• August Wilhelm von Schlegel to Friedrich August Rosen

  • Place of Dispatch: Bonn · Place of Destination: Berlin · Date: 23.05.1826
Edition Status: Newly transcribed and labelled; double collated
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Friedrich August Rosen
  • Place of Dispatch: Bonn
  • Place of Destination: Berlin
  • Date: 23.05.1826
  • Notations: Von Schreiberhand. Nur Unterschrift, Adresse, die altgriechische Formulierung und das Sanskrit eigenhändig.
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-37174
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XX,Bd.6,Nr.54
  • Number of Pages: 4 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 25,6 x 21,1 cm
  • Incipit: „[1] Hochgeehrtester Herr Doctor!
    Ew. Wohlgeboren sage ich meinen verbindlichsten Dank für das schöne Geschenk Ihrer Abhandlung, die mir eine wahre [...]“
    Language
  • German
  • Sanskrit
  • Greek
  • Latin
    Editors
  • Bamberg, Claudia
  • Hanneder, Jürgen
  • Seidel, Aline
  • Varwig, Olivia
Notice (8): Undefined offset: 0 [APP/View/Letters/view.ctp, line 350]/version-10-19/letters/view/6155" data-language="">
[1] Hochgeehrtester Herr Doctor!
Ew. Wohlgeboren sage ich meinen verbindlichsten Dank für das schöne Geschenk Ihrer Abhandlung, die mir eine wahre Freude gemacht hat. Herr Staatsminister von Humboldt Exc. hatte mir schon eine vortheilhafte Erwartung davon erregt, die ich vollkommen bestätigt finde. Uebrigens kann es mich nicht wundern, wenn ein junger Gelehrter, der unter Hrn. Bopps vortrefflicher Anleitung das Sanskrit erlernt hat, sogleich mit Auszeichnung auftritt. Auch ist es sehr erwünscht, aus Ihrer gewandten Behandlung der lateinischen Sprache die Gewißheit zu schöpfen, daß Sie den Ruf einer guten Latinität, als einer von den Indischen Philologen nicht vernachläßigten Sache, begründen helfen, und aufrecht erhalten werden.
Da Sie meinen Rath zu hören wünschen, so bin ich so frei ihn ganz offen zu ertheilen. Die Abfassung eines Wurzelwörterbuches ist eine so trockne Arbeit, daß man sich wohl schwerlich entschließt zum zweitenmal dazu zurückzukehren. Deswegen ist es rathsam, gleich die erste Ausgabe für den praktischen Gebrauch so sehr zu vervollständigen als möglich. Nun ist aber, wie mir scheint, Ihr Vorrath von bisher benutzten Texten noch zu klein. Besonders bin ich verwundert, das Gesetzbuch des Manu nicht in Ihrem Verzeichnisse zu finden. Dies ist eine Hauptgrundlage[.] Der Grundsatz, keine von Grammatikern erfundene Beispiele zu nehmen, sondern alles aus Büchern zu schöpfen, ist vortrefflich: allein er erschwert die Arbeit; denn man kann oft lange suchen, ehe man ein Verbum mit dieser oder jener Präposition zusammengesetzt findet. Die Urkundlichkeit der Texte nach ihrer verschied[enen] Abstufungen ist ferner vor allen Dingen zu beachten. Auch hierin [2] behauptet Manus einen großen Vorrang. Es sind zwar Varianten darin, und mehr als Haughton angemerkt hat, aber in Vergleich mit andern Werken, besonders mit den epischen Gedichten ist dies doch nicht von Bedeutung. Ueberhaupt wird, wie Colebroole vorlängst bemerkt hat, die Aechtheit am besten durch fortlaufende Commentare gesichert, die jedes Wort des Textes wiederholen. Dergleichen giebt es nun insbesondere von zwei Arten von Büchern: von alten hochverehrten, heiligen oder wissenschaftlichen Inhalts, und dann von den bewunderten aber überkünstelten Gedichten aus dem Zeitalter des Vikramâdityas. Was von beiden Arten zu Calcutta erschienen ist, würde ich rathen alles durchzugehen. Es ist darum nicht nöthig, in das oft sehr schwierige vollständige Verständniß des Textes einzudringen: oft wird der Commentar eine kurze Definition oder Erklärung durch Synonyme von einer selten vorkommenden Verbal-Composition liefern, die man dann mit Anführung der Auctorität einrücken könnte.
