• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Köln · Place of Destination: Coppet · Date: 15.04.1806
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Köln
  • Place of Destination: Coppet
  • Date: 15.04.1806
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335976727
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 1. Der Texte erste Hälfte. 1791‒1808. Bern u.a. ²1969, S. 319‒324.
  • Weitere Drucke: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 26. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Pariser und Kölner Lebensjahre (1802‒1808). Zweiter Teil (Januar 1806 ‒ Juni 1808). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Hans Dierkes. Paderborn 2018, S. 52‒57.
  • Incipit: „[1] Kölln. Den 15ten April 1806
    Herzlich geliebter Bruder, Dein lezter Brief hat mich mit Besorgnissen erfüllt. Denn ob Du gleich selbst [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: APP2712-Bd-8
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,I,28
  • Number of Pages: 16 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 20,2 x 12 cm
    Language
  • German
[1] Kölln. Den 15ten April 1806
Herzlich geliebter Bruder, Dein lezter Brief hat mich mit Besorgnissen erfüllt. Denn ob Du gleich selbst sagst, daß Du ihn bei ungünstiger Laune geschrieben, so scheint es mir doch als läge eine tiefere Unzufriedenheit dabei zum Grunde. Ich wünsche von Herzen, daß ich mich irre. Ist es aber wie ich fürchte, so wünsche ich daß die Ursache davon bald gehoben sei. Möchtet ihr nur vor allen Dingen nicht immer unter den langweiligen Genfern leben; ich kann mir gar nicht denken, wie Ihr unter diese Menschen passen könnt; da fällt man denn entweder auf allerlei zwecklose Zerstreuung wie die Staël, oder man wird gar übler Laune. – Wärest Du dieß aber nicht schon vorher gewesen, so hätte mein Brief es Dich unmöglich machen können, der in der besten Meinung und auch in ganz guter Laune geschrieben war. – Mit der immer größer werdenden Verschiedenheit unsrer [2] Ansichten, das ist gar nicht so, wie Du es Dir denkst, noch auch mit meinem Haß gegen die alten Römer, und den Republikanismus. Könnten wir nur einmal wieder bei einander sitzen und über dergleichen Gegenstände mit einander streiten; ich sehne mich in meiner Einsamkeit recht oft und recht herzlich nach solchen Gesprächen. Die Verschiedenheit unsrer Ansicht würde wohl eben nicht größer seyn als es nothwendig ist, wenn das Gespräch nicht einschlafen soll. Wie sollte ich gegen den Republikanismus seyn, ohne den keine Monarchie bestehn kann – da ja auch Deutschlands Verfassung von Conrad I bis Maximilian ganz republikanisch war – nur eine gewisse Art des Republikanismus, an eine Hauptstadt gefesselt, wo alles hingerissen und verdorben wird, ist mir überall sehr verdächtig, weil doch der schreckliche Despotismus überall schon im Hinterhalt steht, [3] und auf dem Fuße folgt. Und daß auch ich die älteste Einrichtung der Römer als einen edeln Zweig von dem Baum uralter Offenbarung und Verfassung ehre und anerkenne, weißt Du ja; in dieser Ansicht möcht ich sie weit über die Griechen selbst setzen. – Daß Du selbst gezweifelt hast, ob Du die Hierarchie in Deinem Gedicht auf Rom mit aufnehmen solltest, entschuldigt mich wenigstens, daß ich dieß glaubte und erwartete. Unstreitig aber hast Du sehr Recht gehabt, es nicht zu thun; denn jeder kennt doch sein eigen Werk am besten. Ich denke mir Rom nur historisch – Du bist von der Anschauung der alten Denkmahle ausgegangen, und die muß einen freilich wohl ganz in das classische Rom zurückführen. Goetheʼs Urtheil muß Dir gleichgültig seyn, weil es sich doch nur auf bloßen Partheihaß gründet. Hat er [4] ja doch Brentano bis in den dritten Himmel gelobt, so mag er uns denn tadeln. Sein Reich wird ohnehin bald zu Ende gehn. – Das Dictum, daß man die alten Sylbenmaaße im Deutschen annehmen soll, aber nicht genau, ist wirklich ein iudicium absurdissimum. – Die kleine Weimarsche Niederträchtigkeit aber über die Gefährtin sieht diesem Volk recht ähnlich. Dergleichen ist nur bei dem Gesindel eines solchen kleinen Hofes möglich, und überhaupt in dem fast ganz Preußisch i. e. niederträchtig gewordnen nördlichen Deutschland. Ich hoffe zu Gott, es wird da jezt einmal recht tüchtig aufgeräumt werden, daß von all der Bildung und Aufklärung die Fetzen herumfliegen. Die kleinen Höfe werden ja hoffentlich wohl bei der nächsten Partage ganz eingehn.
