• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Wien · Place of Destination: Unknown · Date: 08.01.1820
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Wien
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 08.01.1820
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 30. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Die Epoche der Zeitschrift Concordia (6. November 1818 ‒ Mai 1823). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Eugène Susini. Paderborn 1980, S. 250‒252.
  • Incipit: „[1] Wien, den 8ten Januar, 1820.
    Geliebter Bruder! Es war seither eine trübe Zeit für mich. Theils bin ich selbst den Winter [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34288
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.d,Nr.230
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19,8 x 11,5 cm
    Language
  • German
[1] Wien, den 8ten Januar, 1820.
Geliebter Bruder! Es war seither eine trübe Zeit für mich. Theils bin ich selbst den Winter gar nicht wohl, und habe selten einen gesunden und heitern Tag; und dann habe ich auch keine guten Nachrichten von meiner Frau, die in der großen Hitze zu Ende des vorigen Sommers krank geworden und seitdem noch abwechselnd immer unwohl und leidend ist; und doch läßt sich für jetzt im Winter keine Aenderung darin treffen, da für mich selbst auch, alles was bisher unentschieden gewesen, noch nicht zur Entscheidung gediehen ist, so daß ich immer noch weniger in einer ruhig und dauernd begründeten Gegenwart, als in der Hoffnung des Bessern lebe.– Wie sehr mich Dein Brief und die Nachricht, die Du mir darin gegeben hast, betrübt und bekümmert hat, darf ich Dir nicht erst sagen. Denn obwohl Paris oder die Schweiz nicht viel weiter von Wien seyn mag als Bonn; so kann ich doch nicht umhin, Dein Weggehn unter diesen Umständen als die schmerzlichste Entfernung zu empfinden.
Du hast Deinen Entschluß sehr schnell gefaßt; wenigstens für mich konnte die Nachricht davon nicht anders als sehr überraschend seyn. Denn wie wohl [2] ich <von Anfang an der> Entwicklung aller dieser Dinge, besonders in Beziehung auf Eure neue Universität und in Beziehung auf Dich mit gespannter Erwartung entgegen sah, und nicht ohne Besorgniss für Dich dabey war; so hatte mich doch Dein voriger Brief sehr darüber beruhigt, worin Du mir schreibst, wie lieb es Dir sey, nicht Mitglied des akademischen Senats zu seyn. Ich schloß daraus auf die glückliche, neutrale Stellung, die Du nach Deiner ganzen Sinnesart genommen zu haben schienst, um ganz außer dem Schuß zu stehen, und davon versprach ich mir eine fortdauernde Ruhe Deiner Lage.– Wenn Du persönlich gar keine bestimmte Kränkung erfahren hast, so hätte ich wohl wünschen können, daß Du etwas Geduld gehabt hättest, das Weitere abzuwarten; da ich ohnehin überzeugt bin, und Grund dazu habe dieß zu glauben, daß das Uebertriebne und Drückende in jener neuen Einrichtung ziemlich bald wegfallen wird.– Doch das hat nun nicht seyn sollen; schon habe ich in der gestrigen Preuß.[ischen] Staatszeit.[ung] die Bestätigung von dem gelesen, was Dein Brief mir ankündigt. Zu einer Reise nach Berlin und zu einem Versuch dort, weil Du doch officiell genommen eigentlich als dort angestellt betrachtet wurdest, [3] hast Du Dich <auch> nicht entschließen wollen. Freylich läßt sich auch aus der Ferne gar nicht über so etwas urtheilen <und warum Du so gehandelt hast, einsehen>, weil dabey doch alles auf das Persönliche ankommt. Und so bleibt mir denn nichts übrig, als Plane in der Fantasie zu entwerfen, wie ich Dich etwa einmal in Paris oder auch in der Schweiz besuchen könnte; denn nun Du mir weiter entrückt wirst, fühle ich erst recht schmerzlich, wie tief sich unser frohes Beysammenseyn im Sommer 1818. mir in die Erinnerung eingeprägt hat.– Laß mich doch Deine Plane ganz genau wißen; denn wer weiß, wenn Du den Rückweg vielleicht dem südlichen Deutschlande näher (auf dem Wege nach der Schweiz) nähmest, ob sich nicht doch vielleicht eine Möglichkeit fände, dahin eine Excursion zu machen und uns wiederzusehen. Es liegen der wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Reisemöglichkeiten so viele vor mir, daß es unter vielen Nieten doch auch leicht einen Treffer geben kann.– Wirst Du nicht vielleicht eine Reise nach Heidelberg im Vorbeygehn und <einen> letzten Versuch einer mündlichen Zusammenkunft machen? – Doch das ist nach Deinen letzten Aeußerungen wohl kaum glaublich.– Was Du aber doch thun solltest, und wozu Du jetzt ja leicht die Hand bieten kannst, das ist Sophieen [4] ihre Freyheit wiedergeben und die Trennung nach Badenschem Gesetze oder durch die Familie zu erhaltende Dispens von der Regierung, auf die leichteste und schnellste Weise mittelst gegenseitiger Uebereinstimmung vornehmen.– Reiße diesen Stachel mit einemmale ganz aus Deiner Seele, so daß keine Spur davon zurückbleibt. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich in Deinem nächsten Briefe etwas Beruhigendes darüber [hörte].
