﻿<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="1140"><titleStmt><title>August Wilhelm von Schlegel an Johannes Schulze</title><editor><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Bearbeiterin"><forename>Olivia</forename><surname>Varwig</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-marburg.de">Philipps-Universität Marburg</orgName><orgName ref="https://www.slub-dresden.de">Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier / Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/version-07-20/contact">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 3.0 DE)</licence><ab type="version">version-07-20</ab><ab type="edition">Digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2020-07-06"/><idno type="url">https://august-wilhelm-schlegel.de/version-07-20/letters/view/1140</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Briefe von und an August Wilhelm Schlegel. Gesammelt und erläutert durch Josef Körner. Bd. 1. Zürich u.a. 1930, S. 405‒411.</title><idno type="print">343347008_AWSanSchulze_2029021824</idno></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek</institution><idno type="signatur">Mscr.Dresd.e.90,XX,Bd.6,Nr.59(1)</idno></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="oai">DE-611-37174</ab><ab type="alternativeOai">DE-611-2172109</ab><ab type="alternativeSignatur">Mscr.Dresd.e.90,XX,Bd.6,S.81-88</ab><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab><ab type="pages">8 S. auf Doppelbl., hs. m. U.</ab><ab type="paper">25,5 x 21 cm</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/version-07-20/letters/view/1140"><correspAction type="sent"><persName key="766" ref="http://d-nb.info/gnd/118607960">August Wilhelm von Schlegel</persName><placeName key="887" ref="http://d-nb.info/gnd/1001909-1">Bonn</placeName><date from="1824-02-20" to="1824-02-29">1824-02-20</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="3478" ref="http://d-nb.info/gnd/118860283">Johannes Schulze</persName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000427.tif.original.jpg"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000428.tif.original.jpg"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000429.tif.original.jpg"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000430.tif.original.jpg"/><graphic n="5" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000431.tif.original.jpg"/><graphic n="6" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000432.tif.original.jpg"/><graphic n="7" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/brievouna_343347008_0001/brievouna_343347008_0001_tif/jpegs/00000433.tif.original.jpg"/><graphic n="1" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000081.tif.original.jpg"/><graphic n="2" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000082.tif.original.jpg"/><graphic n="3" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000083.tif.original.jpg"/><graphic n="4" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000084.tif.original.jpg"/><graphic n="5" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000085.tif.original.jpg"/><graphic n="6" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000086.tif.original.jpg"/><graphic n="7" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000087.tif.original.jpg"/><graphic n="8" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6/Schlunja_DE-611-37174_Bd.6_tif/jpegs/00000088.tif.original.jpg"/></facsimile><text><body><div><p>[1] <placeName key="887">Bonn</placeName> d. 20sten Febr. 1824<lb/>Hochzuverehrender Herr Geheimerath!<lb/>Ew. Hochwohlgebohren haben mich durch <ref target="fud://5769">Ihren freundschaftlichen Brief vom 22sten Jan.</ref> unendlich erfreut. