﻿<?xml version="1.0" encoding="utf-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="309"><titleStmt><title>Heinrich Voß an August Wilhelm von Schlegel</title><editor><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Bearbeiterin"><forename>Olivia</forename><surname>Varwig</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-marburg.de">Philipps-Universität Marburg</orgName><orgName ref="https://www.slub-dresden.de">Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier / Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-19/contact">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 3.0 DE)</licence><ab type="version">version-10-19</ab><ab type="edition">Digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2019-10-15"/><idno type="url">https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-19/letters/view/309</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 2. Der Texte zweite Hälfte. 1809‒1844. Bern u.a. ²1969, S. 55‒60.</title><idno type="print">335973167_HVossanAWS_10071809</idno><relatedItem target="http://digital.slub-dresden.de/id335973167"/></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden</institution><repository key="http://digital.slub-dresden.de/idAPP2712-Bd-6"/><idno type="signatur">Mscr.Dresd.App.2712,B,21,91</idno></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="oai">APP2712-Bd-6</ab><ab type="alternativeOai">DE-611-2320673</ab><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab><ab type="pages">4 S. auf Doppelbl., hs. m. U. u. Adresse</ab><ab type="paper">25 x 19,9 cm</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-19/letters/view/309"><correspAction type="sent"><persName key="1098" ref="http://d-nb.info/gnd/100689590">Heinrich Voß</persName><placeName key="574" ref="http://d-nb.info/gnd/4023996-2">Heidelberg</placeName><date when="1809-07-10">1809-07-10</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="766" ref="http://d-nb.info/gnd/118607960">August Wilhelm von Schlegel</persName><placeName key="228" ref="http://d-nb.info/gnd/1027948-9">Coppet</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000069.tif.original.jpg"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000070.tif.original.jpg"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000071.tif.original.jpg"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000072.tif.original.jpg"/><graphic n="5" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000073.tif.original.jpg"/><graphic n="6" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000074.tif.original.jpg"/><graphic n="7" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000075.tif.original.jpg"/><graphic n="1" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6_tif/jpegs/00000331.tif.original.jpg"/><graphic n="2" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6_tif/jpegs/00000332.tif.original.jpg"/><graphic n="3" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6_tif/jpegs/00000333.tif.original.jpg"/><graphic n="4" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6/Mscr_APP2712-Bd-6_Bd.6_tif/jpegs/00000334.tif.original.jpg"/></facsimile><text><body><div><p>[1] Schon lange wollte ich Ihnen schreiben, verehrter Mann, und wartete nur auf einen gesunden Tag; da aber der noch immer nicht kommen will, so will ich es als Kranker thun. <persName key="1444">Herr Zimmer</persName> hat mich gestern gebeten, ihm vor meiner Abreise zur <placeName key="4694">Badischen</placeName> Heilquelle noch ein Brieflein zurückzulassen, das er einem Pakete an