[5] Wie sehr die Klatscherei in allen Ständen, und das Geschreibsel in Deutschland überhand nimmt, davon hast Du gar keinen Begriff. Ich lese jezt wieder etwas mehr Zeitungen und sehe es zum Erstaunen. – Freilich ist das alles gar keiner Notiz werth, aber Du hast Recht, man ärgert sich doch darüber weil diese Deutschen Klatscher spitzfindig genug sind irgend eine Stelle herauszugrübeln, die einem empfindlich ist. – Doch scheint mir dieser Vorfall doch gar nicht hinreichend zu so großem Verdruß als Du äusserst, wenn sich nicht etwa noch mehres daran geschlossen hat, worüber Du schweigst. – Hast Du Ursache zur Eifersucht? Oder fühlst Du Dich überhaupt in Deiner Lage nicht an der rechten Stelle? Oder ist der Aufenthalt in Genf Deiner Stimmung so sehr nachtheilig? – In jedem Falle soltest Du Dir durch eine kleine Reise Luft machen. Komm zu uns; die [6] Reise ist doch bald gemacht. Du könntest ja den jüngsten Staël mitbringen. Der älteste kann sich ja genug für sich beschäftigen. Und der jüngste soll gewiß in zwei Monaten hier mehr Deutsch lernen, als in Jahren zu Genf. Wir wollen ihm gemeinschaftlich Stunde geben. Es ist mir sehr Ernst mit diesem Vorschlag. Vielleicht findest Du in einer kleinen Abwesenheit und bei uns Deine Stimmung wieder, und kannst Dich dann ruhiger entschließen. – Hast Du hier gesehen, was da ist, und die Gegend ist Dir zu flach, so können wir gemeinschaftlich nach Bonn ziehen, wo Du selbst von Genf kommend, die Gegend reizend finden wirst; sie hat viel von der Dreßdner. Ist dieß aber durchaus nicht möglich, so mache doch wenigstens, sobald das [7] Frühjahr weit genug dazu ist, eine Lustreise in die Theile der Schweiz, die Du noch nicht kennst, in die kleinen Cantons – mit den jungen Leuten – ich wüßte nicht, welchen Verdruß ich nicht bei dem Anblick jener herrlichen Berge vergessen möchte.
Ueber das meiste was Du in Deinem Briefe als Streitpunkte berührst, müßten wir uns mündlich sprechen und allenfalls auch streiten. Nur über zwei Punkte möchte ich mich wohl auch schriftlich ins Klare setzen, über die neue Kunst nämlich, und dann über den Spinosismus. – Wenn Du mich versicherst, daß dieser Thorwaldsen alle die guten Künstler, die wir in Deutschland kennen, weit übertrift, so will ich Dir dieß gern glauben. Eine Kunst werden wir dadurch wohl schwerlich erhalten; aus dem Grunde, weil wir dann erst wieder eine Kirche und eine Verfassung und einen Glauben haben müßten. Das wird in dem nächsten Jahrhundert noch schwerlich der [8] Fall seyn. Der Künstler ist durchaus nicht unabhängig von seiner Zeit; und darum beklage ich jeden, der diesen Weg jezt ergreift. Früh oder spät verdirbt er doch oder wird unglücklich, und gelangt zur Einsicht. Uebrigens glaube ich gern daß manche junge Künstler wohl eben so viel Genie zur Kunst noch haben mögen, als irgend einer von uns andern zur Gelehrsamkeit oder Poesie. Auch wir sind noch abhängig genug – am glücklichsten ist darin der Physiker – wenn der nur seine Existenz und ein Laboratorium hat so arbeitet er ruhig fort, mag auch Deutschland, Italien und England obendrein unterdessen zu Grunde gehn. So unabhängig sind Gelehrte und Philosophen nicht, und noch weniger Dichter und Historiker; aber doch weit mehr, als die Künstler, wie die Geschichte genug beweißt, daß Gelehrte, Historiker, Philosophen und selbst Dichter [9] sich eine vom Zeitgeist ganz isolirte Existenz errungen haben. Gewiß giebt es auch in der Litteratur Stellen genug, wo sich diese Abhängigkeit offenbart und wo die neuern Versuche grade so gegen die alten Werke sich verhalten wie in der Kunst; doch gewiß nicht überall, und wenn es dem Zeitgeiste gelingen sollte, das Ganze so in den Schlamm herabzuziehn oder zu erdrücken, so wird es wahrlich unsrer aller Schuld seyn.
