• Eduard Bobrik to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Zürich · Place of Destination: Bonn · Date: 18.05.1833
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Eduard Bobrik
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Zürich
  • Place of Destination: Bonn
  • Date: 18.05.1833
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-38972
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.3,Nr.39
  • Number of Pages: 2 S., hs. m. U.
  • Format: 24,5 x 20,7 cm
  • Incipit: „[1] Zürich den 18ten May 1833
    Mein hochverehrtester Gönner!
    In dem Vertrauen daß Ihr geneigtes Wohlwollen gegen mich sich gleichgeblieben begleite ich [...]“
    Language
  • German
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Varwig, Olivia
Notice (8): Undefined offset: 0 [APP/View/Letters/view.ctp, line 350]/version-10-19/letters/view/5047" data-language="">
[1] Zürich den 18ten May 1833
Mein hochverehrtester Gönner!
In dem Vertrauen daß Ihr geneigtes Wohlwollen gegen mich sich gleichgeblieben begleite ich den wiederholten Ausdruck meines Dankes mit einem kurzen Berichte von dem, was sich aus der formlosen Maße hiesiger Universitäts-Angelegenheiten bis jetzt schon gestaltet, von den schwankenden Erwartungen bis jetzt schon verwirklicht hat.
Den 29ten v. M. fand die feierliche Eröffnung der Universität in einer der hiesigen Kirchen Statt, unter allgemeiner Theilnahme der hiesigen Einwohner sowohl, als der anwesenden Tagesatzung. Oken ist zum Rector erwählt, die Dekane sind für die Theologen Rettig, für die Juristen der Präsident Keller, für die Mediciner Schönlein, für die Philosophen Orelli, sämmtlich auf zwei Jahre; neben den genannten bilden wir übrigen ordentlichen Professoren den Senat, der je Commissionen vertheilt die einzelnen Abschnitte der künftigen Statuten bearbeitet.
Die mit dem 30ten v. M eröffnete Immatriculation hat bis gestern 150 Studirende ergeben, an welche sich manche der hiesigen Einwohner für die Vorlesungen anschließen. Die besuchtesten Collegien sind Okens, Schönleins und die meinigen, welche der Zahl nach sogar noch jene übertreffen; in der Einleitung in die Philosophie habe ich über 60, in der Psychologie einige 20 u der Logik ebenfalls 20. Ich bin über diese Zahl umsomehr erfreut, als ich bei meiner Herkunft eine außerordentliche Abneigung gegen Philosophie vorfand. Verursacht war dieselbe durch ein schläfriges Dictiren der Kieserwetterschen Logik, und ein quälendes Unverständlichmachen der Kantischen Kritiken, weiter war man weder in Form noch in dem Inhalt gegangen. Leicht war es mir daher für die durch einen freien Vortrag erweiterte Aussicht ins Philosophische Gebiet theilnehmende Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Das Publikum selbst theilt sich in das aristokratische, in jetzigen Verhältnißen um manche Prärogative gekommen, dieses ist gegen die Universität, und die Fremden [2] ziemlich animos und tölpelhaft, und in das demokratische jetzt herrschende, welches auf die Universität, als seine Schöpfung, alle Zuvorkommenheit anwendet, deren es nach Schweizerischen Begriffen fähig ist.
Die Umgebungen Zürichs sind Ihnen, verehrtester Herr Professor, zu wohl bekannt, als daß ich deren unvergleichliche Schönheit in der jetzigen Blüthenpracht zu beschreiben hätte; in einer niedlichen ländlichen Wohnung einige Minuten vor der Stadt, haben wir oft das Morgenroth auf den Alpen aus unsern Fenstern bewundert, und in vielfachen Spazirgängen die zahlreichen schönen Punkte besucht. Jeder Genuß erinnert mich dankbar an Sie.
Leider traf ich Nägeli durch einen gefährlichen Fall am Arme gelähmt, und immer noch hütet er das Zimmer, oft noch das Bette. Dennoch hat er es nicht versäumen wollen einige Zeilen an Sie beizulegen, welche ich hiebei überreiche. Er hat seine Genesung namentlich dadurch verzögert, daß er die Direction der musikalischen Aufführungen am Einführungsfeste, größtentheils seine eigenen Compositionen, trotz des kalten regnigen Tages, selbst ausführte. Die jetzigen, seit mehreren Wochen ununterbrochen glänzend hellen Frühlingstage werden ihn hoffentlich bald völlig herstellen, und ich freue mich auf seinen genialen mit seltener Offenheit dargebotenen Umgang, welcher selbst jetzt, in so langwieriger Krankheit, niemals der klarsten Heiterkeit entbehrt.
Die politischen Regungen treffen uns hier wenig. Die Frankfurter Begebenheiten mögen wohl der ersten Frequenz ein wenig Abbruch gethan haben, doch sind selbst einige Preussen eingetroffen, deren Väter, als Beamte, erst eine Erlaubniß nachgesucht aber auch erhalten hatten, daß sie die hiesige Universität besuchen dürften. Die Polnische ungebetene Gesellschaft wurde bekanntlich von der hiesigen Tagesatzung ohne alle Umstände zurückgewiesen, und amüsirt nun im Berner Gebiete sich so wenig als ihre schweizerischen Wirthe. Einigen Frankfurter Flüchtlingen hat man Winke zur schnellen Weiterreise gegeben, so daß auch durch deren voreilige Aufnahme kein Mißtrauen bei Deutschen Regierungen gegen unsre neue Hochschule verschuldet werden kann, und demnach der nächste Sommer schon eine namhafte Frequenz bringen könnte.
