• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Leipzig · Place of Destination: Amsterdam · Date: 04.10.1791
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Leipzig
  • Place of Destination: Amsterdam
  • Date: 04.10.1791
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 23. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Bis zur Begründung der romantischen Schule (15. September 1788 ‒ 15. Juli 1797). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Ernst Behler u.a. Paderborn u.a. 1987, S. 23‒26.
  • Incipit: „[1] den 4ten October.
    Du wirst Dir schon müssen gefallen laßen, daß ich dir Bücher statt Briefen schicke. Es ist mir beynahe [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34186
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.a,Nr.4
  • Number of Pages: 8S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19,1 x 11,6 cm
    Language
  • German
[1] den 4ten October.
Du wirst Dir schon müssen gefallen laßen, daß ich dir Bücher statt Briefen schicke. Es ist mir beynahe zum Bedürfniß geworden mich Dir ganz mitzutheilen. Diesen Vorzug verdankst Du aber nicht der Gewohnheit, sondern der Ueberlegung. Denn itzt kenne ich keinen, der mich so ganz verstehen könnte – und was das wichtigste ist, ich darf auch hoffen Dir nicht unnützlich zu seyn; wenn auch durch nichts als daß ich bisweilen daran erinnere, daß es nur auf Dich ankömmt ein großer Mensch zu werden. – Ich sage Dir aber daß ich es so mit Dir halte wie Lavater mit Christus, der ihm grade zu erklärt, daß wenn er ein noch bessres Medium mit Gott findet, er den ersten Platz räumen muß. – So lange Deine ietzige Verbindung mit B. [Caroline Böhmer] dauert, rechne ich nicht so sehr auf Bezahlung als nachher. – Doch hoffe ich daß Deine Briefe nicht abnehmen werden, sondern immer wachsen an Länge und Gehalt. Du hättest in Dei[2]nem letzten Briefe wohl einmal wieder eine Nachricht von Deiner Correspondenz mit B. [Caroline Böhmer] geben können. Auch die Erzählung von Mastiaux bitte ich nicht zu vergeßen. – Sehr viel werth würde es mir auch seyn, wenn Du mich künftig zum Vertrauten Deiner Plane machtest, welches Du in Göttingen nicht immer gethan. Du weißt, daß Du auf meine Verschwiegenheit rechnen kannst. Ich kann ohne dieses nie Deine ganze Lage recht übersehen. – Doch Du weißt gewiß selbst am besten, welche Mittheilung mir die angenehmste ist.
Du fragst mich ob ich nicht Lust zur Schriftstellerey bekäme? – Allerdings habe ich sehr viel Plane dazu, und ich glaube ich werde die meisten ausführen; nicht sowohl aus Liebe zum Werke als aus einem Triebe, der mich von früh an schon beseßen, dem verzehrenden Triebe nach Thätigkeit, oder wie ich ihn noch lieber nennen möchte die Sehnsucht nach dem unendlichen. Es versteht sich daß Dir alles mitgetheilt wird auch unreife Plane. Das erste was ich ausführen werde ist eine Allegorie, und dann ein Gespräch über die Poesie. – Doch davon nicht eher als bis ich Dir etwas schicken kann. – Ueberhaupt mußt Du meine hiesige Lebensart gar nicht nach der in Göttingen beurtheilen. – Ich suche den Umgang, wenn nur einiges Intereße daraus zu preßen; und meine Art des Umganges ist der in Göttingen ohngefähr grade entgegengesetzt. – Seit ich hier in [3] Leipzig bin, habe ich nicht sehr anstrengende oder trockene Sachen getrieben; im Gegentheile bald dieser bald jener Laune im Lesen gefolgt, und meistens mich mit Dingen beschäftigt die dem Herzen frische Lebenswärme geben; so daß ich eigentlich sagen kann, mein Geist ist noch nie so kraftvoll und gesund gewesen als itzt; und Du würdest den vorigen Abschnitt dieses Briefes misdeuten, wenn Du glaubst daß dieß nicht damit bestehe. Denn nie habe ich noch so vieles unternommen, und mit so lebhaftem Intereße. –
Es sind noch einige Puncte in Deinem Briefe zur Beantwortung übrig. Ich bin itzt überzeugt daß um den Charakter einer Nation für die Poesie ganz zu nützen ein Drama nicht hinlänglich ist. Am besten könnte es <glaube ich> in einer solchen zusammenhängenden Reihe, wie die historischen Stücke des Shakesp.[eare] (aus der englischen Geschichte) ausmachen geschehen. – Darin aber hast Du mich nicht recht verstanden, daß Du glaubst ich hätte gesagt; dieß liege außer den Gränzen der Dichtkunst. – Ich glaube die Geschichte des Königs von Preußen wäre zu einer solchen Bearbeitung wohl geschickt. – Es freut mich daß Du so lebhaftes Intereße für den Charakter der Römer hast. Laß ja die Gedanken zu historischen Werken nicht fahren. Ich glaube sie würden Dir gut gelingen. Hast Du nie an eine Geschichte der Ritterpoesie [4] gedacht? oder der griechischen? In der Gesch[ichte] der Poesie würdest Du in Deiner Art gewiß so einzig werden, wie Winckelmann in der seinigen. Dieß hast Du gezeigt. Denn ich muß Dir sagen, daß Dein Dante bey jeder neuen Lectüre wieder <bey mir> gewinnt. – Der Göttinger Almanach ist bis itzt noch nicht zu haben; ich werde also erst das nächstemal mein Urtheil schreiben können. –
abgesandt den 8ten October.

