• August Wilhelm von Schlegel to Friedrich Schleiermacher

  • Place of Dispatch: Greifswald · Place of Destination: Unknown · Date: 08.07.1813
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling, partially newly transcribed
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Friedrich Schleiermacher
  • Place of Dispatch: Greifswald
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 08.07.1813
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 362660743
  • Bibliography: Aus Schleiermacherʼs Leben. In Briefen. Hg. v. Ludwig Jonas u. Wilhelm Dilthey. Bd. 3: Schleiermachers Briefwechsel mit Freunden bis zu seiner Übersiedlung nach Halle, namentlich der mit Friedrich und August Wilhelm Schlegel. Berlin 1861, S. 431‒434.
  • Incipit: „[1] [Edierter Text von Ludwig Jonas und Wilhelm Dilthey:]
    Greifswalde, den 8. Juli 1813.
    Schon weit früher würde ich Ihnen, mein theuerster Freund, [...]“
    Manuscript
  • Provider: Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften Berlin
  • Classification Number: NL F. D. E. Schleiermacher, Nr. 372. 2. Bl. 66–68r
  • Number of Pages: 3 S. hs. m. U.
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia (Anteil Neutranskription)
  • Varwig, Olivia (Anteil Neutranskription)
[1] [Edierter Text von Ludwig Jonas und Wilhelm Dilthey:]
Greifswalde, den 8. Juli 1813.
Schon weit früher würde ich Ihnen, mein theuerster Freund, für Ihre zuvorkommende Begrüßung auf deutschem Boden herzlich gedankt haben, wenn ich mich im Stande gesehen hätte, zugleich Ihren Wunsch zu erfüllen, und Ihnen Beyträge für den Preußischen Correspondenten zu liefern. Indessen wie sollte dies möglich seyn? Wenn nichts geschieht, so hat man eigentlich auch nichts zu sagen. Doch muß man dahin arbeiten, daß während dieses trügerischen Stillstandes die öffentliche Meynung, welche so kräftig angeregt war und sich im Ganzen so vortrefflich gezeigt hat, nicht wieder einschlummere, und zu diesem Zwecke scheint der Correspondent ganz besonders geeignet zu seyn. Ich dachte Ihnen heute eine Flugschrift über die dänischen Zwistigkeiten senden zu können, woraus Sie Ihrer Zeitschrift vielleicht Auszüge würden einrücken wollen, allein die Langsamkeit des Druckers macht es mir unmöglich. Sie erhalten diese Schrift unfehlbar mit nächster Post. Dann werde ich auch eine Uebersetzung ins Französische an Reimer mitschicken, mit der Bitte sie baldigst zum Druck zu befördern. Ich bitte Sie unterdessen, mich hiebey nicht zu nennen.
[2] Ich lege Ihnen eine Stimme aus dem Grabe bey, einen Aufruf an Deutschland aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges, der sich auf die unsrigen zu beziehen scheint. Daß wir eben so gesinnt gewesen, wollen wir wenigstens für die Nachwelt beurkunden.
Ueber die Angelegenheiten des Vaterlandes möchte ich mich gern mit Ihnen aus dem Grunde besprechen. Der Gegenstand ist zu groß für einen Brief. Die schiefe Wendung, welche alles genommen, und wodurch so große und begründete Hoffnungen, wie es scheint, wieder vereitelt werden sollen, hat mich zu solcher Verzweiflung gebracht, daß ich nun schon wieder anfange, über das Unheil zu scherzen. Die Entwickelung naht heran: wenn der Waffenstillstand nur verlängert wird, so gebe ich schon alles verlohren. Wir werden bald sehen, ob die gegenwärtige Zusammenkunft einen neuen Geist in die Koalition bringt. Der Kronprinz von Schweden wird gewiß von seiner Seite hiezu nichts versäumen; ich erwarte seine Rückkehr mit Ungeduld.
Seit Jahren wartete ich auf die Gelegenheit, zur Rettung unsres Vaterlandes aus der Schmach und dem Elende (jenes ist noch dringender als dieses) [3] nach meinen geringen Kräften thätig zu seyn: kaum wähnte ich sie ergriffen zu haben, so werden mir die Arme schon gelähmt. Kommt ein Friede zu Stande, wie er sich bey diesen trübseligen Aussichten vermuthen läßt, so bleibt mir nichts übrig als auf unbestimmte Zeit Deutschland Lebewohl zu sagen, und die Lebensart eines europäischen Vagabunden wieder zu ergreifen. Mein Weg geht alsdann nach England, doch hoffe ich zuvor einen Besuch in Berlin machen zu können, um mich zu guterletzt bey Ihnen und andren Freunden an deutschem Geiste zu erlaben. Ich bin unglücklich in meinen Leidenschaften, so auch in der für Deutschland: es hat niemals nach mir gefragt, mir wenigstens keine äußeren Zeichen und Beweise davon gegeben. Schade ist es um einige erzdeutsche Plane zu Werken, die ich nach einem herstellenden Frieden zu vollführen gedachte. Jenseit des Meeres werde ich dazu wie ein Fisch außer dem Wasser seyn. Meine Sammlung von altdeutschen Büchern liegt noch am Genfer See, und verursacht mir nicht weniger Heimweh als die schönen Ufer.