In Râmâyańa ist die Abweichung der Texte unglaublich groß, zuweilen sind die Spuren der Corruption unverkennbar. Ich weiß nicht ob Hr. Bopp am Mahâ-Bhârata ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Rhapsoden und Diaskeuasten, die oft mehr theologische als kritische Gesichtspunkte hatten, haben Willkühr ausgeübt, wozu die Überfülle des epischen Stils und der lose Versbau nur allzuviel Gelegenheit gaben. Ich suche das herrliche Werk in seinem ursprünglichen dichterischen Glanze wieder herzustellen. Die Sentenzen, z. B. im Hitôpadêsa, sind durch ihre Abgeschlossenheit und Concinnität mehr von der Verderbniß gesichert; die Ausgaben sind aber sehr incorrect.
Einige kleine Bemerkungen mögen Ihnen nur beweisen, daß ich bei der ersten Lesung nicht unaufmerksam war.
S. 37. Anm: steht śonita mit dentalem n, statt des cembralen ń. S. 38. Derselbe Fehler bei nirguńam. Gleich darunter ein häßlicher Druckfehler in der Citation aus der Bh. G.upajâyatê, genauer subnascitur. S. 41. dikshyâmi statt dêkshyâmi. S. 42 pradêsitô ist das part. der caussativen Form. S. 43 namasyanti gehört nicht hierher: [3] es ist ein Verbum nominale, abgeleitet von dem indeclin. namas.
Was die äußere Einrichtung betrifft, so würde ich rathen, die alphabetische Anordnung nach den Anfangsbuchstaben für das Register zu versparen, und vor allen die Anordnung des Wurzelwörterbuchs bei Carey nach dem fließenden Buchstaben als erstem Prinzip, empfehlen. Der von Wilkins eingeschlagene Mittelweg ist der unbequemste der sich erdenken ließ. Es ist sehr wichtig, die auf denselben Vocal oder Consonanten ausgehenden Verba auf einmal zu übersehen; auch gewährt es eine große Erleichterung, da sie in der Flexion, in den Participial- und andern Bildungen so viele Analogien darbieten. Warum nicht Lateinische Kunstwörter? Statt parasmaipadam und âtmanêpadam, activum und medium? Es ist doch nichts anders. Ich würde nicht unsere 1. pers. praes[.] sing. aufstellen, wie Ew. Wohlgeboren gethan haben, sondern die erste Indische. Die Indischen Grammatiker haben zu ihrer Anordnung gute Gründe gehabt. Sie ist außerdem zugleich höflicher und philosophischer als die unsrige, welche den Griechischen und Lateinischen Grammatikern durch den ahañkâra eingegeben worden ist. Den Vorrang behauptet der objective Gebrauch des Verbums, dann kommt der colloquiale, endlich der subjective. Ich würde immer den Infinitiv beifügen; auch den Aoristus, wenn er vorkommt. Ebenso würde ich es mit dem Caussativis und Desiderativis halten. – Die Bequemlichkeit des Gebrauchs wird sehr gewinnen, wenn sie die jedesmal abgehandelte Wurzel in der größeren Schrift in der Mitte über die Seite setzen laßen, dagegen die Seitenzahl an die Ecke
Sollten Ew. Wohlgeboren sich zu einen Besuch in Bonn entschließen, so werde ich Sie bestens willkommen heißen, meine sämtlichen Hülfsmittel, die ziemlich vollständig sind, werden Ihnen gern zu Dienste stehen, und ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, mit Ihnen zu συμφιλολογεῖν. Hr. Lassen, mein ehemaliger Schüler und jetziger Gehülfe, ist seit drei Monaten aus Paris zurück, und ich bin in voller Arbeit am Râmâyańa.
Ich bitte, Sie mich Herrn Bopp freundschaftlichst zu empfehlen. Ich hoffe, er wird es gütig entschuldigen, daß ich seinen interessanten [4] Brief aus London noch nicht beantwortet habe. Es geschieht aber nächstens, ich bereite auch eine epistola critica an ihn vor.
Empfangen Sie die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, womit ich die Ehre habe zu seyn
Ew. Wohlgeboren
Ergebenster
AWvSchlegel
Bonn den 23ten Mai 1826.
