• August Wilhelm von Schlegel to Moritz August von Bethmann-Hollweg

  • Place of Dispatch: Bonn · Place of Destination: Bonn · Date: 07.02.1844
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Moritz August von Bethmann-Hollweg
  • Place of Dispatch: Bonn
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: 07.02.1844
  • Notations: Konzept von Schreiberhand. – Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: DE-611-38972
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.3,Nr.32
  • Number of Pages: 9 S. auf Doppelbl., hs. o. U.
  • Format: 20,4 x 16,3 cm
  • Incipit: „[1] Hochgeehrtester Herr
    Geheimerath!
    Ew. Hochwohlgeboren werden das Gutachten unserer Facultät über das Gesuch des Herrn Dr. Gildemeister bereits vor einiger Zeit [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
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[1] Hochgeehrtester Herr
Geheimerath!
Ew. Hochwohlgeboren werden das Gutachten unserer Facultät über das Gesuch des Herrn Dr. Gildemeister bereits vor einiger Zeit empfangen haben. Erlauben Sie mir nun, einige Bemerkungen nachzutragen, indem ich die Sache aus als meiner persönlichen Angelegenheit betrachte.
Seitdem Herr Prof. Lassen an der hiesigen Universität als Lehrer im Sanscrit in Thätigkeit getreten ist, habe ich immerfort gleichzeitig mit ihm [2] Vorlesungen über diese Sprache, verbunden mit praktischen Übungen, gehalten. Dieses hatte den großen Vortheil, daß auswärtige Studirende, welche bloß zu diesem dem Zwecke hieher kamen, um dieses Fach der Gelehrsamkeit besonders anzubauen und in Zukunft darin selbst Lehrer zu werden, zu können in einer verhältnißmäßig kurzen Zeit, bei den nöthigen Talenten, so weit gefördert wurden, daß sie nachher keines Lehrers zu weitern Fortschritten bedurften. Wir haben Schüler aus Koppenhagen, aus Stockholm, aus Petersburg gehabt; alle haben hier die Proben ihres Fleißes und ihrer Fortschritte, wie auch ihrer [3] gründlichen Wissenschaft in Druck gegeben, und sind seitdem als öffentliche Lehrer angestellt; der letzte ist bereits Adjunct der kaiserlichen Akademie in Petersburg geworden. Kürzlich hat ein Genfer in nach einem strengen Examen im Arabischen und Sanscrit die Doctorwürde erlangt, welches wohl das erste Beispiel dieser Art war. Gegenwärtig studirt hier noch mit gutem Fortgange ein preußischer Unterthan aus S einer entfernten Provinz, Herr Schuffelberger aus Neuchatel, dem auch von der dortigen Regierung ein Stipendium bewilligt worden ist.
Mir ist es jetzt wegen meiner immer schwankenden [4] Gesundheit unmöglich geworden jene Vorlesungen mit gle[i]cher Thätigkeit fortzuführen. Herr Dr. Gildemeister hat aber seit seiner Habilitation diesen Ausfall ersetzt und mir dadurch eine große Erleichterung verschafft.
Ew. Hochwohlgeboren ist bekannt, wie ich vor 24 Jahren den Auftrag erhielt, das Studium der altindischen Sprache und Litteratur in Deutschland einheimisch zu machen, wie ich eine Druckerei gestiftet, welche der Regierung nicht mehr als 2000 Thaler gekostet hat, wie ich diese zur kritischen Herausgabe wichtiger Originalwerke benutzt, und welche Opfer meiner Zeit, meiner Kräfte [5] und meines Vermögens ich dafür aufgewandt habe.
