• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Leipzig · Place of Destination: Unknown · Date: [November 1792]
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Leipzig
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: [November 1792]
  • Notations: Datum erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 23. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Bis zur Begründung der romantischen Schule (15. September 1788 ‒ 15. Juli 1797). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Ernst Behler u.a. Paderborn u.a. 1987, S. 68‒69.
  • Incipit: „Dein Brief war ein heller Strahl in die Finsterniß und auch Dein Geld kam zur rechten Zeit. Von beiden brauche ich [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34186
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.a,Nr.16
  • Number of Pages: 5S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 18,7 x 11,7 cm
    Language
  • German
Dein Brief war ein heller Strahl in die Finsterniß und auch Dein Geld kam zur rechten Zeit. Von beiden brauche ich mehr. Ich muß Dich noch um 15 Ducaten bitten: das heißt wenn es Dir möglich ist mich zu retten. Und dann bitte ich Dich recht sehr, schreibe mir itzt oft und viel; ich bedarf itzt fremder Kraft so sehr, und hier bin ich in dieser Rücksicht allein. Du bist der einzige Mensch, der mir Kraft geben kann. Dieß kannst Du nicht nur, indem Du über mich schreibst; denn ich werde doch wohl nicht so weitläuftig und so fein seyn können, daß es Dir möglich ist den rechten Punct zu treffen. Theile auch Du Dein Leben mit mir; ich bitte dieß itzt, da Du glücklich bist, aber ich will auch darum bitten, wenn Du Unglück zu theilen hast. Das Ende Deiner Erzählung bist Du mir lange schuldig. Mitgetheilte Briefe von ihr könnten sie wohl am treusten darstellen. Wenigstens waren es nur B.ʼs [Caroline Böhmers] Briefe, die sie mich einigermaßen kennen lehrten. Das ist wohl nach alter Weise, daß ich einmal wieder einen halben Brief von ihr zu lesen bekommen. Alles, was von ihr kommt, ist mir merkwürdig. Ihr lebendiges Bild von Göthe kömmt mit meinen Vermuthungen und Körners und andrer Erzählungen überein. Meine Liebe zu ihm ist nicht mehr dieselbe. Der Inbegriff seiner Werke ist der Abdruck einer eigennützigen kaltgewordenen Seele. Der Werther, Götz, Faust, Iphigenie und einige lyrische Stücke sind der Anfang eines großen Mannes – es ist aber bald ein Höfling draus geworden. Aber auch in diesen ist die Wahrheit zu sehr Absicht, peinlich gelernte Wissenschaft, nicht angebohrnes Wesen. Ich meyne die Einsicht in den Geist der Welt, woran selbst Klopstock ihn übertrifft. Und dann die Männlichkeit und der reife Verstand desselben, die jugendliche Kraft durch Erfahrung geübt, und durch Gedanken beherscht. Es schlummert viel Stoff in mir, ich weiß aber nicht ob Stoff zu einer Aesthetik oder zu einem Kunstwerk. Es ist aber noch nicht Zeit. Theile Dein Künstlerleben mit mir. Es war ja in Gött[ingen] beiden so nützlich, und in A[msterdam] hast Du es nicht mehr gethan. Die bösen Weiber haben Dich mir gestohlen. Es knüpft sich auch für mich noch ein Genuß der Erinnerung daran – denn gemeinschaftlicher Kunstgenuß ist ja unser ältestes Band.
