• Henriette Ernst to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Hannover · Place of Destination: Amsterdam · Date: 27.01.1792
Edition Status: Newly transcribed and labelled; single collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Henriette Ernst
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Hannover
  • Place of Destination: Amsterdam
  • Date: 27.01.1792
  • Notations: Absende- und Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-33449
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.7,Nr.54
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl. u. 2 S., hs. m. U
  • Format: 23,4 x 19,2 cm; 16,1 x 10,8 cm
  • Incipit: „[1] 1792 den 27sten Jan.
    Liebster Bruder
    Es ist ist itzt zeither eine Pause, oder vielmehr Trägheit in unserer Correspondenz entstanden, die [...]“
[1] 1792 den 27sten Jan.
Liebster Bruder
Es ist ist itzt zeither eine Pause, oder vielmehr Trägheit in unserer Correspondenz entstanden, die wohl von gleicher Ursache herrührt nemlich von der Ungewißheit, deines bleibens in Holland, oder deines wiederkommens, mit jedem Postage erwartet man etwas Entscheidendes zu erfahren und so wird es immer von einem Tage zum andern verschoben; aber mit alledem ist dieß doch nicht recht, und ich fühle ein gewißes Unbehagen dabey: man risquirte auf die Art sich auf die Länge immer fremder zu werden, daß muß durchaus nicht seyn. Weißt du wohl daß du mir, und uns allen noch die Erzählung deiner kleinen Reise schuldig bist?
Es ist itzt das trübste fatalste neblichte Wetter und ich glaube selbst in Amsterdam kann es nicht schlimmer seyn, etwas hat denn auch das Wetter [2] Einfluß auf die Gesundheit, außer auf der Laune! Ich habe es mit einer Geschwulst im Backen büßen müßen bin aber nun ganz wieder beßer, und die Mutter hat einen Fluß im Arme, der durch spanische Fliegen und schwitzen nunmehr beynahe ganz vertrieben ist, aber 8 Tage hat sie denn doch dabey zu Bette zugebracht, und wegen des Arms gänzlich unthätig welches denn auch bey meiner Mutter ihren thätigen Geist keine Kleinigkeit ist, und leicht auf ihre Humör wirkt. Mein Vater und Carl sind recht wohl, ersterer predigt übermorgen; er läßt sich auch bey dir entschuldigen, daß er dir itzt nicht schreiben könnte, er sticht itzt aber in einen Wust von Geschäften, der arg ist: mit den Gesängen haben wir zu frühe gehoft daß er damit fertig sey; ich schrieb dir doch neulich daß es nun in der Regierung, und nächstens zum drucke kommen würde, aber so geschwinde wird es noch nicht gehen; in der Regierung haben sie für gut befunden verschiedene Critiken zu machen, selbst Veränderungen vorgeschlagen, die wahrscheinlich von Stieger sind versteht sich daß alles dieß mit sehr vielen Complimenten verbrämmt ist.
[3] Die Herrens haben gar keine Idee von der Arbeit die es meinem Vater macht, denn sie tractiren dies Ding so flüchtig, daß sogar einige Gesänge genannt sind, die man ungern darin vermißte, und die sich doch darin befinden; einige hauptsächlich von Gellert, wünschen sie gar nicht verändert, und einige auch ein paar vom Vater ganz heraus. Die Geheimderäthe scheinen auch der Meinung zu seyn; und nun wird wieder darauf losgearbeitet, um nur erst alle Ursachen ins Licht zu stellen, warum dieß und jenes gewählt, und geändert werden müßen.
Die Kinder in Harburg haben die natürlichen Blattern beyde glücklich überstanden, und sie sind nun itzt recht froh darüber, ob es gleich recht schlimme 3 Wochen für die Schwiegerin mag gewesen seyn, die Wartung 2 grämlicher Kinder, und Betty hat bey dem oft abwechselnden Wetter nicht über der Elbe kommen können. Moritz ist itzt wie er mir eben Heute schrieb nach Hamburg auf ein paar Tage gewesen, wo er in der Oper, der Oberon gewesen und sich auf allerley Arten gesucht zu zerstreuen.
