• Elisabeth Wilhelmine van Nuys to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Grindel (Hamburg) · Place of Destination: Unknown · Date: 12.06.1811
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Elisabeth Wilhelmine van Nuys
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Grindel (Hamburg)
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 12.06.1811
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335973167
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 2. Der Texte zweite Hälfte. 1809‒1844. Bern u.a. ²1969, S. 214‒217.
  • Incipit: „[1] Grindel Juni 12 – [18]11
    Mein kleines Landhauß liegt hart am Ufer eines noch kleineren Sees – und da der Nahme [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: APP2712-Bd-7
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,22,20
  • Number of Pages: 8 S. auf Doppelbl., hs. m. Paraphe
  • Format: 19,8 x 12,4 cm
    Language
  • German
  • Italian
[1] Grindel Juni 12 – [18]11
Mein kleines Landhauß liegt hart am Ufer eines noch kleineren Sees – und da der Nahme Grindel so höchst unästhetisch ist, habʼ ich kürzlich vom „Grindelsee“ datirt – da aber dieser See noch auf keiner Karte benannt, mögte der Liebenswürdigste meiner Freunde schwerlich wissen woher ihm dieses Briefchen erscheine also sey es noch hinzugefügt daß es nur ¼ Stunde von meiner – theuren? hélasH[am]b[ur]g ist. Bis noch vor ganz kurzem war mir es unmöglich von der schönen Hofnung mich zu trennen die mich den ganzen Winter belebte, nehmlich: das Land zu sehen in dem der stärkste Magnet für mein Herz lebt ich ließ unterdessen ein Miniaturgemählde machen [2] was für die ferne Freundinn reden sollte – die durch seine Gegenwart (im Geist) belebten Züge sollten Fürsprecher werden falls Zeit und raum – ihre Macht zu sehr mögten geübt haben, aber ach – es gelang dem Künstler nicht, daß auszudrücken was Minna erwartet, begehrt hatte. Der Freund wird es nicht Eitelkeit nennen wenn ich ihm ein impromptu mittheile was man dem Mahler zurief in dem Moment als man das verfehlte Bild sah. Ich weiß daß Scherz dieser Art ihm gefällt, und nur desfalls stehʼ es hier.

Trost an L
Nur der Adler, Gesandter der Gottheit blickt ungeblendet
In die Stralen der Sonne. Darum beruhge Dich Armer!
Daß nicht Dein sterbliches Auge dem kühneren Willen gehorchte;
Phaeton sank, der Göttersohn war, bey gleichem Vermessen,
Gleiche Strafe wird jeden der nach Dir es waget ereilen.

[3] Diese Worte beweisen zugleich daß ich das verheißene Bild nicht schicken konnte ach und nun von dem Gedanken des Wiedersehns zugleich mich trennen es ward mir so schwer, daß ich kaum zu dieser dennoch ersehnten Unterhaltung mich zu wenden vermogte. Wird den[n] nicht in diese Gegend endlich Sie Ihr Weg führen? so nahe einer geliebten VaterstadtVerwandelt aber daß ist das Wort, der Gedanke, fürcht ich, der die Sehnsucht erstickt – Es ist wahr Sch[legel], in der Heimath ist alles anders geworden und wie sehr der Menschen Sinn – dieß ist längst erwiesen – mich schaudert wenn ich an die bange Wahrheit denke daß nirgend mehr Verrath soll statt gefunden haben als grade in diesen heimathlichen Fluren. Eisern drückt nun aber auch das Joch fast alles nieder, erstickt den letzten Funken der Kraft und der Selbstständigkeit – und wo könnte man jetzt hineilen, wo sich wiedersehen, wo es anders wäre! nenne mir solchen Ort, solche Umgebung und ich mache das unmögliche – möglich!
Wissen Sie aber auch mein – dennoch theurer Freund daß Sie mich recht tief betrübt haben durch eine Mittheilung Ihres sonst so unendlich theuern Briefes [4] Sie gedachten einer Harfenspielerin am Prater aus jener – seligen Zeit – Sie machen ehe Ihr Gesang dem Druck übergeben, ehʼ er componirt wird – mich aufmerksam – Sie frugen wen Sie die Abschrift die mir bestimte adressiren sollten – und nun – ein ganzes Jahr später verweisen Sie mich auf das Taschenbuch von M[adam] Spazier was noch nicht erschienen istcome e possibile miomio caro amico! sono sfortunata in verita ob dieser Täuschung! geschrieben oder gedruckt mit oder ohne Composition beschwör ich den gel[iebten] Freund um eine baldige Mittheilung! Meine verzögerte Antwort scheint dieses vieleicht nicht verdient zu haben, aber ich wollte über die Bestimmung dieses Sommers Gewisheit, und wollte zugleich das Bild. Ob solches Wollen nun Strafe verdient entscheide selbst Dich A[ugust] W[ilhelm].
