• August Wilhelm von Schlegel to Christian Gottlob Heyne

  • Place of Dispatch: Hamstede/Haamstede · Place of Destination: Göttingen · Date: 05.09.1791
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: August Wilhelm von Schlegel
  • Recipient: Christian Gottlob Heyne
  • Place of Dispatch: Hamstede/Haamstede
  • Place of Destination: Göttingen
  • Date: 05.09.1791
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 343347008
  • Bibliography: Briefe von und an August Wilhelm Schlegel. Gesammelt und erläutert durch Josef Körner. Bd. 1. Zürich u.a. 1930, S. 18‒20.
  • Incipit: „[1] Haamstede – Insel Schouwen d. 5 Sept. 1791
    Wohlgebohrner Herr Hofrath!
    Ich habe seit einiger Zeit meinen Aufenthalt verändert, und bin es [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-37113
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XX,Bd.3,Nr.30(3)
  • Number of Pages: 3 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 22,7 x 18,6 cm
    Language
  • German
[1] Haamstede – Insel Schouwen d. 5 Sept. 1791
Wohlgebohrner Herr Hofrath!
Ich habe seit einiger Zeit meinen Aufenthalt verändert, und bin es recht sehr zufrieden, Amsterdam, das im Sommer eben nicht viel angenehmes hat, mit der freyeren Luft und Lebensart des Landes zu vertauschen. Nur den Nachtheil hat dieß für mich, daß meine Communication mit Deutschland, dadurch noch mehr unterbrochen und erschwert wird. Alle Nachrichten von dort aus sind mir sehr werth: ich kann freylich aus einem Winkel von Seeland nicht viel neues und merkwürdiges dagegen zurückgeben.
Für Ihr gütiges Andenken an mich, und die Mühe die Sie sich gegeben haben, das Honorarium für die zu den Göttingischen Anzeigen gelieferten Beyträge meinem Vater zuzusenden, habe ich Ihnen recht sehr viele Verpflichtung. Es thut mir leid, daß für jetzt die Unmöglichkeit die Deutschen Bücher, und die Journale woraus man erfährt, was für neue Sachen herausgekommen sind, zeitig genug zu haben, mich von dieser Arbeit, die ich immer mit vielem Vergnügen that, ausschließen. Meine litterarischen Bedürfnisse hoffe ich nie zu verlernen; ich kann sie auch in so fern [2] befriedigen, daß ich immer gute Bücher genug zum Lesen habe. Aber daran darf ich nicht denken, von irgend einem Studium einen fortgesetzten Plan entwerfen, oder etwas schreiben zu wollen, wozu man eine Menge Bücher nachsehen muß. Auch fallen alle Gespräche, die auf Litteratur Bezug haben, weg. Classiker hoffe ich von HE. Wyttenbach, den ich noch nicht kennen gelernt habe, weil er seit meiner Ankunft noch nicht in Amsterdam war, den Winter über haben zu können. Wenigstens versichert mir Herr Matthiae, daß er in diesem Fache eine gute Bibliothek hat. So viel ich weiß, ist HE. Matthiae noch nicht entschieden, ob er für eine geraume Zeit in Holland bleiben wird. Wir bringen zuweilen unsre Klagen über den Mangel an Interesse für jede Art von Litteratur, der um uns her herrscht, zu einander.
Meine Bemerkungen über die Holländische Sprache, wenn ich schon zu urtheilen im Stande bin, kommen ungefähr auf folgende Resultate hinaus. Unter einem kleinen Volke, von ziemlich einförmigen Sitten, und umringt von einer einförmigen Natur, gebildet, scheint es mir viel von der Natur eines Provinzialdialekts zu haben: das heißt, einen Überfluß von kräftigen und genau bestimmten Ausdrücken, die aber nur für und in dem kleinen Zirkel passen und gelten in welchem sie erfunden sind. Eine gewisse Familiarität und Behaglichkeit herrscht in der Sprache, die allerdings etwas unedles hat. Die [3] letztere mahlt sich hauptsächlich in den vielen Diminutiven. Es mangelt nicht an edleren Worten und Wendungen, allein sie stehen dieser Sprache wie ein Sonntagskleid immer fremd und steif. Daher muß man auch im Gespräch seine Zuflucht zu einer Menge Französischer Worte nehmen, um nicht pedantisch zu scheinen. Härte des Klanges scheint mir weniger der Charakter des Holländischen als des Deutschen; dagegen hat jenes einige Widrigkeiten der Aussprache mit denen kein gebildetes Deutsches Ohr denke ich, sich jemahls aussöhnen kann.
Jetzt ist die Verfertigung einer Holländischen Grammatik von einer gelehrten Gesellschaft als Preisfrage aufgegeben.
Ich weiß nicht ob HE. Bürger Sie schon um eine Anzeige des zweyten und dritten Stücks seiner Akademie ersucht hat. In dem letzten ist der Anfang einer Abhandlung über den Dante gedruckt, wozu ich noch vieles fertig liegen habe aber hier nicht weiter arbeiten kann. Sie würden mich durch die Mittheilung Ihres Urtheils darüber unendlich verbinden.
