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<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc n="466"><titleStmt><title>Felix Theodor von Bernhardi an August Wilhelm von Schlegel</title><editor><persName role="Herausgeber"><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Herausgeberin"><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName><persName role="Technische Koordination"><forename>Radoslav</forename><surname>Petkov</surname><affiliation>Universität Trier</affiliation></persName><persName role="Bearbeiterin"><forename>Olivia</forename><surname>Varwig</surname><affiliation>Philipps-Universität Marburg</affiliation></persName></editor><respStmt><orgName ref="https://www.uni-marburg.de">Philipps-Universität Marburg</orgName><orgName ref="https://www.slub-dresden.de">Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden</orgName><orgName ref="http://kompetenzzentrum.uni-trier.de">Kompetenzzentrum für elektronische Erschließungs- und Publikationsverfahren in den Geisteswissenschaften an der Universität Trier / Trier Center for Digital Humanities</orgName><resp ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-19/contact">Mitwirkende</resp></respStmt></titleStmt><editionStmt><edition/></editionStmt><publicationStmt><publisher><persName><forename>Jochen</forename><surname>Strobel</surname></persName><persName><forename>Claudia</forename><surname>Bamberg</surname></persName></publisher><availability><licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/3.0/de/">Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland (CC BY-NC-SA 3.0 DE)</licence><ab type="version">version-10-19</ab><ab type="edition">Digitale Edition der Korrespondenz August Wilhelm Schlegels</ab><ab type="state">Einmal kollationierter Druckvolltext mit Registerauszeichnung</ab></availability><date when="2019-10-15"/><idno type="url">https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-19/letters/view/466</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl n="carrier1"><title>Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 2. Der Texte zweite Hälfte. 1809‒1844. Bern u.a. ²1969, S. 424‒427.</title><idno type="print">335973167_ThBernhardianAWS_21111823</idno><relatedItem target="http://digital.slub-dresden.de/id335973167"/></bibl><msDesc n="carrier2"><msIdentifier><institution>Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden</institution><repository key="http://digital.slub-dresden.de/idDE-1a-33958"/><idno type="signatur">Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.13,Nr.20</idno></msIdentifier><physDesc><objectDesc><ab type="oai">DE-1a-33958</ab><ab type="alternativeOai">DE-1a-1924888</ab><ab type="alternativeSignatur">Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.13,S.77-80</ab><ab type="type">Manuscript</ab><ab type="subtype">Original</ab><ab type="pages">3S. auf Doppelbl., hs. m. U. u. Adresse</ab><ab type="paper">24,8 x 20,2 cm</ab><ab type="note">Datum nach der Handschrift korrigiert.</ab></objectDesc></physDesc></msDesc></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc ref="https://august-wilhelm-schlegel.de/version-10-19/letters/view/466"><correspAction type="sent"><persName key="96" ref="http://d-nb.info/gnd/116146346">Felix Theodor von Bernhardi</persName><placeName key="2535" ref="http://d-nb.info/gnd/4018272-1">Freiburg im Breisgau </placeName><date when="1823-11-24">1823-11-24</date></correspAction><correspAction type="received"><persName key="766" ref="http://d-nb.info/gnd/118607960">August Wilhelm von Schlegel</persName><placeName key="887" ref="http://d-nb.info/gnd/1001909-1">Bonn</placeName></correspAction></correspDesc></profileDesc></teiHeader><facsimile><graphic n="1" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000450.tif.original.jpg"/><graphic n="2" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000451.tif.original.jpg"/><graphic n="3" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000452.tif.original.jpg"/><graphic n="4" decls="carrier1" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/krisdefr_335973167_0002/krisdefr_335973167_0002_tif/jpegs/00000453.tif.original.jpg"/><graphic n="1" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/AWvS_DE-1a-33958_Bd.13/AWvS_DE-1a-33958_Bd.13_tif/jpegs/00000077.tif.original.jpg"/><graphic n="2" decls="carrier2" url="https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/AWvS_DE-1a-33958_Bd.13/AWvS_DE-1a-33958_Bd.13_tif/jpegs/00000078.tif.original.jpg"/></facsimile><text><body><div><p><placeName key="2535">Freiburg</placeName> d. 21sten Nov. 1823.