• Amalie Wolper to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Harburg, Elbe · Place of Destination: Bonn · Date: 28.09.1843
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Amalie Wolper
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Harburg, Elbe
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: 28.09.1843
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: DE-1a-34336
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.29,Nr.73
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl. u. 1 S., hs. m. U. u. Adresse
  • Format: 21 x 13,7 cm; 25,1 x 21,3 cm
  • Incipit: „[1] Harburg d. 28sten Septbr.
    1843.
    Geliebter Oheim!
    Eine recht erfreuliche und wohlthuende Erscheinung war mir Ihr theilnehmender, ausführlicher Brief, für den ich [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
  • Zeil, Sophia
Notice (8): Undefined offset: 0 [APP/View/Letters/view.ctp, line 360]/version-04-20/letters/view/4031" data-language="">
[1] Harburg d. 28sten Septbr.
1843.
Geliebter Oheim!
Eine recht erfreuliche und wohlthuende Erscheinung war mir Ihr theilnehmender, ausführlicher Brief, für den ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin. Schon lange sehnte ich mich nach unmittelbaren Nachrichten von Ihnen selbst, doch bescheide ich mich natürlich gern, da ich weiß, wie viele Arbeiten auf Ihnen lasten und wie selten Sie zum Briefschreiben kommen können.
Ihrer Theilnahme bei dem uns betroffenen, zwar nicht unerwarteten, aber dennoch recht schmerzlichen Verlust war ich gewiß, da ich wußte, daß Sie meine theure, verewigte Mutter stets geschätzt und geliebt hatten. Sie erkannte das auch mit dem innigsten Dank und erwiederte diese Gefühle aufrichtig, wie mir noch ein mir gewordener Auftrag an Sie beweis’t. In ihren nachgelassenen Papieren, worin sie Alles auf das Genauste aufgezeichnet, kleine Vermächtnisse bestimmt hat u. d. gl. [2] äußert sie auch, daß sie Ihnen noch einmal habe schreiben wollen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, ihre Kräfte haben jedoch nicht mehr dazu ausgereicht. Sie trägt mir nun auf, Ihnen ihre letzten Grüße zu überbringen und ihren Dank für die Güte und Aufmerksamkeit, die Sie ihr in ihrem langen, vielfach geprüften Leben stets erwiesen hätten.
Daß die gute Mamsell Marie ein so langes Krankenlager gehabt und in den letzten Tagen so unsäglich viel gelitten hat, thut mir innig leid. Wie mögen Sie, geliebter Oheim, dadurch ergriffen und erschüttert sein und wie wird dieser Verlust Ihnen stets schmerzlich und fühlbar bleiben. Eine schöne Beruhigung gewährt Ihnen gewiß der Gedanke, daß zur Pflege und Erquickung der Kranken alles nur Mögliche geschehen ist.
Sie erkundigen sich so theilnehmend und freundlich nach dem Gesundheitszustande meiner armen Schwester und nach unsern Verhältnissen und Einrichtungen für die Zukunft, über die ich Ihnen mit Vergnügen die genauste Auskunft geben werde. Der Arzt, der zugleich ein langjähriger Freund unseres Hauses ist, hat oft mit mir über das Befin[3]den meiner Schwester gesprochen. Er nennt es ein Rückenmarksübel und verhehlt mir nicht, daß es leider! unheilbar sei und alle damit verbundenen Beschwerden und Schwächen mit der Zeit noch zunehmen würden. Über die Veranlassung desselben erklärt er sich nie deutlich, vielleicht haben Sorge und Mangel, mit denen meine Schwester während der ganzen Zeit ihrer Ehe hat kämpfen müssen, so schrecklich auf sie gewirkt, vielleicht mögen auch noch andre Ursachen zum Grunde liegen. Ach! lieber Oheim, im Vertrauen sage ich es zu Ihnen, ich hege die feste Überzeugung, daß wenn meine Schwester diese traurige Heirath nicht geschlossen hätte, sie auch noch gesund wäre. Eine Badecur hält der Arzt jetzt nicht mehr für anwendbar und zweckmäßig, im Anfange, wo es vielleicht noch hätte Erleichterung schaffen können, sei es wegen der bedeutenden Kosten nicht ausführbar gewesen. Das Einzige, wodurch man jetzt ihre Lage und Leiden noch einigermaßen erträglich machen kann, ist eine gute und sorgsame Pflege. Ihre Tochter Pauline und ich werden das Unsrige thun, doch müssen wir noch eine fremde Person zu Hülfe nehmen, da sie zu schwer und unbehülflich ist. Wie sehr trübte dieser traurige Zustand die letz[4]ten Lebenstage meiner geliebten Mutter!
