• Ludwig Tieck to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Jena · Date: [12. Dezember 1797]
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Ludwig Tieck
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Jena
  • Date: [12. Dezember 1797]
  • Notations: Datum erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Ludwig Tieck und die Brüder Schlegel. Briefe. Hg. v. Edgar Lohner auf der Grundlage der von Henry Lüdeke besorgten Edition. München 1972, S. 21‒22.
  • Incipit: „[1] [Berlin, 12. Dezember 1797]
    Werthgeschäzter Freund,
    Verzeihen Sie, daß ich Ihnen wieder nur so wenig und in solcher Unordnung schreibe; ich schreibe [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-36934
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.28,Nr.60
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19,1 x 11,4 cm
    Language
  • German
[1] [Berlin, 12. Dezember 1797]
Werthgeschäzter Freund,
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen wieder nur so wenig und in solcher Unordnung schreibe; ich schreibe dies Blatt bei Ihrem Bruder, weil ich heut früh ausgehn muste: wenn Sie öfter etwas von mir lesen, werden Sie sich immer mehr überzeugen, daß ich zum Briefschreiben völlig verdorben bin. Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie sich die Mühe geben wollen, meinetwegen mit Göschen zu sprechen, wenn es möglich wäre, wünschte ich, daß auf Ostern 2 Theile von den fortgesezten Volksmärchen erscheinen, aber unter einem andern Titel, etwa: Romantische Darstellungen. Von dem jungen Nicolai möchteʼ ich mich gern trennen, es ist gar nichts mit ihm anzufangen, da er außer dem [2] angeerbten Eigennutze noch eine originelle Verrüktheit hat, die ihn unausstehlich macht.
Meine neulichen Conjekturen sind vielleicht ganz unnütz: sind Sie nicht auch der Meinung, daß die erste Scene des zweiten Akts im Sturm durchaus ächt sei? Die sogenannten Commentatoren haben sich hier an die Dünnheit des Textes gestossen, aber ist denn nicht das ganze Stück so beschaffen? Nur daß die meisten übrigen Parthieen poetischer sind. Mich dünkt, nichts drückt die Einsamkeit, die Leerheit dieser Menschen so vortreflich aus, die Beängstigung, der sie sich nicht überlassen wollen, als eben diese Scene: und dadurch wird sie im Zusammenhange [3] ungemein poetisch.
In Ansehung des Don Quixote wird Ihnen Ihr Bruder noch schreiben. – Auf Ihr Urtheil über die Volksmärchen bin ich sehr begierig, ob ich es gleich mit großer Furcht erwarte, Sie haben gerade vorher nur die beiden Sachen gekannt, die vielleicht noch die besten sind.
Im Hamlet ist die Verwirrung mancher Perioden und Reden gewiß sehr absichtlich, z. B. die lange, mit sich wiederholenden Parenthesen versezte Rede Hamlets, die im Grunde nur wenig sagt, vor der Erscheinung des Geistes. – Ihre Uebersetzung, wenn sie vollendet ist, wird es den Deutschen [4] erst möglich machen, den Shakspeare zu verstehn und zu achten.
Ich freue mich unendlich darauf, Sie im Frühlinge hier zu sehn, verzeihen Sie meine Confusion, mit dem künftigen Briefe bin ich gewiß ordentlicher.
Ihr ergebenster Freund
Ludwig Tieck.
[1] [Berlin, 12. Dezember 1797]
Werthgeschäzter Freund,
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen wieder nur so wenig und in solcher Unordnung schreibe; ich schreibe dies Blatt bei Ihrem Bruder, weil ich heut früh ausgehn muste: wenn Sie öfter etwas von mir lesen, werden Sie sich immer mehr überzeugen, daß ich zum Briefschreiben völlig verdorben bin. Ich bin Ihnen sehr verbunden, daß Sie sich die Mühe geben wollen, meinetwegen mit Göschen zu sprechen, wenn es möglich wäre, wünschte ich, daß auf Ostern 2 Theile von den fortgesezten Volksmärchen erscheinen, aber unter einem andern Titel, etwa: Romantische Darstellungen. Von dem jungen Nicolai möchteʼ ich mich gern trennen, es ist gar nichts mit ihm anzufangen, da er außer dem [2] angeerbten Eigennutze noch eine originelle Verrüktheit hat, die ihn unausstehlich macht.
Meine neulichen Conjekturen sind vielleicht ganz unnütz: sind Sie nicht auch der Meinung, daß die erste Scene des zweiten Akts im Sturm durchaus ächt sei? Die sogenannten Commentatoren haben sich hier an die Dünnheit des Textes gestossen, aber ist denn nicht das ganze Stück so beschaffen? Nur daß die meisten übrigen Parthieen poetischer sind. Mich dünkt, nichts drückt die Einsamkeit, die Leerheit dieser Menschen so vortreflich aus, die Beängstigung, der sie sich nicht überlassen wollen, als eben diese Scene: und dadurch wird sie im Zusammenhange [3] ungemein poetisch.
In Ansehung des Don Quixote wird Ihnen Ihr Bruder noch schreiben. – Auf Ihr Urtheil über die Volksmärchen bin ich sehr begierig, ob ich es gleich mit großer Furcht erwarte, Sie haben gerade vorher nur die beiden Sachen gekannt, die vielleicht noch die besten sind.
Im Hamlet ist die Verwirrung mancher Perioden und Reden gewiß sehr absichtlich, z. B. die lange, mit sich wiederholenden Parenthesen versezte Rede Hamlets, die im Grunde nur wenig sagt, vor der Erscheinung des Geistes. – Ihre Uebersetzung, wenn sie vollendet ist, wird es den Deutschen [4] erst möglich machen, den Shakspeare zu verstehn und zu achten.
Ich freue mich unendlich darauf, Sie im Frühlinge hier zu sehn, verzeihen Sie meine Confusion, mit dem künftigen Briefe bin ich gewiß ordentlicher.
Ihr ergebenster Freund
Ludwig Tieck.
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