• Friederike Helene Unger to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Coppet · Date: 24.05.1811
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friederike Helene Unger
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Coppet
  • Date: 24.05.1811
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335973167
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 2. Der Texte zweite Hälfte. 1809‒1844. Bern u.a. ²1969, S. 208‒209.
  • Incipit: „[1] Berlin d. 24. Mai 1811
    Mein theurer Freund!
    Der Meßkataloge hatte mir schon die Nachricht überbracht, daß Ihre Gedichte bereits einen gefunden [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: APP2712-Bd-9
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,IV,e,29
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19 x 11,4 cm
    Language
  • German
[1] Berlin d. 24. Mai 1811
Mein theurer Freund!
Der Meßkataloge hatte mir schon die Nachricht überbracht, daß Ihre Gedichte bereits einen gefunden hatten, der sie in die große Welt einführt. Ich verdenke es Ihnen nicht, mein Freund, das Gewisse fürs Ungewisse ergriffen zu haben. Wollte Gott, ich und Unger hätten das von je an auch gethan, so säß ich wärmer und weicher, und der trübe Kelch wäre mir vorübergegangen.
Bei der vollen Ueberzeugung, daß Sie mein Freund, der feinste und scharfsinnigste unsrer Kritiker, nichts Mittelmäßiges über altdeutsche Poesie sagen werden und können, kann ich es doch nicht übernehmen, sintemalen ich schon überpoetisirt im altdeutschen bin. Die Niebelungen liegen wie Blei; und außer denen, die ich verschenkt habe, und der HE. v. d. Hagen verschenkte, kommen nur die verhaßten Remitenda; von 30. verschriebenen, remittirt 29. Dieß ist Buchstäblich wahr; trotz dem, daß Profeßor Luden in Jena drüber ließt und andre ein großes Holz hacken drüber anstellen. Trotz dem, daß HE. v. d. Hagen, bei hiesiger Universität einen Lehrstuhl eröffnete, Kollegia ankündigte, was mit Jubel erwiedert wurde, und zu welchem sich dennoch noch ein sage 1. Zuhörer fand; die privaten Vorlesungen [2] hatten nicht bessern Fortgang; und somit ist dem altdeutschem Wesen, der Stab gebrochen. Die periodische Schrift von Docen, Hagen und Büsching hat gar kein Publikum, und ich habe etwan 30. davon abgesezt. So ists mir den[n] eine Noth, mir die neuen, oder die Nachtreter alter Minne abzuwehren; in kurzen habe ich dreien, dieselbe Litaney vorsingen müssen. Ueberhaupt wird in Deutschland viel Unfug, mit Deutschheit, Volksthum u. s. w. getrieben. Hätten wir das Deutschthum an der rechten Stelle gesucht, und geübt, so hätten wir fromme gute treuherzige Deutsche der Hölle Trotz geboten. Einheit des Sinns und Willens! Doch dieses lag nicht in der morschen zerstückelten Verfassung. Friedrich der II. hätte vieleicht vermocht, wenn er kräftig gewollt hätte, das Ganze zusammenfassen, und zu einem Ganzen vereinigen können, daß dem einbrechenden Sturme entgegen gestrebt hätte. Doch! das ist gewesen, und am Ende, ists ja doch einerlei, wem wir Blut und Saft geben müssen.
Nun kommt der ewige Refrain meines Liedes: der Shakespear. Keiner Ihrer Nachtreter erreicht Sie; indeß machen die Herren, bei dem nacheilen [3] Staub genug; und treiben mich zurück, daß ich dahinten bleiben muß. Können Sie mein Freund, dies leiden? können Sie das zugeben? Tiek hat sich nun auch aufgemacht, und gibt bei Reimer, altenglische Schauspiele heraus, statt mir sein Wort zu halten, und die alte Verbindlichkeiten abzumachen. Es ist unrecht, diese Klage gegen Sie zu erheben; aber! es bleibt dennoch wahr, daß alle diese Vorschüsse die Unger machte, und die nicht von jedem, wie von Sie honorirt wurden, mich an den Abgrund brachten, an den ich nun umhertaumele, um unterzugehen. Denken Sie, daß es bei Woltmann, eine Summe von 8–9000 R[eichs]thaler macht, bei andre um hunderte die auch zu tausende werden. und nun, der gesunkne Wohlstand des Buchhandels überhaupt. Doch ich will ihre schöne heitre Phantasie, nicht mit diesen düstern Bildern anstecken. also! hinweg damit.
