• Friederike Helene Unger to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Unknown · Date: 11.07.1806
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friederike Helene Unger
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 11.07.1806
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: APP2712-Bd-9
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,IV,e,9
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 18,7 x 11,3 cm
  • Incipit: „[1] Berlin d. 11. Julius 1806.
    Jeder Ihrer Briefe mein sehr werther Freund, ist mir ein freundlicher Stern, der aus der [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
[1] Berlin d. 11. Julius 1806.
Jeder Ihrer Briefe mein sehr werther Freund, ist mir ein freundlicher Stern, der aus der düstern Wolke die mein Leben umtobt hervortritt, mir eine schöne Vergangenheit, und eine kraftvolle Zukunft zu vergegenwärtigen. Kärglich ward mir je und je des Lebens Freude zugetheilt; und nun – ist sie mir ganz entschwunden Verschränkt in ein sorgenvolles klösterliches Wittwenleben: lebe ich einzig in Erinnerungen: aus solchen Träumen mich oft die schmerzvolle Gegenwart zerreißend aufschreckt.
Sehr lange hatte ich keine Zeile von Ihren Bruder gesehen: schon stiegen meine Bekümmernisse um ihn von Woche zu Woche; den in unserm armen zerrißenen Deutschlande, sind wir stets auf Verlust und Einbuße gefaßt, als ich in diesen Tagen Nachricht von ihm erhielt, die wo nicht erfreulich doch beruhigend in so fern sind, daß ihm nichts Unangenehmeres als der Lauf der Zeit mit sich führt, begegnet ist. Als eine seltsame Zufälligkeit muß ich anführen, daß es nun zum dritten Male ist, daß ich von Sie beide, interressantes Brüderpaar die Briefe beinahe zugleich erhalte. Wobei mir eine eigne Simpathie der Seelenstimmung über die ich einst etwas in einen alten Schmöcher laß, einfiel.
Noch habe ich das Bild Ihrer Freundin nicht erhalten, und sehe ihn noch sehnsuchtsvoll entgegen. Mein ganzes Gemüth regt sich ihm mit Liebe entgegen. – Sie will mich lesen? [2] was wird sie von mich lesen? ich schrieb viel und manches. Doch wünschte ich, daß sie mit Gräfin Pauline meine Bekandschaft machte. Melanie ist mein Leztes: und ist ein närrisches verhätscheltes Ding.
In diesen Tagen laße ich Ihre Bibliothek einpacken, mein lieber Freund. Der Katalog ist stärker geworden, als Sie es vieleicht glauben: und viel zu stark, um Ihnen nach Frankreich zu folgen. Den Katalog der Bibl. meines geliebten Ungers erhalten Sie dann auch; ich eile nicht mit der Versteigrung, und laße sie auch aussetzen, weil ich noch immer hoffe, sie im Ganzen anzubringen. In Petersburg ist mir von Neuem eine Aussicht aufgegangen. Auch nach München an Hhr: Aretin habe ich geschrieben. Aber die armen Deutschen wo Geld hernehmen? die große Nation hat viel gebraucht: und die deutsche Treuherzigkeit. – o daß sie nicht für Dummheit gälte!
Lebte unter uns ein Friedrich II. & sein Herzberg, es wäre anders. Kein Fürstenbund soll entstehen, zu gunsten Frankreichs! o Deutschland, Deutschland! Und – wehe über England, daß den Saamen alles dieses Elendes ausstreute! Unter diesem giftigem Geniste schoß die Zwietracht, und die elende Länder zerstöhrende Politik auf! [3] Und der preußische Staat! – doch nichts mehr: der Ausländer soll die bittre Zähre nicht ahnen die uns hier entfließt.
Ja es ist wahr, in der Deutschen Litteratur ist wie überall sonst eine zerstöhrende Anarchie die mit den Buchhandel Hand in Hand dahin wirken, erstere zu Grabe zu leiten. Die lezte über alle Vorstellung schlechte Messe in Leipzig. hat uns so zu sagen, ihre lezten Seufzer zugeweht. Viel ist verlohren. Was ist uns geblieben? die Veteranen, deren Producktion Vermögen dahin ist. Die beßren Köpfe expatriiren sich. Werden verstoßen, abgeschrekt. Und wieder wenn man einen Rückblick thut ists immer zum bestaunen, daß Deutschland bei so langen u heftigen politischen Erschüttrungen so weit gedieh! Wollte dies Volk das so viel vermochte seine Riesenkraft anwenden, wäre ein künftiger der sie lenkte. o Gott was könnten wir sein, und was würden unsre Nachbarn werden!