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für Ihre gütige Theilnahme an der mir durch Verleihung des rothen Adler-Ordens zu Theil gewordenen, sehr erwünschten und ganz unerwarteten Auszeichnung. Es konnte mir keinen Augenblick zweifelhaft seyn, durch wessen Verwendung dieß Zeichen der <persName key="515">Königlichen</persName> Gnade für mich ausgewirkt worden sey, und mein Dank hat sich zunächst nach dieser Seite hingewendet. <ref target="fud://4945">Ich schrieb eben heute an <persName key="2403">Hrn. Staatsminister von Altenstein</persName></ref>, und wünsche nur, daß mein Brief ihn in guter Gesundheit treffen möge. Was Sie hierüber an <persName key="3529">Hrn. dʼAlton</persName> geschrieben, hat mich lebhaft beunruhigt. Wolle der Himmel doch den verehrten Mann dem Staate und uns allen, deren Gönner und Beschützer er ist, lange Jahre im besten Wohlseyn erhalten.<lb/>Glauben Sie mir, daß ich den Werth der eben so angenehmen als förderlichen und ehrenvollen Amtsverhältnisse, in welchen ich zu leben das Glück habe, vollkommen zu schätzen weiß. Ich habe mich zu viel in Europa umgesehen, um die Seltenheit von so etwas nicht anzuerkennen. In Frankreich haben sie jetzt <orgName key="6668">ein Ministerium <hi rend="weight:bold">gegen</hi> den öffentlichen Unterricht</orgName>; in England nichts, weder dafür noch dawider; bey uns haben wir <orgName key="5440">ein Ministerium wahrhaft <hi rend="weight:bold">für</hi> [2] den öffentlichen Unterricht</orgName>. Ich glaube in der That, diese vom Mittelpunkt ausgehende, das Ganze mit Einsicht umfassende Sorgfalt für den Anbau der Wissenschaft, Kunst, Gelehrsamkeit und Volksbildung ist einzig in ihrer Art. Was Sie mir von dem <orgName key="6201">in <placeName key="15">Berlin</placeName> zu erbauenden Kunstmuseum</orgName> melden, verdient königlich genannt zu werden, und beschämt, wenn man die Mittel vergleicht, <orgName key="6669">das Englische Parlament</orgName>. Jetzt hat man doch eingesehn, daß man <orgName key="6531">das Brittische Museum</orgName> seines Namens würdiger machen müsse, und es wird ein neuer Flügel gebaut. <persName key="2246">Der Graf Münster</persName> sagte ganz witzig, vor dem Ankauf der <persName key="10404">Elginschen</persName> Statuen habe dieses Museum ausgesehn wie der Laden des armen Apothekers beym <persName key="4"><name key="2886" type="work">Shakspeare</name></persName>:<lb/><lb/>Ein ausgestopftes Krokodil, und Häute<lb/>Von misgestalten Fischen, u.s.w.<lb/>Das alles dünn vertheilt, zur Schau zu dienen.<lb/><lb/>Die eigentliche Gelehrsamkeit ist in England auf alte Stiftungen angewiesen, diese darf man in ihrer Bestimmung nicht antasten. Mit den Einkünften von <placeName key="3530"><orgName key="6670">Oxford</orgName></placeName> und <placeName key="3531"><orgName key="6671">Cambridge</orgName></placeName> könnte man, so zu sagen, die ganze Welt unterrichten; nach der jetzigen Verfassung dienen sie zu weiter nichts als eine Anzahl Gelehrter in die behaglichen Lebensgewohnheiten einzuwiegen, welche Inhabern reicher Pfründe eigen zu seyn pflegen. Von der Theologie gilt es noch immer, was <persName key="254">Forster</persName> sagte, man verstehe in England eigentlich unter diesem Namen den Katechismus. Die Philosophie ist ihnen ganz abhanden gekommen: weil sie Lateinisch und Griechisch verstehen, so meynen sie, sie kennten das classische Alterthum. Der Sinn für die Geschichtliche Erforschung [3] der Vorwelt ist noch gar nicht geweckt. Ich merkte wohl, wenn ich in Oxford und Cambridge etwas skeptisches dieser Art im Widerspruch mit hergebrachten Meynungen fallen ließ, daß es ihnen ganz artig und drollig vorkam, aber weiter keinen sonderlichen Eindruck machte. In den schönen Künsten fehlt es an Geschmack und wahrem Enthusiasmus. Überhaupt schien mir, die einzigen Fächer, worin wirklich intellectuelles Leben rege ist, seyen die physicalischen Erfahrungswissenschaften, und dann das Praktische: die Anwendung der Mathematik und Physik auf die mechanischen Künste, Landbau, Staatsoekonomie u.s.w. Doch lassen Sie, bitte ich, alles obige unter uns gesagt seyn: ich möchte nicht gern undankbar gegen die mir widerfahrne Aufnahme erscheinen. Auch giebt es in England ausnahmsweise denkende Köpfe, denen keine geistige Regionen fremd sind. Ich wurde auf diese Betrachtungen nur durch die Vergleichung mit der günstigen Lage eines Deutschen Gelehrten in Absicht auf wissenschaftlichen Verkehr, Anregung und Aufmunterung geführt.