Ungeachtet meines üblen Befindens und trüben Stimmung bin ich in der letzten Zeit doch ziemlich fleißig gewesen; ich habe unter andern eine sehr ausführliche Recension über „Rhodeʼs Anfang unsrer Geschichte“ für die Jahrbücher geschrieben, worin ich mich über Moses und die urhistorischen Gegenstände überhaupt sehr expectorirt habe. Ich werde sie Dir schicken, sobald sie gedruckt ist.– Sehr freuen würde es mich, wenn Du mir eine ausführliche Relation alles dessen was sich neuerdings zu Bonn zugetragen, besonders auch mit Beziehung auf Deinen Entschluß von da wegzugehn, in Deiner herrlich humoristischen Art geben wolltest; schicken kannst Du sie mir dann durch Handel in Frankf.[urt] oder <wirst> sonst auch leicht eine Gelegenheit dazu finden.– Die herzlichsten Grüße an Windischmann; die Verspätung meines Schreibens an ihn soll durch die Länge ersetzt werden; ich werde ihm auch einiges <gedruckte> schicken.– Lebe wohl und laß mich bald mehr hören.
Friedrich.
[1] Wien, den 8ten Januar, 1820.
Geliebter Bruder! Es war seither eine trübe Zeit für mich. Theils bin ich selbst den Winter gar nicht wohl, und habe selten einen gesunden und heitern Tag; und dann habe ich auch keine guten Nachrichten von meiner Frau, die in der großen Hitze zu Ende des vorigen Sommers krank geworden und seitdem noch abwechselnd immer unwohl und leidend ist; und doch läßt sich für jetzt im Winter keine Aenderung darin treffen, da für mich selbst auch, alles was bisher unentschieden gewesen, noch nicht zur Entscheidung gediehen ist, so daß ich immer noch weniger in einer ruhig und dauernd begründeten Gegenwart, als in der Hoffnung des Bessern lebe.– Wie sehr mich Dein Brief und die Nachricht, die Du mir darin gegeben hast, betrübt und bekümmert hat, darf ich Dir nicht erst sagen. Denn obwohl Paris oder die Schweiz nicht viel weiter von Wien seyn mag als Bonn; so kann ich doch nicht umhin, Dein Weggehn unter diesen Umständen als die schmerzlichste Entfernung zu empfinden.