Schröder hat unterdessen die lang gespannte Erwartung durch Eröfnung der Bühne aus seiner Schule schlecht befriedigt; man debutirte mit [5] dem „ersten Eindruck“ – dieser war aber so das Alles gähnte. Von einigen 60 moralischen Episteln die er während seiner (Eingezogenheit) Abgeschiedenheit von der Welt schrieb wird wöchentlich 4 mahl eine wiederholt, bey ganz leerem Hause; da er aber sagt: tel est mon bon plaisir müssen die ungl[ücklichen] Schauspieler sich dieß schon gefallen lassen. Sacrifizirt er sich unterdessen um den ausgearteten Geschmack zu entwöhnen von K[otzebue]s Sachen; giebt er diese Dinge als préparation oder vielmehr als ruhepunkte – und hat er dabei die Ausdauer das leere Hauß zu ertragen – bis man zu bessern recht reif geworden ist (was man mürbe werden nennt – müßte auf solche Weise bald befördert werden) – dann mag wohl noch ein schöner Moment unser warten; aber wann – wissen die Götter. Das überreif werden macht auch schon zu allem unfähig.
Ich sprach mit drei vier Personen [6] die jenen überreifen Weisen täglich sehen, vom Calderon vom standhaften Prinzen etc. einer behauptete noch lebhafter wie der andere: der bloße Nahme würde ihn ohnmächtig machen (den[n] an Kraftäusserungen – und wär es auch Tadel – ist bey ihm nicht mehr zu denken). Seine einseitigkeit macht ihm die Nahmen aller bessern schon zuwieder; selbst Shakespear soll seine Antipathie seyn, weil er anderer Empfindungen als ewiger Sittensprüche fähig war. Wüsten doch solche Moralisten wie sehr die Moral verfehlt wird durch elende Wortklaubereien, durch Sentenzen die alles Gefühl ersticken.
Dabei die tollste Wahl in der Music. Doch kann einem das nicht wundern bey einem Menschen der nicht Music hat in ihm selbst; so hat er den Tarar, cosi fan tutte und mehreres verboten, will dagegen daß der unsinige Alte Liebhaber [7] gegeben wird mit der Behauptung jene verdürben die Sitten!
Da er als Schauspieler groß war – da man als solchen der Zeit ihn huldigen muste, glaubt er jetzt da dictiren zu müssen wo die kalte Vernunft mit dem Dünkel vereint durchaus nichts ausrichten. In meinem kleinen Lesecirkel habʼ ich dagegen mit großer Genugthuung auch Ihr Spanisches Theater vorgenommen; Sie würden inige Freude haben Edler Schl[egel] wenn Sie diesen kleinen enthusiastisch Sie ehrenden Cirkel sähen und hörten. Daß über Ihre herrlichen Vorlesungen nur eine Stimme, im ganzen Norden von Deutschland ist, wissen Sie gewiß; doch muß ich es Ihnen wiederholen den[n] ich sah keinen noch aus den verschiedensten Gegenden der nicht davon entzückt wäre. Der letzte Winter [8] versammelte hier sehr viele Fremde aus freylich – eignem Grunde den ich nicht zum Stof unserer Unterhaltung mögte. Einen Kopf zeichnete ich aus, der freylich sehr finster, aber sehr intéressant war. Sein Fach veranlaste ihn den Code N[apoléon] zu comentiren, er wurde hieher gerufen die neue Organisation mit zu übernehmen und dieser Spangenberg aus Göttingen wird wahrscheinlich nächstens als general procureur wieder erscheinen. Er war ein Freund von dem göttlichen Novalis dieß war doch Ihr Hardenberg? Bitte beantworten Sie mir diese Frage. Am 1t July wird hier schon der neue Gerichtshof eröfnet; die Advocaten werden öfentlich plaidiren in eigener Tracht. Die fête der ich am 9t dieses beywohnte war sehr brilliant; der Salon dʼApollon zu solchen fêten bestimt, stöst an das Französische Theater – 800 Personen speiseten in beyden die Princesse ist schön, sie kam erst am 8t hier also – on nʼen sait encore rien de plus. Im nächsten Monath geh ich nach dem Gute meiner Tochter – am 9t feyre ich am Ufer des Ploener Sees ihren Geburtstag – wollen Sie dann unser gedenken? Daß Sie uns überraschen mögten! Auch Elise würde inig sich freuen. Der Fr[au] v. St[aël] und Frl. Alb[ertine] tausend Empfelungen. unwandelbar Ihre Fr[eundinn]
M[inna]

Im Couvert sind noch einige Worte. Wer kann von D[ir] sich losreissen.