Was den Spinosa betrifft, so habe ich meine Meinung über manche Punkte wohl geändert, nur grade über diesen nicht. Den Spinosa selbst werde ich nie aufhören zu bewundern wegen der vollendeten Form seines Geistes, wegen seiner Größe und Schönheit. Den Spinosismus aber als einzige Philosophie als ausschließendes System habe ich nie anerkannt; dieses kannst Du schon daraus abnehmen, daß ich neben Spinosa jederzeit Platoʼs Philosophie gleich sehr gerühmt habe, welche doch als Systeme so ganz [10] unvereinbar sind, aber zur Kunstbildung der Philosophie und zur Reinigung von der gemeinen Denkart sind beide gleich sehr erfoderlich. Nur die rechte Philosophie selbst habe ich niemals in dem einen noch in dem andern finden können*). – Auch Spinosist und Spinosist ist ein großer Unterschied. Man kann sich grade über diesen Punkt selbst sehr leicht misverstehen. So Lessing, dessen Metempsychose und tausendjähriges Reich oder neues Evangelium in einem ganz andern von jenem grundverschiedenem Mystizismus zu Hause ist. So Novalis**), dessen praktischer Realismus oder Magie gar nicht mehr Spinosismus selbst, sondern diejenige totale Metamorphose desselben ist, die er nach meiner Einsicht in der wahren Philosophie leiden muß, um ein Element und Theil derselben zu werden. Außerdem ist er nur von negativem Werth als Zerstörung der empirischen Ansicht, und das leichtfaßlichste und eben seiner Leerheit wegen allgemein anwendbare Substrat [11] für jede noch so verschiedene Art des Mystizismus; desfalls ich ihn auch als erste Basis aller Mythologie mehr noch für Poesie als für Philosophie gepriesen habe. Ich fühle wohl daß dieß alles noch nicht recht deutlich sein wird, bis ich Dir meine eigne Philosophie selbst darlegen könnte, welches außer einem Werke nur mündlich geschehen könnte. – Der Spinosismus, als System und ganze Wahrheit geglaubt, zerstört die edelsten Kräfte. Da liegt der Grund von Tiecks Trübsinn und Unthätigkeit, daß er viel zu sehr Spinosist ist. Schleiermacher ist es wenigstens auch noch auf eine originelle Weise und vielleicht noch nicht so sehr daß er sich nicht ändern könnte. Bei Schelling steht dieß wohl nicht zu erwarten da er nun schon zum zweitenmale ansetzt, und wieder grade noch auf demselben Punkte steht als das erstemal, da doch die Schwierigkeiten die er selbst in dem Uebergang von jenen dürftigen Prin[12]cipien zur Physik so oft gefühlt, und über die jezt seine besten und meisten Naturphilosophen so laut klagen und darüber schon mit Schelling gar nicht mehr zufrieden sind, ihn hätten treiben müssen, sich herauszuarbeiten, wenn es möglich wäre. Er hat den Buchstaben des Spinosa ganz in seiner Gewalt, aber auch nur diesen. Von dem Geiste des Spinosa, nämlich der Liebe und Schönheit, kurz von demjenigen in Spinosa was weit besser als sein System ist, findet sich keine Spur. Schelling hat gewiß ausgezeichnete Anlagen, gehört aber zu den Menschen die früh ausbrennen und erlöschen, bei denen das Jugendfeuer des beste ist; seine Anlagen habe ich in allen Verhältnissen anerkannt, den Gebrauch derselben fand ich nie sehr sonderlich, am wenigsten seit er sich unter der schlechtesten aller Vormundschaften befindet. – So wenig ich es übel nehme, daß Du mich in Deinem Humor durch alle Capitel der [13] alten und neuen Geschichte und Litteratur auszankst, so hat es mich doch nicht wenig