• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Wien · Place of Destination: Mailand · Date: 18.10.1815
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Wien
  • Place of Destination: Mailand
  • Date: 18.10.1815
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 29. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Vom Wiener Kongress zum Frankfurter Bundestag (10. September 1814 ‒ 31. Oktober 1818). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Jean-Jacques Anstett unter Mitarbeit von Ursula Behler. Paderborn 1980, S. 82‒84.
  • Incipit: „[1] Wien, den 18ten October 1815
    Geliebter Bruder,
    Ich danke Dir sehr für Deine schnelle Antwort und die Nachricht, daß Du nun schon [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34288
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.d,Nr.199
  • Number of Pages: 8S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19,4 x 12 cm
    Language
  • German
[1] Wien, den 18ten October 1815
Geliebter Bruder,
Ich danke Dir sehr für Deine schnelle Antwort und die Nachricht, daß Du nun schon in Italien bist. Ich kann Dir heute auch gleich eine mir sehr wichtige Nachricht mittheilen, an der Du gewiß lebhaften Antheil nehmen wirst. Ich habe vor einigen Tagen meine lang erwünschte Ernennung als erster Legations-Secretär mit dem Charakter als Legationsrath und 3000 Fl. Convent[ions]Geld Gehalt bey der Oesterreichischen Gesandtschaft am Deutschen Bundestage in Frankfurt erhalten. Der Minister ist der Freih[err] v[on] Albini; der Bundestag selbst ist bis zum 1ten December aufgeschoben, und ich erwarte erst noch den Befehl zur Abreise. Schreibe mir daher auf jeden Fall nur noch hieher nach Wien, da ohnehin die Briefe <aus Italien> nach Frankfurt keinen Umweg machen, wenn sie über Wien gehn. [2] Indem ich Dir, geliebter Bruder, diese Nachricht mittheile, muß ich Dir nochmals von ganzem Herzen brüderlich danken, nachdem ich nun endlich das lang ersehnte Ziel <in Oesterreich> erreicht habe, da es vorzüglich Deine Theilnahme und Mithülfe gewesen ist, die mir zuerst hieher verholfen und mich in die Möglichkeit gesetzt hat, diese neue Laufbahn einzuschlagen, worin ich nun zu einem so glücklichen Fortschritte gelangt bin. Ich bitte Dich, diese Nachricht auch der Fr[au] v[on] St[aël] mitzutheilen und ich hoffe, daß auch Sie sie gern hören wird, da sie sonst an meinem äußern Schicksale oft einen so freundschaftlichen Antheil genommen hat.
Was die litterarischen Dinge betrifft, so freue ich mich unendlich über Deine schönen und herrlichen Studien. Vergiß darüber nur nicht das Eine, was immer das Erste bleibt. Die 4 Evangelien sind, wie ich mich aus vielfältiger Erfahrung immer mehr überzeuge, mehr als alle Nibelungen, Etymologie und Poesie; so sehr <übrigens> ich mit Dir übereinstimme, daß es nichts beglückenderes [3] gibt, als sich diesen Deutschen Studien in edler Muße ungestört überlassen zu können. – Möchtest Du nur einmal zu mir in meinem neuen Daseyn an den Rhein kommen, so daß wir dort in loco diese Dinge daselbst gemeinschaftlich treiben könnten! Vor der Hand lege ich Dir eine Notiz bey von einer neuen, so eben in der Ambraßer Sammlung <hier> entdeckten Handschrift der Nibelungen. Obwohl sie der Zeit nach neuer zu seyn <scheint>, als alle andern bisher bekannten; so ist sie doch gewiß nicht unmerkwürdig. Von der Handschrift zu Rom weiß ich gar nichts, außer was Zeune in der Vorrede sagt; Glöckle, auf den er sich da beruft, ist ja noch in Rom und immer für ein paar Thaler oder Flaschen Wein zu haben; das kann Dir also keine Schwierigkeit machen.