[1] Grindel Juni 12 – [18]11
Mein kleines Landhauß liegt hart am Ufer eines noch kleineren Sees – und da der Nahme Grindel so höchst unästhetisch ist, habʼ ich kürzlich vom „Grindelsee“ datirt – da aber dieser See noch auf keiner Karte benannt, mögte der Liebenswürdigste meiner Freunde schwerlich wissen woher ihm dieses Briefchen erscheine also sey es noch hinzugefügt daß es nur ¼ Stunde von meiner – theuren? hélasH[am]b[ur]g ist. Bis noch vor ganz kurzem war mir es unmöglich von der schönen Hofnung mich zu trennen die mich den ganzen Winter belebte, nehmlich: das Land zu sehen in dem der stärkste Magnet für mein Herz lebt ich ließ unterdessen ein Miniaturgemählde machen [2] was für die ferne Freundinn reden sollte – die durch seine Gegenwart (im Geist) belebten Züge sollten Fürsprecher werden falls Zeit und raum – ihre Macht zu sehr mögten geübt haben, aber ach – es gelang dem Künstler nicht, daß auszudrücken was Minna erwartet, begehrt hatte. Der Freund wird es nicht Eitelkeit nennen wenn ich ihm ein impromptu mittheile was man dem Mahler zurief in dem Moment als man das verfehlte Bild sah. Ich weiß daß Scherz dieser Art ihm gefällt, und nur desfalls stehʼ es hier.

Trost an L
Nur der Adler, Gesandter der Gottheit blickt ungeblendet
In die Stralen der Sonne. Darum beruhge Dich Armer!
Daß nicht Dein sterbliches Auge dem kühneren Willen gehorchte;
Phaeton sank, der Göttersohn war, bey gleichem Vermessen,
Gleiche Strafe wird jeden der nach Dir es waget ereilen.

[3] Diese Worte beweisen zugleich daß ich das verheißene Bild nicht schicken konnte ach und nun von dem Gedanken des Wiedersehns zugleich mich trennen es ward mir so schwer, daß ich kaum zu dieser dennoch ersehnten Unterhaltung mich zu wenden vermogte. Wird den[n] nicht in diese Gegend endlich Sie Ihr Weg führen? so nahe einer geliebten VaterstadtVerwandelt aber daß ist das Wort, der Gedanke, fürcht ich, der die Sehnsucht erstickt – Es ist wahr Sch[legel], in der Heimath ist alles anders geworden und wie sehr der Menschen Sinn – dieß ist längst erwiesen – mich schaudert wenn ich an die bange Wahrheit denke daß nirgend mehr Verrath soll statt gefunden haben als grade in diesen heimathlichen Fluren. Eisern drückt nun aber auch das Joch fast alles nieder, erstickt den letzten Funken der Kraft und der Selbstständigkeit – und wo könnte man jetzt hineilen, wo sich wiedersehen, wo es anders wäre! nenne mir solchen Ort, solche Umgebung und ich mache das unmögliche – möglich!
Wissen Sie aber auch mein – dennoch theurer Freund daß Sie mich recht tief betrübt haben durch eine Mittheilung Ihres sonst so unendlich theuern Briefes [4] Sie gedachten einer Harfenspielerin am Prater aus jener – seligen Zeit – Sie machen ehe Ihr Gesang dem Druck übergeben, ehʼ er componirt wird – mich aufmerksam – Sie frugen wen Sie die Abschrift die mir bestimte adressiren sollten – und nun – ein ganzes Jahr später verweisen Sie mich auf das Taschenbuch von M[adam] Spazier was noch nicht erschienen istcome e possibile miomio caro amico! sono sfortunata in verita ob dieser Täuschung! geschrieben oder gedruckt mit oder ohne Composition beschwör ich den gel[iebten] Freund um eine baldige Mittheilung! Meine verzögerte Antwort scheint dieses vieleicht nicht verdient zu haben, aber ich wollte über die Bestimmung dieses Sommers Gewisheit, und wollte zugleich das Bild. Ob solches Wollen nun Strafe verdient entscheide selbst Dich A[ugust] W[ilhelm].