Ich lege Ihnen den Brief der Mad: Bethmann bei: er ist corpulenter als er zu der weiten Reise sein sollte. Sie selbst ist in Carlsbad; und wird Göthe dort treffen. Wir haben hier einen neuen Theater Dichter, der viel Aufsehen macht. ein gewißer Werner mein Verwanter. Die Söhne des Thales sind von ihm. Ich [4] weiß nicht, ob dies schon als Sie noch hier waren erschien. Jezt wird in stets sich folgenden Vorstellungen die Weyhe der Kraft gegeben dessen Innhalt die Reformation durch Luther ist. Iffland gibt den Luther, in der That bewundernswerth, und die Bethmann Katharina Bora. Nie machte hier ein Stück durch alle Klassen der Zuschauer ein so vollständiges Glück. Wenig Bühnen werden es aufnehmen dürfen. – Ist die Hagar Ihrer Freundin gedrukt? sie regt mein ganzes Interresse auf. Was muß dieser Stoff dieser Feder geliehen haben!
Shakespear – ach mein Freund sein edler Geist klagt Sie an, daß Sie ihn versäumen. gewiß wir erlebens noch, daß sich dieser und jener drüber macht: der nicht werth ist ihm die Schuhriemen aufzuleben. Aber wie können Sie, den der schöne Genius der Lebens Freude an seinen Herzen trägt! ich bin ungeduldig, aber ich kann Ihnen verzeihen: der Krieg ist zu mächtig, die wonnigliche Einladung zum Gastmal des Lebens zu schön, um sie abzuweisen.
Was mögen Sie sich, der so nett schreibt mit meiner elenden Handschrift plagen der sich nun noch, ein durch weinen geschwächtes Gesicht zugesellt! Verzeihen Sie der Ungeschiklichkeit
Leben Sie wohl, mein Theurer mein immer werther & verehrter Freund. Ich bin bis in den Todt, Ihre wahre Freundin
Unger.
[1] Berlin d. 11. Julius 1806.
Jeder Ihrer Briefe mein sehr werther Freund, ist mir ein freundlicher Stern, der aus der düstern Wolke die mein Leben umtobt hervortritt, mir eine schöne Vergangenheit, und eine kraftvolle Zukunft zu vergegenwärtigen. Kärglich ward mir je und je des Lebens Freude zugetheilt; und nun – ist sie mir ganz entschwunden Verschränkt in ein sorgenvolles klösterliches Wittwenleben: lebe ich einzig in Erinnerungen: aus solchen Träumen mich oft die schmerzvolle Gegenwart zerreißend aufschreckt.
Sehr lange hatte ich keine Zeile von Ihren Bruder gesehen: schon stiegen meine Bekümmernisse um ihn von Woche zu Woche; den in unserm armen zerrißenen Deutschlande, sind wir stets auf Verlust und Einbuße gefaßt, als ich in diesen Tagen Nachricht von ihm erhielt, die wo nicht erfreulich doch beruhigend in so fern sind, daß ihm nichts Unangenehmeres als der Lauf der Zeit mit sich führt, begegnet ist. Als eine seltsame Zufälligkeit muß ich anführen, daß es nun zum dritten Male ist, daß ich von Sie beide, interressantes Brüderpaar die Briefe beinahe zugleich erhalte. Wobei mir eine eigne Simpathie der Seelenstimmung über die ich einst etwas in einen alten Schmöcher laß, einfiel.
Noch habe ich das Bild Ihrer Freundin nicht erhalten, und sehe ihn noch sehnsuchtsvoll entgegen. Mein ganzes Gemüth regt sich ihm mit Liebe entgegen. – Sie will mich lesen? [2] was wird sie von mich lesen? ich schrieb viel und manches. Doch wünschte ich, daß sie mit Gräfin Pauline meine Bekandschaft machte. Melanie ist mein Leztes: und ist ein närrisches verhätscheltes Ding.