Sie gütigst beilegen will. – Ihr Besuch im vorigen Sommer hat uns große Freude gemacht. Gottlob! daß ich nun doch den Mann gesehen habe, zu dem ich von je her die unbegrenzteste Achtung und Liebe fühlte! Aber, daß Sie so kurz bei uns waren, verzeihe ich Ihnen – oder lieber dem Schicksale – noch nicht, und ich halte Sie beim Worte, daß Sie wiederkommen, und dann auch sich unserm Hause etwas schenken wollen. – Ihr freundliches Wort über <name key="1419" type="work">meine <persName key="11">Äschylos</persName>bemühungen</name>, und <name key="982" type="work"><name key="983" type="work"><persName key="4">Shakspear</persName>versuche</name></name>, das auch <persName key="271">meinem Vater</persName> wohl that, tönt noch in meinen Ohren – aber wie wenig habe ich seitdem arbeiten können! Den ganzen Winter bin ich krank gewesen, und kann noch nicht genesen; mir ist wahrscheinlich nur eine kurze Lebensspanne zugemessen – und sehr schmerzhaft ist mir dabei das eine, daß ich wohl nicht alles ausführen werde, wozu ich Beruf in mir spüre. In den wenigen heiteren Zwischenmomenten bedurfte ich einer geistigen Erquickung; ich fing an, <name key="1401" type="work"><name key="2132" type="work">den Macbeth</name></name> zu übersezen; <persName key="1764">mein jüngerer Bruder Abraham</persName> ward mit hineingezogen, ich rieth ihm, an <name key="1115" type="work"><name key="2138" type="work">Cymbelin</name></name> sein Heil zu versuchen, und <name key="2126" type="work">beide Übersezungen</name> sind wirklich so weit gediehen, daß sie schon in <persName key="539">Herrn Cottaʼs</persName> Händen sich befinden. Bald sollen Sie sie <name key="2126" type="work"><name key="2125" type="work">gedruckt</name></name> erhalten. Ich darf wohl rühmend von diesen Arbeiten sagen, daß sie besser sind als <name key="983" type="work">Lear</name> und <name key="982" type="work">Othello</name>; sie sind genauer, präciser, an einigen Stellen absichtlich weniger tönend, gewiß <persName key="4">shakspearischer</persName> als meine ersten Versuche – aber Sie, verehrter Mann, sind nicht zu erreichen. Wohl glaube ich, daß <name key="2132" type="work">mein Macbeth</name> Stellen hat, die mit dem Besten <name key="1486" type="work">Ihres Hamlet</name> wetteifern können – aber vom ganzen kann ichs nicht sagen, und kein Schmeichler wird es mir je einreden. Es ist ein unnennbarer Zauber über <name key="344" type="work">Ihren Shakspeare</name> ausgegossen, den ich ganz fühle und begreife, aber mit aller Kunst und Anstrengung nicht nachzuschaffen weiß. – Aber man kann Ihnen schon nachstehen, und doch noch hoch genug stehen. Ich freue mich, daß ich bis jezt im Shakspeare nach Ihnen der erste bin, und dies lasse ich mir auch nicht ausreden. – Nehmen Sie freundlich unsern Shakspeare an, wenn er gedruckt ist, und geben Sie uns dann in <name key="94" type="periodical">der Jenaischen L.[iteratur] Z[ei]t[un]g</name> ein Urtheil – darum bitten wir inständigst. – Meinen Lear habe ich auch schon umgearbeitet – Othello soll auch noch zurechtgefeilt werden – dann werde ich noch wohl <name key="2127" type="work"><name key="2128" type="work"><name key="2129" type="work">Coriolan</name></name></name> und mein Bruder <name key="2130" type="work"><name key="2131" type="work">die beiden Veroneser</name></name> übersezen. – Der Redaction <name key="1017" type="periodical">des Morgenblattes</name> hatte ich aufgetragen, Ihnen alles zuzusenden, was von mir und meinem Bruder in Übersezungen erschienen. Man hat es, wie ich nun erfahre, versäumt – da ich kaum voraussezen darf, daß das M[or]g[en]bl.