<lb/>Was Sie mir über <name key="3764" type="work"><name key="2543" type="work">den Bhagavad-Gîta</name></name> schreiben, ist mir ungemein erfreulich. Ich wußte wohl, daß ich meine besten Leser in <placeName key="15">Berlin</placeName> finden würde. Ich habe mir bereits Original-Commentare aus <placeName key="2552">Calcutta</placeName> verschrieben: sobald ich im Besitz derselben bin, werde ich Hand an die Erklärung des Inhalts legen.<lb/>Bey meiner Zurückkunft aus England stand ich an, ob ich nicht einen amtlichen Bericht über den Erfolg einliefern sollte. Ich fürchtete aber den Schein, als wollte ich die Aufmerksamkeit einer mit Geschäften überhäuften Staatsbehörde für Dinge in Anspruch nehmen, [4] welche nur mich persönlich betreffen. Ew. Hochwohlgebohren erlauben mir aber wohl, nach Ihrer freundschaftlichen Gesinnung für mich, Sie von meinen bisherigen und künftigen Unternehmungen vertraulich zu unterhalten, und dabei eins und das andre Anliegen für die Zukunft zu bevorworten.<lb/><name key="1723" type="work">Was <persName key="137">Goethe</persName> scherzend vom Dichten sagt</name>, es sey ein lustiges Handwerk, nur finde er es theuer, könnte ich auf das Studium des Sanskrit anwenden. Ich komme mir vor, wie ein verschwenderischer Bibliomane, der, um die Bücher ganz nach seinem Sinne zu lesen, davon für seine eigne Person prächtige Abdrücke veranstaltet. Zwar die vergleichungsweise geringe Auslagen für den Druck <name key="2543" type="work">des Bhagavad-Gita</name> werden mir wohl bald wieder erstattet seyn. Die Directoren <orgName key="6661">der Ostindischen Compagnie</orgName> haben ein <orgName key="6662">ihrer Bibliothek</orgName> angebotnes Exemplar <ref target="fud://4907">sehr verbindlich aufgenommen</ref>, und 40 Exemplare bestellt; wiewohl ich in <placeName key="292">London</placeName> und <placeName key="171">Paris</placeName> viele Exemplare verschenkt hatte, so ist doch von den dortigen Buchhändlern noch eine Anzahl abgesetzt worden. Ich kann vielleicht eine zweite Auflage erleben, was immer als Beweis einer hervorgebrachten Wirkung erfreulich ist. Mit <name key="3516" type="work">dem Ramayana</name> (worüber Ew. Hochwohlgebohren das Nähere aus <name key="2544" type="work">meiner Ankündigung</name> ersehen werden) geht die Sache aber mehr ins große: ich schätze die Kosten dieser Unternehmung auf 8 bis 9000 Thl. Da so viel in den Händen der Buchhändler für ihre Commission kleben bleibt, so müßte ich wenigstens 120 Subscribenten haben, um auf meine Kosten zu kommen. Alsdann gebe ich noch meine Arbeit in den Kauf, wofür ich die Einkünfte von <placeName key="6672"><hi rend="weight:bold">Golconda</hi></placeName> fodern würde, wenn ich sie nicht aus Lust und Liebe übernähme. [5] Wie die Subscription ausfällt, muß sich bald zeigen: als ich England verließ, war sie noch sehr schwach, aber <placeName key="292">London</placeName> war auch noch nicht beisammen. Auf jeden Fall hoffe ich die Unternehmung aus eignen Mitteln bestreiten zu können, weil sich die Auslagen auf eine Anzahl Jahre vertheilen. Nur brauche ich freilich einen Gehülfen, und muß daher dringend wünschen, daß <orgName key="5440">das Ministerium</orgName> <persName key="2566">meinem Schüler Hrn. Lassen </persName>nach Verlauf des ersten Jahres das bewilligte Reise-Stipendium verlängern, und ihm in der Folge, wenn er fortfährt seine gelehrten Aufträge so gut zu besorgen wie jetzt, Aussichten zu einer Anstellung an <orgName key="6155">hiesiger Universität</orgName> eröffnen möge. Es versteht sich, daß er zu gehöriger Zeit seine Proben zur Erlangung der Doctorwürde, und für die Habilitation zum Privatdocenten, ablegen wird. Hr. Lassen ist gegenwärtig bei mir: er hat die Gelegenheit benutzt, ohne Kosten die Reise hieher zu machen, indem er <persName key="8840"><persName key="3537">zwei