[5] Ich soll fortfahren Dir von litterarischen Neuigkeiten Nachricht zu geben; ich thue es sehr gern, und will künftig ein eignes Blatt dazu bestimmen. Ich werde auf demselben Blatte auch mein Urtheil über alte Werke wovon ich weiß daß sie in Deinem Intereße liegen, anfügen; wenn Du sie nicht kennst, so hast Du eine Idee davon; und kennst Du sie, so werde ich dann nur den Eindruck angeben den sie auf mich gemacht haben.
Peregrinus Proteus von Wieland. – Die Geschichte eines abentheuerlichen Schwärmers, der 100 Jahr nach Chr.[isti] Geb.[urt] sich selbst vor dem Volke zu Olympia verbrannte, um wie Hercules zur reinen Eudämonie der Götter empor zu schweben. – Peregrin ist ein Mensch, der sein ganzes Leben in den Träumen schwebt, durch die Agathon zum enthusiastischen Jüngling und zum gefühlvollen Manne nur vorbereitet wird. – Dieser Character und die weiblichen der Mamilia und Theoklea (in deren Armen Peregrin die wahre Eudämonie zu finden hofft), welche alle drey einen ziemlich hohen Grad der Anschaulichkeit haben, geben dem Buche Intereße, wenn man das ganze auf einmal lieset; denn stückweise gefällt es nicht wegen der Weitschweifigkeit und des Mangels an schönem Detail. – Schlaue Gewandheit und gebildeter Geschmack für allen Genuß, ohne sehr tiefes Gefühl, und durch viele Erfahrung erlangte Weltkenntniß bezeichnen die Theoklea. – Mamilia [6] eine äußerst wollüstige Römerin, die ihr Laster mit römischer Keckheit übt. Diese Character machen einen vortreflichen Contrast mit dem Hauptcharacter. Wenn ich jedoch erwäge, was für ein Kunstwerk die Geschichte eines Schwärmers seyn könnte – so hat Wieland sehr wenig davon geleistet; ob gleich gar nicht von ihm zu erwarten, daß er in die Eigenthümlichkeit eines Dinges recht tief eindringen sollte. –
Neue Göttergespräche von Wieland. Gar kein Dialog, viel Geschwätz, einige witzige Einfälle und intereßante Character.
Alxingers Bliomberis; ein Rittergedicht in zwölf Gesängen. – Dieß ist eins von den Werken, von denen sich nicht viel reden läßt: man kann nur sagen was es nicht ist und nicht hat: weder Character noch Leidenschaft noch Handlung findet sich im ganzen. Das einzelne der Erzählung ist Wielandisch und vielleicht auch Tassoʼisch, nur die Laune des ersten ist nicht nachgeahmt – und wie mir däucht zum Schaden des Gedichtes: ein ernsthaftes Rittergedicht müßte ein mehr antikes gothisches Ansehn haben, um mir zu gefallen; es müßte sich dem Tone des Cheviat Chace und des Iwain nähern. – Non ragioniam di lor, ma guarda e passa.
