• Friedrich Schleiermacher to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Braunschweig · Date: 14.10.1800
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich Schleiermacher
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Braunschweig
  • Date: 14.10.1800
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Schleiermacher, Friedrich: Kritische Gesamtausgabe. Hg. v. Hans-Joachim Birkner u. Hermann Fischer. Berlin u.a. 1980ff. Abt. 5, Bd. 4. Briefwechsel 1800 (Briefe 850‒1004). Hg. v. Andreas Arndt u. Wolfgang Virmond. Berlin u.a. 1994, S. 289‒292.
  • Incipit: „[1] Berlin d 14t. Octob
    Ueberrascht hat mich allerdings die Nachricht von Schellings Procedur, und das um so mehr da er Fichte’n [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-34477
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.25,Nr.18
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs.
  • Format: 18,3 x 12,1 cm
    Language
  • German
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[1] Berlin d 14t. Octob
Ueberrascht hat mich allerdings die Nachricht von Schellings Procedur, und das um so mehr da er Fichte’n zuerst schrieb „er sei durch einen besondern Contrakt mit Cotta noch stärker gebunden als wir übrigen“. Ich konnte mir dies damals nicht recht erklären es sei dem aber wie ihm wolle, so dächte ich er müßte sich um so mehr vor Fichte selbst schämen; auch dieser ist von Unrecht und Duplicität nicht frei zu sprechen, und mir scheint es als ob an irgend eine künftige Vereinigung für dieses Unternehmen nach einem solchen Verfahren nicht mehr zu denken wäre. Conjecturen über die Natur der Fichteschen Eröfnungen wodurch dieser Rüktritt bewerkstelligt worden ist zu machen lohnt wohl eigentlich nicht der Mühe. Fichte’s Idee indeßen ist sehr klar: er will unser Bündniß sprengen, aber nur nach und nach, vorher den Ungerschen NothPlan ebenfalls beseitigen und dann ein neues Ganzes unter seinen Auspicien bilden. Vielleicht sind schon solche Vorstellungen hinreichend gewesen um Schelling zu überreden vielleicht auch – wenn Schelling für diesen Punkt sehr empfänglich ist, was ich nicht weiß – pekuniäre: denn Fichte hat mich häufig merken laßen daß Unger ein ungleich stärkeres Honorar geboten habe. Durch dieses Mittel kann vielleicht mit der Zeit auch Bernhardi abtrünnig gemacht werden, der mir mehr als einmal gesagt hat er würde da sein wo das meiste Geld gegeben würde. Was mich betrift, lieber Freund, so bin ich mit allem was ich leisten kann, ganz und gar der unsrige, und werde nie aufhören es zu sein. Nur mit dem Niederschreiben werde ich nicht eher anfangen bis Sie mir ein Paar Worte darüber sagen können ob Cotta bleibt, und also der erste Band baldmöglichst herauskommt. Ich bin noch mit allerlei eiligen Dingen beschäftigt und möchte also meine [2] nächste Zeit nicht gern theilen wenn es nicht nothwendig ist. Wollten Sie mir vielleicht auf den Fall, daß Cotta untreu wird Vollmacht geben eine andere Unterhandlung anzuknüpfen? Es ist hier ein junger Buchhändler Namens Reimer der etwas in bonis hat, ein sehr redlicher Mensch ist, und sich für die gute Seite der Litteratur interessirt. Er ist zwar ein Freund von Fichte, deßen sonnenklaren Bericht er auch verlegt; aber ich glaube nicht daß dies etwas schaden würde. Wenigstens kann man vorläufig auf seine Verschwiegenheit auch gegen diesen rechnen. Erlauben Sie mir in dem Falle quaestionis wenigstens eine Anfrage an ihn zu thun; zeigt er sich geneigt so könen Sie Sich dann gleich mit ihm in rapport sezen. Es scheint mir wichtig daß wir einen Verleger recht bald sicher haben und daß wir bald möglichst wirklich erscheinen.