Ich weis nicht ob du die Hamburger Zeitungen dort zu lesen bekömmst, sollte es seyn so verzeihe daß ich dir Neuigkeiten schreibe die du vielleicht längst weißt. [4] Schiller bekömmt von seinem Hofe ein ansehnliches Gesch[enk] um 3 Jahre reisen zu können, und seine Gesundheit wieder herzustellen. Itzt habe ich seine Allmanachs, nemlich, die Geschichte des 30jährigen Krieges gelesen, welches mich sehr intereßirt. Hier sind die Erwartungen sehr gespannt wegen der Erklärung von Kotzebue, daß er an der schändlichen Schrift weiter keinen Antheil, als die Ausschmückung die Persiflage usw. Die Anektoden von Kloak, Flüg[ge], Mauvillon Campe, Lichtenberg und so weiter hätte er so wörtlich hineingeschoben, wie sie ihm ein guter Freund geschrieben, dem er das Geheimniß versprochen, und es auch bisher gehalten, aber nun könnte er länger alle den Verfolgungen die ihn deshalb beträfen nicht wiederstehen, sondern hätte zu gleicher Zeit, mit dieser Erklärung an seinen Freunde geschrieben, daß er sich nennen müßte, sonst würde er es thun. Diese Erklärung hätte er schon vor 8 Monath wollen drucken laßen, hätte sich aber immer von diesem Freunde der ihn so viel bittere Stunden gemacht davon abhalten laßen. Hier fällt eines jeden Vermuthung auf Z. daß wäre aber abscheulich, und kann ich es ohnmöglich glauben. Es wäre wohl zu wünschen daß die Sache nicht so weitläufig gesucht worden wäre, daran ist wohl niemand schuld als K. der sich vielleicht selbst schuldig fühlt. Auswärts lacht man darüber. Der gute Bialoblotzky hat itzt für seine Industrie Schule, durch meinen Vater einen Zuschuß von 25 Rt. jährlich erhalten aus der Kirche; und für ihm 50 Rt., seine Stelle ist sehr schlecht, und hat er es wohl nöthig. Auch haben meine Eltern ihn [3] die Saalstube im Hinterhause dazu eingeräumt, wo aber nun der Eingang vom Schulgang aus gemacht wird, damit die Kinder unser Haus gar nicht betreten; das Zimmer welches er bisher dazu gebraucht wur[2]de zu klein, und es war gar keins ausfindig zu machen. es geschieht ihm dadurch ein großer Gefallen, da die Industrie Schule ihm sehr am Herzen liegt. Lottchen ist ihren letzten Briefen nach, mit Ernsten sehr wohl, lebt [1] wie immer im Sauß und Brauß. Carl schreibt gar an keinen Menschen, er geht beinahe täglich zu Pappen, daß ist aber auch außer den Collegien bey Wolf, seiner Spiel und Reitstunde, seine einzige Erholung. Er hat sich kürzlich den Schnupftabak ganz abgewöhnt. Viele Complimente auch von [...] Schlegel.
[5] Der älteste Graf Wallmoden ist vor ein paar Wochen, in Coppenhagen gestorben, an einer Auszehrenden Krankheit, wo er ganz fürchterlich gelitten; innerliche Geschwüre, so daß zuletzt selbst die Eltern seiner Auflösung sehnlichst entgegen gesehen haben. Die Nachricht ist hier beynahe zur selben Stunde angekommen, als die Gräfin mit einem Sohne entbunden ist. Also Freude und Leid in dem nemlichen Augenblicke! Die Grafin ist schon ziemlich lange verheyratet und dieses ist ihr erstes Kind. Ver[6]zeihe wenn ich heute ein wenig geschludert, ich schreibe aber sehr im laufe und wollte es doch nicht gerne wieder versäumen
[1] 1792 den 27sten Jan.
Liebster Bruder
Es ist ist itzt zeither eine Pause, oder vielmehr Trägheit in unserer Correspondenz entstanden, die wohl von gleicher Ursache herrührt nemlich von der Ungewißheit, deines bleibens in Holland, oder deines wiederkommens, mit jedem Postage erwartet man etwas Entscheidendes zu erfahren und so wird es immer von einem Tage zum andern verschoben; aber mit alledem ist dieß doch nicht recht, und ich fühle ein gewißes Unbehagen dabey: man risquirte auf die Art sich auf die Länge immer fremder zu werden, daß muß durchaus nicht seyn. Weißt du wohl daß du mir, und uns allen noch die Erzählung deiner kleinen Reise schuldig bist?
Es ist itzt das trübste fatalste neblichte Wetter und ich glaube selbst in Amsterdam kann es nicht schlimmer seyn, etwas hat denn auch das Wetter [2] Einfluß auf die Gesundheit, außer auf der Laune! Ich habe es mit einer Geschwulst im Backen büßen müßen bin aber nun ganz wieder beßer, und die Mutter hat einen Fluß im Arme, der durch spanische Fliegen und schwitzen nunmehr beynahe ganz vertrieben ist, aber 8 Tage hat sie denn doch dabey zu Bette zugebracht, und wegen des Arms gänzlich unthätig welches denn auch bey meiner Mutter ihren thätigen Geist keine Kleinigkeit ist, und leicht auf ihre Humör wirkt. Mein Vater und Carl sind recht wohl, ersterer predigt übermorgen; er läßt sich auch bey dir entschuldigen, daß er dir itzt nicht schreiben könnte, er sticht itzt aber in einen Wust von Geschäften, der arg ist: mit den Gesängen haben wir zu frühe gehoft daß er damit fertig sey; ich schrieb dir doch neulich daß es nun in der Regierung, und nächstens zum drucke kommen würde, aber so geschwinde wird es noch nicht gehen; in der Regierung haben sie für gut befunden verschiedene Critiken zu machen, selbst Veränderungen vorgeschlagen, die wahrscheinlich von Stieger sind versteht sich daß alles dieß mit sehr vielen Complimenten verbrämmt ist.