Mit dankbarer Hochachtung und dem innigsten Wunsche ungestörten Wohlseins
Ihr Ergebenster
Bobrik
Meine freundlichste Empfehlung an Herrn Professor Lassen!
Notice (8): Undefined offset: 0 [APP/View/Letters/view.ctp, line 432]/version-10-19/letters/view/5047" data-language="">
[1] Zürich den 18ten May 1833
Mein hochverehrtester Gönner!
In dem Vertrauen daß Ihr geneigtes Wohlwollen gegen mich sich gleichgeblieben begleite ich den wiederholten Ausdruck meines Dankes mit einem kurzen Berichte von dem, was sich aus der formlosen Maße hiesiger Universitäts-Angelegenheiten bis jetzt schon gestaltet, von den schwankenden Erwartungen bis jetzt schon verwirklicht hat.
Den 29ten v. M. fand die feierliche Eröffnung der Universität in einer der hiesigen Kirchen Statt, unter allgemeiner Theilnahme der hiesigen Einwohner sowohl, als der anwesenden Tagesatzung. Oken ist zum Rector erwählt, die Dekane sind für die Theologen Rettig, für die Juristen der Präsident Keller, für die Mediciner Schönlein, für die Philosophen Orelli, sämmtlich auf zwei Jahre; neben den genannten bilden wir übrigen ordentlichen Professoren den Senat, der je Commissionen vertheilt die einzelnen Abschnitte der künftigen Statuten bearbeitet.
Die mit dem 30ten v. M eröffnete Immatriculation hat bis gestern 150 Studirende ergeben, an welche sich manche der hiesigen Einwohner für die Vorlesungen anschließen. Die besuchtesten Collegien sind Okens, Schönleins und die meinigen, welche der Zahl nach sogar noch jene übertreffen; in der Einleitung in die Philosophie habe ich über 60, in der Psychologie einige 20 u der Logik ebenfalls 20. Ich bin über diese Zahl umsomehr erfreut, als ich bei meiner Herkunft eine außerordentliche Abneigung gegen Philosophie vorfand. Verursacht war dieselbe durch ein schläfriges Dictiren der Kieserwetterschen Logik, und ein quälendes Unverständlichmachen der Kantischen Kritiken, weiter war man weder in Form noch in dem Inhalt gegangen. Leicht war es mir daher für die durch einen freien Vortrag erweiterte Aussicht ins Philosophische Gebiet theilnehmende Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Das Publikum selbst theilt sich in das aristokratische, in jetzigen Verhältnißen um manche Prärogative gekommen, dieses ist gegen die Universität, und die Fremden [2] ziemlich animos und tölpelhaft, und in das demokratische jetzt herrschende, welches auf die Universität, als seine Schöpfung, alle Zuvorkommenheit anwendet, deren es nach Schweizerischen Begriffen fähig ist.
Die Umgebungen Zürichs sind Ihnen, verehrtester Herr Professor, zu wohl bekannt, als daß ich deren unvergleichliche Schönheit in der jetzigen Blüthenpracht zu beschreiben hätte; in einer niedlichen ländlichen Wohnung einige Minuten vor der Stadt, haben wir oft das Morgenroth auf den Alpen aus unsern Fenstern bewundert, und in vielfachen Spazirgängen die zahlreichen schönen Punkte besucht. Jeder Genuß erinnert mich dankbar an Sie.
Leider traf ich Nägeli durch einen gefährlichen Fall am Arme gelähmt, und immer noch hütet er das Zimmer, oft noch das Bette. Dennoch hat er es nicht versäumen wollen einige Zeilen an Sie beizulegen, welche ich hiebei überreiche. Er hat seine Genesung namentlich dadurch verzögert, daß er die Direction der musikalischen Aufführungen am Einführungsfeste, größtentheils seine eigenen Compositionen, trotz des kalten regnigen Tages, selbst ausführte. Die jetzigen, seit mehreren Wochen ununterbrochen glänzend hellen Frühlingstage werden ihn hoffentlich bald völlig herstellen, und ich freue mich auf seinen genialen mit seltener Offenheit dargebotenen Umgang, welcher selbst jetzt, in so langwieriger Krankheit, niemals der klarsten Heiterkeit entbehrt.
Die politischen Regungen treffen uns hier wenig. Die Frankfurter Begebenheiten mögen wohl der ersten Frequenz ein wenig Abbruch gethan haben, doch sind selbst einige Preussen eingetroffen, deren Väter, als Beamte, erst eine Erlaubniß nachgesucht aber auch erhalten hatten, daß sie die hiesige Universität besuchen dürften. Die Polnische ungebetene Gesellschaft wurde bekanntlich von der hiesigen Tagesatzung ohne alle Umstände zurückgewiesen, und amüsirt nun im Berner Gebiete sich so wenig als ihre schweizerischen Wirthe. Einigen Frankfurter Flüchtlingen hat man Winke zur schnellen Weiterreise gegeben, so daß auch durch deren voreilige Aufnahme kein Mißtrauen bei Deutschen Regierungen gegen unsre neue Hochschule verschuldet werden kann, und demnach der nächste Sommer schon eine namhafte Frequenz bringen könnte.
Mit dankbarer Hochachtung und dem innigsten Wunsche ungestörten Wohlseins
Ihr Ergebenster
Bobrik
Meine freundlichste Empfehlung an Herrn Professor Lassen!
· Beiliegender Brief von/an A.W. Schlegel , 17.05.1833
· Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
· Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.17,Nr.1
×