<lb/>Schon ist mehr als ein Jahr verflossen verehrtester Freund, seitdem ich Sie sah und sprach, mancherley habe ich seitdem gesehen, mancherley neue Gegenstände sind an mir vorüber gegangen, über die ich oft gern Ihr leitendes Urtheil befragt hätte, so wie Ihnen meine Gedanken mitgetheilt. Es ist mein Stolz zu denken, daß Sie sich etwas für mich interessieren, erlauben Sie also, daß ich Ihnen berichten darf, wo ich bisher verweilt und in welchen Beschäftigungen.<lb/>Wie ich es Ihnen in meinem vorigen Brief bald nach meiner Ankunft in <placeName key="574">Heidelberg</placeName> meldete, brachte ich meinen Winter noch auf <orgName key="6184">dieser Universität</orgName> zu, und mehr als damals noch muß ich jetzt zugeben, daß ich besser gethan hätte nach <placeName key="887"><orgName key="6155">Bonn</orgName></placeName> zu gehen, die Vorlesungen waren für mich sehr unfruchtbar, ich konnte meinem Studienplan zu Folge sogar nur wenige davon benutzen. Für mich beschäftigt legte ich mich vorzüglich auf das Studium mehrerer neueren Sprachen, bemühte mich meine Kenntniß der ältern französischen Litteratur zu vervollständigen, besonders viele ihrer neueren Erscheinungen kennen zu lernen.<lb/>Die Briefe <persName key="132"><persName key="102">meiner Eltern</persName></persName> ließen mich hoffen, daß sie diesen Sommer schon nach Deutschland zurückkehren würden, ja diese Hoffnung ward eine Zeit lang fast zur Gewißheit, ich beschloß ihnen bis <placeName key="15">Berlin</placeName> entgegenzureisen, der Brief welcher mich benachrichtigte daß ihre Geschäfte sich verzögern, und sie ein Jahr länger in Liefland festhalten würden kam zu späth, ich war schon unterwegs und benutzte nun meine Reise, einen Theil des nördlichen Deutschlands kennen zu lernen. Einige Tage beschäftigte mich <orgName key="6185">die nach so vielem Verlust noch immer reiche Gemälde-Gallerie zu <placeName key="1517">Cassel</placeName></orgName>, und <placeName key="6186">das herrliche, ich möchte sagen kaiserliche Wilhelmshöhe</placeName>. Mehrere Gelehrte, einige Freunde unter den jungen Leuten suchte ich zu <placeName key="2">Göttingen</placeName> auf, und es hatte etwas Rührendes für mich, zu sehen, daß <persName key="102">mein Vater</persName> nach so langen Jahren, noch bey so vielen Menschen, in so lebhaftem und freundschaftlichem Andenken steht. – Von hier begann ich eine Fußreise durch den Harz, die reich an Genuß und Belehrung war; durch reitzende Thäler wandelte ich, und an alten Burgen vorüber, deren Mauern zerfallen sind, deren Geschichte nur noch in dunklen Sagen fortlebt; einen Theil der menschlichen Thätigkeit der mir bisher ziemlich fremd geblieben war, den Bergbau sah ich hier. Viel bin ich herum gekrochen in denen engen Bauen wo man der Natur ihre Schätze entwendet. Jetzt kam ich nach <placeName key="229">Halle</placeName>, nach dem nüchternen <placeName key="22">Leipzig</placeName>, und durch jene furchtbaren Sandwüsten nach <placeName key="15">Berlin</placeName>.<lb/>Sie kennen den Ort, Sie wissen, daß er nicht arm an Kunstschätzen ist, obgleich man sie weniger kennt, und nicht viel davon spricht. Doppelt erfreulich war es mir an der Hand <persName key="56">meines Onckles Friederich</persName> durch die Gallerien zu <placeName key="15">Berlin</placeName> und <placeName key="4013">Sans Souci</placeName> zu gehn, sowie doppelt lehrreich. Viel Freude machten mir die unzähligen Anstalten zum Vergnügen des eigentlichen Volks, die vielen Gärten um die Stadt herum, wo der ehrsame Bürger bey seinem wohlfeilen Glase Bier, ein billiges Conzert anhöhrt. Auch das Theater trug viel dazu bey meinen Aufenthalt angenehm zu machen, denn obgleich eine eigentliche Leitung, und folglich die Einheit fehlt, ist doch manches einzelne Talent sehr anzuerkennen, und im Einzelnen wird doch oft sehr erfreuliches geleistet.<lb/>Von hier wendete ich meine Schritte nach <placeName key="13">Dresden</placeName>, was an und für sich schön, paradiesisch erscheint wenn man aus <placeName key="15">Berlin</placeName> dahin kömmt. Mit welcher Lust ich hier die Heiligthümer der Kunst durchwandelte, brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen; und hier erst wo ich wieder allein war, fühlte ich welchen Nutzen mir mein Aufenthalt in Berlin, die belehrende Gesellschaft <persName key="56">meines Onkels</persName> genützt hatte, wie sehr sich mein Auge geübt, der Sinn für die Kunst entwickelt hatte; um vieles näher befreundet, stand ich den großen Geistern der Vergangenheit gegenüber.