An Friedrich schreibe ich wo möglich noch diesen Posttag, um mit ihm Verabredungen zu treffen; aber freilich wird nicht eben viel auf ihn zu rechnen sein. So ist es leider auch mit Tiek. Zeit zu halten ist die Sache dieser beiden Freunde eben nicht; darin ist nur auf Sie Bernhardi und mich zu rechnen. Gebe Gott daß unter den exoterischen auch einige zuverläßige sein mögen. Für die Anzeige suppliren Sie nur immer unsere Billigung sie kann gar nicht zeitig genug erscheinen
Kants Logik ist gewiß nur ein Collegienheft, und wird nicht sehr der Mühe werth sein, Fichte’s sonnenklarer Bericht erscheint erst im November und kommt also für den ersten Band vielleicht schon zu spät. Diesen wünsche ich unserm Friedrich zuzuschanzen der ja jezt mitten im transcendentalen Idealismus drin sizt. Dafür will ich den Schelling übernehmen, und wenn es Ihnen gelegen ist Fichte’s Buch von Handel und Gewerbe [3] welches Ihnen wahrscheinlich eben so unbekannt geblieben ist, als der sonnenklare Bericht; es erscheint ohnedies nach Allem was ich gehört habe noch eher als dieses. Ich glaube zu Beurtheilung desselben, auch was die empirischen Kenntniße betrift ziemlich ausgerüstet zu sein, und werde es recht ernsthaft nehmen und mich um Fichten auch einmal gefällig zu sein alles Wizes enthalten. Mit dem Jakobi möchte ich bis auf irgend ein neues Werk warten und dann etwas recht vollständiges über ihn geben; meinen Sie aber daß es Eil hat mit der Epistel allein, so geben Sie diese lieber Jemand anders. Am Ende werde ich also auch den Bardili wohl nehmen müßen, vielleicht seze ich ihn mit Kants Logik, wenn ich sie so finde wie ich denke in Verbindung. Nur mit dem Reinhold wünschte ich vor der Hand noch verschont zu bleiben; es wird wol kein Unglük sein wenn mit Reinhold und Jacobi jene uns vorangehn. Dagegen möchte ich Sie um Erlaubniß bitten zu einer Selbstanzeige meiner Monologen, die da sie voriges Jahr gar nicht in den Buchhandel gekommen sind wol in die Periode des Instituts fallen. Ich würde mich darin auf die Prämissen die dabei zum Grunde liegen etwas näher einlassen. lndeß bitte ich Sie recht sehr Sich mit dieser Erlaubniß ja nicht zu geniren wenn das kleine Büchlein Ihnen nicht der Mühe werth scheint oder Sie sonst irgend Gründe dagegen haben es wird dies weiter gar nichts auf sich haben.
Sonach hätte ich also den Bardili, den Bouterwek, die Clavis, die Calligone, den Schelling, den Fichte über Handel, den Lichtenberg, nunmehr zwei Theile[,] die Archimetrie. Dies Alles bis Neujahr zu fertigen, ist wol höchst schwierig. Indeß will ich mein möglichstes thun. Sagen Sie mir nur baldigst welches von alle diesem im Nothfall am leichtesten zurükbleiben kann denn dieses müßen Sie nach Ihrer Idee vom ersten Bande allein bestimmen.
[4] Mit der Construktion des dynamischen Prozesses wird sich Friedrich jezt wol nicht befaßen, Sie wißen, wie es zu gehen pflegt, wenn er sich schleunig in etwas Neues hineinwerfen soll, wie weit ihn das führt und wie wenig dann fertig wird. Wenn Schiller eine Selbstanzeige von dem Wallenstein übernähme, das sollte mich sehr freuen. Eben so wäre wol eine von Friedrich über die Lucinde, wenn erst der zweite Theil fertig ist etwas sehr wünschenswerthes; er könte dann gleich meine und Vermehrens Briefe (die ich noch nicht kenne) aus dem Standpunkt des Verfassers beurtheilen.
Schadow habe ich gar nicht vergeßen. Er hat die Sache übernommen, grüßt Sie sehr, und hat mir recht bald eine Zeichnung versprochen, um die ich ihn Morgen mahnen werde. Vorläufig hat er gegen 600 rth berechnet1 will aber der Zeichnung einen genaueren Anschlag beifügen. Trifft mein Brief Sie noch in Braunschweig, so können Sie mir gleich eine Gegengefälligkeit erzeigen, wenn sie Ihnen nicht zuviel Mühe macht. Ich wünschte nemlich eine kleine Nachricht von der gegenwärtigen Beschaffenheit des Carolineums zu haben. Die Frage ist ob ein junger Mensch etwa 14jährig von unserm hohen Adel der sich dem Civildienst widmen will dort mit Nuzen und Annehmlichkeit existiren, und auch einer guten Aufnahme in guten bürgerlichen Häusern genießen würde.