Empfehlen Sie mich, ich bitte darum, Ihrer verehrten Freundin. Mit großer Lust, lese ich jezt wieder Corinna, diesen Schatz, von Geist und Herz! Wie huldige ich dem Geiste, der Corinna schuf! Wie gern erkenne ich in ihm, die Herrin und Meisterin der schreibenden Weiber ob gleich ich selbst dazu gehöre! Möchte [4] die Würdige, mich von Zeit zu Zeit mit einer Zeile, enthielte sie auch nur den einfachsten Gruß, mit ihrer Nahmens Unterschrift, erfreuen!
Fridrich Schlegel, (oder Kriegrich, wie er in unserm freundlichen Cirkle hieß) hält sich in Wien, ja rüstig dran, und schreibt und hält Vorlesungen, und gibt soviel Data seiner Existens, daß ich glauben darf, er werde sie endlich auch an mir veroffenbaren! – Auch Lambach (Rambach) thut in Dorpat desgleichen; der Todt hat die schöne Seele (die in Parenthesis ihn ohrfeigen gab) von seiner Seite genommen, und er hat diese leere Stelle, durch eine schöne Russin ersezt; Iffland ist hier mehr als je fetirt; aber für mich, der unsichtbare Gott! Er hat sich einen neuen Kreiß aus den wohlhabendsten hiesiger Bürger gebildet, worum es ihm wohl gehet. Die Wittwen und Trauernden gehören dazu nicht. Mad: Bethmann cidevant Unzelmann, hat sich zwischen Berlin und Charlottenburg ein Landhauß gekauft, wo sie sich ganz der Häußlichkeit weihet: selten nur betritt sie das Theater, wo ihre Gegenwart dann immer ein Fest ist. Eine zahlreiche Jugend ist an ihrer Stelle eingeschoben; keine ersezt die Grazie und Muse der Vorgängerin.
Mit herzlicher Freundschafft und inniger Werthschätzung
die Ihrige.
Verw.[itwete] Unger
[1] Berlin d. 24. Mai 1811
Mein theurer Freund!
Der Meßkataloge hatte mir schon die Nachricht überbracht, daß Ihre Gedichte bereits einen gefunden hatten, der sie in die große Welt einführt. Ich verdenke es Ihnen nicht, mein Freund, das Gewisse fürs Ungewisse ergriffen zu haben. Wollte Gott, ich und Unger hätten das von je an auch gethan, so säß ich wärmer und weicher, und der trübe Kelch wäre mir vorübergegangen.
Bei der vollen Ueberzeugung, daß Sie mein Freund, der feinste und scharfsinnigste unsrer Kritiker, nichts Mittelmäßiges über altdeutsche Poesie sagen werden und können, kann ich es doch nicht übernehmen, sintemalen ich schon überpoetisirt im altdeutschen bin. Die Niebelungen liegen wie Blei; und außer denen, die ich verschenkt habe, und der HE. v. d. Hagen verschenkte, kommen nur die verhaßten Remitenda; von 30. verschriebenen, remittirt 29. Dieß ist Buchstäblich wahr; trotz dem, daß Profeßor Luden in Jena drüber ließt und andre ein großes Holz hacken drüber anstellen. Trotz dem, daß HE. v. d. Hagen, bei hiesiger Universität einen Lehrstuhl eröffnete, Kollegia ankündigte, was mit Jubel erwiedert wurde, und zu welchem sich dennoch noch ein sage 1. Zuhörer fand; die privaten Vorlesungen [2] hatten nicht bessern Fortgang; und somit ist dem altdeutschem Wesen, der Stab gebrochen. Die periodische Schrift von Docen, Hagen und Büsching hat gar kein Publikum, und ich habe etwan 30. davon abgesezt. So ists mir den[n] eine Noth, mir die neuen, oder die Nachtreter alter Minne abzuwehren; in kurzen habe ich dreien, dieselbe Litaney vorsingen müssen. Ueberhaupt wird in Deutschland viel Unfug, mit Deutschheit, Volksthum u. s. w. getrieben. Hätten wir das Deutschthum an der rechten Stelle gesucht, und geübt, so hätten wir fromme gute treuherzige Deutsche der Hölle Trotz geboten. Einheit des Sinns und Willens! Doch dieses lag nicht in der morschen zerstückelten Verfassung. Friedrich der II. hätte vieleicht vermocht, wenn er kräftig gewollt hätte, das Ganze zusammenfassen, und zu einem Ganzen vereinigen können, daß dem einbrechenden Sturme entgegen gestrebt hätte. Doch! das ist gewesen, und am Ende, ists ja doch einerlei, wem wir Blut und Saft geben müssen.