Sie sind glücklicher daran wie ich, mein vortrefflicher Freund; Sie haben wenigstens ein [4] Stück von einem Vaterlande, eine sichere Heimath an die Sie durch Familienbande geknüpft sind. Auf jeden Fall hat Preußen durch den wiedererworbenen Ruhm wiederum feste Haltung gewonnen. Den Deutschen überhaupt ist es noch gar nicht einmal so gut geworden sich zeigen zu können, und ich muß wie Hamlet mit der schmerzlichen Klage endigen, daß wir einen so entstellten Namen auf die Nachwelt bringen sollen. Man wird uns wieder falsch beurtheilen. Ist es ein Wunder, daß dieses Volk gebückt geht, auf dessen Schultern man nun seit anderthalb hundert Jahren das europäische Gleichgewicht ausgewogen hat? Wäre es uns nur so gut geworden wie dem Mantel Christi, den man unter die Kriegsknechte verlooste, weil man ihn nicht zerschneiden wollte. In dem alten Reichsmantel waren aber so viele Nähte, daß man ihn in beliebige Fetzen zertrennen konnte. Wir werden nie frey, nie Ein Volk seyn, bis wir wieder anfangen Eroberer zu werden. Nur so können wir uns den ausländischen Einfluß vom Leibe halten. Dies klingt jetzt abentheuerlich; aber lassen Sie uns nur erst beysammen seyn, und wir wollen es den übrigen Europäern schon eintränken. Was Rheingränze? Die Gauen an beiden Ufern gehören zur deutschen Zunge. [5] Die avulsa imperii müssen wieder herbey. Auch die niederländischen und oberländischen Eidgenossenschaften sind von Rechtswegen deutsche Schutzverwandte.
Ich habe mancherley Plane zu einer zukünftigen deutschen Verfassung entworfen, aber mit Arndts wahrem Deutschenthume (so nenne ich den zweyten Theil seines Geistes der Zeit) stimmen sie mit Nichten überein. Die Trennung von Nord- und Süddeutschland ist mir ein Gräuel.
Ich wollte Ihnen nicht von meinen politischen Träumereyen schreiben, und dennoch ist es geschehen: wessen das Herz voll ist, davon fließt der Mund über. Friedrich steht auch nicht an einer ihm angemessenen Stelle, und verzehrt sich in gezwungener Unthätigkeit. Was soll ich Ihnen sagen? Sie haben Mosen und die Propheten gehabt. – – Leben Sie tausendmal wohl.
[Neutranskription:]
Schreiben Sie mir für jetzt nur nach Stralsund, sonst in das Hauptquartier des Kronprinzen.
Kotzebue, den ich in seiner Eigenschaft als Pagliazzo der germanischen Freyheit gern zuerkenne, hat mich beargwohnt, ich habe ihn durch falsche Auslegung eines Artikels in seinem Volksblatte über den Kr. Pr. von Schweden schaden [6] wollen. Sie werden mir leicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich das Volksblatt gar nicht zu lesen pflege, und die ganze Geschichte erst vom Grafen Kalkreuth erfuhr.
[1] [Edierter Text von Ludwig Jonas und Wilhelm Dilthey:]
Greifswalde, den 8. Juli 1813.
Schon weit früher würde ich Ihnen, mein theuerster Freund, für Ihre zuvorkommende Begrüßung auf deutschem Boden herzlich gedankt haben, wenn ich mich im Stande gesehen hätte, zugleich Ihren Wunsch zu erfüllen, und Ihnen Beyträge für den Preußischen Correspondenten zu liefern. Indessen wie sollte dies möglich seyn? Wenn nichts geschieht, so hat man eigentlich auch nichts zu sagen. Doch muß man dahin arbeiten, daß während dieses trügerischen Stillstandes die öffentliche Meynung, welche so kräftig angeregt war und sich im Ganzen so vortrefflich gezeigt hat, nicht wieder einschlummere, und zu diesem Zwecke scheint der Correspondent ganz besonders geeignet zu seyn. Ich dachte Ihnen heute eine Flugschrift über die dänischen Zwistigkeiten senden zu können, woraus Sie Ihrer Zeitschrift vielleicht Auszüge würden einrücken wollen, allein die Langsamkeit des Druckers macht es mir unmöglich. Sie erhalten diese Schrift unfehlbar mit nächster Post. Dann werde ich auch eine Uebersetzung ins Französische an Reimer mitschicken, mit der Bitte sie baldigst zum Druck zu befördern. Ich bitte Sie unterdessen, mich hiebey nicht zu nennen.
[2] Ich lege Ihnen eine Stimme aus dem Grabe bey, einen Aufruf an Deutschland aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges, der sich auf die unsrigen zu beziehen scheint. Daß wir eben so gesinnt gewesen, wollen wir wenigstens für die Nachwelt beurkunden.