Ehe als heute habe ich nicht schreiben können weil ich am Sonnabend Ihren Brief zu spät erhielt. Daß Sie in diesem halben Jahr einen ShakespearTheil gefertigt haben, darüber bewundere ich Sie ganz aufs Neue. – Wie wird es mit Ihrer Teufelei stehen da Kotzebue nun in Rußland bleibt? Leben Sie recht wol. Nach Jena komme ich gewiß; aber vor NeuJahr schwerlich.

1 Hiebei ist von einer Urne die Rede; ein Sarkophag würde wahrscheinlich Ihren Preis noch übersteigen
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[1] Berlin d 14t. Octob
Ueberrascht hat mich allerdings die Nachricht von Schellings Procedur, und das um so mehr da er Fichte’n zuerst schrieb „er sei durch einen besondern Contrakt mit Cotta noch stärker gebunden als wir übrigen“. Ich konnte mir dies damals nicht recht erklären es sei dem aber wie ihm wolle, so dächte ich er müßte sich um so mehr vor Fichte selbst schämen; auch dieser ist von Unrecht und Duplicität nicht frei zu sprechen, und mir scheint es als ob an irgend eine künftige Vereinigung für dieses Unternehmen nach einem solchen Verfahren nicht mehr zu denken wäre. Conjecturen über die Natur der Fichteschen Eröfnungen wodurch dieser Rüktritt bewerkstelligt worden ist zu machen lohnt wohl eigentlich nicht der Mühe. Fichte’s Idee indeßen ist sehr klar: er will unser Bündniß sprengen, aber nur nach und nach, vorher den Ungerschen NothPlan ebenfalls beseitigen und dann ein neues Ganzes unter seinen Auspicien bilden. Vielleicht sind schon solche Vorstellungen hinreichend gewesen um Schelling zu überreden vielleicht auch – wenn Schelling für diesen Punkt sehr empfänglich ist, was ich nicht weiß – pekuniäre: denn Fichte hat mich häufig merken laßen daß Unger ein ungleich stärkeres Honorar geboten habe. Durch dieses Mittel kann vielleicht mit der Zeit auch Bernhardi abtrünnig gemacht werden, der mir mehr als einmal gesagt hat er würde da sein wo das meiste Geld gegeben würde. Was mich betrift, lieber Freund, so bin ich mit allem was ich leisten kann, ganz und gar der unsrige, und werde nie aufhören es zu sein. Nur mit dem Niederschreiben werde ich nicht eher anfangen bis Sie mir ein Paar Worte darüber sagen können ob Cotta bleibt, und also der erste Band baldmöglichst herauskommt. Ich bin noch mit allerlei eiligen Dingen beschäftigt und möchte also meine [2] nächste Zeit nicht gern theilen wenn es nicht nothwendig ist. Wollten Sie mir vielleicht auf den Fall, daß Cotta untreu wird Vollmacht geben eine andere Unterhandlung anzuknüpfen? Es ist hier ein junger Buchhändler Namens Reimer der etwas in bonis hat, ein sehr redlicher Mensch ist, und sich für die gute Seite der Litteratur interessirt. Er ist zwar ein Freund von Fichte, deßen sonnenklaren Bericht er auch verlegt; aber ich glaube nicht daß dies etwas schaden würde. Wenigstens kann man vorläufig auf seine Verschwiegenheit auch gegen diesen rechnen. Erlauben Sie mir in dem Falle quaestionis wenigstens eine Anfrage an ihn zu thun; zeigt er sich geneigt so könen Sie Sich dann gleich mit ihm in rapport sezen. Es scheint mir wichtig daß wir einen Verleger recht bald sicher haben und daß wir bald möglichst wirklich erscheinen.