[att] zu Ihnen wird gekommen sein, so will ich Ihnen schriftlich einige Proben mittheilen, zugleich bemerkend, daß die <name key="2132" type="work">Hexenscene[n]</name> Act 4 noch vor kurzem von mir strenge durchgefeilt sind, und daß ich hierin geleistet habe, was meine Kräfte erlaubten. Ich halte für unmöglich das <hi rend="slant:italic">refrain bubble, toil and trouble</hi> – besser zu machen, als <persName key="1402"><name key="2133" type="work">Bürger</name></persName>. Ich übersezte<lb/><hi rend="weight:bold">Doppelt</hi><lb/><hi rend="weight:bold">Müh und Kraft</hi><lb/><hi rend="weight:bold">doppelt Kraft gekoppelt, Gluten flammt, ihr Brodel bobbelt</hi> – werde aber, wie schon im Morgenblatt geschehn ist, die Bürgersche Übersezung beibehalten – wiewohl <hi rend="weight:bold">modelt</hi> auch nur zur Noth geht. Ich habe wohl 4 Tage nachgesonnen, um noch etwas [2] zu finden – aber alles vergebens. Nur Schlegel kann hier besseres finden, wenn es anders <hi rend="weight:bold">möglich</hi> ist. – Mit <hi rend="weight:bold">strudelt und sprudelt</hi> habe ich auch eins gemacht – aber schon die Reime sind verwerflich. Den Schluß dessen, was die zweite Hexe spricht, wo die selben Reime benuzt sind, hat Bürger mir doch nachgelassen: <hi rend="weight:bold">Das, soll Zauberspuk sich modeln, Muss im Möllenkessel brodeln.</hi> – <hi rend="weight:bold">Spuk</hi> ist glaube ich noch das einzige Wort, das man mit <hi rend="weight:bold">modeln</hi> in Verbindung bringen kann. – Unglaublich ist es, was <persName key="1045">Eschenburg</persName> für Fehler besonders <name key="1115" type="work">im <name key="2134" type="work">Cymbelin</name></name> gemacht hat. Der brave Mann hat zu schnell gearbeitet. – Den Ausdruck im zweiten Act (Pförtnerscene) <hi rend="slant:italic">here you may roast yoor goose, taylor</hi> – glaube ich mir aus dem Plattdeutschen erklären zu können, wo ein Bügeleisen <hi rend="weight:bold">een Sniderbraten</hi> heißt. – Sollte man nicht im Deutschen troz <hi rend="weight:bold">Bügelgans</hi> sagen können? – denn <hi rend="weight:bold">roast</hi> sollte doch wohl durch <hi rend="weight:bold">braten</hi> übersezt werden. – Aber eine Stelle (<hi rend="weight:bold">Cymbelin Act. IV</hi> gleich nachdem Imogen als todt hereingetragen ist) halte ich für sehr schwer?<lb/><lb/><persName key="1764">Mein Bruder</persName> <name key="2138" type="work">übersezte im <name key="1017" type="periodical">Morgenblatt</name></name>:<lb/><hi rend="slant:italic">O melancholy!</hi><lb/><hi rend="slant:italic">who ever yet could sound thy bottom! find</hi><lb/><hi rend="slant:italic">the ooze, to shew what coast thy sluggish crare</hi><lb/><hi rend="slant:italic">might easily harbour in?</hi><lb/><lb/><hi rend="weight:bold">O Schwermuth!</hi><lb/><hi rend="weight:bold">Wer konnte jemals deine Tiefʼ ergründen,</hi><lb/><hi rend="weight:bold">Die Watt' erspähen, wo dem Strande nah</hi><lb/><hi rend="weight:bold">Dein träges Schif sich ruhig bettete.