P.S. Der Vorrath an den kleineren Devanagari-Lettern, besonders auch den halbgeschnittnen scheint allzu klein zu seyn. Sie haben sich oft in der Mitte des Wortes, und bei ganz gewöhnlichen Ligaturen wie khya mit dem Virâma helfen müßen, was unangenehm ist. Könnte Hr. Bopp nicht bei der Akademie einen stärkern Guß, und eine Ergänzung durch die noch fehlenden Stempel auswirken?

An
Herrn Doctor Rosen
Wohlgeb.
in
Berlin
Notice (8): Undefined offset: 0 [APP/View/Letters/view.ctp, line 432]/version-10-19/letters/view/6155" data-language="">
[1] Hochgeehrtester Herr Doctor!
Ew. Wohlgeboren sage ich meinen verbindlichsten Dank für das schöne Geschenk Ihrer Abhandlung, die mir eine wahre Freude gemacht hat. Herr Staatsminister von Humboldt Exc. hatte mir schon eine vortheilhafte Erwartung davon erregt, die ich vollkommen bestätigt finde. Uebrigens kann es mich nicht wundern, wenn ein junger Gelehrter, der unter Hrn. Bopps vortrefflicher Anleitung das Sanskrit erlernt hat, sogleich mit Auszeichnung auftritt. Auch ist es sehr erwünscht, aus Ihrer gewandten Behandlung der lateinischen Sprache die Gewißheit zu schöpfen, daß Sie den Ruf einer guten Latinität, als einer von den Indischen Philologen nicht vernachläßigten Sache, begründen helfen, und aufrecht erhalten werden.
Da Sie meinen Rath zu hören wünschen, so bin ich so frei ihn ganz offen zu ertheilen. Die Abfassung eines Wurzelwörterbuches ist eine so trockne Arbeit, daß man sich wohl schwerlich entschließt zum zweitenmal dazu zurückzukehren. Deswegen ist es rathsam, gleich die erste Ausgabe für den praktischen Gebrauch so sehr zu vervollständigen als möglich. Nun ist aber, wie mir scheint, Ihr Vorrath von bisher benutzten Texten noch zu klein. Besonders bin ich verwundert, das Gesetzbuch des Manu nicht in Ihrem Verzeichnisse zu finden. Dies ist eine Hauptgrundlage[.] Der Grundsatz, keine von Grammatikern erfundene Beispiele zu nehmen, sondern alles aus Büchern zu schöpfen, ist vortrefflich: allein er erschwert die Arbeit; denn man kann oft lange suchen, ehe man ein Verbum mit dieser oder jener Präposition zusammengesetzt findet. Die Urkundlichkeit der Texte nach ihrer verschied[enen] Abstufungen ist ferner vor allen Dingen zu beachten. Auch hierin [2] behauptet Manus einen großen Vorrang. Es sind zwar Varianten darin, und mehr als Haughton angemerkt hat, aber in Vergleich mit andern Werken, besonders mit den epischen Gedichten ist dies doch nicht von Bedeutung. Ueberhaupt wird, wie Colebroole vorlängst bemerkt hat, die Aechtheit am besten durch fortlaufende Commentare gesichert, die jedes Wort des Textes wiederholen. Dergleichen giebt es nun insbesondere von zwei Arten von Büchern: von alten hochverehrten, heiligen oder wissenschaftlichen Inhalts, und dann von den bewunderten aber überkünstelten Gedichten aus dem Zeitalter des Vikramâdityas. Was von beiden Arten zu Calcutta erschienen ist, würde ich rathen alles durchzugehen. Es ist darum nicht nöthig, in das oft sehr schwierige vollständige Verständniß des Textes einzudringen: oft wird der Commentar eine kurze Definition oder Erklärung durch Synonyme von einer selten vorkommenden Verbal-Composition liefern, die man dann mit Anführung der Auctorität einrücken könnte.
In Râmâyańa ist die Abweichung der Texte unglaublich groß, zuweilen sind die Spuren der Corruption unverkennbar. Ich weiß nicht ob Hr. Bopp am Mahâ-Bhârata ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Rhapsoden und Diaskeuasten, die oft mehr theologische als kritische Gesichtspunkte hatten, haben Willkühr ausgeübt, wozu die Überfülle des epischen Stils und der lose Versbau nur allzuviel Gelegenheit gaben. Ich suche das herrliche Werk in seinem ursprünglichen dichterischen Glanze wieder herzustellen. Die Sentenzen, z. B. im Hitôpadêsa, sind durch ihre Abgeschlossenheit und Concinnität mehr von der Verderbniß gesichert; die Ausgaben sind aber sehr incorrect.