befremdet, die Stelle in Deinem Brief über mein persönliches Verhältniß mit Schelling zu lesen. Wie ist es denn um Gottes Willen nur möglich, daß das Lügengewebe jener lasterhaften Frau Dich noch immer umstrickt hält, und ihre Fantasmagorien noch immer vor Deinen Augen sich erhalten? Du kannst es doch wohl nicht ganz vergessen haben, daß ich mit Schelling nur freundschaftlich umging, bis mir jene Abscheulichkeiten klar wurden; als Du mich feyerlich auffodertest zwischen ihm und Dir zu wählen, da war dieß schon längst geschehen, und bedurfte überhaupt eben keiner Wahl. Du wurdest jedoch bald wieder leidlich und äußerlich gut, und ich blieb allein den Ungezogenheiten des rachsüchtigen Weibes und eines mit unter etwas brutalen Liebhabers ausgesetzt. Wie kannst Du nun alles so grade auf den Kopf stellen da Dich doch Dein Gedächtniß nicht ganz [14] verlassen haben kann. Daß Du Dich damals in der Verwirrung so entsetzlich täuschen***) liessest, war begreiflich; meine Freundschaft blieb unerschütterlich obwohl manche Schritte zu denen Du verleitet wurdest, mir eine harte Probe auflegten, die wohl wenige nur bestanden haben würden. Desto sichrer glaubte ich späterhin, da Du Dich so brüderlich wieder an mich schlossest, während meines Aufenthaltes in Paris, daß mit jenem unseeligen Verhältniß selbst auch all die Irrthümer aus dieser Quelle verschwunden wären. Ich hielt es daher auch bei unserm neuen Beisammenseyn, gar nicht für nothwendig darüber mit Dir zu sprechen und Dir jene unangenehmen Erinnrungen zu erneuern. Nun sehe ich aber leider [15] wohl, daß ich mich geirrt habe, und muß Dich also wohl [bitten] lieber doch Deinem ältesten Freunde und Bruder zu glauben, treuer als welchen Du wohl keinen andern finden wirst, als jener die jede Schändlichkeit gegen Dich und gegen sich selbst geladen, und der nur in der Lügenverwirrung und im Streit wohl ist. – Danke dem Geschick das Dich von ihr befreyt hat, und in reinere Verhältnisse führte.
Von Deutschland weiß ich nicht viel Neues. Fröhlich ist todt, die Universität in Würzburg ist zersprengt. Von Müller steht eine schöne Rede (in der Akademie gehalten) über den Untergang der Freiheit der alten Völker, voller Zeitbeziehung im Februar des Freymüthigen. So hat er auch die Stellen der Alten vom Attila in gleicher Tendenz als kleine Brochüre drucken lassen. Auch im März der Jenaischen Litteratur Zeitung fand ich einige Recensionen von ihm, die Dich interessiren werden. – Der Krieg Preußens gegen Rußland ist nun entschieden. Preußen wird schrecklich [16] darunter leiden; schon der Englische Embargo ist ein harter Schlag. – Was ist das für ein Lied von Spee über den heiligen Nepomuk, und wo steht es? – Mir ist es noch nicht bekannt. – Für Deine Sprachbemerkungen danke ich Dir recht sehr und werde sie sorgfältig benutzen. – Dieser Brief ist nun so sehr lang geworden, daß ich lieber in nächster Woche an die Stael besonders schreiben will. Mit Ungeduld erwarte ich einen neuen Brief von Dir, der mich über Deine Lage und den eigentlichen Grund Deiner Unzufriedenheit belehrt und hoffentlich beruhigt. Möchtʼ es doch die Wendung nehmen, daß wir uns bald wieder sehn möchten! – Mit Wien, das sieh nur an als einen entfernten Reiseplan, man muß doch immer wenigstens Eine Hoffnung haben; übereilen werde ich mich gewiß nicht. Meine Frau grüßt Dich aufs beste.
