• Ludwig Tieck to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Dresden · Place of Destination: Bonn · Date: 20.05.1836
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Ludwig Tieck
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Dresden
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: 20.05.1836
    Printed Text
  • Bibliography: Ludwig Tieck und die Brüder Schlegel. Briefe. Hg. v. Edgar Lohner auf der Grundlage der von Henry Lüdeke besorgten Edition. München 1972, S. 207‒208.
  • Incipit: „[1] Geliebter Freund und Bruder,
    Es ist schon lange, daß wir uns nicht geschrieben haben, obgleich du wahrscheinlich zu Zeiten von mir [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-36934
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.28,Nr.87
  • Number of Pages: 3 S. auf Doppelbl., hs. m. U. u. Adresse
  • Format: 25,5 x 21 cm
    Language
  • German
[1] Geliebter Freund und Bruder,
Es ist schon lange, daß wir uns nicht geschrieben haben, obgleich du wahrscheinlich zu Zeiten von mir gehört hast, wie ich denn auch sehr oft durch Reisende von dir und deinem Wohlbefinden erfahre. Freilich wird das Leben immer kürzer, und wir sollten uns wohl wieder einmal sehn und sprechen. Vielleicht kann ich es möglich machen, noch einmal, wenn auch nur auf wenige Tage, nach Bonn zu kommen, da du wohl schwerlich eine Reise hieher unternehmen wirst.
Jezt komme ich mit einer Bitte zu Dir, von der ich recht sehr wünsche, daß du sie mir nicht abschlagen mögest. Du hast nur einen einzigen Band des Lope de Vega, und ich nehme an, daß es Dir gleichgültig sei, ob du diesen oder einen andern besitzest, welchen ich Dir, da ich ihn doppelt habe, zum Tausch anbieten kann: den 20” nehmlich, Barcelona, 1630. La discreta venganza ist das Erste Schauspiel dieses Bandes, welcher, wie alle, 12 Stücke enthält. Das Exemplar ist sehr gut konservirt, und ohne Fehl. Ist Dein Band also nicht derselbe 20”, oder der neunte (9), welcher mit der prueva de los ingenios anhebt, so bitte ich dich recht inständig, diesen Tausch einzugehn und mir jezt gleich das Buch mit der Post zu senden, worauf ich dir sogleich mein Exemplar den 20. Theil übermachen werde. Ich halte dein Geschenk von 1828 [2] den Zamora und noch einige spanische Sachen in grossen Ehren: den 5ten Band des Hans Sachs wirst du doch damals als ein kleines Gegengeschenk von mir erhalten haben. Wie gesagt, erfreue mich schnell durch die Gewährung meiner Bitte.
Wenn ich es irgend möglich machen kann, gehe ich wieder im Juni oder Juli nach Baden, bei Rastadt, und auf der Rückreise denke ich über Bonn zu gehn. Diesmal werde ich mich aber nur, bloß deinetwegen, etwa drei Tage in Bonn aufhalten können. Du warst damals so freundlich, mir und der Gräfinn, im Fall der Wiederkehr, ein Logis bei Dir anzubiethen: jezt werde ich mit dieser Freundinn und meiner Tochter Agnes reisen, und ich kann nicht wünschen, daß du auf so kurze Zeit deine Haus-Einrichtung umänderst. Wir können uns doch viel sprechen. Und schon jezt erinnere ich: „Deine Memoiren!“ – „Dein Briefwechsel“. – in unsern Zeiten, die der Barbarei zuneigen, ist es eine Art von Pflicht, daß du deinen Landsleuten noch ein solches Denkmal zurück lassest. Wer erzählt, wie Du! Wem ist noch diese freie Kritik eigen und diese Gabe der Sprache! –
Ist dir denn das vielseitige und unermüdliche Gewäsch über Göthe eben so fatal, wie mir? Und wie erscheint der Alte in allen diesen seinsollenden Verherrlichungen! – Deine kritischen Schriften hast du auch nicht fortgesezt. – Du hast wohl kein Exemplar von deinen Blumensträußen übrig? Das meinige ist mir schon [3] seit lange abhanden gekommen, und es giebt kein Mittel, auch nicht durch den Buchhandel, ein neues zu erringen.
Wen ich auch in Bonn sehn müste, ist Löbel, ein sehr lieber Freund und ganz vorzüglicher Mensch. Schade, daß du dich ihm nicht mehr hast nähern können. Er ist etwas hypochonder und menschenscheu. Aber er ist edel, treu, verständig, sehr gelehrt und ein gründlicher Critiker. Von ihm, da ich ihm schreiben mußte, erhälst du dieses Blatt. – Ich bin fort während ziemlich fleissig und bin dem Schiksal dankbar, daß ich mein Alter noch nicht sehr fühle. Ich leide auch weniger an Schmerzen, als ehemals, nur muß ich mich freilich immer sehr schonen. Uns übrigen geht es auch erträglich, die Gräfinn und die Töchter sind gesund, nur leidet die Frau seit zwei Jahren an der Wassersucht, und ist nur zu Zeiten in ei[nem] guten Zustand. Aber wie vieles von meinen alten Bekannten ist abgestorben, die meisten jünger als ich. Du hälst dich tapfer, und solltest auch noch fortseegeln, und nicht Ruder und Seegel einziehn. Alle meine Hausgenossen grüssen dich recht herzlich, und du erfreust mich wohl bald mit einer Antwort und dem spanischen Buche. Lebe tausendmal wohl und gedenke meiner in Liebe, wie ich treu und unwandelbar bleibe
Dein wahrer Freund und Bruder
Lud. Tieck.