</hi><lb/><lb/>Ist Zusammenhang in den Säzen <hi rend="slant:italic">who</hi> – <hi rend="slant:italic">bottom</hi>! und <hi rend="slant:italic">find</hi> pp? Ich denke mir <hi rend="slant:italic">bottom</hi> ist Meergrund – <hi rend="slant:italic">ooze</hi> Schlamm auf dem Meergrunde. Wer Schlamm mit dem Senkblei heraufzieht, mag es als einen Beweis ansehen, daß Land und Hafen nahe sind. Aber wie kann die <hi rend="weight:bold">Schwermuth</hi> zugleich Meergrund (<hi rend="slant:italic">bottom</hi>) und Schiff auf dem Meere sein (<hi rend="slant:italic">crare</hi>)? – Dies hat meinen Bruder bewogen <hi rend="slant:italic">sound thy bottom</hi> durch <hi rend="weight:bold">deine Tiefʼ</hi> <hi rend="weight:bold">ergründen</hi> zu übersezen (da es sonst wohl heißen müßte <hi rend="weight:bold">wer kam dir jemals auf den Grund</hi>) und so fällt der enge specielle Zusammenhang mit dem folgenden weg. – Kann <hi rend="slant:italic">ooze</hi> Watte bedeuten – <name key="2134" type="work">Eschenburgs Übersezung</name> scheint ja zu antworten. In keinem Lexikon finde ich dergleichen. – Hätten Sie Lust, verehrter Mann, uns diese Stelle zu erklären, und zu <hi rend="weight:bold">übersezen</hi>? Ihnen ist das ja ein leichtes; und uns könnte es recht bedeutend und wichtig werden, eine solche Perle von Ihnen bekommen zu haben, mit der wir ein wenig prahlen könnten. – Nun will ich Ihnen noch ein paar Fragmente aus beiden Stücken mittheilen –<lb/><lb/><name key="2132" type="work"><hi rend="weight:bold">Macbeth Act. 1.</hi></name><lb/>Erste H.[exe] Wo gewesen, Schwester?<lb/>2. H.               Schweine gewürgt.<lb/>3. H.               Schwester, wo Du?<lb/>1. H.               Kastanien hattʼ ein Schifferweib im Schooß,<lb/>                       Und schmaztʼ und schmaztʼ und schmaztʼ. <hi rend="weight:bold">Gieb mir</hi> sprach ich.<lb/>                       <hi rend="weight:bold">Troll Dich</hi>, Du Hexe, schrie das wampige Aas.<lb/>                       Ihr Mann ist zur Türkei geschift, Patron vom Tiger;<lb/>                       Im Siebe schwimmʼ ich nach – ich kannʼs –<lb/>                       Wie eine Ratte, ohne Schwanz!<lb/>                       Ich thuʼs, ich thuʼs, ich thuʼs!<lb/>2. Hexe          Ich gebʼ Dir einen Wind.<lb/>1. Hexe          Bist gut gesinnt.<lb/>3. Hexe          Und ich noch einen.<lb/>1. Hexe          All die andern sind die meinen,<lb/>                      Ja, die Viertel wo sie wehn,<lb/>                      Jeder Punct, auf dem sie stehn<lb/>                      In des Seemanns Rose.<lb/>                      Ich will dürr, wie Heu, ihn dörren,<lb/>                      Will ihn tummeln, will ihn zerren;<lb/>                      Schlaf soll weder Nacht noch Tag<lb/>                      Ruhn auf seinem Augendach<lb/>                      Schwerer Wochen neunmal neun<lb/>                      Siech und elend schwindʼ er ein.<lb/>                      Darf sein Schiff nicht untergehn,<lb/>                      Doch soll Sturm es drehn und drehn.<lb/>                      Schau was ich habe.<lb/>2. Hexe         Her, weis her.<lb/>1. Hexe         Eines Schiffers Daum ist der,<lb/>                      Dem der wilde Sturm das Schiff<lb/>                      Auf der Heimfahrt warf ans Riff.<lb/>3. Hexe         Was trommelt da? Macbeth ist nah!<lb/>Alle               Wir Schicksalsschwestern, Hand in Hand,<lb/>                      Schweifen über Meer und Land;<lb/>                      Rund herum gehen wir rundum;<lb/>                      Dreimal mein und dreimal dein<lb/>                      Und dreimal wiederum, macht neun. –<lb/>                      Halt! Der Zauber ist vollbracht.<lb/>                      – – – – – – –<lb/><lb/><hi rend="weight:bold">Macbeth</hi><lb/>Zween Sprüche des Orakels sind erfüllt.<lb/>Als Glücksprologen zu dem stolzen Spiel<lb/>Von königlichem Inhalt. – Dank, ihr Herrn!