Unwandelbar
Dein Friedrich S.[chlegel]

*) [Gestrichene Marginalnotiz:] Ich habe den Spinosa fast mehr für Poesie gerühmt als für Philosophie.
**) [Marginalnotiz:] Es giebt keine Philosophie die dem buchstäblichen Spinosismus mehr entgegen wäre als der Idealismus des Novalis, der dem meinigen in vielem gleicht.
***) [gestrichen:] und durch Karolinens Lügengespinste am Ende gar gegen mich einnehmen
[1] Kölln. Den 15ten April 1806
Herzlich geliebter Bruder, Dein lezter Brief hat mich mit Besorgnissen erfüllt. Denn ob Du gleich selbst sagst, daß Du ihn bei ungünstiger Laune geschrieben, so scheint es mir doch als läge eine tiefere Unzufriedenheit dabei zum Grunde. Ich wünsche von Herzen, daß ich mich irre. Ist es aber wie ich fürchte, so wünsche ich daß die Ursache davon bald gehoben sei. Möchtet ihr nur vor allen Dingen nicht immer unter den langweiligen Genfern leben; ich kann mir gar nicht denken, wie Ihr unter diese Menschen passen könnt; da fällt man denn entweder auf allerlei zwecklose Zerstreuung wie die Staël, oder man wird gar übler Laune. – Wärest Du dieß aber nicht schon vorher gewesen, so hätte mein Brief es Dich unmöglich machen können, der in der besten Meinung und auch in ganz guter Laune geschrieben war. – Mit der immer größer werdenden Verschiedenheit unsrer [2] Ansichten, das ist gar nicht so, wie Du es Dir denkst, noch auch mit meinem Haß gegen die alten Römer, und den Republikanismus. Könnten wir nur einmal wieder bei einander sitzen und über dergleichen Gegenstände mit einander streiten; ich sehne mich in meiner Einsamkeit recht oft und recht herzlich nach solchen Gesprächen. Die Verschiedenheit unsrer Ansicht würde wohl eben nicht größer seyn als es nothwendig ist, wenn das Gespräch nicht einschlafen soll. Wie sollte ich gegen den Republikanismus seyn, ohne den keine Monarchie bestehn kann – da ja auch Deutschlands Verfassung von Conrad I bis Maximilian ganz republikanisch war – nur eine gewisse Art des Republikanismus, an eine Hauptstadt gefesselt, wo alles hingerissen und verdorben wird, ist mir überall sehr verdächtig, weil doch der schreckliche Despotismus überall schon im Hinterhalt steht, [3] und auf dem Fuße folgt. Und daß auch ich die älteste Einrichtung der Römer als einen edeln Zweig von dem Baum uralter Offenbarung und Verfassung ehre und anerkenne, weißt Du ja; in dieser Ansicht möcht ich sie weit über die Griechen selbst setzen. – Daß Du selbst gezweifelt hast, ob Du die Hierarchie in Deinem Gedicht auf Rom mit aufnehmen solltest, entschuldigt mich wenigstens, daß ich dieß glaubte und erwartete. Unstreitig aber hast Du sehr Recht gehabt, es nicht zu thun; denn jeder kennt doch sein eigen Werk am besten. Ich denke mir Rom nur historisch – Du bist von der Anschauung der alten Denkmahle ausgegangen, und die muß einen freilich wohl ganz in das classische Rom zurückführen. Goetheʼs Urtheil muß Dir gleichgültig seyn, weil es sich doch nur auf bloßen Partheihaß gründet. Hat er [4] ja doch Brentano bis in den dritten Himmel gelobt, so mag er uns denn tadeln. Sein Reich wird ohnehin bald zu Ende gehn. – Das Dictum, daß man die alten Sylbenmaaße im Deutschen annehmen soll, aber nicht genau, ist wirklich ein iudicium absurdissimum. – Die kleine Weimarsche Niederträchtigkeit aber über die Gefährtin sieht diesem Volk recht ähnlich. Dergleichen ist nur bei dem Gesindel eines solchen kleinen Hofes möglich, und überhaupt in dem fast ganz Preußisch i. e. niederträchtig gewordnen nördlichen Deutschland. Ich hoffe zu Gott, es wird da jezt einmal recht tüchtig aufgeräumt werden, daß von all der Bildung und Aufklärung die Fetzen herumfliegen. Die kleinen Höfe werden ja hoffentlich wohl bei der nächsten Partage ganz eingehn.