Ich habe einmal wieder unter so vielen Bekanntschaften das Glück gehabt einen jungen Mann zu lieben. Du weißt nun schon daß die Bekanntschaft schnell gewesen seyn wird. Ein Graf Schweinitz aus Halle. Da habe ich denn einige Tage unter einer Gesellschaft Debauchés und Haudegen gelebt, geduldig ihre Vertraulichkeiten von Trippern und Bordell, Farao und Mädchen angehört. Doch einer unter ihnen war ein feineres Wesen. Er kannte seine Gesellschaft. Ich sagte ihm flüchtig; ‚Deine Freunde da gefallen mir gar nichtʻ. Er lächelte (er hat ein sehr feines Lächeln) und sagte kurz; ‚Findest Du das auch?ʻ wie er überall wenig spricht. Er nannte dann den einen, den auch ich vorzog. Ich habe mit allen meinen Spaß gehabt. Ein lustiges Volk! So viel Geld und so wenig Gehirn! Ich habe viel Nachrichten von ihm bekommen, denn es waren seine Kameraden von früher Jugend auf und ein offenherziges Volk! Er gefällt mir über alles. Es ist noch so früh, doch will ich versuchen einige Gedanken zu entwickeln. Denke Dir erstlich einen schönen Mann in der Blüthe der Jugend, <künftigen Erben einer halben Million,> im Gesichte feinen Geist, Stolz, aber auch Spuren der Wollust, der er ietzt ganz ergeben. Er war nur der Bordelle wegen hier, ich hörte hernach, daß er eine Krankheit hier bekommen, und doch so viel Empfänglichkeit für jede leiseste Anforderung von mir; so feine Erwiedrung, als ich sie <äusserst> selten gefunden. Er ist mehr fröhlich, aber dabey doch feine Menschlichkeit und Männlichkeit, auch ernstes Intereße. Er sprach mit Wärme von Deinen Gedichten; er macht selbst welche, über die er höchst bescheiden sich ausdrückte. Aufbrausend, großmüthig und bescheiden. – Er fand auch unter hiesigen Studenten schnell die guten heraus. – Aber bald mehr davon. Wir werden uns oft sehen und uns schreiben. – Ich überlasse mich so gern dem Enthusiasmus so ganz, daß ich alle Besonnenheit abwerfe und jede Furcht vor <Selbst>Täuschung vergesse. Ich bin nun schon so oft bitter gekränkt, sollte es wieder seyn?
Mein Geist ist noch nicht ermordet. Du siehst dieß zum Theil aus dem ersten Blatte. Fürʼs erste wird Dich mein voriger Brief schon beruhigt haben. Ich schäme mich itzt fast, daß der Gedanke, der Spott eines verächtlichen Weibes zu seyn, mich zuerst so ganz feig machte. Das übrige nächstens. – Ueber die Möglichkeit mir eine Hofmeisterstelle in Amsterdam zu schaffen recht umständlich. Dieß ist die einzige Beschäftigung, unter allen mir möglichen, die ich gern übernähme. Sie ist mir nothwendig, weil ich nur da so viel erwerben kann, als ich nöthig brauche. Meine Gesundheit erfordert viel – ich fechte und ich werde auch reiten müssen. Ich werde ohne Reue immer so viel brauchen als ich bedarf um zu seyn, was ich will und muß. Fehlt mir das, und ich that vorher alles, so kann ich ruhig weggehen.
Fr. Schl.
Dein Brief war ein heller Strahl in die Finsterniß und auch Dein Geld kam zur rechten Zeit. Von beiden brauche ich mehr. Ich muß Dich noch um 15 Ducaten bitten: das heißt wenn es Dir möglich ist mich zu retten. Und dann bitte ich Dich recht sehr, schreibe mir itzt oft und viel; ich bedarf itzt fremder Kraft so sehr, und hier bin ich in dieser Rücksicht allein. Du bist der einzige Mensch, der mir Kraft geben kann. Dieß kannst Du nicht nur, indem Du über mich schreibst; denn ich werde doch wohl nicht so weitläuftig und so fein seyn können, daß es Dir möglich ist den rechten Punct zu treffen. Theile auch Du Dein Leben mit mir; ich bitte dieß itzt, da Du glücklich bist, aber ich will auch darum bitten, wenn Du Unglück zu theilen hast. Das Ende Deiner Erzählung bist Du mir lange schuldig. Mitgetheilte Briefe von ihr könnten sie wohl am treusten darstellen. Wenigstens waren es nur B.ʼs [Caroline Böhmers] Briefe, die sie mich einigermaßen kennen lehrten. Das ist wohl nach alter Weise, daß ich einmal wieder einen halben Brief von ihr zu lesen bekommen. Alles, was von ihr kommt, ist mir merkwürdig. Ihr lebendiges Bild von Göthe kömmt mit meinen Vermuthungen und Körners und andrer Erzählungen überein. Meine Liebe zu ihm ist nicht mehr dieselbe. Der Inbegriff seiner Werke ist der Abdruck einer eigennützigen kaltgewordenen Seele. Der Werther, Götz, Faust, Iphigenie und einige lyrische Stücke sind der Anfang eines großen Mannes – es ist aber bald ein Höfling draus geworden. Aber auch in diesen ist die Wahrheit zu sehr Absicht, peinlich gelernte Wissenschaft, nicht angebohrnes Wesen. Ich meyne die Einsicht in den Geist der Welt, woran selbst Klopstock ihn übertrifft. Und dann die Männlichkeit und der reife Verstand desselben, die jugendliche Kraft durch Erfahrung geübt, und durch Gedanken beherscht. Es schlummert viel Stoff in mir, ich weiß aber nicht ob Stoff zu einer Aesthetik oder zu einem Kunstwerk. Es ist aber noch nicht Zeit. Theile Dein Künstlerleben mit mir. Es war ja in Gött[ingen] beiden so nützlich, und in A[msterdam] hast Du es nicht mehr gethan. Die bösen Weiber haben Dich mir gestohlen. Es knüpft sich auch für mich noch ein Genuß der Erinnerung daran – denn gemeinschaftlicher Kunstgenuß ist ja unser ältestes Band.