Ew. Hochwohlgeboren wer- Noch vor 3 Jahren wollte Lord Munster, der älteste Sohn König Wilhelms des Vierten IV., Bonn zum zweiten Male besuchen, welches er, ein großer Kenner u. Gönner des Faches, das Hauptquartier der indischen Studien nannte. Ich darf behaupten, daß keine deutsche Universität, auch Berlin nicht ausgenommen, der hiesigen den Vorrang streitig machen kann, deren Ruhm nicht allein in Paris und London, sondern auch bis nach Calcutta verbreitet ist. Meine Lauf[6]bahn geht zu Ende, und ich muß lebhaft wünschen, daß jüngere und rüstigere Gelehrte mich alsdann ersetzen mögen. Der Prof. Lassen hat bereits einen ehrenvollen Ruf nach Koppenhagen ausgeschlagen; als geborner Norweger könnte er auch leicht nach Christiania berufen werden; denn man fühlt überall das Bedürfniß, den beschränkten Kreis der ehemals sogenannten Orientalia durch die Kenntniß der innerasiatischen Sprachen, deren Litteratur in das entfernteste Alterthum zurückgeht, zu erweitern. Herr Dr. Gildemeister hat um [7] nichts weiter nachgesucht, als um den Titel eines außerordentlichen Professors, ohne für jetzt auf irgend ein Gehalt Anspruch zu machen. Von seiner gründlichen Methode und seinem kritischen Scharfsinn kann ich aus genauer persönlicher Bekanntschaft nicht nur in Bezug auf seine Druckschriften, sondern auch aus mündlichen Mittheilungen ihm das vortheilhafteste Zeugniß geben. Es ist ihm nur um eine Anerkennung zu thun. Würde er aber hier zurückgesetzt, so müßte er sich dann wohl entschließen, an einer andern Universität [8] z. B. in Göttingen, seine Lehrthätigkeit fortzusetzen, wo man ihn sehr bereitwillig aufnehmen würde. Ich bemerke noch, daß er auch eine Lücke in den vord[er]asiatischen Sprachen ausfüllt, indem unser verdienter Prof. Freytag über das die für die biblische Exegese so wichtige syrische Sprache niemals Vorlesungen gehalten hat.
Die Zahl von 8 außerordentlichen Professoren in unserer Facultät ist zwar durch die neulich erfolgte Ernennung des Dr. Urlichs ausgefüllt worden; indessen sind alle dergleichen Bestimmungen Verfügungen in den Statuten nur als vorläufige zu betrachten, welche durch [9] den Fortgang der Wissenschaften anders bestimmt werden müssen. So ist z. B. in unsern Universitätssstatuten unter den Nominal-Professuren nur eine für Orientalia aufgeführt, da doch seitdem schon 2 nöthig geworden sind; die eine, nach der ältern Bedeutung des Wortes, für das Hebräische, Arabische und Syrische; die andere für das Sanscrit, Pracrit, für das Alte und Neu-Persische u. s. w.
Vertrauensvoll auf Ihre Hochgeneigte Förderung meines Anliegens bitte ich Sie, den Ausdruck meiner ausgezeichnetsten Verehrung zu genehmigen.
[10] Ew. Hochwohlgeboren
gehorsamster
Bonn, d. 7. Februar 1844.
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[1] Hochgeehrtester Herr
Geheimerath!
Ew. Hochwohlgeboren werden das Gutachten unserer Facultät über das Gesuch des Herrn Dr. Gildemeister bereits vor einiger Zeit empfangen haben. Erlauben Sie mir nun, einige Bemerkungen nachzutragen, indem ich die Sache aus als meiner persönlichen Angelegenheit betrachte.
Seitdem Herr Prof. Lassen an der hiesigen Universität als Lehrer im Sanscrit in Thätigkeit getreten ist, habe ich immerfort gleichzeitig mit ihm [2] Vorlesungen über diese Sprache, verbunden mit praktischen Übungen, gehalten. Dieses hatte den großen Vortheil, daß auswärtige Studirende, welche bloß zu diesem dem Zwecke hieher kamen, um dieses Fach der Gelehrsamkeit besonders anzubauen und in Zukunft darin selbst Lehrer zu werden, zu können in einer verhältnißmäßig kurzen Zeit, bei den nöthigen Talenten, so weit gefördert wurden, daß sie nachher keines Lehrers zu weitern Fortschritten bedurften. Wir haben Schüler aus Koppenhagen, aus Stockholm, aus Petersburg gehabt; alle haben hier die Proben ihres Fleißes und ihrer Fortschritte, wie auch ihrer [3] gründlichen Wissenschaft in Druck gegeben, und sind seitdem als öffentliche Lehrer angestellt; der letzte ist bereits Adjunct der kaiserlichen Akademie in Petersburg geworden. Kürzlich hat ein Genfer in nach einem strengen Examen im Arabischen und Sanscrit die Doctorwürde erlangt, welches wohl das erste Beispiel dieser Art war. Gegenwärtig studirt hier noch mit gutem Fortgange ein preußischer Unterthan aus S einer entfernten Provinz, Herr Schuffelberger aus Neuchatel, dem auch von der dortigen Regierung ein Stipendium bewilligt worden ist.