von ihren berühmten Vätern (<persName key="2385">Hrn. Colebrooke</persName> und <persName key="2565">Sir Alex Johnston</persName>, ehemaligem Oberrichter in Ceylon) mir anvertraute junge Engländer</persName></persName> hieher begleitete. Er wird die Zeit nachher wieder einbringen: für jetzt war es mir sehr erwünscht, die bisher gefertigte Arbeit mit ihm durchgehen zu können. <persName key="3537">Der junge <hi rend="weight:bold">Johnston</hi></persName> ist für Indien bestimmt, und soll nach zwei Jahren in <orgName key="6673">die Lehranstalt zu Hayleybury</orgName> eintreten: ich habe seinem Vater versprochen, ihm schon vorläufig das Sanskrit zu lehren. <placeName key="887">Bonn</placeName> ist durch seine Lage vorzüglich geeignet, Englische Studierende herbeizuziehen, und die Erlernung des Sanskrit kann hiebei als Bewegungsgrund mitwirken. Wir haben hier die Druckschriften; meine Indischen Bücher und was ich als Anfang eines Indischen Kunstmuseums gesammelt, wird [6] doch auch nach meinen Lebzeiten hier verbleiben; und so vereinigt sich manches, um Bonn fortdauernd zu einem Sitze dieses Studiums zu machen.<lb/>Ich habe mit wahrer Freude erfahren, daß <persName key="3508">Hr. Kosegarten</persName> nach <orgName key="6674"><placeName key="3533">Greifswald</placeName></orgName> berufen worden ist. Er hat durch Recensionen in <name key="94" type="periodical">der Allg. Lit. Zeitung</name> recht gründliche Kenntniß des Sanskrit bewiesen, nur sah man, daß es ihm an Hülfsmitteln fehlte. So sind also nunmehr alle Deutschen Gelehrten, welche Sanskrit lehren, auf Landes-Universitäten angestellt. Überhaupt glaube ich, daß unserm Vaterlande der Ruhm vorbehalten ist in diesem Fache das entscheidende zu leisten: und dieß ist nichts geringes, da die Engländer so unermeßliche, und selbst die Franzosen manche Mittel vor uns voraus haben. Die Stiftung der beiden Asiatischen Gesellschaften ist recht lobenswerth. <orgName key="5435">Die <placeName key="171">Pariser</placeName></orgName> hat den guten Willen für den Druck von Elementar-Büchern und Texten die Kosten zu übernehmen, allein sie ist gar zu beschränkt in ihren Geldmitteln. <orgName key="6183">Die <placeName key="292">Londoner</placeName></orgName> hat beträchtliche Einkünfte, scheint aber nicht diese Absicht zu haben. Sie will Bände von Abhandlungen liefern. Dieß ist nun, wenn ich offenherzig meine Meynung sagen soll, gerade das, was wir am wenigsten bedürfen. Man fördre nur erst die schriftlichen Denkmale des Alterthums ans Licht, unermüdet, im weitesten Umfange, und in wahrhaft kritischen und hermeneutischen Ausgaben! Nachher mag man darüber hin und her streiten wie man will.<lb/>In England giebt es manche Orientalisten in andern Fächern; im Sanskrit wüßte ich nur <persName key="2385">Colebrooke</persName>, <persName key="3481">Wilkins</persName> und <persName key="3535">Haughton</persName> zu nennen. <persName key="2385">Colebrooke</persName> ist ein tiefer Denker und ein wahrhaft wissenschaftlicher Kopf; Mathematik, Astronomie, dialektische Metaphysik, das sind [7] seine Fächer. überall geht er auf die Resultate: was man in verschiednen Zeitaltern gewußt hat; er scheint nicht ganz zu fühlen, daß die Form des Vortrags für die Geschichte des menschlichen Geistes unendlich wichtig ist. Die philologischen Mühseligkeiten hat er für sich überwunden, ist aber nicht gesonnen, andern den Weg zu bahnen. Sein Orakel zu befragen, ist immer nützlich; er verweigert es auch nicht, wiewohl er von Natur schweigsam ist, und nicht die Gabe der Mittheilung besitzt. – <persName key="3481">Wilkins</persName> ist ein liebenswürdiger Greis, immer geneigt, über seine Lieblingsgegenstände zu schwatzen; er hat Sinn, und vielleicht er allein in England, für die alte epische Poesie der Indier; aber alles dieß ist bey ihm wie eine freundliche Jugenderinnerung, denn seit langer Zeit hat er nicht mehr gearbeitet, ja nicht einmal die Originale gelesen. Europäische Gelehrsamkeit besitzt er wenig: das beste, was er