Schröder hat unterdessen die lang gespannte Erwartung durch Eröfnung der Bühne aus seiner Schule schlecht befriedigt; man debutirte mit [5] dem „ersten Eindruck“ – dieser war aber so das Alles gähnte. Von einigen 60 moralischen Episteln die er während seiner (Eingezogenheit) Abgeschiedenheit von der Welt schrieb wird wöchentlich 4 mahl eine wiederholt, bey ganz leerem Hause; da er aber sagt: tel est mon bon plaisir müssen die ungl[ücklichen] Schauspieler sich dieß schon gefallen lassen. Sacrifizirt er sich unterdessen um den ausgearteten Geschmack zu entwöhnen von K[otzebue]s Sachen; giebt er diese Dinge als préparation oder vielmehr als ruhepunkte – und hat er dabei die Ausdauer das leere Hauß zu ertragen – bis man zu bessern recht reif geworden ist (was man mürbe werden nennt – müßte auf solche Weise bald befördert werden) – dann mag wohl noch ein schöner Moment unser warten; aber wann – wissen die Götter. Das überreif werden macht auch schon zu allem unfähig.
Ich sprach mit drei vier Personen [6] die jenen überreifen Weisen täglich sehen, vom Calderon vom standhaften Prinzen etc. einer behauptete noch lebhafter wie der andere: der bloße Nahme würde ihn ohnmächtig machen (den[n] an Kraftäusserungen – und wär es auch Tadel – ist bey ihm nicht mehr zu denken). Seine einseitigkeit macht ihm die Nahmen aller bessern schon zuwieder; selbst Shakespear soll seine Antipathie seyn, weil er anderer Empfindungen als ewiger Sittensprüche fähig war. Wüsten doch solche Moralisten wie sehr die Moral verfehlt wird durch elende Wortklaubereien, durch Sentenzen die alles Gefühl ersticken.
Dabei die tollste Wahl in der Music. Doch kann einem das nicht wundern bey einem Menschen der nicht Music hat in ihm selbst; so hat er den Tarar, cosi fan tutte und mehreres verboten, will dagegen daß der unsinige Alte Liebhaber [7] gegeben wird mit der Behauptung jene verdürben die Sitten!
Da er als Schauspieler groß war – da man als solchen der Zeit ihn huldigen muste, glaubt er jetzt da dictiren zu müssen wo die kalte Vernunft mit dem Dünkel vereint durchaus nichts ausrichten. In meinem kleinen Lesecirkel habʼ ich dagegen mit großer Genugthuung auch Ihr Spanisches Theater vorgenommen; Sie würden inige Freude haben Edler Schl[egel] wenn Sie diesen kleinen enthusiastisch Sie ehrenden Cirkel sähen und hörten. Daß über Ihre herrlichen Vorlesungen nur eine Stimme, im ganzen Norden von Deutschland ist, wissen Sie gewiß; doch muß ich es Ihnen wiederholen den[n] ich sah keinen noch aus den verschiedensten Gegenden der nicht davon entzückt wäre. Der letzte Winter [8] versammelte hier sehr viele Fremde aus freylich – eignem Grunde den ich nicht zum Stof unserer Unterhaltung mögte. Einen Kopf zeichnete ich aus, der freylich sehr finster, aber sehr intéressant war. Sein Fach veranlaste ihn den Code N[apoléon] zu comentiren, er wurde hieher gerufen die neue Organisation mit zu übernehmen und dieser Spangenberg aus Göttingen wird wahrscheinlich nächstens als general procureur wieder erscheinen. Er war ein Freund von dem göttlichen Novalis dieß war doch Ihr Hardenberg? Bitte beantworten Sie mir diese Frage. Am 1t July wird hier schon der neue Gerichtshof eröfnet; die Advocaten werden öfentlich plaidiren in eigener Tracht. Die fête der ich am 9t dieses beywohnte war sehr brilliant; der Salon dʼApollon zu solchen fêten bestimt, stöst an das Französische Theater – 800 Personen speiseten in beyden die Princesse ist schön, sie kam erst am 8t hier also – on nʼen sait encore rien de plus. Im nächsten Monath geh ich nach dem Gute meiner Tochter – am 9t feyre ich am Ufer des Ploener Sees ihren Geburtstag – wollen Sie dann unser gedenken? Daß Sie uns überraschen mögten! Auch Elise würde inig sich freuen. Der Fr[au] v. St[aël] und Frl. Alb[ertine] tausend Empfelungen. unwandelbar Ihre Fr[eundinn]
M[inna]

Im Couvert sind noch einige Worte. Wer kann von D[ir] sich losreissen.
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