<lb/>Die mehr als menschliche Auffoderung<lb/>Kann schlimm nicht sein, kann gut nicht sein; wenn schlimm,<lb/>[3] Was reichte sie ein Pfand mir des Erfolgs,<lb/>Wahrhaft beginnend? Ich bin Than von Cawdor.<lb/>Wenn gut, warum beschleicht mich die Versuchung,<lb/>Vor deren Schreckgestalt aufsträubt mein Haar,<lb/>Mein festes Herz an meine Rippen pocht<lb/>So unnatürlich? Gegenwärtʼge Schrecken<lb/>Sind schwächer als graunhafte Fantasieʼn.<lb/>Dies Bild, das bloße Hirngespinst von Mord,<lb/>Durchschüttert meine Menschheit so, daß alle<lb/>Spannkraft sich löst in Ahndung, und nichts ist,<lb/>Als was nicht ist.<lb/><lb/><name key="2132" type="work"><hi rend="weight:bold">Act 3. Sc.[ene] 1.</hi></name><lb/><hi rend="weight:bold">Macbeth</hi><lb/>So weit sein ist noch nichts,<lb/>Doch sicher so sein. Unsre Furcht vor Banquo<lb/>Liegt tief; in seiner königlichen Seele<lb/>Herrscht das was Furcht erweckt; er wagt sich hoch;<lb/>Und diesem unverzagten Heldenmuth<lb/>Wohnt eine Klugheit bei, die all sein Thun<lb/>Zum Zwecke lenkt. Nur er ists, er allein,<lb/>Daß Dasein mich in Furcht hält; unter ihm<lb/>Fühlt sich mein Geist gedämpft, wie <persName key="6015">Marc Antons</persName><lb/>Vor <persName key="942">Cäsars</persName> Genius. – Er schalt die Schwestern,<lb/>Als sie zuerst mich König nannten, hieß sie<lb/>Ihm reden; und dann grüßten sie profetisch<lb/>Ihn Vater eines Zugs von Königen.<lb/>Mir fügten sie aufs Haupt die dürre Krone<lb/>Den unfruchtbaren Zepter in die Faust,<lb/>Den mir entdrehn soll eine fremde Hand,<lb/>Indem kein Sohn mir folgt. Ist dem also<lb/>Habʼ ich für Banquoʼs Stamm mein Herz befleckt,<lb/>Für sie erwürgt den gnadenreichen Duncan,<lb/>Gallʼ eingemischt in meines Friedens Kelch,<lb/>Allein für sie; und mein unsterblich Kleinod<lb/>Dem allgemeinen Menschenfeind verkauft<lb/>Um sie zu krönen, Banquos Stamm zu krönen*)!<lb/>Eh dies geschieht, komm Schicksal in die Schranken,<lb/>Und laß uns kämpfen bis aufs Blut! – Wer da?<lb/><lb/><name key="2138" type="work"><hi rend="weight:bold">Cymbelin Act. IV.</hi></name><lb/><hi rend="weight:bold">Imogen</hi> im Erwachen.<lb/>Ja, Freund, nach <placeName key="6016">Milfordhafen</placeName>; wohin gehtʼs?<lb/>Habt Dank. – Bei jenem Busch? – wie weit bis dort?<lb/>Du meine Zeit! – kannʼs noch sechs Meilen sein?<lb/>Ich ging die Nacht durch. – Ja, nun will ich schlafen.<lb/>Doch halt! kein Bettgenoß. – O all ihr Götter!<lb/>Sie sieht den Leichnam<lb/>Die Blumen hier sind wie die Lust der Welt,<lb/>Der blutge Mann ihr Leid. – Ich hoffʼ, ich träume;<lb/>So dünkte mir, ich wärʼ ein Höhlenwächter,<lb/>Und Koch für wackre Leut – ʼs ist nicht so;<lb/>Ein Pfeil nur wars von Nichts auf Nichts geschnellt,<lb/>Im Hirn aus Dunst erzeugt! Selbst unser Auge<lb/>Ist oft wie unser Urtheil blind. Mein Treu,<lb/>Ich zittre noch vor Furcht; doch wenn der Himmel<lb/>Nur noch ein Tröpfchen Mitleid hat, so winzig<lb/>Als eines Hänflings Augʼ, ihr furchtbaren Götter,<lb/>Gebt mir ein Theil davon! Der Traum währt fort;<lb/>Selbst wenn ich wach bin, ist er außer mir,<lb/>Wie in mir, eingebildet nicht, gefühlt.<lb/>Ein Mann ohnʼ Haupt! – Das Kleid des Posthumus!<lb/>Sein Bein erkennʼ ich, dies ist seine Hand;<lb/>Dies sein Merkursfuß; seine Herkulsarme;<lb/>Marsschenkel – nur sein Jupitersgesicht!<lb/>Mord, Mord im Himmel? Wie? ʼs ist hin! – Pisanio,<lb/>Der tollen Hekuba gesammte Flüche<lb/>Und meine sein auf Dich geschleudert! Du,<lb/>Im Bund mit dem verruchten Teufel Cloten,<lb/>Hast meinen Herrn enthauptet. – Schreiben, Lesen,<lb/>Sei Hochverrath fortan ! – Du Schuft, Pisanio<lb/>Hast mit verfälschten Briefen, Schuft Pisanio,<lb/>Von diesem schönsten Prachtschif auf der Welt<lb/>Den Hauptmast abgehaun. pp.