• Friedrich de La Motte-Fouqué to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Nennhausen · Place of Destination: Unknown · Date: 15.02.1807 bis 19.02.1807
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich de La Motte-Fouqué
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Nennhausen
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 15.02.1807 bis 19.02.1807
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335976727
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 1. Der Texte erste Hälfte. 1791‒1808. Bern u.a. ²1969, S. 378‒383.
  • Incipit: „[1] Nennhausen, am 15. Febr. [180]7
    Mein theurer, herzlich geliebter Freund,
    Du fragst mit einer so rührenden Theilnahme nach meinem und der Meinigen [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: APP2712-Bd-7
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,25,5
  • Number of Pages: 8 S. auf Doppelbl. u. 2 S., hs. m. U.
  • Format: 23,3 x 18,8 cm
    Language
  • German
[1] Nennhausen, am 15. Febr. [180]7
Mein theurer, herzlich geliebter Freund,
Du fragst mit einer so rührenden Theilnahme nach meinem und der Meinigen Ergehn, daß ich eile, Dir vor Allem hierauf zu antworten. Wir sind von den Drangsalen des Krieges so verschont geblieben, als es nur immer für Unterthanen in einem eingenommnen Lande möglich ist. Unser Eigenthum ist geschützt, unsre Ruhe unangetastet, und jetzt vorzüglich, während der Fortschritte des Französischen Heeres in Polen, leben wir in unsrer Gegend wie im Frieden. Ich studire und arbeite an meinen poetischen Entwürfen nach wie vor, und bin kaum auf Tage lang darin unterbrochen worden. Doch davon nachher. Jetzt fahre ich fort, Dir zu berichten, daß wir sämtlich gesund sind, das arme Clärchen ausgenommen, die noch immer an ihrem gelähmten Fusse leidet. Doch bewährt sich es auch an ihr von Neuem, daß die Heutigen Aerzte meist nichts wissen, und die unmittelbaren Beobachter der Natur Vieles. Ein alter Schäfer nämlich, der die Cur übernommen hat, giebt die besten Hoffnungen, und begründet diese auch schon durch sichtbare, bedeutende Fortschritte. Deine kleine Pathe Maria blüht wie ein frisches Röschen, und thut schon ganz verständig.
[2] Dies ist was ich Dir von unsrer Lage mitzutheilen habe, und nun schreite ich – mit wie schwerem Herzen! – zur Beantwortung dessen, was den Hauptinhalt Deines Briefes ausmacht. Ich hoffte, es sollte von dieser unangenehmen Sache nicht mehr zwischen uns die Rede sein, und zwar nicht ganz ohne Grund, wenn ich überlegte, daß ich auf keine Weise darin verwickelt bin, und auch Du nur mittelbar. Daß Du mit Bernhardi entzweit warst, schmerzte mich; doch glaubte ich, und glaube noch, ein Misverständniß als Hauptveranlassung zu erblicken, und sah einer endlichen Versöhnung entgegen. Das thue ich nun freilich nicht mehr. Die Saiten sind gerissen, und man muß vergessen, daß sie je eine Harmonie zu geben schienen, oder wenigstens hinfort nicht mehr auf etwas Aehnliches warten. Du stellst mich daher zur Wahl, wohin ich meine Freundschaft lenken wolle, und verletzest mich dadurch aufs Tiefste. Mein obiges Urtheil über Euern Streit bleibt bis zur Ansicht entscheidender Gegenbeweise dasselbe; wie sollte ich denn feindseelig dem Menschen gegenübertreten, der mir, wie ich bis jetzt nicht anders weiß, sein ganzes Herz mit allen seinen Schwächen und Vergehen ausgeschüttet hat. Ich weiß nicht, ob Dir ein solches ausschließliches Partheinehmen zur wahrhaften Freundschaft [3] nothwendig scheint. Mir nicht, wie das auch mein Betragen bewiesen hat, in einem Falle, den ich Dir zurückrufen will. Ludwig Tieck hat mich aufs Empfindlichste gekränkt, er hat gespöttelt über mein ganzes Sein und Treiben, mit päbstlicher Unfehlbarkeit über mich abgesprochen gegen Leute, die