Dresden, den 20t May 1836
[4]
[1] Geliebter Freund und Bruder,
Es ist schon lange, daß wir uns nicht geschrieben haben, obgleich du wahrscheinlich zu Zeiten von mir gehört hast, wie ich denn auch sehr oft durch Reisende von dir und deinem Wohlbefinden erfahre. Freilich wird das Leben immer kürzer, und wir sollten uns wohl wieder einmal sehn und sprechen. Vielleicht kann ich es möglich machen, noch einmal, wenn auch nur auf wenige Tage, nach Bonn zu kommen, da du wohl schwerlich eine Reise hieher unternehmen wirst.
Jezt komme ich mit einer Bitte zu Dir, von der ich recht sehr wünsche, daß du sie mir nicht abschlagen mögest. Du hast nur einen einzigen Band des Lope de Vega, und ich nehme an, daß es Dir gleichgültig sei, ob du diesen oder einen andern besitzest, welchen ich Dir, da ich ihn doppelt habe, zum Tausch anbieten kann: den 20” nehmlich, Barcelona, 1630. La discreta venganza ist das Erste Schauspiel dieses Bandes, welcher, wie alle, 12 Stücke enthält. Das Exemplar ist sehr gut konservirt, und ohne Fehl. Ist Dein Band also nicht derselbe 20”, oder der neunte (9), welcher mit der prueva de los ingenios anhebt, so bitte ich dich recht inständig, diesen Tausch einzugehn und mir jezt gleich das Buch mit der Post zu senden, worauf ich dir sogleich mein Exemplar den 20. Theil übermachen werde. Ich halte dein Geschenk von 1828 [2] den Zamora und noch einige spanische Sachen in grossen Ehren: den 5ten Band des Hans Sachs wirst du doch damals als ein kleines Gegengeschenk von mir erhalten haben. Wie gesagt, erfreue mich schnell durch die Gewährung meiner Bitte.
Wenn ich es irgend möglich machen kann, gehe ich wieder im Juni oder Juli nach Baden, bei Rastadt, und auf der Rückreise denke ich über Bonn zu gehn. Diesmal werde ich mich aber nur, bloß deinetwegen, etwa drei Tage in Bonn aufhalten können. Du warst damals so freundlich, mir und der Gräfinn, im Fall der Wiederkehr, ein Logis bei Dir anzubiethen: jezt werde ich mit dieser Freundinn und meiner Tochter Agnes reisen, und ich kann nicht wünschen, daß du auf so kurze Zeit deine Haus-Einrichtung umänderst. Wir können uns doch viel sprechen. Und schon jezt erinnere ich: „Deine Memoiren!“ – „Dein Briefwechsel“. – in unsern Zeiten, die der Barbarei zuneigen, ist es eine Art von Pflicht, daß du deinen Landsleuten noch ein solches Denkmal zurück lassest. Wer erzählt, wie Du! Wem ist noch diese freie Kritik eigen und diese Gabe der Sprache! –
Ist dir denn das vielseitige und unermüdliche Gewäsch über Göthe eben so fatal, wie mir? Und wie erscheint der Alte in allen diesen seinsollenden Verherrlichungen! – Deine kritischen Schriften hast du auch nicht fortgesezt. – Du hast wohl kein Exemplar von deinen Blumensträußen übrig? Das meinige ist mir schon [3] seit lange abhanden gekommen, und es giebt kein Mittel, auch nicht durch den Buchhandel, ein neues zu erringen.
Wen ich auch in Bonn sehn müste, ist Löbel, ein sehr lieber Freund und ganz vorzüglicher Mensch. Schade, daß du dich ihm nicht mehr hast nähern können. Er ist etwas hypochonder und menschenscheu. Aber er ist edel, treu, verständig, sehr gelehrt und ein gründlicher Critiker. Von ihm, da ich ihm schreiben mußte, erhälst du dieses Blatt. – Ich bin fort während ziemlich fleissig und bin dem Schiksal dankbar, daß ich mein Alter noch nicht sehr fühle. Ich leide auch weniger an Schmerzen, als ehemals, nur muß ich mich freilich immer sehr schonen. Uns übrigen geht es auch erträglich, die Gräfinn und die Töchter sind gesund, nur leidet die Frau seit zwei Jahren an der Wassersucht, und ist nur zu Zeiten in ei[nem] guten Zustand. Aber wie vieles von meinen alten Bekannten ist abgestorben, die meisten jünger als ich. Du hälst dich tapfer, und solltest auch noch fortseegeln, und nicht Ruder und Seegel einziehn. Alle meine Hausgenossen grüssen dich recht herzlich, und du erfreust mich wohl bald mit einer Antwort und dem spanischen Buche. Lebe tausendmal wohl und gedenke meiner in Liebe, wie ich treu und unwandelbar bleibe
Dein wahrer Freund und Bruder
Lud. Tieck.
Dresden, den 20t May 1836
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