Ueber die Angelegenheiten des Vaterlandes möchte ich mich gern mit Ihnen aus dem Grunde besprechen. Der Gegenstand ist zu groß für einen Brief. Die schiefe Wendung, welche alles genommen, und wodurch so große und begründete Hoffnungen, wie es scheint, wieder vereitelt werden sollen, hat mich zu solcher Verzweiflung gebracht, daß ich nun schon wieder anfange, über das Unheil zu scherzen. Die Entwickelung naht heran: wenn der Waffenstillstand nur verlängert wird, so gebe ich schon alles verlohren. Wir werden bald sehen, ob die gegenwärtige Zusammenkunft einen neuen Geist in die Koalition bringt. Der Kronprinz von Schweden wird gewiß von seiner Seite hiezu nichts versäumen; ich erwarte seine Rückkehr mit Ungeduld.
Seit Jahren wartete ich auf die Gelegenheit, zur Rettung unsres Vaterlandes aus der Schmach und dem Elende (jenes ist noch dringender als dieses) [3] nach meinen geringen Kräften thätig zu seyn: kaum wähnte ich sie ergriffen zu haben, so werden mir die Arme schon gelähmt. Kommt ein Friede zu Stande, wie er sich bey diesen trübseligen Aussichten vermuthen läßt, so bleibt mir nichts übrig als auf unbestimmte Zeit Deutschland Lebewohl zu sagen, und die Lebensart eines europäischen Vagabunden wieder zu ergreifen. Mein Weg geht alsdann nach England, doch hoffe ich zuvor einen Besuch in Berlin machen zu können, um mich zu guterletzt bey Ihnen und andren Freunden an deutschem Geiste zu erlaben. Ich bin unglücklich in meinen Leidenschaften, so auch in der für Deutschland: es hat niemals nach mir gefragt, mir wenigstens keine äußeren Zeichen und Beweise davon gegeben. Schade ist es um einige erzdeutsche Plane zu Werken, die ich nach einem herstellenden Frieden zu vollführen gedachte. Jenseit des Meeres werde ich dazu wie ein Fisch außer dem Wasser seyn. Meine Sammlung von altdeutschen Büchern liegt noch am Genfer See, und verursacht mir nicht weniger Heimweh als die schönen Ufer.
Sie sind glücklicher daran wie ich, mein vortrefflicher Freund; Sie haben wenigstens ein [4] Stück von einem Vaterlande, eine sichere Heimath an die Sie durch Familienbande geknüpft sind. Auf jeden Fall hat Preußen durch den wiedererworbenen Ruhm wiederum feste Haltung gewonnen. Den Deutschen überhaupt ist es noch gar nicht einmal so gut geworden sich zeigen zu können, und ich muß wie Hamlet mit der schmerzlichen Klage endigen, daß wir einen so entstellten Namen auf die Nachwelt bringen sollen. Man wird uns wieder falsch beurtheilen. Ist es ein Wunder, daß dieses Volk gebückt geht, auf dessen Schultern man nun seit anderthalb hundert Jahren das europäische Gleichgewicht ausgewogen hat? Wäre es uns nur so gut geworden wie dem Mantel Christi, den man unter die Kriegsknechte verlooste, weil man ihn nicht zerschneiden wollte. In dem alten Reichsmantel waren aber so viele Nähte, daß man ihn in beliebige Fetzen zertrennen konnte. Wir werden nie frey, nie Ein Volk seyn, bis wir wieder anfangen Eroberer zu werden. Nur so können wir uns den ausländischen Einfluß vom Leibe halten. Dies klingt jetzt abentheuerlich; aber lassen Sie uns nur erst beysammen seyn, und wir wollen es den übrigen Europäern schon eintränken. Was Rheingränze? Die Gauen an beiden Ufern gehören zur deutschen Zunge. [5] Die avulsa imperii müssen wieder herbey. Auch die niederländischen und oberländischen Eidgenossenschaften sind von Rechtswegen deutsche Schutzverwandte.
Ich habe mancherley Plane zu einer zukünftigen deutschen Verfassung entworfen, aber mit Arndts wahrem Deutschenthume (so nenne ich den zweyten Theil seines Geistes der Zeit) stimmen sie mit Nichten überein. Die Trennung von Nord- und Süddeutschland ist mir ein Gräuel.
Ich wollte Ihnen nicht von meinen politischen Träumereyen schreiben, und dennoch ist es geschehen: wessen das Herz voll ist, davon fließt der Mund über. Friedrich steht auch nicht an einer ihm angemessenen Stelle, und verzehrt sich in gezwungener Unthätigkeit. Was soll ich Ihnen sagen? Sie haben Mosen und die Propheten gehabt. – – Leben Sie tausendmal wohl.
[Neutranskription:]
Schreiben Sie mir für jetzt nur nach Stralsund, sonst in das Hauptquartier des Kronprinzen.
Kotzebue, den ich in seiner Eigenschaft als Pagliazzo der germanischen Freyheit gern zuerkenne, hat mich beargwohnt, ich habe ihn durch falsche Auslegung eines Artikels in seinem Volksblatte über den Kr. Pr. von Schweden schaden [6] wollen. Sie werden mir leicht glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich das Volksblatt gar nicht zu lesen pflege, und die ganze Geschichte erst vom Grafen Kalkreuth erfuhr.
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