monarchie damit zu [3] eröffnen, und er hat nun noch besonders einige Exemplare davon sauber abdrucken lassen. Ich bin so frey, Ihnen zwey zu überschicken, eines für Sie selbst, und eines, wenn Sie gut finden sollten, es Sr. Durchlaucht dem Herzoge bey seiner Zurückkunft gelegentlich mitzutheilen.
Sie erhalten hiebey auch das 2te St.[ück] vom Athenäum. Wir wünschen, daß Sie das, was Ihnen im ersten gefiel, nicht darin vermissen, und Ihre der Beherzigung so werthe Warnung nicht aus der Acht gelassen finden mögen. Mein Bruder ersucht besonders um Nachsicht gegen seinen Versuch den W. Meister zu charakterisiren, auf die auch gewiß die Lösung einer so hohen und verwickelten Aufgabe Anspruch machen darf. Er würde höchst erfreut seyn, wenn Sie Ihre Ideen wenigstens zum Theil getroffen fänden und nicht ganz unzufrieden wären.
Sie eröffnen uns eine schöne Aussicht auf die poetische Weinlese dieses Herbstes, da [4] Sie so ganz damit beschäftigt scheinen für die Ergiebigkeit derselben zu sorgen. Wenn nur nicht die Veränderung Ihrer äußern Lage in Ansehung der öffentlichen Geschäfte zu viel von Ihrer Zeit und Ihren Kräften dem Kreise raubt, worin wir Sie natürlich am liebsten so einzig wirken sehen, weil hier eine Art von Gemeinschaft der Thätigkeit Statt findet, und weil wir um so mehr mit uns selbst zufrieden seyn dürfen, je besser wir die Früchte der Ihrigen zu genießen verstehen.
Die Nachricht, welche ich von Jena aus erhalte, daß mein Anhalten um die Professur vermuthlich den gewünschten Erfolg haben wird, ist mir auch um deswillen erfreulich, weil sie meinen Aufenthalt in Ihrer Nähe sichert. Ich sinne nun mit Eifer auf die Einrichtung meiner künftigen Vorlesungen auf die ich mich wirklich als auf eine ganz neue Übung des Geistes freue.
Meinen hiesigen Aufenthalt suche ich [5] hier durch Anfrischung und Erweiterung meiner antiquarischen Kenntnisse und Betrachtung der Kunstwerke bestens zu benutzen. Wie glücklich würde ich mich aber schätzen, könnte ich bey dieser die Leitung eines Mannes wie der Prof. Meyer haben, der bey einer solchen Tiefe und Selbständigkeit des Urtheils so viel gesellige Mittheilsamkeit besitzt. Haben Sie doch die Güte, ihn verbindlichst von mir zu grüßen, und ihm eine Bemerkung über den Laokoon zu zeigen, die im Athenäum S. 85 und 86 steht: wir sprachen über diesen Gegenstand, als ich in Weimar war. – Bey der hiesigen Akademie scheinen wie in Berlin, und wie es überhaupt das Loos der Akademien seyn mag, die Sachen ziemlich auf dem Kopfe zu stehen. Dort soll Hirt die Anlagen der Künstler untersuchen und sie auf den richtigsten Weg zur Bildung führen; hier ist Seidelmann Direktor geworden, [6] der nichts eignes zeichnen, geschweige denn mahlen kann, und sich auf der letzten Ausstellung durch einen ungeheuern Gott den Vater, der über und über in einem Schlauch von Gewande steckt, lächerlich gemacht hat. Einen jungen Künstler, Gareis, habe ich kennen gelernt, der viel Feuer des Geistes, Fertigkeit und Keckheit der Hand verräth, und wenn er sich dazu bringen kann, recht ausgeführt und fleißig zu mahlen, und sich vor dem Dekorazionsgeschmacke hütet, vielleicht etwas sehr bedeutendes leisten wird.
In Berlin war ich unter so vielen gesellschaftlichen Zerstreuungen nicht ruhig genug gestimmt mich mit Kunstwerken zu beschäftigen. Ich habe mich in der That vortrefflich unterhalten, und verschiedne Umstände verzögerten meine Abreise, so daß ich volle fünf Wochen dort geblieben bin. Ich würde diese aber auch dann nicht für verloren halten, wenn [7] weiter nichts dadurch zu Stande gebracht wäre als die Aufführung des Hamlet, wozu ich noch in den letzten Tagen mit Iffland alles verabredet. Er bleibt dabey sich ganz treu an die ursprüngliche Gestalt zu halten, bis auf einige Ausdrücke, denen wir der leidigen Schicklichkeit zu lieb, veränderte Lesearten haben unterlegen müssen, und einige Licenzen in Ansehung der Theaterveränderungen, wo sie wohl am ersten erlaubt seyn möchten, weil die Angabe derselben nicht von Shaksp. herrührt, und ihm keine oder wenig Machinerie zu Gebote stand.
Iffland hat mir aufgetragen mich zu erkundigen, ob Schillers Wallenstein so früh fertig werden würde, daß er etwa im November gegeben werden könnte? und unter welchen Bedingungen der Verfasser geneigt seyn würde, ihn dem Berliner Theater zur Aufführung zu überlassen? Da ich Ifflanden nicht sagen konnte [8] daß ich jetzt nicht an Schiller schreibe, so habe ich die Anfrage übernommen; ich ersuche Sie um Bestellung derselben, und um Nachricht an mich oder unmittelbar an Iffland.
Meine Frau und mein Bruder, der mich hieher begleitet hat, um hier recht ruhig für unsre Unternehmung zu arbeiten, empfehlen sich Ihnen angelegentlich. Letzthin vermehrte unser Freund Hardenberg, der jetzt in Töpliz die Kur braucht, unsern häuslichen Kreis auf ein paar Tage. Auch er bittet mich ihn zu empfehlen. Sie sind uns in diesem angenehmen Gartenhause recht oft gegenwärtig und es wird Ihrer mit den Gesinnungen gedacht, die Sie an uns allen kennen. Leben Sie recht wohl und gesund.
Aug Wilh. Schlegel
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