Noch will ich Dich auf einen französischen Roman Camille aufmerksam machen, der schon seit einigen Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Du erinnerst Dich daß wir oft [7] davon redeten, daß noch so wenig das Genie in Romanen geschildert wäre. – Man kann Camillen diesen Titel nicht füglich versagen, nicht wegen der Art ihrer Liebe, aber wegen dessen was sie anwendet um ihren Zweck zu erreichen: dieser Zweck ist die Heirath mit einem Geliebten vom Stande, dessen Eltern <und Freunde> sie nicht wollen, weil sie von geringer Herkunft und schlechter Lebensart ist. Dieses Ziel erreichen oder untergehn ist ihre Losung: und um es zu erreichen, wird alles gebraucht, was ein weiblicher Kopf ersinnen kann. Diese Verbindung von Leidenschaft die sie ganz beherscht, mit der feinsten Intrigue, machte mir das Buch gleich intereßant; nachher fand ich ihren Character so anschaulich, so aus eigner Selbstbeobachtung ergriffen, daß ich vermuthete, es müßte ein Weib dieß Buch geschrieben haben; Privatnachrichten haben mir dieß bestätigt. Das einzelne mußt Du nicht mit Künstleraugen betrachten. –
Noch füge ich eine Bemerkung über den Dante an, die Dir aber vielleicht nicht neu seyn wird. Ich glaube entdeckt zu haben, warum der Zustand der großen Heiden – Sehnsucht ohne Hoffnung ist. Er will dadurch anzeigen, daß die Vernunft ohne den Glauben fruchtloß ist, und Tugend ohne die Gnade des Geistes ihr Ziel nicht erreicht vergebens wünschet. Ich bitte Dich die Stelle Purg. Canto III Terz. 12–14 nachzusehen, aus welcher es sehr deutlich erhellt.
Als ich vor einiger Zeit Gotters Gedichte laß, dachte ich darüber nach, warum er wohl so viel gelesen <und geliebt> wird. Denn daß dieß geschieht habe ich mir sagen lassen. [8] Ich glaube den Grund in der Mittelmäßigkeit seines Geistes zu finden. Alle Seelenkräfte haben bey ihm einen Grad der Ausbildung erlangt, ohne daß eine überwöge. – Er hat ganz die Meynungen, Grundsätze, den Maaßstab für Werth, dieselben Begierden, dieselbe Kraftlosigkeit und Eingeschränktheit, die das Erbtheil aller Menschen ist. Wie sollte er diesen nicht gefallen?
Den Matthison finde ich äusserst trivial und das ist alles was ich davon zu sagen weiß. –
Auszüge aus Büchern die Du in Amsterdam nicht haben kannst, werde ich sehr gerne für Dich machen. Dagegen aber erwarte ich auch die Gedichte, die Du mir schuldig geblieben bist.
[1] den 4ten October.
Du wirst Dir schon müssen gefallen laßen, daß ich dir Bücher statt Briefen schicke. Es ist mir beynahe zum Bedürfniß geworden mich Dir ganz mitzutheilen. Diesen Vorzug verdankst Du aber nicht der Gewohnheit, sondern der Ueberlegung. Denn itzt kenne ich keinen, der mich so ganz verstehen könnte – und was das wichtigste ist, ich darf auch hoffen Dir nicht unnützlich zu seyn; wenn auch durch nichts als daß ich bisweilen daran erinnere, daß es nur auf Dich ankömmt ein großer Mensch zu werden. – Ich sage Dir aber daß ich es so mit Dir halte wie Lavater mit Christus, der ihm grade zu erklärt, daß wenn er ein noch bessres Medium mit Gott findet, er den ersten Platz räumen muß. – So lange Deine ietzige Verbindung mit B. [Caroline Böhmer] dauert, rechne ich nicht so sehr auf Bezahlung als nachher. – Doch hoffe ich daß Deine Briefe nicht abnehmen werden, sondern immer wachsen an Länge und Gehalt. Du hättest in Dei[2]nem letzten Briefe wohl einmal wieder eine Nachricht von Deiner Correspondenz mit B. [Caroline Böhmer] geben können. Auch die Erzählung von Mastiaux bitte ich nicht zu vergeßen. – Sehr viel werth würde es mir auch seyn, wenn Du mich künftig zum Vertrauten Deiner Plane machtest, welches Du in Göttingen nicht immer gethan. Du weißt, daß Du auf meine Verschwiegenheit rechnen kannst. Ich kann ohne dieses nie Deine ganze Lage recht übersehen. – Doch Du weißt gewiß selbst am besten, welche Mittheilung mir die angenehmste ist.