Nun kommt der ewige Refrain meines Liedes: der Shakespear. Keiner Ihrer Nachtreter erreicht Sie; indeß machen die Herren, bei dem nacheilen [3] Staub genug; und treiben mich zurück, daß ich dahinten bleiben muß. Können Sie mein Freund, dies leiden? können Sie das zugeben? Tiek hat sich nun auch aufgemacht, und gibt bei Reimer, altenglische Schauspiele heraus, statt mir sein Wort zu halten, und die alte Verbindlichkeiten abzumachen. Es ist unrecht, diese Klage gegen Sie zu erheben; aber! es bleibt dennoch wahr, daß alle diese Vorschüsse die Unger machte, und die nicht von jedem, wie von Sie honorirt wurden, mich an den Abgrund brachten, an den ich nun umhertaumele, um unterzugehen. Denken Sie, daß es bei Woltmann, eine Summe von 8–9000 R[eichs]thaler macht, bei andre um hunderte die auch zu tausende werden. und nun, der gesunkne Wohlstand des Buchhandels überhaupt. Doch ich will ihre schöne heitre Phantasie, nicht mit diesen düstern Bildern anstecken. also! hinweg damit.
Empfehlen Sie mich, ich bitte darum, Ihrer verehrten Freundin. Mit großer Lust, lese ich jezt wieder Corinna, diesen Schatz, von Geist und Herz! Wie huldige ich dem Geiste, der Corinna schuf! Wie gern erkenne ich in ihm, die Herrin und Meisterin der schreibenden Weiber ob gleich ich selbst dazu gehöre! Möchte [4] die Würdige, mich von Zeit zu Zeit mit einer Zeile, enthielte sie auch nur den einfachsten Gruß, mit ihrer Nahmens Unterschrift, erfreuen!
Fridrich Schlegel, (oder Kriegrich, wie er in unserm freundlichen Cirkle hieß) hält sich in Wien, ja rüstig dran, und schreibt und hält Vorlesungen, und gibt soviel Data seiner Existens, daß ich glauben darf, er werde sie endlich auch an mir veroffenbaren! – Auch Lambach (Rambach) thut in Dorpat desgleichen; der Todt hat die schöne Seele (die in Parenthesis ihn ohrfeigen gab) von seiner Seite genommen, und er hat diese leere Stelle, durch eine schöne Russin ersezt; Iffland ist hier mehr als je fetirt; aber für mich, der unsichtbare Gott! Er hat sich einen neuen Kreiß aus den wohlhabendsten hiesiger Bürger gebildet, worum es ihm wohl gehet. Die Wittwen und Trauernden gehören dazu nicht. Mad: Bethmann cidevant Unzelmann, hat sich zwischen Berlin und Charlottenburg ein Landhauß gekauft, wo sie sich ganz der Häußlichkeit weihet: selten nur betritt sie das Theater, wo ihre Gegenwart dann immer ein Fest ist. Eine zahlreiche Jugend ist an ihrer Stelle eingeschoben; keine ersezt die Grazie und Muse der Vorgängerin.
Mit herzlicher Freundschafft und inniger Werthschätzung
die Ihrige.
Verw.[itwete] Unger
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