• Friedrich Gottlieb Welcker to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Bonn · Place of Destination: Bonn · Date: [nach dem 21. Dezember 1839]
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich Gottlieb Welcker
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Bonn
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: [nach dem 21. Dezember 1839]
  • Notations: Datum sowie Absende- und Empfangsort erschlossen. – Datierung durch Schlegels Brief an Welcker vom 21. Dezember 1839.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34336
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.29,Nr.12
  • Number of Pages: 3S. auf Doppelbl., hs. m. U. u. Adresse
  • Format: 20,8 x 13,3 cm
  • Incipit: „[1] Um von den schönen Versen und dem guten Spaß nichts zu sagen, so haben Sie gewiß die richtige Erklärung [...]“
    Language
  • German
  • Greek
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Seidel, Aline
  • Varwig, Olivia
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[1] Um von den schönen Versen und dem guten Spaß nichts zu sagen, so haben Sie gewiß die richtige Erklärung festgehalten. Ich wollte, daß es Müller auch gethan hätte, der aber vielmehr in seiner, nach dem „Anhang“ erschienenen „Erklärung“ (gegen Hermann) ihr beytritt. Das Lächerliche eines „oben, statt Schwingen, angebrachten Vehikels, das die Bewegung der Füße beschleunigt“, ist nicht einmal durch den faustischen Mantel erschöpft – Und doch sagt jetzt auch Müller, „die Göttin sey mit unermüdlichem Fuß durch die Luft geschritten, indem sie statt der Flügel das Segel der Aegis im Winde habe rauschen lassen, die sie als tragendes Werkzeug, ὄχος, den kräftigen Gliedern angefügt.“ Der neueste Herausgeber, Ioannes Minckwitz, welcher κώλοις sogar in den Text setzt, verbessert die Sache noch: ad pedes vehiculum quoddam adligaverat, ut cursum festinaret. Wo marschiren so denn Götter durch die Luft, und was hilft beym fahren Fliegen oder Segeln das Marschiren? Schon die Tautologie ἄτρυτον πόθα ud κώλοις ἀκμαίοις ist unerträglich: Aeschylus setzt jeden Zug einfach, nicht doppelt – denn wenn zwey ud mehr Worte sich im Begriffe verschmelzen, so ist das etwas ganz andres. [2] Nach dem Homerischen Gebrauch ist πῶλος vom Gespann mit dem Wagen zu verstehen; ud diesem schirrt fügt die Göttin bey – („ἐπιζεύγνυμι meist mit dem Nebenbegriff, daß das Hinzugesetzte sich zwischen zwey Körpern oder Theilen befinde“) – τόνδʼ ὄχον, τὸν κόλπον, den sie durch die Luft geschwellt sausen läßt: der trägt sie halb, u so viel rascher geht der Wagen, ja er drängt u treibt den Wagen segelgleich schneller fort. So ist das Phantasma natürlich u poetisch; das es ist aus zwey allbekannten Dingen, dem Wagen, den die Göttin von Homer bis auf Horaz gebraucht, u der bey der raschen Bewegung unausbleiblichen Schwellung der Aegis, zusammengesetzt: während das Trippeln durch die Luft so unantik als meskin ist. Folge ist, daß wir nothwendig den ersten Vers ἔνθεν διώκουσʼ ἦλθον ἄτρυτον πόδα, vom Uebrigen sondern, für müssen, als das Allgemeine; die unermüdliche Göttin setzt sich in Bewegung, ἄτρ ποῦς uneigentlich, wie gehn häufig, oder für Lauf, metonymisch, worauf die Art dieses Laufs erst im folgenden geschildert wird. Stöhrigkeit [gehör]t auch zum faustischen fahren durch die Luft. Voß, welchen Müller in der „Erkl.“ anführt hat die Sache richtig gefaßt. Noch kann man sagen, ist der ὄχος der [3] Aegis, statt Segels, so setzt dieses ein Schiff voraus: soll es statt der Flügel dienen, so paßt die Aegis dazu nicht, sie mag geworfen werden wie sie wolle; entweder sie wird zum Segel aufgeblasen, oder sie fliegt auf einer Seite. Verträte sie aber wirklich die Stelle von Flügeln, so wäre πτερὤν ἄτερ störend ud unpassend, welches nach der richtigen Deutung entweder sagen will, daß die Göttin die Flügel entbehren konnte, weil nemlich der von der Aegis unterstützte Wagen schneller ging als Flügel tragen könnten. Wakefield, der gerade bey mir ist, sagt nur: hic autem loci tragicus noster videtur innuere Divam probriis2 viribus1 per aëra, ventis interea aegidi incumbentibus et implentibus, ad Athenas iter eremigasse. Und da er nach Conjecturen jagte – übrigens ein eminenter Mensch – so ist ihm ein falscher Schein Verdacht des Irrigen im Text weniger anzurechnen, als einem andern, der sich im Aeschylus Unfehlbarkeit zuschreibt, eine falsche Erklärung.