[3] Die Herrens haben gar keine Idee von der Arbeit die es meinem Vater macht, denn sie tractiren dies Ding so flüchtig, daß sogar einige Gesänge genannt sind, die man ungern darin vermißte, und die sich doch darin befinden; einige hauptsächlich von Gellert, wünschen sie gar nicht verändert, und einige auch ein paar vom Vater ganz heraus. Die Geheimderäthe scheinen auch der Meinung zu seyn; und nun wird wieder darauf losgearbeitet, um nur erst alle Ursachen ins Licht zu stellen, warum dieß und jenes gewählt, und geändert werden müßen.
Die Kinder in Harburg haben die natürlichen Blattern beyde glücklich überstanden, und sie sind nun itzt recht froh darüber, ob es gleich recht schlimme 3 Wochen für die Schwiegerin mag gewesen seyn, die Wartung 2 grämlicher Kinder, und Betty hat bey dem oft abwechselnden Wetter nicht über der Elbe kommen können. Moritz ist itzt wie er mir eben Heute schrieb nach Hamburg auf ein paar Tage gewesen, wo er in der Oper, der Oberon gewesen und sich auf allerley Arten gesucht zu zerstreuen.
Ich weis nicht ob du die Hamburger Zeitungen dort zu lesen bekömmst, sollte es seyn so verzeihe daß ich dir Neuigkeiten schreibe die du vielleicht längst weißt. [4] Schiller bekömmt von seinem Hofe ein ansehnliches Gesch[enk] um 3 Jahre reisen zu können, und seine Gesundheit wieder herzustellen. Itzt habe ich seine Allmanachs, nemlich, die Geschichte des 30jährigen Krieges gelesen, welches mich sehr intereßirt. Hier sind die Erwartungen sehr gespannt wegen der Erklärung von Kotzebue, daß er an der schändlichen Schrift weiter keinen Antheil, als die Ausschmückung die Persiflage usw. Die Anektoden von Kloak, Flüg[ge], Mauvillon Campe, Lichtenberg und so weiter hätte er so wörtlich hineingeschoben, wie sie ihm ein guter Freund geschrieben, dem er das Geheimniß versprochen, und es auch bisher gehalten, aber nun könnte er länger alle den Verfolgungen die ihn deshalb beträfen nicht wiederstehen, sondern hätte zu gleicher Zeit, mit dieser Erklärung an seinen Freunde geschrieben, daß er sich nennen müßte, sonst würde er es thun. Diese Erklärung hätte er schon vor 8 Monath wollen drucken laßen, hätte sich aber immer von diesem Freunde der ihn so viel bittere Stunden gemacht davon abhalten laßen. Hier fällt eines jeden Vermuthung auf Z. daß wäre aber abscheulich, und kann ich es ohnmöglich glauben. Es wäre wohl zu wünschen daß die Sache nicht so weitläufig gesucht worden wäre, daran ist wohl niemand schuld als K. der sich vielleicht selbst schuldig fühlt. Auswärts lacht man darüber. Der gute Bialoblotzky hat itzt für seine Industrie Schule, durch meinen Vater einen Zuschuß von 25 Rt. jährlich erhalten aus der Kirche; und für ihm 50 Rt., seine Stelle ist sehr schlecht, und hat er es wohl nöthig. Auch haben meine Eltern ihn [3] die Saalstube im Hinterhause dazu eingeräumt, wo aber nun der Eingang vom Schulgang aus gemacht wird, damit die Kinder unser Haus gar nicht betreten; das Zimmer welches er bisher dazu gebraucht wur[2]de zu klein, und es war gar keins ausfindig zu machen. es geschieht ihm dadurch ein großer Gefallen, da die Industrie Schule ihm sehr am Herzen liegt. Lottchen ist ihren letzten Briefen nach, mit Ernsten sehr wohl, lebt [1] wie immer im Sauß und Brauß. Carl schreibt gar an keinen Menschen, er geht beinahe täglich zu Pappen, daß ist aber auch außer den Collegien bey Wolf, seiner Spiel und Reitstunde, seine einzige Erholung. Er hat sich kürzlich den Schnupftabak ganz abgewöhnt. Viele Complimente auch von [...] Schlegel.
[5] Der älteste Graf Wallmoden ist vor ein paar Wochen, in Coppenhagen gestorben, an einer Auszehrenden Krankheit, wo er ganz fürchterlich gelitten; innerliche Geschwüre, so daß zuletzt selbst die Eltern seiner Auflösung sehnlichst entgegen gesehen haben. Die Nachricht ist hier beynahe zur selben Stunde angekommen, als die Gräfin mit einem Sohne entbunden ist. Also Freude und Leid in dem nemlichen Augenblicke! Die Grafin ist schon ziemlich lange verheyratet und dieses ist ihr erstes Kind. Ver[6]zeihe wenn ich heute ein wenig geschludert, ich schreibe aber sehr im laufe und wollte es doch nicht gerne wieder versäumen
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