er selbst für erbärmlich erklärte (ich weiß dies von mehrern Seiten her) Sophie Tieck hat desgleichen gethan, und ich fühle bei der lebhaftern Erinnerung an diese beiden eine zornige Gluth aufsteigen, aber ich halte mich nicht für berechtigt, von Dir zu fodern, daß Du auch nur meine Vertheidigung gegen sie übernehmen solltest, noch weniger irgend einen Schritt von ihnen abwärts thun. Du wendest mir vielleicht ein, daß ich mit Beiden nie in vertrauten Verhältnissen gestanden habe, aber ich näherte mich dem Bruder mit reiner, rücksichtsloser Kunstliebe, sagte ihm was mir mein bessres Gefühl eingab, und hatte also doch mindestens keinen Spott verdient. Die Schwester zeigte mir ein vollkommnes Vertrauen, vorzüglich bei meiner letzten Anwesenheit in Berlin, wo sie über ihre Reise mit mir sprach, und soll das noch kein vollkommnes Vertrauen gewesen sein, so begreife ich nicht, wie eine Frau zu einem Manne, den sie für fremd und ungeweiht hält, solche Worte sprechen kann. Auf das in meinem vorigen Briefe hierüber Geäusserte antwortest Du nicht, und ich bin vollkommen damit zufrieden, weil ich Dir gern jedes unangenehme Gefühl ersparen will, und auch jetzt nicht über diesen Gegenstand, der Dir nicht erfreulich sein kann, reden würde, wenn es mir nicht nothwendig [4] schiene, Dich auf diese Weise daran zu erinnern, daß die Freundschaft nicht die Aufhebung von solchen Verbindungen, welche sich dem einen Theile misfällig und feindseelig gezeigt haben, so ganz bestimmt fodert. Muß ich aber und soll ich in die Abgründe des schlimmen Bernhardischen Familienstreits noch einmal hinabblicken, so sende mir die erfoderlichen Beweise für Deine Meinung. Du und ich, wir halten einander für betrogen; Versicherungen können uns also gegenseitig nicht genügen. Nur das muß ich noch bemerken, daß zweier Wesen Band, die ein drittes erzeugt haben, mir nicht leicht zerreißbar scheint, am wenigsten wo die Kinder, die Früchte der ehmals blühenden Liebe, dem einen Theile gänzlich vorenthalten werden sollen. Daß Sophie gegen ihren Mann auf eine höchst unwürdige Weise verfahren ist, erhellt aus unwidersprechlichen Beweisen. Ich will nicht weiter davon reden, in der Hoffnung, Du könnest vielleicht meiner Bitte nachgeben, unsre Vereinigung hierüber auf ein mündliches Gespräch ankommen zu lassen. Ich würde dies als ein hohes Zeichen Deiner Liebe und Deines Vertrauens aufnehmen. Wie schlimm ist es doch mit dem Schreiben! Ich fühle meine Kraft gelähmt, wenn ich denke, daß dies Alles noch so weit zu reisen hat, ehr es zu Dir kommt, daß ich nicht weiß, mit welchem Ausdruck Dein Auge darauf ruhen [5] wird, und ob Dir diese schwarze Buchstaben auch nur einen Theil des Gefühles wiedergeben können, mit dem ich sie hinschrieb. Daß meine Weigerung, den unglücklichen Bernhardi auch noch eines Freundes mehr zu berauben, ehrlich und rücksichtslos entstanden ist, fühle ich in mir selbst, und könnte es auch aus den Verhältnissen abnehmen, denn es hat wohl noch Keiner aus selbstischem Eigensinn an einem Verlassnen festgehalten, wenn ihm ein durch Ruf, Geist, Geschick Begünstigter, zu dem ihn von jeher sein ganzes Herz hinzog, die Hand bot. Daß Du die Möglichkeit aufstellst, als könne ich Deiner Freundschaft entsagen, verwundet mich schmerzhaft. Es kann doch wohl nur soviel heissen, daß Du Dich ganz von mir zurückziehn wollest, im Fall ich Bernhardi nicht aufgäbe. Du wirst dennoch mein sehr lieber, mein unendlich theurer Meister bleiben, ob ich gleich als dann durch Dich die größte Stöhrung und Täuschung eines Lebens erführe, welches an Beiden nicht arm gewesen ist. Du kennst mein Geschick noch zu wenig, um dies ganz in seiner furchtbaren Wahrheit zu verstehn, und ich muß ein mündliches Gespräch abwarten, um Dich damit bekannt zu machen.