Mir ist es jetzt wegen meiner immer schwankenden [4] Gesundheit unmöglich geworden jene Vorlesungen mit gle[i]cher Thätigkeit fortzuführen. Herr Dr. Gildemeister hat aber seit seiner Habilitation diesen Ausfall ersetzt und mir dadurch eine große Erleichterung verschafft.
Ew. Hochwohlgeboren ist bekannt, wie ich vor 24 Jahren den Auftrag erhielt, das Studium der altindischen Sprache und Litteratur in Deutschland einheimisch zu machen, wie ich eine Druckerei gestiftet, welche der Regierung nicht mehr als 2000 Thaler gekostet hat, wie ich diese zur kritischen Herausgabe wichtiger Originalwerke benutzt, und welche Opfer meiner Zeit, meiner Kräfte [5] und meines Vermögens ich dafür aufgewandt habe.
Ew. Hochwohlgeboren wer- Noch vor 3 Jahren wollte Lord Munster, der älteste Sohn König Wilhelms des Vierten IV., Bonn zum zweiten Male besuchen, welches er, ein großer Kenner u. Gönner des Faches, das Hauptquartier der indischen Studien nannte. Ich darf behaupten, daß keine deutsche Universität, auch Berlin nicht ausgenommen, der hiesigen den Vorrang streitig machen kann, deren Ruhm nicht allein in Paris und London, sondern auch bis nach Calcutta verbreitet ist. Meine Lauf[6]bahn geht zu Ende, und ich muß lebhaft wünschen, daß jüngere und rüstigere Gelehrte mich alsdann ersetzen mögen. Der Prof. Lassen hat bereits einen ehrenvollen Ruf nach Koppenhagen ausgeschlagen; als geborner Norweger könnte er auch leicht nach Christiania berufen werden; denn man fühlt überall das Bedürfniß, den beschränkten Kreis der ehemals sogenannten Orientalia durch die Kenntniß der innerasiatischen Sprachen, deren Litteratur in das entfernteste Alterthum zurückgeht, zu erweitern. Herr Dr. Gildemeister hat um [7] nichts weiter nachgesucht, als um den Titel eines außerordentlichen Professors, ohne für jetzt auf irgend ein Gehalt Anspruch zu machen. Von seiner gründlichen Methode und seinem kritischen Scharfsinn kann ich aus genauer persönlicher Bekanntschaft nicht nur in Bezug auf seine Druckschriften, sondern auch aus mündlichen Mittheilungen ihm das vortheilhafteste Zeugniß geben. Es ist ihm nur um eine Anerkennung zu thun. Würde er aber hier zurückgesetzt, so müßte er sich dann wohl entschließen, an einer andern Universität [8] z. B. in Göttingen, seine Lehrthätigkeit fortzusetzen, wo man ihn sehr bereitwillig aufnehmen würde. Ich bemerke noch, daß er auch eine Lücke in den vord[er]asiatischen Sprachen ausfüllt, indem unser verdienter Prof. Freytag über das die für die biblische Exegese so wichtige syrische Sprache niemals Vorlesungen gehalten hat.
Die Zahl von 8 außerordentlichen Professoren in unserer Facultät ist zwar durch die neulich erfolgte Ernennung des Dr. Urlichs ausgefüllt worden; indessen sind alle dergleichen Bestimmungen Verfügungen in den Statuten nur als vorläufige zu betrachten, welche durch [9] den Fortgang der Wissenschaften anders bestimmt werden müssen. So ist z. B. in unsern Universitätssstatuten unter den Nominal-Professuren nur eine für Orientalia aufgeführt, da doch seitdem schon 2 nöthig geworden sind; die eine, nach der ältern Bedeutung des Wortes, für das Hebräische, Arabische und Syrische; die andere für das Sanscrit, Pracrit, für das Alte und Neu-Persische u. s. w.
Vertrauensvoll auf Ihre Hochgeneigte Förderung meines Anliegens bitte ich Sie, den Ausdruck meiner ausgezeichnetsten Verehrung zu genehmigen.
[10] Ew. Hochwohlgeboren
gehorsamster
Bonn, d. 7. Februar 1844.
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