An Friedrich schreibe ich wo möglich noch diesen Posttag, um mit ihm Verabredungen zu treffen; aber freilich wird nicht eben viel auf ihn zu rechnen sein. So ist es leider auch mit Tiek. Zeit zu halten ist die Sache dieser beiden Freunde eben nicht; darin ist nur auf Sie Bernhardi und mich zu rechnen. Gebe Gott daß unter den exoterischen auch einige zuverläßige sein mögen. Für die Anzeige suppliren Sie nur immer unsere Billigung sie kann gar nicht zeitig genug erscheinen
Kants Logik ist gewiß nur ein Collegienheft, und wird nicht sehr der Mühe werth sein, Fichte’s sonnenklarer Bericht erscheint erst im November und kommt also für den ersten Band vielleicht schon zu spät. Diesen wünsche ich unserm Friedrich zuzuschanzen der ja jezt mitten im transcendentalen Idealismus drin sizt. Dafür will ich den Schelling übernehmen, und wenn es Ihnen gelegen ist Fichte’s Buch von Handel und Gewerbe [3] welches Ihnen wahrscheinlich eben so unbekannt geblieben ist, als der sonnenklare Bericht; es erscheint ohnedies nach Allem was ich gehört habe noch eher als dieses. Ich glaube zu Beurtheilung desselben, auch was die empirischen Kenntniße betrift ziemlich ausgerüstet zu sein, und werde es recht ernsthaft nehmen und mich um Fichten auch einmal gefällig zu sein alles Wizes enthalten. Mit dem Jakobi möchte ich bis auf irgend ein neues Werk warten und dann etwas recht vollständiges über ihn geben; meinen Sie aber daß es Eil hat mit der Epistel allein, so geben Sie diese lieber Jemand anders. Am Ende werde ich also auch den Bardili wohl nehmen müßen, vielleicht seze ich ihn mit Kants Logik, wenn ich sie so finde wie ich denke in Verbindung. Nur mit dem Reinhold wünschte ich vor der Hand noch verschont zu bleiben; es wird wol kein Unglük sein wenn mit Reinhold und Jacobi jene uns vorangehn. Dagegen möchte ich Sie um Erlaubniß bitten zu einer Selbstanzeige meiner Monologen, die da sie voriges Jahr gar nicht in den Buchhandel gekommen sind wol in die Periode des Instituts fallen. Ich würde mich darin auf die Prämissen die dabei zum Grunde liegen etwas näher einlassen. lndeß bitte ich Sie recht sehr Sich mit dieser Erlaubniß ja nicht zu geniren wenn das kleine Büchlein Ihnen nicht der Mühe werth scheint oder Sie sonst irgend Gründe dagegen haben es wird dies weiter gar nichts auf sich haben.
Sonach hätte ich also den Bardili, den Bouterwek, die Clavis, die Calligone, den Schelling, den Fichte über Handel, den Lichtenberg, nunmehr zwei Theile[,] die Archimetrie. Dies Alles bis Neujahr zu fertigen, ist wol höchst schwierig. Indeß will ich mein möglichstes thun. Sagen Sie mir nur baldigst welches von alle diesem im Nothfall am leichtesten zurükbleiben kann denn dieses müßen Sie nach Ihrer Idee vom ersten Bande allein bestimmen.
[4] Mit der Construktion des dynamischen Prozesses wird sich Friedrich jezt wol nicht befaßen, Sie wißen, wie es zu gehen pflegt, wenn er sich schleunig in etwas Neues hineinwerfen soll, wie weit ihn das führt und wie wenig dann fertig wird. Wenn Schiller eine Selbstanzeige von dem Wallenstein übernähme, das sollte mich sehr freuen. Eben so wäre wol eine von Friedrich über die Lucinde, wenn erst der zweite Theil fertig ist etwas sehr wünschenswerthes; er könte dann gleich meine und Vermehrens Briefe (die ich noch nicht kenne) aus dem Standpunkt des Verfassers beurtheilen.
Schadow habe ich gar nicht vergeßen. Er hat die Sache übernommen, grüßt Sie sehr, und hat mir recht bald eine Zeichnung versprochen, um die ich ihn Morgen mahnen werde. Vorläufig hat er gegen 600 rth berechnet1 will aber der Zeichnung einen genaueren Anschlag beifügen. Trifft mein Brief Sie noch in Braunschweig, so können Sie mir gleich eine Gegengefälligkeit erzeigen, wenn sie Ihnen nicht zuviel Mühe macht. Ich wünschte nemlich eine kleine Nachricht von der gegenwärtigen Beschaffenheit des Carolineums zu haben. Die Frage ist ob ein junger Mensch etwa 14jährig von unserm hohen Adel der sich dem Civildienst widmen will dort mit Nuzen und Annehmlichkeit existiren, und auch einer guten Aufnahme in guten bürgerlichen Häusern genießen würde.
Ehe als heute habe ich nicht schreiben können weil ich am Sonnabend Ihren Brief zu spät erhielt. Daß Sie in diesem halben Jahr einen ShakespearTheil gefertigt haben, darüber bewundere ich Sie ganz aufs Neue. – Wie wird es mit Ihrer Teufelei stehen da Kotzebue nun in Rußland bleibt? Leben Sie recht wol. Nach Jena komme ich gewiß; aber vor NeuJahr schwerlich.

1 Hiebei ist von einer Urne die Rede; ein Sarkophag würde wahrscheinlich Ihren Preis noch übersteigen
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