Der Auftrag, welchen Du mir wegen Deiner Bücher geben willst, wird vermuthlich [6] unnütz sein, da wie ich höre, die ganze Angelegenheit schon in den Händen des Berliner Stadtgerichtes sein soll. Das Nähere jedoch weiß ich nicht davon, da ich Bernhardi gebeten habe, mir nichts gegen Dich zu sagen, obgleich er selbst (das versichre ich Dir auf meine Ehre) nur in den letzten Zeiten mit Unwillen von Dir gesprochen hat, und Dich dennoch nie der geringsten Niedrigkeit fähig hält, so toll auch sein Brief, das Werk eines aufʼs höchste gereizten und beleidigten Menschen, gewesen sein mag, der was ihn von andern Seiten her trifft, nach der einen hin mit hinauswirft. In der streitigen Angelegenheit seid Ihr ohne Zweifel Beide im Irrthum, der sich wohl näher aufklären wird. Ich habe keinen andern Grund, dies zu glauben, als den a priori, daß es auf irgend eine Weise so sein muß, weil ich Dich und ihn zu kennen denke.
Ich wollte Dir nun noch manches Erfreuliche schreiben, aber ich gestehe es, mein Gemüth ist gestört durch diese lange, traurige Erklärung, die mit so schmerzhaften Erinnerungen angefüllt ist. Nur in der Kürze also: mein Heinrich ist fertig, kann jedoch wegen einer gänzlichen Confusion in der Verlagshandlung sobald noch gar nicht in Druck erscheinen. Gegenwärtig schreibe ich an einem Roman, der unter mannigfachen Verkleidungen mein eignes Leben enthalten soll. Von den sehr bedeutenden Arbeiten meiner Frau wie auch von meinen Studien nächstens mehr, denn ich hoffe Du antwortest mir bald, und ich gewinne alsdann Raum zum heitern Gespräch. Viele herzliche Grüsse von Allen, besonders von meiner Frau. Von mir empfange die Versichrung der unauslöschlichsten Liebe, womit je ein Jünger zu seinem Meister aufgeblickt hat.
Hast Du den Brief erhalten, mit welchem ich Dir meinen Galmy zuschickte?
[7]
am 19t Februar
Alles was für mich bei einer Unterhaltung mit Dir, geliebtester Freund, stöhrend sein konnte, war abgemacht, und als ich, nun heitrer gestimmt, im Begriff stand, zu siegeln, konnte ich der Versuchung nicht widerstehn, Dir noch dies und jenes von angenehmern Gegenständen mitzutheilen, wozu Du mich ja selbst so freundlich auffoderst. Ich behielt also den Brief lieber noch einen Posttag zurück, und fange nun, wie ganz von neuem an, mich mit Dir zu unterhalten.
Meine Sehnsucht, etwas von Dir zu vernehmen, war mit jedem Tage gestiegen; bald hoffte ich auf einen Brief, bald suchte ich in den Catalogen nach einem Theil des Shakespeare oder Calderon, oder gar nach dem lang gewünschten Tristan. Endlich erschien im Damencalender Dein Aufsatz an Friederike Bethmann, den ich mit zwiefachem Interesse las, indem er mich in Deine erfreulichen Umgebungen versetzte. Du hast eine wunderbare Gabe, das Urbild von Gedichten aufzufassen, welches dem Autor mit mehr oder weniger Deutlichkeit bei seiner Arbeit vorgeschwebt hat. Dies fand ich wieder von Neuem bei Deinem Urtheile über Alzire und Zaÿre bestätigt, vorzüglich über das letztre Trauerspiel, wo der Missverstand des Dichters so ungeheuer ist, und die Klarheit Deiner Anschauung noch mehr überrascht. Welch ein Werk hätte entstehn müssen, wenn ein kühner, poetischer Geist, in einer nicht unpoetischen Sprache dichtend, den Gedanken ausgeführt hätte, welchen Du hinwirfst. – Nächst[8]dem hat mich vorzüglich das schöne idyllische Spiel bewegt, worin Deine liebenswürdige Freundin mit ihren Kindern aufgetreten ist. Du glücklicher, dreimal glücklicher Mensch! Es wird mir ein stets erfreulicher Trost bleiben, daß ich Dich im Schoße des Friedens und der edelsten Freundschaft weiß, mag sich auch die Abgeschiedenheit, in der ich lebe, immer dichter und dunkler um mich zusammenschließen. Ich habe zwar darüber eigentlich nicht zu klagen, denn