In diesen Tagen laße ich Ihre Bibliothek einpacken, mein lieber Freund. Der Katalog ist stärker geworden, als Sie es vieleicht glauben: und viel zu stark, um Ihnen nach Frankreich zu folgen. Den Katalog der Bibl. meines geliebten Ungers erhalten Sie dann auch; ich eile nicht mit der Versteigrung, und laße sie auch aussetzen, weil ich noch immer hoffe, sie im Ganzen anzubringen. In Petersburg ist mir von Neuem eine Aussicht aufgegangen. Auch nach München an Hhr: Aretin habe ich geschrieben. Aber die armen Deutschen wo Geld hernehmen? die große Nation hat viel gebraucht: und die deutsche Treuherzigkeit. – o daß sie nicht für Dummheit gälte!
Lebte unter uns ein Friedrich II. & sein Herzberg, es wäre anders. Kein Fürstenbund soll entstehen, zu gunsten Frankreichs! o Deutschland, Deutschland! Und – wehe über England, daß den Saamen alles dieses Elendes ausstreute! Unter diesem giftigem Geniste schoß die Zwietracht, und die elende Länder zerstöhrende Politik auf! [3] Und der preußische Staat! – doch nichts mehr: der Ausländer soll die bittre Zähre nicht ahnen die uns hier entfließt.
Ja es ist wahr, in der Deutschen Litteratur ist wie überall sonst eine zerstöhrende Anarchie die mit den Buchhandel Hand in Hand dahin wirken, erstere zu Grabe zu leiten. Die lezte über alle Vorstellung schlechte Messe in Leipzig. hat uns so zu sagen, ihre lezten Seufzer zugeweht. Viel ist verlohren. Was ist uns geblieben? die Veteranen, deren Producktion Vermögen dahin ist. Die beßren Köpfe expatriiren sich. Werden verstoßen, abgeschrekt. Und wieder wenn man einen Rückblick thut ists immer zum bestaunen, daß Deutschland bei so langen u heftigen politischen Erschüttrungen so weit gedieh! Wollte dies Volk das so viel vermochte seine Riesenkraft anwenden, wäre ein künftiger der sie lenkte. o Gott was könnten wir sein, und was würden unsre Nachbarn werden!
Ich lege Ihnen den Brief der Mad: Bethmann bei: er ist corpulenter als er zu der weiten Reise sein sollte. Sie selbst ist in Carlsbad; und wird Göthe dort treffen. Wir haben hier einen neuen Theater Dichter, der viel Aufsehen macht. ein gewißer Werner mein Verwanter. Die Söhne des Thales sind von ihm. Ich [4] weiß nicht, ob dies schon als Sie noch hier waren erschien. Jezt wird in stets sich folgenden Vorstellungen die Weyhe der Kraft gegeben dessen Innhalt die Reformation durch Luther ist. Iffland gibt den Luther, in der That bewundernswerth, und die Bethmann Katharina Bora. Nie machte hier ein Stück durch alle Klassen der Zuschauer ein so vollständiges Glück. Wenig Bühnen werden es aufnehmen dürfen. – Ist die Hagar Ihrer Freundin gedrukt? sie regt mein ganzes Interresse auf. Was muß dieser Stoff dieser Feder geliehen haben!
Shakespear – ach mein Freund sein edler Geist klagt Sie an, daß Sie ihn versäumen. gewiß wir erlebens noch, daß sich dieser und jener drüber macht: der nicht werth ist ihm die Schuhriemen aufzuleben. Aber wie können Sie, den der schöne Genius der Lebens Freude an seinen Herzen trägt! ich bin ungeduldig, aber ich kann Ihnen verzeihen: der Krieg ist zu mächtig, die wonnigliche Einladung zum Gastmal des Lebens zu schön, um sie abzuweisen.
Was mögen Sie sich, der so nett schreibt mit meiner elenden Handschrift plagen der sich nun noch, ein durch weinen geschwächtes Gesicht zugesellt! Verzeihen Sie der Ungeschiklichkeit
Leben Sie wohl, mein Theurer mein immer werther & verehrter Freund. Ich bin bis in den Todt, Ihre wahre Freundin
Unger.
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