Du hast Deinen Entschluß sehr schnell gefaßt; wenigstens für mich konnte die Nachricht davon nicht anders als sehr überraschend seyn. Denn wie wohl [2] ich <von Anfang an der> Entwicklung aller dieser Dinge, besonders in Beziehung auf Eure neue Universität und in Beziehung auf Dich mit gespannter Erwartung entgegen sah, und nicht ohne Besorgniss für Dich dabey war; so hatte mich doch Dein voriger Brief sehr darüber beruhigt, worin Du mir schreibst, wie lieb es Dir sey, nicht Mitglied des akademischen Senats zu seyn. Ich schloß daraus auf die glückliche, neutrale Stellung, die Du nach Deiner ganzen Sinnesart genommen zu haben schienst, um ganz außer dem Schuß zu stehen, und davon versprach ich mir eine fortdauernde Ruhe Deiner Lage.– Wenn Du persönlich gar keine bestimmte Kränkung erfahren hast, so hätte ich wohl wünschen können, daß Du etwas Geduld gehabt hättest, das Weitere abzuwarten; da ich ohnehin überzeugt bin, und Grund dazu habe dieß zu glauben, daß das Uebertriebne und Drückende in jener neuen Einrichtung ziemlich bald wegfallen wird.– Doch das hat nun nicht seyn sollen; schon habe ich in der gestrigen Preuß.[ischen] Staatszeit.[ung] die Bestätigung von dem gelesen, was Dein Brief mir ankündigt. Zu einer Reise nach Berlin und zu einem Versuch dort, weil Du doch officiell genommen eigentlich als dort angestellt betrachtet wurdest, [3] hast Du Dich <auch> nicht entschließen wollen. Freylich läßt sich auch aus der Ferne gar nicht über so etwas urtheilen <und warum Du so gehandelt hast, einsehen>, weil dabey doch alles auf das Persönliche ankommt. Und so bleibt mir denn nichts übrig, als Plane in der Fantasie zu entwerfen, wie ich Dich etwa einmal in Paris oder auch in der Schweiz besuchen könnte; denn nun Du mir weiter entrückt wirst, fühle ich erst recht schmerzlich, wie tief sich unser frohes Beysammenseyn im Sommer 1818. mir in die Erinnerung eingeprägt hat.– Laß mich doch Deine Plane ganz genau wißen; denn wer weiß, wenn Du den Rückweg vielleicht dem südlichen Deutschlande näher (auf dem Wege nach der Schweiz) nähmest, ob sich nicht doch vielleicht eine Möglichkeit fände, dahin eine Excursion zu machen und uns wiederzusehen. Es liegen der wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Reisemöglichkeiten so viele vor mir, daß es unter vielen Nieten doch auch leicht einen Treffer geben kann.– Wirst Du nicht vielleicht eine Reise nach Heidelberg im Vorbeygehn und <einen> letzten Versuch einer mündlichen Zusammenkunft machen? – Doch das ist nach Deinen letzten Aeußerungen wohl kaum glaublich.– Was Du aber doch thun solltest, und wozu Du jetzt ja leicht die Hand bieten kannst, das ist Sophieen [4] ihre Freyheit wiedergeben und die Trennung nach Badenschem Gesetze oder durch die Familie zu erhaltende Dispens von der Regierung, auf die leichteste und schnellste Weise mittelst gegenseitiger Uebereinstimmung vornehmen.– Reiße diesen Stachel mit einemmale ganz aus Deiner Seele, so daß keine Spur davon zurückbleibt. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich in Deinem nächsten Briefe etwas Beruhigendes darüber [hörte].
Ungeachtet meines üblen Befindens und trüben Stimmung bin ich in der letzten Zeit doch ziemlich fleißig gewesen; ich habe unter andern eine sehr ausführliche Recension über „Rhodeʼs Anfang unsrer Geschichte“ für die Jahrbücher geschrieben, worin ich mich über Moses und die urhistorischen Gegenstände überhaupt sehr expectorirt habe. Ich werde sie Dir schicken, sobald sie gedruckt ist.– Sehr freuen würde es mich, wenn Du mir eine ausführliche Relation alles dessen was sich neuerdings zu Bonn zugetragen, besonders auch mit Beziehung auf Deinen Entschluß von da wegzugehn, in Deiner herrlich humoristischen Art geben wolltest; schicken kannst Du sie mir dann durch Handel in Frankf.[urt] oder <wirst> sonst auch leicht eine Gelegenheit dazu finden.– Die herzlichsten Grüße an Windischmann; die Verspätung meines Schreibens an ihn soll durch die Länge ersetzt werden; ich werde ihm auch einiges <gedruckte> schicken.– Lebe wohl und laß mich bald mehr hören.
Friedrich.
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