• August Wilhelm von Schlegel to Anne Louise Germaine de Staël-Holstein

  • Place of Dispatch: Meiringen · Place of Destination: Unknown · Date: 03.08.1807
Edition Status: Single collated printed full text without registry labelling not including a registry
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Anne Louise Germaine de Staël-Holstein
  • Place of Dispatch: Meiringen
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 03.08.1807
  • Notations: Aus rechtlichen Gründen wird vorerst die deutsche Übersetzung angezeigt.
    Printed Text
  • Bibliography: Pange, Pauline de: August Wilhelm Schlegel und Frau von Staël. Eine schicksalhafte Begegnung. Nach unveröffentlichten Briefen erzählt von Pauline Gräfin de Pange. Dt. Ausg. von Willy Grabert. Hamburg 1940, S. 146–147.
  • Incipit: „Montag, den 3. August [1807] Meyringen im Hasli.
    Liebe Freundin! Ich hoffe, Sie haben Ihre Reise bei dem schönen Wetter glücklich [...]“
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Montag, den 3. August [1807] Meyringen im Hasli.
Liebe Freundin! Ich hoffe, Sie haben Ihre Reise bei dem schönen Wetter glücklich beendet; wir wenigstens hatten bis Sonnabend abend wunderbar klaren Himmel. Von Bern fuhren wir im zweirädrigen Wagen nach Thun, setzten dann über den See, gingen weiter zu Fuß über Unterseen nach Lauterbrunnen. Am folgenden Tag sahen wir den Staubbachfall in seiner ganzen Schönheit, dann wanderten wir über die Wengernalp, wo sich die Jungfrau in noch majestätischerem Glanz zeigt als der Mont Blanc in Chamonix. Abends kamen wir nach Grindelwald und am folgenden Tag sahen wir den Gletscher. Gestern hofften wir, das Ringerfest auf der Scheidegg zu sehen, aber es fand wegen des schlechten Wetters nicht statt, was mich sehr ärgerte. Sieben Stunden sind wir im Regen und in einem Nebel herumgelaufen, der uns jede schöne Aussicht nahm. Jetzt sind wir hier in einem herrlichen, lachenden Tal, in dem Lande der schönsten Bäuerinnen, die ihre prachtvollen Haare nach griechischer Art aufstecken. Das schlechte Wetter hält uns im Augenblick fest, denn ich gehe bestimmt nur bei völlig klarem Wetter über die Grimsel; sonst setzt man sich unnütz der Gefahr aus.
Im übrigen lebt es sich hier so herrlich, daß man sich gern für einen ganzen Sommer da einschlösse, um alles zu vergessen, was in der Welt vorgeht. Von meinem Fenster aus sehe ich den wundervollen Reichenbachfall, der das ganze Tal mit seinem Brausen erfüllt. Das Wetter scheint sich aufzuhellen, und nachmittags werden wir einen Spaziergang in die Umgebung unternehmen und uns morgen wieder auf den Weg machen können. Das Volk interessiert mich auf dieser Reise noch mehr als die Natur; ich bin entzückt, Gegenden kennen zu lernen, die mich wieder an die Menschenwürde glauben lassen. Ich denke sehr daran, ein kleines Buch zu schreiben, das nicht nur diese, sondern auch meine Reisen nach Italien und Frankreich zum Gegenstande haben soll. Es soll ganz ›rapsodisch‹ werden, eine Mischung von Dichtung, allgemeinen Gedankengängen, Vergleichen, Schilderungen... u.s.w. Ich will einige Abschnitte hereinbringen, die ich schon niedergeschrieben habe, teils in Versen, teils in Prosa, und ich will es Umrisse auf Reisen gezeichnet nennen. Ich hoffe, in ihm mein Nationalgefühl mittelbar zum Ausdruck bringen zu können. Die Reise hat mir diese neue Anregung gegeben. Ich danke Ihnen vielmals, daß Sie mir so liebenswürdig Urlaub bewilligt haben.
Albert geht es gut, er macht im Deutschen einige Fortschritte. Im übrigen bricht immer wieder sein Hang zum Plaudern durch. Er zwingt mich, mit allen Reisenden zu sprechen, deren er habhaft werden kann, und gestern hat er überhaupt nicht aufgehört zu reden, obwohl ihm der Regen dauernd in den Mund lief. Das bringt mich ein wenig aus der Fassung, weil ich immer wieder Stille und Einsamkeit suche, aber diese Neigung bei ihm ist nun einmal nicht einzudämmen.
