• Johann Georg Heinrich Feder to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Göttingen · Place of Destination: Göttingen · Date: 21. Mai [zwischen 1786 und 1791]
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Johann Georg Heinrich Feder
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Göttingen
  • Place of Destination: Göttingen
  • Date: 21. Mai [zwischen 1786 und 1791]
  • Notations: Absender, Datum (Jahr) sowie Absende- und Empfangsort erschlossen. – Datierung: Der Brief muss aus Schlegels Göttinger Studienzeit stammen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-33563
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.8,Nr.44
  • Number of Pages: 3S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 25,6 x 18,2 cm
  • Incipit: „[1] 21t May
    Lieber Freund
    Ich gebe Ihnen izt einen Beweis meiner Liebe – der Ihnen schwerlich ganz gefällt, vielleicht Sie beleidiget. [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
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[1] 21t May
Lieber Freund
Ich gebe Ihnen izt einen Beweis meiner Liebe – der Ihnen schwerlich ganz gefällt, vielleicht Sie beleidiget. Nichts desto weniger ist es bloß Wirkung redlicher und zärtlicher Liebe.
Ihre gestrigen gesellschaftlichen Urtheile über die Könige, den unsrigen mit eingeschlossen, haben mich, Ihrentwegen, beunruhiget; so mir mehreres, was sich mir von Ihren Vorstellungsarten und Gesinnungen zeither entdeckt hat; auf allerley Weise, nichts davon durch einen meiner Söhne; und was, so verschieden auch die Gegenstände sind, alles aus einem Grunde zu kommen scheint. Viel weniger würde sich meine Liebe für Sie, lieber Schlegel, dabey beunruhigen; wenn der Grund dieser Anomalien Ihres von Natur so ausnehmend guten Verstandes, in diesem Verstande, in der natürlichen Geschichte der Entwicklung seiner starke Gefühle, und Aufwallungen mit sich bringen Xxxbungen allein läge. Aber ich – muß Ihnen sagen daß er mir vielmehr in einer Neigung zu liegen scheine, [2] in einer Eigenschaft des Herzens, der ich keinen Namen geben mag, weil ich keinen für sie weiß, der nicht mißfiele, nicht einmal den halbedele Namen Stolz passend finde. Lieber junger Freund, edler zu großen Zwecken bestimmter junger Mann! Zürnen Sie über mich, so lange es Ihnen Ihr Herz erlaubt; es wird nicht lange seyn. Aber verachten Sie nicht den Wink eines Mannes, der, was er übrigens seyn mag, das menschliche Herz in sich und in den Handlungen anderer seit dreyßig Jahren mit anhaltender Aufmerksamkeit studirt hat. Fordern Sie Ihr Herz und Ihre Einbildungskraft einmal mit allem Ernst zur strengen Rechenschaft auf. Prüfen Sie Sich scharf darüber, ob alles, was Sie lieben und schätzen und suchen, würdig ist Ihrer großen Anlagen und darinnen liegender hohen Bestimmung? Ob Sie genug durch Sich Selbst und aus Sich Selbst denken und schätzen und begehren; oder zu sehr sich bestimmen lassen das was gilt und gangbar ist – in einer gewissen Welt, [3] nicht gelten sollte, nicht gelten kann nach den, wenn gleich verkennbaren, doch unabänderlichen Gesetzen der Vernunfts und der edlern Zielen des Geistes, dessen Ursprung und Ziel das Ewige und Unendliche ist. Segne und beglücke Sie das durchdringende Gefühl des erhabnen Ursprungs und der großen Bestimmung unsrer Vernunft! Väterlich liebe ich Sie
Feder.
[4] Herrn Schlegel

Briefe von Verschiednen
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[1] 21t May
Lieber Freund
Ich gebe Ihnen izt einen Beweis meiner Liebe – der Ihnen schwerlich ganz gefällt, vielleicht Sie beleidiget. Nichts desto weniger ist es bloß Wirkung redlicher und zärtlicher Liebe.
Ihre gestrigen gesellschaftlichen Urtheile über die Könige, den unsrigen mit eingeschlossen, haben mich, Ihrentwegen, beunruhiget; so mir mehreres, was sich mir von Ihren Vorstellungsarten und Gesinnungen zeither entdeckt hat; auf allerley Weise, nichts davon durch einen meiner Söhne; und was, so verschieden auch die Gegenstände sind, alles aus einem Grunde zu kommen scheint. Viel weniger würde sich meine Liebe für Sie, lieber Schlegel, dabey beunruhigen; wenn der Grund dieser Anomalien Ihres von Natur so ausnehmend guten Verstandes, in diesem Verstande, in der natürlichen Geschichte der Entwicklung seiner starke Gefühle, und Aufwallungen mit sich bringen Xxxbungen allein läge. Aber ich – muß Ihnen sagen daß er mir vielmehr in einer Neigung zu liegen scheine, [2] in einer Eigenschaft des Herzens, der ich keinen Namen geben mag, weil ich keinen für sie weiß, der nicht mißfiele, nicht einmal den halbedele Namen Stolz passend finde. Lieber junger Freund, edler zu großen Zwecken bestimmter junger Mann! Zürnen Sie über mich, so lange es Ihnen Ihr Herz erlaubt; es wird nicht lange seyn. Aber verachten Sie nicht den Wink eines Mannes, der, was er übrigens seyn mag, das menschliche Herz in sich und in den Handlungen anderer seit dreyßig Jahren mit anhaltender Aufmerksamkeit studirt hat. Fordern Sie Ihr Herz und Ihre Einbildungskraft einmal mit allem Ernst zur strengen Rechenschaft auf. Prüfen Sie Sich scharf darüber, ob alles, was Sie lieben und schätzen und suchen, würdig ist Ihrer großen Anlagen und darinnen liegender hohen Bestimmung? Ob Sie genug durch Sich Selbst und aus Sich Selbst denken und schätzen und begehren; oder zu sehr sich bestimmen lassen das was gilt und gangbar ist – in einer gewissen Welt, [3] nicht gelten sollte, nicht gelten kann nach den, wenn gleich verkennbaren, doch unabänderlichen Gesetzen der Vernunfts und der edlern Zielen des Geistes, dessen Ursprung und Ziel das Ewige und Unendliche ist. Segne und beglücke Sie das durchdringende Gefühl des erhabnen Ursprungs und der großen Bestimmung unsrer Vernunft! Väterlich liebe ich Sie
Feder.
[4] Herrn Schlegel

Briefe von Verschiednen
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