Ich empfehle mich aufs angelegentlichste Ihnen und Ihrem ganzen Hause, und bin mit der vollkommensten Hochachtung und Ehrerbietung
Ew. Wohlgebohren
gehorsamster Diener
A. W. Schlegel
Meine Addresse bleibt immer dieselbe, wenn ich auch meinen Aufenthalt verändre.
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[1] Haamstede – Insel Schouwen d. 5 Sept. 1791
Wohlgebohrner Herr Hofrath!
Ich habe seit einiger Zeit meinen Aufenthalt verändert, und bin es recht sehr zufrieden, Amsterdam, das im Sommer eben nicht viel angenehmes hat, mit der freyeren Luft und Lebensart des Landes zu vertauschen. Nur den Nachtheil hat dieß für mich, daß meine Communication mit Deutschland, dadurch noch mehr unterbrochen und erschwert wird. Alle Nachrichten von dort aus sind mir sehr werth: ich kann freylich aus einem Winkel von Seeland nicht viel neues und merkwürdiges dagegen zurückgeben.
Für Ihr gütiges Andenken an mich, und die Mühe die Sie sich gegeben haben, das Honorarium für die zu den Göttingischen Anzeigen gelieferten Beyträge meinem Vater zuzusenden, habe ich Ihnen recht sehr viele Verpflichtung. Es thut mir leid, daß für jetzt die Unmöglichkeit die Deutschen Bücher, und die Journale woraus man erfährt, was für neue Sachen herausgekommen sind, zeitig genug zu haben, mich von dieser Arbeit, die ich immer mit vielem Vergnügen that, ausschließen. Meine litterarischen Bedürfnisse hoffe ich nie zu verlernen; ich kann sie auch in so fern [2] befriedigen, daß ich immer gute Bücher genug zum Lesen habe. Aber daran darf ich nicht denken, von irgend einem Studium einen fortgesetzten Plan entwerfen, oder etwas schreiben zu wollen, wozu man eine Menge Bücher nachsehen muß. Auch fallen alle Gespräche, die auf Litteratur Bezug haben, weg. Classiker hoffe ich von HE. Wyttenbach, den ich noch nicht kennen gelernt habe, weil er seit meiner Ankunft noch nicht in Amsterdam war, den Winter über haben zu können. Wenigstens versichert mir Herr Matthiae, daß er in diesem Fache eine gute Bibliothek hat. So viel ich weiß, ist HE. Matthiae noch nicht entschieden, ob er für eine geraume Zeit in Holland bleiben wird. Wir bringen zuweilen unsre Klagen über den Mangel an Interesse für jede Art von Litteratur, der um uns her herrscht, zu einander.
Meine Bemerkungen über die Holländische Sprache, wenn ich schon zu urtheilen im Stande bin, kommen ungefähr auf folgende Resultate hinaus. Unter einem kleinen Volke, von ziemlich einförmigen Sitten, und umringt von einer einförmigen Natur, gebildet, scheint es mir viel von der Natur eines Provinzialdialekts zu haben: das heißt, einen Überfluß von kräftigen und genau bestimmten Ausdrücken, die aber nur für und in dem kleinen Zirkel passen und gelten in welchem sie erfunden sind. Eine gewisse Familiarität und Behaglichkeit herrscht in der Sprache, die allerdings etwas unedles hat. Die [3] letztere mahlt sich hauptsächlich in den vielen Diminutiven. Es mangelt nicht an edleren Worten und Wendungen, allein sie stehen dieser Sprache wie ein Sonntagskleid immer fremd und steif. Daher muß man auch im Gespräch seine Zuflucht zu einer Menge Französischer Worte nehmen, um nicht pedantisch zu scheinen. Härte des Klanges scheint mir weniger der Charakter des Holländischen als des Deutschen; dagegen hat jenes einige Widrigkeiten der Aussprache mit denen kein gebildetes Deutsches Ohr denke ich, sich jemahls aussöhnen kann.
Jetzt ist die Verfertigung einer Holländischen Grammatik von einer gelehrten Gesellschaft als Preisfrage aufgegeben.
Ich weiß nicht ob HE. Bürger Sie schon um eine Anzeige des zweyten und dritten Stücks seiner Akademie ersucht hat. In dem letzten ist der Anfang einer Abhandlung über den Dante gedruckt, wozu ich noch vieles fertig liegen habe aber hier nicht weiter arbeiten kann. Sie würden mich durch die Mittheilung Ihres Urtheils darüber unendlich verbinden.
Ich empfehle mich aufs angelegentlichste Ihnen und Ihrem ganzen Hause, und bin mit der vollkommensten Hochachtung und Ehrerbietung
Ew. Wohlgebohren
gehorsamster Diener
A. W. Schlegel
Meine Addresse bleibt immer dieselbe, wenn ich auch meinen Aufenthalt verändre.
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