weiß, hat er in <placeName key="3539">Benáres</placeName> gelernt. Jetzt unterhält er sich noch damit, alte Inschriften und Münzen zu entziffern, wo er dann zuweilen nach langem Kopfbrechen zu seinem Erstaunen entdeckt, daß er dieselbe Inschrift schon vor etwelchen vierzig Jahren entziffert hatte. Damals hat er auch <name key="6593" type="work">den Nalas</name> übersetzt, wußte aber kein Wort davon. Zwischen ihm und <persName key="2385">Colebrooke</persName> ist natürlich eine stille Opposition. – <persName key="3535">Haughton</persName> hat gründliche Kenntniß der Sprache, aber keine Belesenheit, es fehlt ihm sogar nicht an Ideen über vergleichende Sprachkunde. Aber er ist kränklich und hypochondrisch: er bedürfte lebhafter Auffoderungen, die ihm nicht zu Theil werden. <persName key="402">Alexander Hamilton</persName>, der ehemals <persName key="8">meinem Bruder</persName> in <placeName key="171">Paris</placeName> manches mittheilte, nachher Professor in <orgName key="6673">Hayleybury</orgName> war, hat sich ganz von der gelehrten Welt zurückgezogen. Er war wohl überhaupt nicht sonderlich stark. – In Frankreich ist jetzt <persName key="3536">der gute Langlès</persName> gestorben, und dadurch von der Qual erlöst worden, sich für gelehrter [8] ausgeben zu müssen, als er war. <persName key="900">Mein vortrefflicher Freund Chézy</persName> ist leider auch kränklich und hypochondrisch, und kann zu keinem Entschlusse kommen. Von seinen Schülern sind bisher nur unbedeutende Versuche ans Licht getreten. – So steht es in Europa: in Asien ist <persName key="2553">Wilson</persName> jetzt der vornehmste, der auch wirklich thätig zu seyn scheint. Indessen sehe ich nirgends außer bey uns Anstalten zu kritischen Ausgaben. Könnten wir nur die Manuscripte herbeyzaubern, um sie bequem zu Hause zu benutzen. In <placeName key="292">London</placeName> ist es, bei allem guten Willen der Aufseher, unerträglich beschwerlich.<lb/>Sollte <orgName key="6406">die Regierung</orgName> die Mspte <persName key="3518">des Hrn. <hi rend="weight:bold">Bernstein</hi></persName>, die, nach dem was er mir darüber schreibt, recht schätzbar seyn müssen, an sich kaufen, so dürfte ich vielleicht in der Folge auf deren Mittheilung hoffen.<lb/>Ich höre, daß <persName key="2426">Hr. <hi rend="weight:bold">Bopp</hi></persName> Sanskrit drucken läßt. Ohne Zweifel sind die dort gegossenen Devanagari-Lettern längst fertig. Ich wünsche, daß sie eben so gut gerathen seyn mögen als die hiesigen. <persName key="2622">Der Baron <hi rend="weight:bold">Schilling</hi> von <hi rend="weight:bold">Canstadt</hi></persName>, der selbst mit Asiatischen Schriften manche typographische Versuche angestellt hat, und neulich einige Tage bey mir zubrachte, konnte die Schärfe des Gusses und die ganze Einrichtung nicht genug bewundern. Nur einige wenige, nicht vollkommen gerathene, möchte ich neu gießen lassen, wenn ich die Matrizen dazu geliehen erhalten könnte. Aber ich weiß nicht, wohin ich mich deßhalb zu wenden habe. Sind diese Druck-Geräthschaften gegenwärtig das Eigenthum <orgName key="6721">der Königl. Akademie</orgName> geworden?<lb/>Allernächstens werde ich die Ehre haben, Ew. Hochwohlgebohren ein neues Heft <name key="2322" type="periodical">der Indischen Bibliothek</name> zu übersenden, und da mir <persName key="3529">mein Freund dʼAlton</persName> sagt, daß Ihnen das 2te Heft des ersten Bandes fehle, so werde ich nicht ermangeln es beizufügen.<lb/>Mit Schrecken sehe ich, daß schon der zweite Bogen zu Ende geht, und eile zu schließen. Ich bitte Ew. Hochwohlgebohren die verspätete Antwort zu entschuldigen. Sie sehen, es fällt mir eben so schwer aufzuhören als anzufangen, und ich bedarf der Nachsicht in beiden Beziehungen. Genehmigen Sie die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Verehrung.<lb/>Ew. Hochwohlgeb.<lb/>gehorsamster<lb/><hi rend="weight:bold">A. W. v. Schlegel</hi><lb/><placeName key="887">Bonn</placeName> d. 29sten Febr. 1824</p></div></body></text></TEI>