[5] Wie sehr die Klatscherei in allen Ständen, und das Geschreibsel in Deutschland überhand nimmt, davon hast Du gar keinen Begriff. Ich lese jezt wieder etwas mehr Zeitungen und sehe es zum Erstaunen. – Freilich ist das alles gar keiner Notiz werth, aber Du hast Recht, man ärgert sich doch darüber weil diese Deutschen Klatscher spitzfindig genug sind irgend eine Stelle herauszugrübeln, die einem empfindlich ist. – Doch scheint mir dieser Vorfall doch gar nicht hinreichend zu so großem Verdruß als Du äusserst, wenn sich nicht etwa noch mehres daran geschlossen hat, worüber Du schweigst. – Hast Du Ursache zur Eifersucht? Oder fühlst Du Dich überhaupt in Deiner Lage nicht an der rechten Stelle? Oder ist der Aufenthalt in Genf Deiner Stimmung so sehr nachtheilig? – In jedem Falle soltest Du Dir durch eine kleine Reise Luft machen. Komm zu uns; die [6] Reise ist doch bald gemacht. Du könntest ja den jüngsten Staël mitbringen. Der älteste kann sich ja genug für sich beschäftigen. Und der jüngste soll gewiß in zwei Monaten hier mehr Deutsch lernen, als in Jahren zu Genf. Wir wollen ihm gemeinschaftlich Stunde geben. Es ist mir sehr Ernst mit diesem Vorschlag. Vielleicht findest Du in einer kleinen Abwesenheit und bei uns Deine Stimmung wieder, und kannst Dich dann ruhiger entschließen. – Hast Du hier gesehen, was da ist, und die Gegend ist Dir zu flach, so können wir gemeinschaftlich nach Bonn ziehen, wo Du selbst von Genf kommend, die Gegend reizend finden wirst; sie hat viel von der Dreßdner. Ist dieß aber durchaus nicht möglich, so mache doch wenigstens, sobald das [7] Frühjahr weit genug dazu ist, eine Lustreise in die Theile der Schweiz, die Du noch nicht kennst, in die kleinen Cantons – mit den jungen Leuten – ich wüßte nicht, welchen Verdruß ich nicht bei dem Anblick jener herrlichen Berge vergessen möchte.
Ueber das meiste was Du in Deinem Briefe als Streitpunkte berührst, müßten wir uns mündlich sprechen und allenfalls auch streiten. Nur über zwei Punkte möchte ich mich wohl auch schriftlich ins Klare setzen, über die neue Kunst nämlich, und dann über den Spinosismus. – Wenn Du mich versicherst, daß dieser Thorwaldsen alle die guten Künstler, die wir in Deutschland kennen, weit übertrift, so will ich Dir dieß gern glauben. Eine Kunst werden wir dadurch wohl schwerlich erhalten; aus dem Grunde, weil wir dann erst wieder eine Kirche und eine Verfassung und einen Glauben haben müßten. Das wird in dem nächsten Jahrhundert noch schwerlich der [8] Fall seyn. Der Künstler ist durchaus nicht unabhängig von seiner Zeit; und darum beklage ich jeden, der diesen Weg jezt ergreift. Früh oder spät verdirbt er doch oder wird unglücklich, und gelangt zur Einsicht. Uebrigens glaube ich gern daß manche junge Künstler wohl eben so viel Genie zur Kunst noch haben mögen, als irgend einer von uns andern zur Gelehrsamkeit oder Poesie. Auch wir sind noch abhängig genug – am glücklichsten ist darin der Physiker – wenn der nur seine Existenz und ein Laboratorium hat so arbeitet er ruhig fort, mag auch Deutschland, Italien und England obendrein unterdessen zu Grunde gehn. So unabhängig sind Gelehrte und Philosophen nicht, und noch weniger Dichter und Historiker; aber doch weit mehr, als die Künstler, wie die Geschichte genug beweißt, daß Gelehrte, Historiker, Philosophen und selbst Dichter [9] sich eine vom Zeitgeist ganz isolirte Existenz errungen haben. Gewiß giebt es auch in der Litteratur Stellen genug, wo sich diese Abhängigkeit offenbart und wo die neuern Versuche grade so gegen die alten Werke sich verhalten wie in der Kunst; doch gewiß nicht überall, und wenn es dem Zeitgeiste gelingen sollte, das Ganze so in den Schlamm herabzuziehn oder zu erdrücken, so wird es wahrlich unsrer aller Schuld seyn.