Ergebenst
FGWelcker.
[4] Herrn Professor von Schlegel, Ritter p
Hochwohlgeboren
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[1] Um von den schönen Versen und dem guten Spaß nichts zu sagen, so haben Sie gewiß die richtige Erklärung festgehalten. Ich wollte, daß es Müller auch gethan hätte, der aber vielmehr in seiner, nach dem „Anhang“ erschienenen „Erklärung“ (gegen Hermann) ihr beytritt. Das Lächerliche eines „oben, statt Schwingen, angebrachten Vehikels, das die Bewegung der Füße beschleunigt“, ist nicht einmal durch den faustischen Mantel erschöpft – Und doch sagt jetzt auch Müller, „die Göttin sey mit unermüdlichem Fuß durch die Luft geschritten, indem sie statt der Flügel das Segel der Aegis im Winde habe rauschen lassen, die sie als tragendes Werkzeug, ὄχος, den kräftigen Gliedern angefügt.“ Der neueste Herausgeber, Ioannes Minckwitz, welcher κώλοις sogar in den Text setzt, verbessert die Sache noch: ad pedes vehiculum quoddam adligaverat, ut cursum festinaret. Wo marschiren so denn Götter durch die Luft, und was hilft beym fahren Fliegen oder Segeln das Marschiren? Schon die Tautologie ἄτρυτον πόθα ud κώλοις ἀκμαίοις ist unerträglich: Aeschylus setzt jeden Zug einfach, nicht doppelt – denn wenn zwey ud mehr Worte sich im Begriffe verschmelzen, so ist das etwas ganz andres. [2] Nach dem Homerischen Gebrauch ist πῶλος vom Gespann mit dem Wagen zu verstehen; ud diesem schirrt fügt die Göttin bey – („ἐπιζεύγνυμι meist mit dem Nebenbegriff, daß das Hinzugesetzte sich zwischen zwey Körpern oder Theilen befinde“) – τόνδʼ ὄχον, τὸν κόλπον, den sie durch die Luft geschwellt sausen läßt: der trägt sie halb, u so viel rascher geht der Wagen, ja er drängt u treibt den Wagen segelgleich schneller fort. So ist das Phantasma natürlich u poetisch; das es ist aus zwey allbekannten Dingen, dem Wagen, den die Göttin von Homer bis auf Horaz gebraucht, u der bey der raschen Bewegung unausbleiblichen Schwellung der Aegis, zusammengesetzt: während das Trippeln durch die Luft so unantik als meskin ist. Folge ist, daß wir nothwendig den ersten Vers ἔνθεν διώκουσʼ ἦλθον ἄτρυτον πόδα, vom Uebrigen sondern, für müssen, als das Allgemeine; die unermüdliche Göttin setzt sich in Bewegung, ἄτρ ποῦς uneigentlich, wie gehn häufig, oder für Lauf, metonymisch, worauf die Art dieses Laufs erst im folgenden geschildert wird. Stöhrigkeit [gehör]t auch zum faustischen fahren durch die Luft. Voß, welchen Müller in der „Erkl.“ anführt hat die Sache richtig gefaßt. Noch kann man sagen, ist der ὄχος der [3] Aegis, statt Segels, so setzt dieses ein Schiff voraus: soll es statt der Flügel dienen, so paßt die Aegis dazu nicht, sie mag geworfen werden wie sie wolle; entweder sie wird zum Segel aufgeblasen, oder sie fliegt auf einer Seite. Verträte sie aber wirklich die Stelle von Flügeln, so wäre πτερὤν ἄτερ störend ud unpassend, welches nach der richtigen Deutung entweder sagen will, daß die Göttin die Flügel entbehren konnte, weil nemlich der von der Aegis unterstützte Wagen schneller ging als Flügel tragen könnten. Wakefield, der gerade bey mir ist, sagt nur: hic autem loci tragicus noster videtur innuere Divam probriis2 viribus1 per aëra, ventis interea aegidi incumbentibus et implentibus, ad Athenas iter eremigasse. Und da er nach Conjecturen jagte – übrigens ein eminenter Mensch – so ist ihm ein falscher Schein Verdacht des Irrigen im Text weniger anzurechnen, als einem andern, der sich im Aeschylus Unfehlbarkeit zuschreibt, eine falsche Erklärung.
Ergebenst
FGWelcker.
[4] Herrn Professor von Schlegel, Ritter p
Hochwohlgeboren
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