Unsern Philipp wirst Du höchstwahrscheinlich noch in Florenz treffen; auch Koch, der treffliche [4] Landschaftsmahler ist so eben im Begriff nach Rom zurückzukehren. – Das Exemplar der Vorlesungen gebe ich einer liebenswürdigen Bekannten, der Fräulein Franziska Caspers mit, die auch in wenig Tagen mit der Fürstin Grassalkovich nach Italien <geht> und Euch hoffentlich wohl irgendwo treffen wird. Erhältst Du es nun in Italien und der Schweiz doppelt und überflüssig, so wirst Du das überflüssige Exemplar besonders in Rom leicht los werden und eine dankbare Seele damit erfreuen können. Daß Du dafür sorgst, daß es französich übersetzt werden soll, ist mir sehr lieb, noch besser und fruchtbringender vielleicht wäre es, wenn dieses so wie andre gute Bücher, inʼs Italiänische übersetzt würden. Versäume nicht, Dir Baaders kleine Abhandlung über das durch die Revoluzion herbey geführte Bedürfnis einer nähern Verbindung zwischen der Religion und Politik zu verschaffen. (Campe, Nürnberg 1815 <8°>). Es ist das beste, was in den letzten Jahren über die öffentlichen Angelegenheiten und den Weltgang geschrieben [5] worden. – Was Du mir über Well[ington] schriebst, thut mir leid; noch <weit> mehr aber, daß das mit dem Regenten versäumt worden. Ich betrachtete das erste nur als eine Stufe, die mir leicht schien, zu einer dauernden Anstellung in Hannover, die ich nun und immerfort für das beste und Edelste für Dich halte. Ich zweifle auch gar nicht, daß es gelingt, sobald Du selbst nur ernstlich willst. Von Frankfurt aus kann ich auch vielleicht dahin mit wirken.
Versäume ja nicht, dem Fürsten Metternich, falls Du ihn irgendwo treffen solltest, meine innige und große Dankbarkeit zu bezeigen. Er hat mich etwas lange warten lassen, aber mich endlich auch wirklich auf das schönste <schadlos gehalten> und zwar zugleich auf die edelste und liebenswürdigste Weise, was er für mich gethan, ins Werk gerichtet.
Von dem Pabst habe ich den ChristusOrden [6] erhalten, den ich aber zu tragen erst die Erlaubniß vom Kayser erhalten muß. Siehst Du den Kardinal Consalvi in Rom, so versäume nicht, ihm meine Dankbarkeit <dafür> und <überhaupt> hohe Verehrung zu bezeigen. Obwohl ich ihn in der letzten Zeit des Congresses wenig gesehen, so kann ich doch die Aufmerksamkeit, welche er mir in der ersten Zeit seines Hierseyns bezeigte, nie vergessen.
Ein Exempl.[ar] des Museums liegt für Dich bereit. Ich würde es gleichfalls an Dich nach Italien geben, entweder durch Franziska oder durch den jungen Olivier, der mit der Fürstin Metternich hingeht; da Du aber so gar ungewiß schreibst, ob Ihr nicht vielleicht gar nach dem vermaledeyten Genf und Paris zurückgeht, so warte ich noch auf Entscheidung. Meine Frau grüßt herzlich. Dein <Dich liebender> Bruder und Freund
Friedrich
[7]
N.[ach]Schr.[ift.] Ich werde nun unverzüglich um die Erneuerung unseres Familien-Adels einkommen, da mir dieß in meinen neuen Verhältnissen vortheilhaft seyn kann. – Schreib mir unverzüglich, ob ich die Bittschrift gemeinschaftlich auch für Dich mit ausstellen soll, und schicke mir in diesem Falle eine Vollmacht; oder ob Du Dich mit dem factisch wieder in Besitz genommenen Adel lieber begnügen willst. – Freylich werde ich desfalls erst noch an Moritz schreiben müssen, da ich höre, daß es unnachläßlich bey den hiesigen Behörden ist, in Adelssachen die Originalien selbst einzureichen. Dagegen wird wegen der ganzen Reihe der Taufscheine aus Sachsen falls einige daraus fehlen [8] sollten, leichter Dispensation zu erhalten seyn.