Was den Spinosa betrifft, so habe ich meine Meinung über manche Punkte wohl geändert, nur grade über diesen nicht. Den Spinosa selbst werde ich nie aufhören zu bewundern wegen der vollendeten Form seines Geistes, wegen seiner Größe und Schönheit. Den Spinosismus aber als einzige Philosophie als ausschließendes System habe ich nie anerkannt; dieses kannst Du schon daraus abnehmen, daß ich neben Spinosa jederzeit Platoʼs Philosophie gleich sehr gerühmt habe, welche doch als Systeme so ganz [10] unvereinbar sind, aber zur Kunstbildung der Philosophie und zur Reinigung von der gemeinen Denkart sind beide gleich sehr erfoderlich. Nur die rechte Philosophie selbst habe ich niemals in dem einen noch in dem andern finden können*). – Auch Spinosist und Spinosist ist ein großer Unterschied. Man kann sich grade über diesen Punkt selbst sehr leicht misverstehen. So Lessing, dessen Metempsychose und tausendjähriges Reich oder neues Evangelium in einem ganz andern von jenem grundverschiedenem Mystizismus zu Hause ist. So Novalis**), dessen praktischer Realismus oder Magie gar nicht mehr Spinosismus selbst, sondern diejenige totale Metamorphose desselben ist, die er nach meiner Einsicht in der wahren Philosophie leiden muß, um ein Element und Theil derselben zu werden. Außerdem ist er nur von negativem Werth als Zerstörung der empirischen Ansicht, und das leichtfaßlichste und eben seiner Leerheit wegen allgemein anwendbare Substrat [11] für jede noch so verschiedene Art des Mystizismus; desfalls ich ihn auch als erste Basis aller Mythologie mehr noch für Poesie als für Philosophie gepriesen habe. Ich fühle wohl daß dieß alles noch nicht recht deutlich sein wird, bis ich Dir meine eigne Philosophie selbst darlegen könnte, welches außer einem Werke nur mündlich geschehen könnte. – Der Spinosismus, als System und ganze Wahrheit geglaubt, zerstört die edelsten Kräfte. Da liegt der Grund von Tiecks Trübsinn und Unthätigkeit, daß er viel zu sehr Spinosist ist. Schleiermacher ist es wenigstens auch noch auf eine originelle Weise und vielleicht noch nicht so sehr daß er sich nicht ändern könnte. Bei Schelling steht dieß wohl nicht zu erwarten da er nun schon zum zweitenmale ansetzt, und wieder grade noch auf demselben Punkte steht als das erstemal, da doch die Schwierigkeiten die er selbst in dem Uebergang von jenen dürftigen Prin[12]cipien zur Physik so oft gefühlt, und über die jezt seine besten und meisten Naturphilosophen so laut klagen und darüber schon mit Schelling gar nicht mehr zufrieden sind, ihn hätten treiben müssen, sich herauszuarbeiten, wenn es möglich wäre. Er hat den Buchstaben des Spinosa ganz in seiner Gewalt, aber auch nur diesen. Von dem Geiste des Spinosa, nämlich der Liebe und Schönheit, kurz von demjenigen in Spinosa was weit besser als sein System ist, findet sich keine Spur. Schelling hat gewiß ausgezeichnete Anlagen, gehört aber zu den Menschen die früh ausbrennen und erlöschen, bei denen das Jugendfeuer des beste ist; seine Anlagen habe ich in allen Verhältnissen anerkannt, den Gebrauch derselben fand ich nie sehr sonderlich, am wenigsten seit er sich unter der schlechtesten aller Vormundschaften befindet. – So wenig ich es übel nehme, daß Du mich in Deinem Humor durch alle Capitel der [13] alten und neuen Geschichte und Litteratur auszankst, so hat es mich doch nicht wenig befremdet, die Stelle in Deinem Brief über mein persönliches Verhältniß mit Schelling zu lesen. Wie ist es denn um Gottes Willen nur möglich, daß das Lügengewebe jener lasterhaften Frau Dich noch immer umstrickt hält, und ihre