Die Post nach Bern geht von hier erst wieder am Freitag ab. Ich werde diesen Brief hier einstecken, da ich nicht voraussehen kann, wo ich Gelegenheit habe, schneller einen Brief an Sie gelangen zu lassen. Ich habe die Idee, vielleicht über Freiburg und die Val Sainte zurückzuwandern; dann könnten wir uns in Vevey treffen; aber darüber werde ich Ihnen noch genauer schreiben. Leben Sie wohl, liebe Freundin, ich möchte gern bald Nachricht von Ihnen haben und werde deshalb versuchen, schnell nach Luzern zu kommen. Viele Grüße an Frau Récamier und Herrn de Sabran.
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Montag, den 3. August [1807] Meyringen im Hasli.
Liebe Freundin! Ich hoffe, Sie haben Ihre Reise bei dem schönen Wetter glücklich beendet; wir wenigstens hatten bis Sonnabend abend wunderbar klaren Himmel. Von Bern fuhren wir im zweirädrigen Wagen nach Thun, setzten dann über den See, gingen weiter zu Fuß über Unterseen nach Lauterbrunnen. Am folgenden Tag sahen wir den Staubbachfall in seiner ganzen Schönheit, dann wanderten wir über die Wengernalp, wo sich die Jungfrau in noch majestätischerem Glanz zeigt als der Mont Blanc in Chamonix. Abends kamen wir nach Grindelwald und am folgenden Tag sahen wir den Gletscher. Gestern hofften wir, das Ringerfest auf der Scheidegg zu sehen, aber es fand wegen des schlechten Wetters nicht statt, was mich sehr ärgerte. Sieben Stunden sind wir im Regen und in einem Nebel herumgelaufen, der uns jede schöne Aussicht nahm. Jetzt sind wir hier in einem herrlichen, lachenden Tal, in dem Lande der schönsten Bäuerinnen, die ihre prachtvollen Haare nach griechischer Art aufstecken. Das schlechte Wetter hält uns im Augenblick fest, denn ich gehe bestimmt nur bei völlig klarem Wetter über die Grimsel; sonst setzt man sich unnütz der Gefahr aus.
Im übrigen lebt es sich hier so herrlich, daß man sich gern für einen ganzen Sommer da einschlösse, um alles zu vergessen, was in der Welt vorgeht. Von meinem Fenster aus sehe ich den wundervollen Reichenbachfall, der das ganze Tal mit seinem Brausen erfüllt. Das Wetter scheint sich aufzuhellen, und nachmittags werden wir einen Spaziergang in die Umgebung unternehmen und uns morgen wieder auf den Weg machen können. Das Volk interessiert mich auf dieser Reise noch mehr als die Natur; ich bin entzückt, Gegenden kennen zu lernen, die mich wieder an die Menschenwürde glauben lassen. Ich denke sehr daran, ein kleines Buch zu schreiben, das nicht nur diese, sondern auch meine Reisen nach Italien und Frankreich zum Gegenstande haben soll. Es soll ganz ›rapsodisch‹ werden, eine Mischung von Dichtung, allgemeinen Gedankengängen, Vergleichen, Schilderungen... u.s.w. Ich will einige Abschnitte hereinbringen, die ich schon niedergeschrieben habe, teils in Versen, teils in Prosa, und ich will es Umrisse auf Reisen gezeichnet nennen. Ich hoffe, in ihm mein Nationalgefühl mittelbar zum Ausdruck bringen zu können. Die Reise hat mir diese neue Anregung gegeben. Ich danke Ihnen vielmals, daß Sie mir so liebenswürdig Urlaub bewilligt haben.
Albert geht es gut, er macht im Deutschen einige Fortschritte. Im übrigen bricht immer wieder sein Hang zum Plaudern durch. Er zwingt mich, mit allen Reisenden zu sprechen, deren er habhaft werden kann, und gestern hat er überhaupt nicht aufgehört zu reden, obwohl ihm der Regen dauernd in den Mund lief. Das bringt mich ein wenig aus der Fassung, weil ich immer wieder Stille und Einsamkeit suche, aber diese Neigung bei ihm ist nun einmal nicht einzudämmen.
Die Post nach Bern geht von hier erst wieder am Freitag ab. Ich werde diesen Brief hier einstecken, da ich nicht voraussehen kann, wo ich Gelegenheit habe, schneller einen Brief an Sie gelangen zu lassen. Ich habe die Idee, vielleicht über Freiburg und die Val Sainte zurückzuwandern; dann könnten wir uns in Vevey treffen; aber darüber werde ich Ihnen noch genauer schreiben. Leben Sie wohl, liebe Freundin, ich möchte gern bald Nachricht von Ihnen haben und werde deshalb versuchen, schnell nach Luzern zu kommen. Viele Grüße an Frau Récamier und Herrn de Sabran.
· Original , 03.08.1807
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