Du fragst mich ob ich nicht Lust zur Schriftstellerey bekäme? – Allerdings habe ich sehr viel Plane dazu, und ich glaube ich werde die meisten ausführen; nicht sowohl aus Liebe zum Werke als aus einem Triebe, der mich von früh an schon beseßen, dem verzehrenden Triebe nach Thätigkeit, oder wie ich ihn noch lieber nennen möchte die Sehnsucht nach dem unendlichen. Es versteht sich daß Dir alles mitgetheilt wird auch unreife Plane. Das erste was ich ausführen werde ist eine Allegorie, und dann ein Gespräch über die Poesie. – Doch davon nicht eher als bis ich Dir etwas schicken kann. – Ueberhaupt mußt Du meine hiesige Lebensart gar nicht nach der in Göttingen beurtheilen. – Ich suche den Umgang, wenn nur einiges Intereße daraus zu preßen; und meine Art des Umganges ist der in Göttingen ohngefähr grade entgegengesetzt. – Seit ich hier in [3] Leipzig bin, habe ich nicht sehr anstrengende oder trockene Sachen getrieben; im Gegentheile bald dieser bald jener Laune im Lesen gefolgt, und meistens mich mit Dingen beschäftigt die dem Herzen frische Lebenswärme geben; so daß ich eigentlich sagen kann, mein Geist ist noch nie so kraftvoll und gesund gewesen als itzt; und Du würdest den vorigen Abschnitt dieses Briefes misdeuten, wenn Du glaubst daß dieß nicht damit bestehe. Denn nie habe ich noch so vieles unternommen, und mit so lebhaftem Intereße. –
Es sind noch einige Puncte in Deinem Briefe zur Beantwortung übrig. Ich bin itzt überzeugt daß um den Charakter einer Nation für die Poesie ganz zu nützen ein Drama nicht hinlänglich ist. Am besten könnte es <glaube ich> in einer solchen zusammenhängenden Reihe, wie die historischen Stücke des Shakesp.[eare] (aus der englischen Geschichte) ausmachen geschehen. – Darin aber hast Du mich nicht recht verstanden, daß Du glaubst ich hätte gesagt; dieß liege außer den Gränzen der Dichtkunst. – Ich glaube die Geschichte des Königs von Preußen wäre zu einer solchen Bearbeitung wohl geschickt. – Es freut mich daß Du so lebhaftes Intereße für den Charakter der Römer hast. Laß ja die Gedanken zu historischen Werken nicht fahren. Ich glaube sie würden Dir gut gelingen. Hast Du nie an eine Geschichte der Ritterpoesie [4] gedacht? oder der griechischen? In der Gesch[ichte] der Poesie würdest Du in Deiner Art gewiß so einzig werden, wie Winckelmann in der seinigen. Dieß hast Du gezeigt. Denn ich muß Dir sagen, daß Dein Dante bey jeder neuen Lectüre wieder <bey mir> gewinnt. – Der Göttinger Almanach ist bis itzt noch nicht zu haben; ich werde also erst das nächstemal mein Urtheil schreiben können. –
abgesandt den 8ten October.

[5] Ich soll fortfahren Dir von litterarischen Neuigkeiten Nachricht zu geben; ich thue es sehr gern, und will künftig ein eignes Blatt dazu bestimmen. Ich werde auf demselben Blatte auch mein Urtheil über alte Werke wovon ich weiß daß sie in Deinem Intereße liegen, anfügen; wenn Du sie nicht kennst, so hast Du eine Idee davon; und kennst Du sie, so werde ich dann nur den Eindruck angeben den sie auf mich gemacht haben.
Peregrinus Proteus von Wieland. – Die Geschichte eines abentheuerlichen Schwärmers, der 100 Jahr nach Chr.[isti] Geb.[urt] sich selbst vor dem Volke zu Olympia verbrannte, um wie Hercules zur reinen Eudämonie der Götter empor zu schweben. – Peregrin ist ein Mensch, der sein ganzes Leben in den Träumen schwebt, durch die Agathon zum enthusiastischen Jüngling und zum gefühlvollen Manne nur vorbereitet wird. – Dieser Character und die weiblichen der Mamilia und Theoklea (in deren Armen Peregrin die wahre Eudämonie zu finden hofft), welche alle drey einen ziemlich hohen Grad der Anschaulichkeit haben, geben dem Buche Intereße, wenn man das ganze auf einmal lieset; denn stückweise gefällt es nicht wegen der Weitschweifigkeit und des Mangels an schönem Detail. – Schlaue Gewandheit und gebildeter Geschmack für allen Genuß, ohne sehr tiefes Gefühl, und durch viele Erfahrung erlangte Weltkenntniß bezeichnen die Theoklea. – Mamilia [6] eine äußerst wollüstige Römerin, die ihr Laster mit römischer Keckheit übt. Diese Character machen einen vortreflichen Contrast mit dem Hauptcharacter. Wenn ich jedoch erwäge, was für ein Kunstwerk die Geschichte eines Schwärmers seyn könnte – so hat Wieland sehr wenig davon geleistet; ob gleich gar nicht von ihm zu erwarten, daß er in die Eigenthümlichkeit eines Dinges recht tief eindringen sollte. –
Neue Göttergespräche von Wieland. Gar kein Dialog, viel Geschwätz, einige witzige Einfälle und intereßante Character.