Der Nachlaß derselben besteht in 10,000 Mark Hamb. Geld, die seit einiger Zeit mit 4 Procent verzinset werden, 1300 rthr. in Hannoverschen Staatspapieren zu 3 1/2 Procent und 100 rthr. bei einem Bauer belegt zu 4 1/2 Proc. Ihre Möbeln, Leinenzeug ect. sind mit ihr alt geworden und fast zu Ende gegangen, werden daher keinen bedeutenden Ertrag liefern. Die gute Mutter hat immer recht ökonomisch gelebt und namentlich meine Schwester nach Kräften unterstützt. Die Witwenpension dieser beträgt 140 rthr. in Golde, womit sie bei der äußersten Einschränkung nicht auskommen konnte. Ich erhalten nur 100 rthr. C. Pension, habe dagegen die Verwaltung von Hermann’s kleinem Vermögen 3000 rthr. meistens zu 4 Proc. belegt. Die Zinsen desselben reichen jedoch noch lange nicht für ihn aus, da ich allein 20 Louisd’or Lehrgeld jährlich für ihn bezahlen, ihn in Kleidung, Wäsche unterhalten muß und er noch Privatstunden in den neuen Sprachen hat. Zu meiner großen Freude und Beruhigung geht es ihm aber gut und man ist sehr mit ihm zufrieden. Sie sehen, lieber Oheim, daß, obwohl unsre Lage sich in ökonomischer Rücksicht gebessert hat, wir uns doch noch sehr einschränken müssen.
[5] Bis Ostern bleiben wir zusammen in der bisherigen Wohnung meiner geliebten Mutter, die wir gern ganz behielten, da sie gesund, geräumig und bequem eingerichtet ist, doch ist uns 100 rthr. jährliche Miethe natürlich zu theuer. Wir müssen dann sehen, eine billigere zu bekommen, was freilich bei der mangelhaften und schlechten Häus Einrichtung der hiesigen Häuser und der Überfülle von Einwohnern schwer halten wird. An einen Umzug nach einem, vielleicht wohlfeileren Orte ist schon aus dem Grunde nicht zu denken, weil meine Schwester wirklich gar nicht mehr zu transportiren ist. Die Mamsell, meiner guten Mutter treue Pflegerinn während 10 Jahren, behalten wir auch bis Ostern, da wir sie nicht gleich gehen lassen mögen und sich im Laufe des Winters wohl eine andre passende Stelle für sie findet.
Nun, theuerster Oheim, habe ich wohl genug von uns gere[det und für]chte fast, Sie dadurch zu ermüden, doch forderten Sie selbst mich s[…] dazu auf.
Möchten Sie Ihrem seegensreichen Wirken doch noch recht [lange erha]lten und von den Schwächen und Beschwerden der höheren Jahre mög[lich]st verschont bleiben, das ist mein aufrichtiger und innigster Wunsch!
Meine Schwester empfiehlt sich Ihnen bestens.
Mit wahrer Liebe und Verehrung
Ihre
Ihnen kindlich ergebene Nichte
Amalie Wolper.
[6] Sr. Hochwohlgeboren
dem Herrn Professor A. W. von Schlegel.
zu
Bonn.
[1] d. 5ten Oct. beantwortet u 50 thl. in C. A. überschickt
Notice (8): Undefined offset: 0 [APP/View/Letters/view.ctp, line 442]/version-04-20/letters/view/4031" data-language="">
[1] Harburg d. 28sten Septbr.
1843.
Geliebter Oheim!
Eine recht erfreuliche und wohlthuende Erscheinung war mir Ihr theilnehmender, ausführlicher Brief, für den ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin. Schon lange sehnte ich mich nach unmittelbaren Nachrichten von Ihnen selbst, doch bescheide ich mich natürlich gern, da ich weiß, wie viele Arbeiten auf Ihnen lasten und wie selten Sie zum Briefschreiben kommen können.
Ihrer Theilnahme bei dem uns betroffenen, zwar nicht unerwarteten, aber dennoch recht schmerzlichen Verlust war ich gewiß, da ich wußte, daß Sie meine theure, verewigte Mutter stets geschätzt und geliebt hatten. Sie erkannte das auch mit dem innigsten Dank und erwiederte diese Gefühle aufrichtig, wie mir noch ein mir gewordener Auftrag an Sie beweis’t. In ihren nachgelassenen Papieren, worin sie Alles auf das Genauste aufgezeichnet, kleine Vermächtnisse bestimmt hat u. d. gl. [2] äußert sie auch, daß sie Ihnen noch einmal habe schreiben wollen, um Ihnen Lebewohl zu sagen, ihre Kräfte haben jedoch nicht mehr dazu ausgereicht. Sie trägt mir nun auf, Ihnen ihre letzten Grüße zu überbringen und ihren Dank für die Güte und Aufmerksamkeit, die Sie ihr in ihrem langen, vielfach geprüften Leben stets erwiesen hätten.
Daß die gute Mamsell Marie ein so langes Krankenlager gehabt und in den letzten Tagen so unsäglich viel gelitten hat, thut mir innig leid. Wie mögen Sie, geliebter Oheim, dadurch ergriffen und erschüttert sein und wie wird dieser Verlust Ihnen stets schmerzlich und fühlbar bleiben. Eine schöne Beruhigung gewährt Ihnen gewiß der Gedanke, daß zur Pflege und Erquickung der Kranken alles nur Mögliche geschehen ist.