ich fühle es, daß ich in der Einsamkeit besser und zufriedner bin, auch blicke ich in die Augen einer geliebten Frau, eines blühenden Kindes, aber die Welt ist doch so herrlich und groß, daß sich manchmal der Fittig dehnt, um hinauszuschweben in die ungemessne Bläue, und reicher, kräftiger in die bekannte Siedeley zurückzukehren. Auch das gewähren mir wohl noch die edlen Geister aus mannigfachen Landen, mit deren Sprachen ich nach Kräften ringe; nur daß ich gern den Gruß der Freunde, des Freundes sollte ich sagen, Deinen Gruß, mein geliebter Meister, öfter vernähme, und Dir zurücksagte, was sich in meinem Innern bewegt. Ich glaube, ich habe schon früher gegen Dich darüber geklagt, daß mir das Glück versagt blieb, mit einem jugendlichen Gefährten zugleich die poetische Bahn zu betreten. Es giebt wenige Leute für mich, mit denen ich über das Höchste und Heiligste meines Lebens reden kann. Wenn auch die Werke eines Mannes mein ganzes Gemüth anregen, und ich in seiner Nähe lebe, wie das mit Müller der Fall ist, – soll ich da so gradezu hintreten, und eine förmliche Bekanntschaft aufsuchen? Eine förmliche sagte ich, denn das wird doch nur [9] meist immer aus derlei absichtlichen Annäherungen. Ich weiß zwar, daß er über eine meiner Arbeiten günstig gesprochen hat, aber das reicht doch bei weitem nicht hin, die Scheu zu überwinden, die ich vor einem solchen Aufdrängen empfinde. Mit Hülsen bin ich ausser aller Correspondenz; durch meine Schuld freilich, denn ich habe seinen letzten Brief nicht beantwortet. Aber unsre Ansichten der Poesie scheiden sich so bestimmt, daß ich doch kein reines Zusammentreffen erwarten konnte. Alles Romantische erscheint ihm in der That wie eine künstlerische Ketzerei, und mit antiken Formen und Namen ist er so leicht zu bestechen, daß er sogar das Mittelmässige, ja ich möchte sagen das Schlechte zu loben nicht verschmäht, wie sich dies an den Gedichten des Grafen Moltke bewährt, welche ich Dir, seinem Auftrage gemäß, empfehlen mußte, und nun leider selbst gelesen habe. So herzlich ich auch nun immer Hülsens Freund bleiben werde, fühle ich doch dadurch eine Scheidewand zwischen uns gezogen. Mein Schweigen über diese Gegenstände würde meinen Briefen ihr eigentlichstes Dasein rauben, und auch ihn nur beleidigen. Ich lebe also in einer tiefen Abgeschiedenheit fort, und greife doch nach allen Weltgegenden hinaus, um mir Blumen für mein Gärtchen zusammen zu hohlen. Den Calderon habe ich nun fast ganz gelesen (was Du nämlich davon zurückgelassen hast), so auch einmal den Orlando furioso; vom Bocaccio habe ich die Hälfte des Decamerone gelesen, bin aber für jetzt darin unterbrochen worden, wie ich indeß hoffe, nur auf kurze Zeit. Der wahrhaft göttliche Dante hat [10] mir ein neues Leben aufgeschlossen. Ich habe noch nie den heiligen Ernst der Poesie so verstanden, wie sie gleich dem Erlöser, ihre Jünger ganz fodert, und daß sie Haus, Hof, Kind und Weib um ihrentwillen nicht achten sollen. Das erstemal habe ich ihn ohne andre Hülfe gelesen, als was Du in den Horen und nachher vollendeter und gediegner im Athenaeum darüber gesagt hast. Ich gefiel mir in dem Gedanken, daß auch mich mein herrlicher Meister auf den dunkeln Pfaden geleitete. Das zweitemal nehme ich nun Alles was ich von italiänischen Commentaren werde aufbringen können, mit zu Hülfe. Das Portugiesische gedenke ich in diesen Tagen anzufangen. Auch treibe ich die Studien, welche auf die Mythologie und Geschichte der Nibelungen Bezug haben, mit Eifer. Die Isländische Edda Sturlesons hatte ich hier, aber auf zu kurze Zeit; doch fand ich, daß mir das Isländische nicht viele Schwierigkeit machte. Ich getraue mir schon, es bei mehrer Musse aus dem Buche ohne weitre Hülfsmittel verstehn zu lernen.