Ich habe einmal wieder unter so vielen Bekanntschaften das Glück gehabt einen jungen Mann zu lieben. Du weißt nun schon daß die Bekanntschaft schnell gewesen seyn wird. Ein Graf Schweinitz aus Halle. Da habe ich denn einige Tage unter einer Gesellschaft Debauchés und Haudegen gelebt, geduldig ihre Vertraulichkeiten von Trippern und Bordell, Farao und Mädchen angehört. Doch einer unter ihnen war ein feineres Wesen. Er kannte seine Gesellschaft. Ich sagte ihm flüchtig; ‚Deine Freunde da gefallen mir gar nichtʻ. Er lächelte (er hat ein sehr feines Lächeln) und sagte kurz; ‚Findest Du das auch?ʻ wie er überall wenig spricht. Er nannte dann den einen, den auch ich vorzog. Ich habe mit allen meinen Spaß gehabt. Ein lustiges Volk! So viel Geld und so wenig Gehirn! Ich habe viel Nachrichten von ihm bekommen, denn es waren seine Kameraden von früher Jugend auf und ein offenherziges Volk! Er gefällt mir über alles. Es ist noch so früh, doch will ich versuchen einige Gedanken zu entwickeln. Denke Dir erstlich einen schönen Mann in der Blüthe der Jugend, <künftigen Erben einer halben Million,> im Gesichte feinen Geist, Stolz, aber auch Spuren der Wollust, der er ietzt ganz ergeben. Er war nur der Bordelle wegen hier, ich hörte hernach, daß er eine Krankheit hier bekommen, und doch so viel Empfänglichkeit für jede leiseste Anforderung von mir; so feine Erwiedrung, als ich sie <äusserst> selten gefunden. Er ist mehr fröhlich, aber dabey doch feine Menschlichkeit und Männlichkeit, auch ernstes Intereße. Er sprach mit Wärme von Deinen Gedichten; er macht selbst welche, über die er höchst bescheiden sich ausdrückte. Aufbrausend, großmüthig und bescheiden. – Er fand auch unter hiesigen Studenten schnell die guten heraus. – Aber bald mehr davon. Wir werden uns oft sehen und uns schreiben. – Ich überlasse mich so gern dem Enthusiasmus so ganz, daß ich alle Besonnenheit abwerfe und jede Furcht vor <Selbst>Täuschung vergesse. Ich bin nun schon so oft bitter gekränkt, sollte es wieder seyn?
Mein Geist ist noch nicht ermordet. Du siehst dieß zum Theil aus dem ersten Blatte. Fürʼs erste wird Dich mein voriger Brief schon beruhigt haben. Ich schäme mich itzt fast, daß der Gedanke, der Spott eines verächtlichen Weibes zu seyn, mich zuerst so ganz feig machte. Das übrige nächstens. – Ueber die Möglichkeit mir eine Hofmeisterstelle in Amsterdam zu schaffen recht umständlich. Dieß ist die einzige Beschäftigung, unter allen mir möglichen, die ich gern übernähme. Sie ist mir nothwendig, weil ich nur da so viel erwerben kann, als ich nöthig brauche. Meine Gesundheit erfordert viel – ich fechte und ich werde auch reiten müssen. Ich werde ohne Reue immer so viel brauchen als ich bedarf um zu seyn, was ich will und muß. Fehlt mir das, und ich that vorher alles, so kann ich ruhig weggehen.
Fr. Schl.
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