Fr S.
[1] Wien, den 18ten October 1815
Geliebter Bruder,
Ich danke Dir sehr für Deine schnelle Antwort und die Nachricht, daß Du nun schon in Italien bist. Ich kann Dir heute auch gleich eine mir sehr wichtige Nachricht mittheilen, an der Du gewiß lebhaften Antheil nehmen wirst. Ich habe vor einigen Tagen meine lang erwünschte Ernennung als erster Legations-Secretär mit dem Charakter als Legationsrath und 3000 Fl. Convent[ions]Geld Gehalt bey der Oesterreichischen Gesandtschaft am Deutschen Bundestage in Frankfurt erhalten. Der Minister ist der Freih[err] v[on] Albini; der Bundestag selbst ist bis zum 1ten December aufgeschoben, und ich erwarte erst noch den Befehl zur Abreise. Schreibe mir daher auf jeden Fall nur noch hieher nach Wien, da ohnehin die Briefe <aus Italien> nach Frankfurt keinen Umweg machen, wenn sie über Wien gehn. [2] Indem ich Dir, geliebter Bruder, diese Nachricht mittheile, muß ich Dir nochmals von ganzem Herzen brüderlich danken, nachdem ich nun endlich das lang ersehnte Ziel <in Oesterreich> erreicht habe, da es vorzüglich Deine Theilnahme und Mithülfe gewesen ist, die mir zuerst hieher verholfen und mich in die Möglichkeit gesetzt hat, diese neue Laufbahn einzuschlagen, worin ich nun zu einem so glücklichen Fortschritte gelangt bin. Ich bitte Dich, diese Nachricht auch der Fr[au] v[on] St[aël] mitzutheilen und ich hoffe, daß auch Sie sie gern hören wird, da sie sonst an meinem äußern Schicksale oft einen so freundschaftlichen Antheil genommen hat.
Was die litterarischen Dinge betrifft, so freue ich mich unendlich über Deine schönen und herrlichen Studien. Vergiß darüber nur nicht das Eine, was immer das Erste bleibt. Die 4 Evangelien sind, wie ich mich aus vielfältiger Erfahrung immer mehr überzeuge, mehr als alle Nibelungen, Etymologie und Poesie; so sehr <übrigens> ich mit Dir übereinstimme, daß es nichts beglückenderes [3] gibt, als sich diesen Deutschen Studien in edler Muße ungestört überlassen zu können. – Möchtest Du nur einmal zu mir in meinem neuen Daseyn an den Rhein kommen, so daß wir dort in loco diese Dinge daselbst gemeinschaftlich treiben könnten! Vor der Hand lege ich Dir eine Notiz bey von einer neuen, so eben in der Ambraßer Sammlung <hier> entdeckten Handschrift der Nibelungen. Obwohl sie der Zeit nach neuer zu seyn <scheint>, als alle andern bisher bekannten; so ist sie doch gewiß nicht unmerkwürdig. Von der Handschrift zu Rom weiß ich gar nichts, außer was Zeune in der Vorrede sagt; Glöckle, auf den er sich da beruft, ist ja noch in Rom und immer für ein paar Thaler oder Flaschen Wein zu haben; das kann Dir also keine Schwierigkeit machen.