<lb/><lb/><name key="2138" type="work"><hi rend="weight:bold">Lied aus Act 2.</hi></name><lb/>Horch, horch, die Lerchʼ im Ätherblau!<lb/>Und Phöbus, neu erweckt,<lb/>Tränkt seine Rosse mit dem Thau<lb/>Der Blumenkelche deckt.<lb/>Der Ringelblume Knospe schleußt<lb/>Die goldnen Äuglein auf;<lb/>Mit allem, was da reizend heißt,<lb/>Du süße Maid, steh auf<lb/>Steh auf, Steh auf.<lb/><lb/><name key="266" type="work"><persName key="166">Calderon</persName> <hi rend="slant:italic">tom</hi>. 2</name> hab ich mit unendlichem Vergnügen gelesen, besonders <name key="742" type="work">die Brücke von Mantible</name>. O geben Sie bald mehr, und <name key="2144" type="work">die in <name key="144" type="periodical">der Europa</name> versprochne Charakteristik dieser Stücke</name>. Ich bewundere Sie wegen dieser Übersezung – in so kurzen Zeilen, vom Reim gefesselt, solche Klarheit – aber welche Grazie haucht Ihren Arbeiten den süßen Zauber ein, dies unendlich schöne Colorit, das alle Sinne erquickt? – Geben Sie uns nun bald auch <name key="272" type="work">Shakspeare <hi rend="slant:italic">tom</hi>. 9</name>. – O ich weiß, durch <persName key="641">Gries</persName>, daß das Manuscript dazu ganz fertig liegt. – Mit den Assonanzen bin ich nun vollkommen ausgesöhnt, etwa die auf e e ausgenommen. Das u e im Anfange des zweiten Acts der Brücke von Mantible thut eine furchtbar schöne Wirkung. – Leben Sie wohl, theurer und verehrter Mann. <persName key="271">Mein Vater</persName> grüßt Sie, und <persName key="1764">mein Bruder</persName> empfiehlt sich Ihrer Gewogenheit. Ihr ergebener<lb/>Heinrich Voß<lb/><placeName key="574">Heidelberg</placeName> 10 Jul. [180]9.<lb/>[4]<lb/>Ihre metrischen Regeln, den fünffüßigen Jambus betreffend, sind von uns befolgt worden. Ich hoffe, Sie sollen finden, daß diesmal mit Spondeen kein Misbrauch getrieben ist, wie hin und wieder noch im <name key="983" type="work">Lear</name> und <name key="982" type="work">Othello</name> geschehen. Die recht tönenden Verse gehören mehr in eine Übersezung des <persName key="3319">Milton</persName>. Wenn Sie aber in <name key="2137" type="work">der Recension <name key="2136" type="work">des <persName key="792">Stolbergschen</persName> Äschylos</name></name> die dactylischen Ausgänge dem fünffüßigen Verse versagen – so glaube ich doch, Sie gehen zu weit. Für einen gleitenden Ausgang kann es der Leser nicht nehmen, weil sich die Melodie und der Rhythmus des Verses seinem Gefühle schon eingeprägt hat, und eben der Versrhythmus macht _◡◡ zum _◡_. Ich befrage in solchen Fällen mein Ohr, und in den Fällen, wo dieses mir dactylische Endungen erlaubt, sezte ich sie getrost hin. Sie selber haben ja auch solche Ausgänge im <name key="344" type="work">Shakspeare</name> wo ich sie nicht wegwünsche.<lb/>In <placeName key="15">Berlin</placeName> ist jezt <persName key="220">ein Übersezer</persName> <name key="1293" type="work"><name key="1294" type="work">der Numantia</name></name> erstanden, von dem in <name key="2135" type="periodical">der Eleganten Zeitung</name> eine Probe stand – im Ganzen brave, fleißige Arbeit – aber mir schien sie mehr Eleganz als Fülle und Kraft zu haben. Doch ich kann auch hierin irren – und will lieber erst urtheilen, wann ich sie ganz gelesen habe.<lb/><lb/>*) [<hi rend="slant:italic">über gestrichenem:</hi>] [Um sie zu] Königen zu machen, Banquos Geschlecht zu Königen!</p></div></body></text></TEI>