Du siehst, daß Du wenigstens einen fleissigen Schüler gezogen hast. Von meinen poetischen Arbeiten ein andermal, damit ich Dich nicht mit einem allzu voluminösen Brief abschrecke. Lebe wohl, mein innig geliebter Freund.
[1] Nennhausen, am 15. Febr. [180]7
Mein theurer, herzlich geliebter Freund,
Du fragst mit einer so rührenden Theilnahme nach meinem und der Meinigen Ergehn, daß ich eile, Dir vor Allem hierauf zu antworten. Wir sind von den Drangsalen des Krieges so verschont geblieben, als es nur immer für Unterthanen in einem eingenommnen Lande möglich ist. Unser Eigenthum ist geschützt, unsre Ruhe unangetastet, und jetzt vorzüglich, während der Fortschritte des Französischen Heeres in Polen, leben wir in unsrer Gegend wie im Frieden. Ich studire und arbeite an meinen poetischen Entwürfen nach wie vor, und bin kaum auf Tage lang darin unterbrochen worden. Doch davon nachher. Jetzt fahre ich fort, Dir zu berichten, daß wir sämtlich gesund sind, das arme Clärchen ausgenommen, die noch immer an ihrem gelähmten Fusse leidet. Doch bewährt sich es auch an ihr von Neuem, daß die Heutigen Aerzte meist nichts wissen, und die unmittelbaren Beobachter der Natur Vieles. Ein alter Schäfer nämlich, der die Cur übernommen hat, giebt die besten Hoffnungen, und begründet diese auch schon durch sichtbare, bedeutende Fortschritte. Deine kleine Pathe Maria blüht wie ein frisches Röschen, und thut schon ganz verständig.
[2] Dies ist was ich Dir von unsrer Lage mitzutheilen habe, und nun schreite ich – mit wie schwerem Herzen! – zur Beantwortung dessen, was den Hauptinhalt Deines Briefes ausmacht. Ich hoffte, es sollte von dieser unangenehmen Sache nicht mehr zwischen uns die Rede sein, und zwar nicht ganz ohne Grund, wenn ich überlegte, daß ich auf keine Weise darin verwickelt bin, und auch Du nur mittelbar. Daß Du mit Bernhardi entzweit warst, schmerzte mich; doch glaubte ich, und glaube noch, ein Misverständniß als Hauptveranlassung zu erblicken, und sah einer endlichen Versöhnung entgegen. Das thue ich nun freilich nicht mehr. Die Saiten sind gerissen, und man muß vergessen, daß sie je eine Harmonie zu geben schienen, oder wenigstens hinfort nicht mehr auf etwas Aehnliches warten. Du stellst mich daher zur Wahl, wohin ich meine Freundschaft lenken wolle, und verletzest mich dadurch aufs Tiefste. Mein obiges Urtheil über Euern Streit bleibt bis zur Ansicht entscheidender Gegenbeweise dasselbe; wie sollte ich denn feindseelig dem Menschen gegenübertreten, der mir, wie ich bis jetzt nicht anders weiß, sein ganzes Herz mit allen seinen Schwächen und Vergehen ausgeschüttet hat. Ich weiß nicht, ob Dir ein solches ausschließliches Partheinehmen zur wahrhaften Freundschaft [3] nothwendig scheint. Mir nicht, wie das auch mein Betragen bewiesen hat, in einem Falle, den ich Dir zurückrufen will. Ludwig Tieck hat mich aufs Empfindlichste gekränkt, er hat gespöttelt über mein ganzes Sein und Treiben, mit päbstlicher Unfehlbarkeit über mich abgesprochen gegen Leute, die er selbst für erbärmlich erklärte (ich weiß dies von mehrern Seiten her) Sophie Tieck hat desgleichen gethan, und ich fühle bei der lebhaftern Erinnerung an diese beiden eine zornige Gluth aufsteigen, aber ich halte mich nicht für berechtigt, von Dir zu fodern, daß Du auch nur meine Vertheidigung gegen sie übernehmen solltest, noch weniger irgend einen Schritt von ihnen abwärts