Alxingers Bliomberis; ein Rittergedicht in zwölf Gesängen. – Dieß ist eins von den Werken, von denen sich nicht viel reden läßt: man kann nur sagen was es nicht ist und nicht hat: weder Character noch Leidenschaft noch Handlung findet sich im ganzen. Das einzelne der Erzählung ist Wielandisch und vielleicht auch Tassoʼisch, nur die Laune des ersten ist nicht nachgeahmt – und wie mir däucht zum Schaden des Gedichtes: ein ernsthaftes Rittergedicht müßte ein mehr antikes gothisches Ansehn haben, um mir zu gefallen; es müßte sich dem Tone des Cheviat Chace und des Iwain nähern. – Non ragioniam di lor, ma guarda e passa.
Noch will ich Dich auf einen französischen Roman Camille aufmerksam machen, der schon seit einigen Jahren das Licht der Welt erblickt hat. Du erinnerst Dich daß wir oft [7] davon redeten, daß noch so wenig das Genie in Romanen geschildert wäre. – Man kann Camillen diesen Titel nicht füglich versagen, nicht wegen der Art ihrer Liebe, aber wegen dessen was sie anwendet um ihren Zweck zu erreichen: dieser Zweck ist die Heirath mit einem Geliebten vom Stande, dessen Eltern <und Freunde> sie nicht wollen, weil sie von geringer Herkunft und schlechter Lebensart ist. Dieses Ziel erreichen oder untergehn ist ihre Losung: und um es zu erreichen, wird alles gebraucht, was ein weiblicher Kopf ersinnen kann. Diese Verbindung von Leidenschaft die sie ganz beherscht, mit der feinsten Intrigue, machte mir das Buch gleich intereßant; nachher fand ich ihren Character so anschaulich, so aus eigner Selbstbeobachtung ergriffen, daß ich vermuthete, es müßte ein Weib dieß Buch geschrieben haben; Privatnachrichten haben mir dieß bestätigt. Das einzelne mußt Du nicht mit Künstleraugen betrachten. –
Noch füge ich eine Bemerkung über den Dante an, die Dir aber vielleicht nicht neu seyn wird. Ich glaube entdeckt zu haben, warum der Zustand der großen Heiden – Sehnsucht ohne Hoffnung ist. Er will dadurch anzeigen, daß die Vernunft ohne den Glauben fruchtloß ist, und Tugend ohne die Gnade des Geistes ihr Ziel nicht erreicht vergebens wünschet. Ich bitte Dich die Stelle Purg. Canto III Terz. 12–14 nachzusehen, aus welcher es sehr deutlich erhellt.
Als ich vor einiger Zeit Gotters Gedichte laß, dachte ich darüber nach, warum er wohl so viel gelesen <und geliebt> wird. Denn daß dieß geschieht habe ich mir sagen lassen. [8] Ich glaube den Grund in der Mittelmäßigkeit seines Geistes zu finden. Alle Seelenkräfte haben bey ihm einen Grad der Ausbildung erlangt, ohne daß eine überwöge. – Er hat ganz die Meynungen, Grundsätze, den Maaßstab für Werth, dieselben Begierden, dieselbe Kraftlosigkeit und Eingeschränktheit, die das Erbtheil aller Menschen ist. Wie sollte er diesen nicht gefallen?
Den Matthison finde ich äusserst trivial und das ist alles was ich davon zu sagen weiß. –
Auszüge aus Büchern die Du in Amsterdam nicht haben kannst, werde ich sehr gerne für Dich machen. Dagegen aber erwarte ich auch die Gedichte, die Du mir schuldig geblieben bist.
×
×