Sie erkundigen sich so theilnehmend und freundlich nach dem Gesundheitszustande meiner armen Schwester und nach unsern Verhältnissen und Einrichtungen für die Zukunft, über die ich Ihnen mit Vergnügen die genauste Auskunft geben werde. Der Arzt, der zugleich ein langjähriger Freund unseres Hauses ist, hat oft mit mir über das Befin[3]den meiner Schwester gesprochen. Er nennt es ein Rückenmarksübel und verhehlt mir nicht, daß es leider! unheilbar sei und alle damit verbundenen Beschwerden und Schwächen mit der Zeit noch zunehmen würden. Über die Veranlassung desselben erklärt er sich nie deutlich, vielleicht haben Sorge und Mangel, mit denen meine Schwester während der ganzen Zeit ihrer Ehe hat kämpfen müssen, so schrecklich auf sie gewirkt, vielleicht mögen auch noch andre Ursachen zum Grunde liegen. Ach! lieber Oheim, im Vertrauen sage ich es zu Ihnen, ich hege die feste Überzeugung, daß wenn meine Schwester diese traurige Heirath nicht geschlossen hätte, sie auch noch gesund wäre. Eine Badecur hält der Arzt jetzt nicht mehr für anwendbar und zweckmäßig, im Anfange, wo es vielleicht noch hätte Erleichterung schaffen können, sei es wegen der bedeutenden Kosten nicht ausführbar gewesen. Das Einzige, wodurch man jetzt ihre Lage und Leiden noch einigermaßen erträglich machen kann, ist eine gute und sorgsame Pflege. Ihre Tochter Pauline und ich werden das Unsrige thun, doch müssen wir noch eine fremde Person zu Hülfe nehmen, da sie zu schwer und unbehülflich ist. Wie sehr trübte dieser traurige Zustand die letz[4]ten Lebenstage meiner geliebten Mutter!
Der Nachlaß derselben besteht in 10,000 Mark Hamb. Geld, die seit einiger Zeit mit 4 Procent verzinset werden, 1300 rthr. in Hannoverschen Staatspapieren zu 3 1/2 Procent und 100 rthr. bei einem Bauer belegt zu 4 1/2 Proc. Ihre Möbeln, Leinenzeug ect. sind mit ihr alt geworden und fast zu Ende gegangen, werden daher keinen bedeutenden Ertrag liefern. Die gute Mutter hat immer recht ökonomisch gelebt und namentlich meine Schwester nach Kräften unterstützt. Die Witwenpension dieser beträgt 140 rthr. in Golde, womit sie bei der äußersten Einschränkung nicht auskommen konnte. Ich erhalten nur 100 rthr. C. Pension, habe dagegen die Verwaltung von Hermann’s kleinem Vermögen 3000 rthr. meistens zu 4 Proc. belegt. Die Zinsen desselben reichen jedoch noch lange nicht für ihn aus, da ich allein 20 Louisd’or Lehrgeld jährlich für ihn bezahlen, ihn in Kleidung, Wäsche unterhalten muß und er noch Privatstunden in den neuen Sprachen hat. Zu meiner großen Freude und Beruhigung geht es ihm aber gut und man ist sehr mit ihm zufrieden. Sie sehen, lieber Oheim, daß, obwohl unsre Lage sich in ökonomischer Rücksicht gebessert hat, wir uns doch noch sehr einschränken müssen.
[5] Bis Ostern bleiben wir zusammen in der bisherigen Wohnung meiner geliebten Mutter, die wir gern ganz behielten, da sie gesund, geräumig und bequem eingerichtet ist, doch ist uns 100 rthr. jährliche Miethe natürlich zu theuer. Wir müssen dann sehen, eine billigere zu bekommen, was freilich bei der mangelhaften und schlechten Häus Einrichtung der hiesigen Häuser und der Überfülle von Einwohnern schwer halten wird. An einen Umzug nach einem, vielleicht wohlfeileren Orte ist schon aus dem Grunde nicht zu denken, weil meine Schwester wirklich gar nicht mehr zu transportiren ist. Die Mamsell, meiner guten Mutter treue Pflegerinn während 10 Jahren, behalten wir auch bis Ostern, da wir sie nicht gleich gehen lassen mögen und sich im Laufe des Winters wohl eine andre passende Stelle für sie findet.
Nun, theuerster Oheim, habe ich wohl genug von uns gere[det und für]chte fast, Sie dadurch zu ermüden, doch forderten Sie selbst mich s[…] dazu auf.
Möchten Sie Ihrem seegensreichen Wirken doch noch recht [lange erha]lten und von den Schwächen und Beschwerden der höheren Jahre mög[lich]st verschont bleiben, das ist mein aufrichtiger und innigster Wunsch!
Meine Schwester empfiehlt sich Ihnen bestens.
Mit wahrer Liebe und Verehrung
Ihre
Ihnen kindlich ergebene Nichte
Amalie Wolper.
[6] Sr. Hochwohlgeboren
dem Herrn Professor A. W. von Schlegel.
zu
Bonn.
[1] d. 5ten Oct. beantwortet u 50 thl. in C. A. überschickt
×