Einige kleine Bemerkungen mögen Ihnen nur beweisen, daß ich bei der ersten Lesung nicht unaufmerksam war.
S. 37. Anm: steht śonita mit dentalem n, statt des cembralen ń. S. 38. Derselbe Fehler bei nirguńam. Gleich darunter ein häßlicher Druckfehler in der Citation aus der Bh. G.upajâyatê, genauer subnascitur. S. 41. dikshyâmi statt dêkshyâmi. S. 42 pradêsitô ist das part. der caussativen Form. S. 43 namasyanti gehört nicht hierher: [3] es ist ein Verbum nominale, abgeleitet von dem indeclin. namas.
Was die äußere Einrichtung betrifft, so würde ich rathen, die alphabetische Anordnung nach den Anfangsbuchstaben für das Register zu versparen, und vor allen die Anordnung des Wurzelwörterbuchs bei Carey nach dem fließenden Buchstaben als erstem Prinzip, empfehlen. Der von Wilkins eingeschlagene Mittelweg ist der unbequemste der sich erdenken ließ. Es ist sehr wichtig, die auf denselben Vocal oder Consonanten ausgehenden Verba auf einmal zu übersehen; auch gewährt es eine große Erleichterung, da sie in der Flexion, in den Participial- und andern Bildungen so viele Analogien darbieten. Warum nicht Lateinische Kunstwörter? Statt parasmaipadam und âtmanêpadam, activum und medium? Es ist doch nichts anders. Ich würde nicht unsere 1. pers. praes[.] sing. aufstellen, wie Ew. Wohlgeboren gethan haben, sondern die erste Indische. Die Indischen Grammatiker haben zu ihrer Anordnung gute Gründe gehabt. Sie ist außerdem zugleich höflicher und philosophischer als die unsrige, welche den Griechischen und Lateinischen Grammatikern durch den ahañkâra eingegeben worden ist. Den Vorrang behauptet der objective Gebrauch des Verbums, dann kommt der colloquiale, endlich der subjective. Ich würde immer den Infinitiv beifügen; auch den Aoristus, wenn er vorkommt. Ebenso würde ich es mit dem Caussativis und Desiderativis halten. – Die Bequemlichkeit des Gebrauchs wird sehr gewinnen, wenn sie die jedesmal abgehandelte Wurzel in der größeren Schrift in der Mitte über die Seite setzen laßen, dagegen die Seitenzahl an die Ecke
Sollten Ew. Wohlgeboren sich zu einen Besuch in Bonn entschließen, so werde ich Sie bestens willkommen heißen, meine sämtlichen Hülfsmittel, die ziemlich vollständig sind, werden Ihnen gern zu Dienste stehen, und ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, mit Ihnen zu συμφιλολογεῖν. Hr. Lassen, mein ehemaliger Schüler und jetziger Gehülfe, ist seit drei Monaten aus Paris zurück, und ich bin in voller Arbeit am Râmâyańa.
Ich bitte, Sie mich Herrn Bopp freundschaftlichst zu empfehlen. Ich hoffe, er wird es gütig entschuldigen, daß ich seinen interessanten [4] Brief aus London noch nicht beantwortet habe. Es geschieht aber nächstens, ich bereite auch eine epistola critica an ihn vor.
Empfangen Sie die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, womit ich die Ehre habe zu seyn
Ew. Wohlgeboren
Ergebenster
AWvSchlegel
Bonn den 23ten Mai 1826.
P.S. Der Vorrath an den kleineren Devanagari-Lettern, besonders auch den halbgeschnittnen scheint allzu klein zu seyn. Sie haben sich oft in der Mitte des Wortes, und bei ganz gewöhnlichen Ligaturen wie khya mit dem Virâma helfen müßen, was unangenehm ist. Könnte Hr. Bopp nicht bei der Akademie einen stärkern Guß, und eine Ergänzung durch die noch fehlenden Stempel auswirken?

An
Herrn Doctor Rosen
Wohlgeb.
in
Berlin
· Konzept , 23.05.1826
· Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
· Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.18,Nr.108
×