Unsern Philipp wirst Du höchstwahrscheinlich noch in Florenz treffen; auch Koch, der treffliche [4] Landschaftsmahler ist so eben im Begriff nach Rom zurückzukehren. – Das Exemplar der Vorlesungen gebe ich einer liebenswürdigen Bekannten, der Fräulein Franziska Caspers mit, die auch in wenig Tagen mit der Fürstin Grassalkovich nach Italien <geht> und Euch hoffentlich wohl irgendwo treffen wird. Erhältst Du es nun in Italien und der Schweiz doppelt und überflüssig, so wirst Du das überflüssige Exemplar besonders in Rom leicht los werden und eine dankbare Seele damit erfreuen können. Daß Du dafür sorgst, daß es französich übersetzt werden soll, ist mir sehr lieb, noch besser und fruchtbringender vielleicht wäre es, wenn dieses so wie andre gute Bücher, inʼs Italiänische übersetzt würden. Versäume nicht, Dir Baaders kleine Abhandlung über das durch die Revoluzion herbey geführte Bedürfnis einer nähern Verbindung zwischen der Religion und Politik zu verschaffen. (Campe, Nürnberg 1815 <8°>). Es ist das beste, was in den letzten Jahren über die öffentlichen Angelegenheiten und den Weltgang geschrieben [5] worden. – Was Du mir über Well[ington] schriebst, thut mir leid; noch <weit> mehr aber, daß das mit dem Regenten versäumt worden. Ich betrachtete das erste nur als eine Stufe, die mir leicht schien, zu einer dauernden Anstellung in Hannover, die ich nun und immerfort für das beste und Edelste für Dich halte. Ich zweifle auch gar nicht, daß es gelingt, sobald Du selbst nur ernstlich willst. Von Frankfurt aus kann ich auch vielleicht dahin mit wirken.
Versäume ja nicht, dem Fürsten Metternich, falls Du ihn irgendwo treffen solltest, meine innige und große Dankbarkeit zu bezeigen. Er hat mich etwas lange warten lassen, aber mich endlich auch wirklich auf das schönste <schadlos gehalten> und zwar zugleich auf die edelste und liebenswürdigste Weise, was er für mich gethan, ins Werk gerichtet.
Von dem Pabst habe ich den ChristusOrden [6] erhalten, den ich aber zu tragen erst die Erlaubniß vom Kayser erhalten muß. Siehst Du den Kardinal Consalvi in Rom, so versäume nicht, ihm meine Dankbarkeit <dafür> und <überhaupt> hohe Verehrung zu bezeigen. Obwohl ich ihn in der letzten Zeit des Congresses wenig gesehen, so kann ich doch die Aufmerksamkeit, welche er mir in der ersten Zeit seines Hierseyns bezeigte, nie vergessen.
Ein Exempl.[ar] des Museums liegt für Dich bereit. Ich würde es gleichfalls an Dich nach Italien geben, entweder durch Franziska oder durch den jungen Olivier, der mit der Fürstin Metternich hingeht; da Du aber so gar ungewiß schreibst, ob Ihr nicht vielleicht gar nach dem vermaledeyten Genf und Paris zurückgeht, so warte ich noch auf Entscheidung. Meine Frau grüßt herzlich. Dein <Dich liebender> Bruder und Freund
Friedrich
[7]
N.[ach]Schr.[ift.] Ich werde nun unverzüglich um die Erneuerung unseres Familien-Adels einkommen, da mir dieß in meinen neuen Verhältnissen vortheilhaft seyn kann. – Schreib mir unverzüglich, ob ich die Bittschrift gemeinschaftlich auch für Dich mit ausstellen soll, und schicke mir in diesem Falle eine Vollmacht; oder ob Du Dich mit dem factisch wieder in Besitz genommenen Adel lieber begnügen willst. – Freylich werde ich desfalls erst noch an Moritz schreiben müssen, da ich höre, daß es unnachläßlich bey den hiesigen Behörden ist, in Adelssachen die Originalien selbst einzureichen. Dagegen wird wegen der ganzen Reihe der Taufscheine aus Sachsen falls einige daraus fehlen [8] sollten, leichter Dispensation zu erhalten seyn.
Fr S.
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