thun. Du wendest mir vielleicht ein, daß ich mit Beiden nie in vertrauten Verhältnissen gestanden habe, aber ich näherte mich dem Bruder mit reiner, rücksichtsloser Kunstliebe, sagte ihm was mir mein bessres Gefühl eingab, und hatte also doch mindestens keinen Spott verdient. Die Schwester zeigte mir ein vollkommnes Vertrauen, vorzüglich bei meiner letzten Anwesenheit in Berlin, wo sie über ihre Reise mit mir sprach, und soll das noch kein vollkommnes Vertrauen gewesen sein, so begreife ich nicht, wie eine Frau zu einem Manne, den sie für fremd und ungeweiht hält, solche Worte sprechen kann. Auf das in meinem vorigen Briefe hierüber Geäusserte antwortest Du nicht, und ich bin vollkommen damit zufrieden, weil ich Dir gern jedes unangenehme Gefühl ersparen will, und auch jetzt nicht über diesen Gegenstand, der Dir nicht erfreulich sein kann, reden würde, wenn es mir nicht nothwendig [4] schiene, Dich auf diese Weise daran zu erinnern, daß die Freundschaft nicht die Aufhebung von solchen Verbindungen, welche sich dem einen Theile misfällig und feindseelig gezeigt haben, so ganz bestimmt fodert. Muß ich aber und soll ich in die Abgründe des schlimmen Bernhardischen Familienstreits noch einmal hinabblicken, so sende mir die erfoderlichen Beweise für Deine Meinung. Du und ich, wir halten einander für betrogen; Versicherungen können uns also gegenseitig nicht genügen. Nur das muß ich noch bemerken, daß zweier Wesen Band, die ein drittes erzeugt haben, mir nicht leicht zerreißbar scheint, am wenigsten wo die Kinder, die Früchte der ehmals blühenden Liebe, dem einen Theile gänzlich vorenthalten werden sollen. Daß Sophie gegen ihren Mann auf eine höchst unwürdige Weise verfahren ist, erhellt aus unwidersprechlichen Beweisen. Ich will nicht weiter davon reden, in der Hoffnung, Du könnest vielleicht meiner Bitte nachgeben, unsre Vereinigung hierüber auf ein mündliches Gespräch ankommen zu lassen. Ich würde dies als ein hohes Zeichen Deiner Liebe und Deines Vertrauens aufnehmen. Wie schlimm ist es doch mit dem Schreiben! Ich fühle meine Kraft gelähmt, wenn ich denke, daß dies Alles noch so weit zu reisen hat, ehr es zu Dir kommt, daß ich nicht weiß, mit welchem Ausdruck Dein Auge darauf ruhen [5] wird, und ob Dir diese schwarze Buchstaben auch nur einen Theil des Gefühles wiedergeben können, mit dem ich sie hinschrieb. Daß meine Weigerung, den unglücklichen Bernhardi auch noch eines Freundes mehr zu berauben, ehrlich und rücksichtslos entstanden ist, fühle ich in mir selbst, und könnte es auch aus den Verhältnissen abnehmen, denn es hat wohl noch Keiner aus selbstischem Eigensinn an einem Verlassnen festgehalten, wenn ihm ein durch Ruf, Geist, Geschick Begünstigter, zu dem ihn von jeher sein ganzes Herz hinzog, die Hand bot. Daß Du die Möglichkeit aufstellst, als könne ich Deiner Freundschaft entsagen, verwundet mich schmerzhaft. Es kann doch wohl nur soviel heissen, daß Du Dich ganz von mir zurückziehn wollest, im Fall ich Bernhardi nicht aufgäbe. Du wirst dennoch mein sehr lieber, mein unendlich theurer Meister bleiben, ob ich gleich als dann durch Dich die größte Stöhrung und Täuschung eines Lebens erführe, welches an Beiden nicht arm gewesen ist. Du kennst mein Geschick noch zu wenig, um dies ganz in seiner furchtbaren Wahrheit zu verstehn, und ich muß ein mündliches Gespräch abwarten, um Dich damit bekannt zu machen.