Fantasmagorien noch immer vor Deinen Augen sich erhalten? Du kannst es doch wohl nicht ganz vergessen haben, daß ich mit Schelling nur freundschaftlich umging, bis mir jene Abscheulichkeiten klar wurden; als Du mich feyerlich auffodertest zwischen ihm und Dir zu wählen, da war dieß schon längst geschehen, und bedurfte überhaupt eben keiner Wahl. Du wurdest jedoch bald wieder leidlich und äußerlich gut, und ich blieb allein den Ungezogenheiten des rachsüchtigen Weibes und eines mit unter etwas brutalen Liebhabers ausgesetzt. Wie kannst Du nun alles so grade auf den Kopf stellen da Dich doch Dein Gedächtniß nicht ganz [14] verlassen haben kann. Daß Du Dich damals in der Verwirrung so entsetzlich täuschen***) liessest, war begreiflich; meine Freundschaft blieb unerschütterlich obwohl manche Schritte zu denen Du verleitet wurdest, mir eine harte Probe auflegten, die wohl wenige nur bestanden haben würden. Desto sichrer glaubte ich späterhin, da Du Dich so brüderlich wieder an mich schlossest, während meines Aufenthaltes in Paris, daß mit jenem unseeligen Verhältniß selbst auch all die Irrthümer aus dieser Quelle verschwunden wären. Ich hielt es daher auch bei unserm neuen Beisammenseyn, gar nicht für nothwendig darüber mit Dir zu sprechen und Dir jene unangenehmen Erinnrungen zu erneuern. Nun sehe ich aber leider [15] wohl, daß ich mich geirrt habe, und muß Dich also wohl [bitten] lieber doch Deinem ältesten Freunde und Bruder zu glauben, treuer als welchen Du wohl keinen andern finden wirst, als jener die jede Schändlichkeit gegen Dich und gegen sich selbst geladen, und der nur in der Lügenverwirrung und im Streit wohl ist. – Danke dem Geschick das Dich von ihr befreyt hat, und in reinere Verhältnisse führte.
Von Deutschland weiß ich nicht viel Neues. Fröhlich ist todt, die Universität in Würzburg ist zersprengt. Von Müller steht eine schöne Rede (in der Akademie gehalten) über den Untergang der Freiheit der alten Völker, voller Zeitbeziehung im Februar des Freymüthigen. So hat er auch die Stellen der Alten vom Attila in gleicher Tendenz als kleine Brochüre drucken lassen. Auch im März der Jenaischen Litteratur Zeitung fand ich einige Recensionen von ihm, die Dich interessiren werden. – Der Krieg Preußens gegen Rußland ist nun entschieden. Preußen wird schrecklich [16] darunter leiden; schon der Englische Embargo ist ein harter Schlag. – Was ist das für ein Lied von Spee über den heiligen Nepomuk, und wo steht es? – Mir ist es noch nicht bekannt. – Für Deine Sprachbemerkungen danke ich Dir recht sehr und werde sie sorgfältig benutzen. – Dieser Brief ist nun so sehr lang geworden, daß ich lieber in nächster Woche an die Stael besonders schreiben will. Mit Ungeduld erwarte ich einen neuen Brief von Dir, der mich über Deine Lage und den eigentlichen Grund Deiner Unzufriedenheit belehrt und hoffentlich beruhigt. Möchtʼ es doch die Wendung nehmen, daß wir uns bald wieder sehn möchten! – Mit Wien, das sieh nur an als einen entfernten Reiseplan, man muß doch immer wenigstens Eine Hoffnung haben; übereilen werde ich mich gewiß nicht. Meine Frau grüßt Dich aufs beste.
Unwandelbar
Dein Friedrich S.[chlegel]

*) [Gestrichene Marginalnotiz:] Ich habe den Spinosa fast mehr für Poesie gerühmt als für Philosophie.
**) [Marginalnotiz:] Es giebt keine Philosophie die dem buchstäblichen Spinosismus mehr entgegen wäre als der Idealismus des Novalis, der dem meinigen in vielem gleicht.
***) [gestrichen:] und durch Karolinens Lügengespinste am Ende gar gegen mich einnehmen
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