Der Auftrag, welchen Du mir wegen Deiner Bücher geben willst, wird vermuthlich [6] unnütz sein, da wie ich höre, die ganze Angelegenheit schon in den Händen des Berliner Stadtgerichtes sein soll. Das Nähere jedoch weiß ich nicht davon, da ich Bernhardi gebeten habe, mir nichts gegen Dich zu sagen, obgleich er selbst (das versichre ich Dir auf meine Ehre) nur in den letzten Zeiten mit Unwillen von Dir gesprochen hat, und Dich dennoch nie der geringsten Niedrigkeit fähig hält, so toll auch sein Brief, das Werk eines aufʼs höchste gereizten und beleidigten Menschen, gewesen sein mag, der was ihn von andern Seiten her trifft, nach der einen hin mit hinauswirft. In der streitigen Angelegenheit seid Ihr ohne Zweifel Beide im Irrthum, der sich wohl näher aufklären wird. Ich habe keinen andern Grund, dies zu glauben, als den a priori, daß es auf irgend eine Weise so sein muß, weil ich Dich und ihn zu kennen denke.
Ich wollte Dir nun noch manches Erfreuliche schreiben, aber ich gestehe es, mein Gemüth ist gestört durch diese lange, traurige Erklärung, die mit so schmerzhaften Erinnerungen angefüllt ist. Nur in der Kürze also: mein Heinrich ist fertig, kann jedoch wegen einer gänzlichen Confusion in der Verlagshandlung sobald noch gar nicht in Druck erscheinen. Gegenwärtig schreibe ich an einem Roman, der unter mannigfachen Verkleidungen mein eignes Leben enthalten soll. Von den sehr bedeutenden Arbeiten meiner Frau wie auch von meinen Studien nächstens mehr, denn ich hoffe Du antwortest mir bald, und ich gewinne alsdann Raum zum heitern Gespräch. Viele herzliche Grüsse von Allen, besonders von meiner Frau. Von mir empfange die Versichrung der unauslöschlichsten Liebe, womit je ein Jünger zu seinem Meister aufgeblickt hat.
Hast Du den Brief erhalten, mit welchem ich Dir meinen Galmy zuschickte?
[7]
am 19t Februar
Alles was für mich bei einer Unterhaltung mit Dir, geliebtester Freund, stöhrend sein konnte, war abgemacht, und als ich, nun heitrer gestimmt, im Begriff stand, zu siegeln, konnte ich der Versuchung nicht widerstehn, Dir noch dies und jenes von angenehmern Gegenständen mitzutheilen, wozu Du mich ja selbst so freundlich auffoderst. Ich behielt also den Brief lieber noch einen Posttag zurück, und fange nun, wie ganz von neuem an, mich mit Dir zu unterhalten.
Meine Sehnsucht, etwas von Dir zu vernehmen, war mit jedem Tage gestiegen; bald hoffte ich auf einen Brief, bald suchte ich in den Catalogen nach einem Theil des Shakespeare oder Calderon, oder gar nach dem lang gewünschten Tristan. Endlich erschien im Damencalender Dein Aufsatz an Friederike Bethmann, den ich mit zwiefachem Interesse las, indem er mich in Deine erfreulichen Umgebungen versetzte. Du hast eine wunderbare Gabe, das Urbild von Gedichten aufzufassen, welches dem Autor mit mehr oder weniger Deutlichkeit bei seiner Arbeit vorgeschwebt hat. Dies fand ich wieder von Neuem bei Deinem Urtheile über Alzire und Zaÿre bestätigt, vorzüglich über das letztre Trauerspiel, wo der Missverstand des Dichters so ungeheuer ist, und die Klarheit Deiner Anschauung noch mehr überrascht. Welch ein Werk hätte entstehn müssen, wenn ein kühner, poetischer Geist, in einer nicht unpoetischen Sprache dichtend, den Gedanken ausgeführt hätte, welchen Du hinwirfst. – Nächst[8]dem hat mich vorzüglich das schöne idyllische Spiel bewegt, worin Deine liebenswürdige Freundin mit ihren Kindern aufgetreten ist. Du glücklicher, dreimal glücklicher Mensch! Es wird mir ein stets erfreulicher Trost bleiben, daß ich Dich im Schoße des Friedens und der edelsten Freundschaft weiß, mag sich auch die Abgeschiedenheit, in der ich lebe, immer dichter und dunkler um mich zusammenschließen. Ich habe zwar darüber eigentlich nicht zu klagen, denn ich fühle es, daß ich in der Einsamkeit besser und zufriedner bin, auch blicke ich in die Augen einer geliebten Frau, eines blühenden Kindes, aber die Welt ist doch so herrlich und groß, daß sich manchmal der Fittig dehnt, um hinauszuschweben in die ungemessne Bläue, und reicher, kräftiger in die bekannte Siedeley zurückzukehren. Auch das gewähren mir wohl noch die edlen Geister aus mannigfachen Landen, mit deren Sprachen ich nach Kräften ringe; nur daß ich gern den Gruß der Freunde, des Freundes sollte ich sagen, Deinen Gruß, mein geliebter Meister, öfter vernähme, und Dir zurücksagte, was sich in meinem Innern bewegt. Ich glaube, ich habe schon früher gegen Dich darüber geklagt, daß mir das Glück versagt blieb, mit einem jugendlichen Gefährten zugleich die poetische Bahn zu betreten. Es giebt wenige Leute für mich, mit denen ich über das Höchste und Heiligste meines Lebens reden kann. Wenn auch die Werke eines Mannes mein ganzes Gemüth anregen, und ich in seiner Nähe lebe, wie das mit Müller der Fall ist, – soll ich da so gradezu hintreten, und eine förmliche Bekanntschaft aufsuchen? Eine förmliche sagte ich, denn das wird doch nur [9] meist immer aus derlei absichtlichen Annäherungen. Ich weiß zwar, daß er über eine meiner Arbeiten günstig gesprochen hat, aber das reicht doch bei weitem nicht hin, die Scheu zu überwinden, die ich vor einem solchen Aufdrängen empfinde. Mit Hülsen bin ich ausser aller Correspondenz; durch meine Schuld freilich, denn ich habe seinen letzten Brief nicht beantwortet. Aber unsre Ansichten der Poesie scheiden sich so bestimmt, daß ich doch kein reines Zusammentreffen erwarten konnte. Alles Romantische erscheint ihm in der That wie eine künstlerische Ketzerei, und mit antiken Formen und Namen ist er so leicht zu bestechen, daß er sogar das Mittelmässige, ja ich möchte sagen das Schlechte zu loben nicht verschmäht, wie sich dies an den Gedichten des Grafen Moltke bewährt, welche ich Dir, seinem Auftrage gemäß, empfehlen mußte, und nun leider selbst gelesen habe. So herzlich ich auch nun immer Hülsens Freund bleiben werde, fühle ich doch dadurch eine Scheidewand zwischen uns gezogen. Mein Schweigen über diese Gegenstände würde meinen Briefen ihr eigentlichstes Dasein rauben, und auch ihn nur beleidigen. Ich lebe also in einer tiefen Abgeschiedenheit fort, und greife doch nach allen Weltgegenden hinaus, um mir Blumen für mein Gärtchen zusammen zu hohlen. Den Calderon habe ich nun fast ganz gelesen (was Du nämlich davon zurückgelassen hast), so auch einmal den Orlando furioso; vom Bocaccio habe ich die Hälfte des Decamerone gelesen, bin aber für jetzt darin unterbrochen worden, wie ich indeß hoffe, nur auf kurze Zeit. Der wahrhaft göttliche Dante hat [10] mir ein neues Leben aufgeschlossen. Ich habe noch nie den heiligen Ernst der Poesie so verstanden, wie sie gleich dem Erlöser, ihre Jünger ganz fodert, und daß sie Haus, Hof, Kind und Weib um ihrentwillen nicht achten sollen. Das erstemal habe ich ihn ohne andre Hülfe gelesen, als was Du in den Horen und nachher vollendeter und gediegner im Athenaeum darüber gesagt hast. Ich gefiel mir in dem Gedanken, daß auch mich mein herrlicher Meister auf den dunkeln Pfaden geleitete. Das zweitemal nehme ich nun Alles was ich von italiänischen Commentaren werde aufbringen können, mit zu Hülfe. Das Portugiesische gedenke ich in diesen Tagen anzufangen. Auch treibe ich die Studien, welche auf die Mythologie und Geschichte der Nibelungen Bezug haben, mit Eifer. Die Isländische Edda Sturlesons hatte ich hier, aber auf zu kurze Zeit; doch fand ich, daß mir das Isländische nicht viele Schwierigkeit machte. Ich getraue mir schon, es bei mehrer Musse aus dem Buche ohne weitre Hülfsmittel verstehn zu lernen.
Du siehst, daß Du wenigstens einen fleissigen Schüler gezogen hast. Von meinen poetischen Arbeiten ein andermal, damit ich Dich nicht mit einem allzu voluminösen Brief abschrecke. Lebe wohl, mein innig geliebter Freund.
×
×