<lb/>In den böhmischen Bädern fand ich in einer schönen Natur zahlreiche und glänzende Gesellschaften versammelt, Heiterkeit schien hier überall zu herrschen, und ich zauderte nicht aus vollem Herzen Antheil daran zu nehmen, aber auch eine ernstere Erinnerung nahm ich mit von hier die mir ewig theuer bleiben wird, ich lernte <persName key="137">Göthe</persName> in <placeName key="2536">Marienbad</placeName> kennen. Schüchtern näherte ich mich dem ehrwürdigen Greise, ich glaubte zu bemerken, daß ihm meine Gesellschaft nicht unangenehm sey, und so wurden wir bald näher bekannt. Ich glaubte mich wieder in die Tage versetzt, welche ich so glücklich mit Ihnen zu <placeName key="887">Bonn</placeName> verlebte, und diese in Marienbad zugebrachten, werden ewig wie jene zu meinen liebsten Erinnerungen gehöhren. Ich habe noch wenige Menschen gefunden, deren Denkungsweise so vollkommen mit der meinigen übereinstimmte; überall ergänzte und erweiterte er mit reifem Geist meine Ansicht, und nirgends trat er mit ihr in Wiederspruch.<lb/>Die Schweitz besuchte ich jetzt, der großen Natur überließ ich mich, nachdem ich an so manchem großen Kunstwerk vorüber gegangen war, die freien <placeName key="2537">Appenzeller</placeName> besuchte ich auf ihren Bergen, den Vierwaldtstätter See; ich erstieg den St. Gotthart, und ging von hier, über die gewaltigen Gebürge in das reitzende <placeName key="226">Berner</placeName> Oberland, wo die Natur sich erschöpft hat, und das Schöne mit dem riesenmäßig Großen vereinte. Über Bern selbst und <placeName key="2538">Solothurn</placeName>, durch die schönen Thäler des Jura nahm ich meinen Rückweg nach <placeName key="392">Basel</placeName>. So hatte ich in diesen einen Sommer alles zusammengedrängt was das Leben schmückt, ausgenommen die Heimath.<lb/><persName key="102">Mein Vater</persName> glaubt so wie ich selbst daß es für mich jetzt nützlich wäre, nach <placeName key="171">Paris</placeName> zu gehen; ich kenne Frankreich nur wenig, und das kann man doch eigentlich nirgends kennen lernen, als in seiner Hauptstadt, die es vollständig repräsentirt; so manches bewahrt sie zugleich, was mein Auge für die Kunst üben, und mir eine reiche Ausbeute sein wird; auch dem Studium neuerer Sprachen kann ich mich dort widmen, und finde vielleicht mehr Mittel dort als irgend anderswo. Aber Paris ist in jeder Hinsicht ungeheuer, es ist schwer sich dort auf eine vortheilhafte Weise in die Gesellschaft einzuführen, und sich die äußern Annehmlichkeiten des Lebens zu verschaffen, es ist eben so schwer in mancherley Studien unter so vielen die sich hier bieten gleich den rechten Weg zu finden, und ein falscher muß natürlich einen großen Zeitverlust zur Folge haben.<lb/>Indem ich dies alles überlege wende ich mich natürlich zuerst an Sie verehrter Freund, ich weiß daß Sie in <placeName key="171">Paris</placeName> so mancherley Verbindungen, daß Sie dort Freunde haben welche Sie verehren. Von Ihrem Rath geleitet kann es mir nicht fehlen, die zweckmäßigsten Mittel zur Fortsetzung meiner Studien zu ergreifen, von Ihnen empfohlen, darf ich mit einiger Zuversicht auf eine gute Aufnahme in der Gesellschaft rechnen, und ich richte daher die Bitte an Sie mir einige Empfehlungsschreiben mit zu geben.<lb/>Ich hatte den Plan über <placeName key="887">Bonn</placeName> und <placeName key="575">Brüssel</placeName> zu reisen, damit ich Sie mündlich darum bitten könnte, allein theils ist seitdem wieder einige Zeit verstrichen und die Ausführung meines Plans heischt jetzt Eile, theils weiß ich nicht gewiß, ob Sie von Ihrer Reise nach England schon zurück gekehrt sind, und ob ich nicht selbst diesen Brief, in Hinsicht auf die Empfehlungen, vergebens an Sie richte.<lb/>Aber sie sind mir zu wichtig, ich bitte Sie dringend mich nicht ohne solche nach <placeName key="171">Paris</placeName> reisen zu lassen, sollten sie auch etwas späth kommen. Ich hoffe Sie werden gütig mir zugleich einige Nachrichten von sich geben, die ich seit so langer Zeit in doppeltem Sinn entbehre, und Sie werden vielleicht einigen Rath hinzufügen, über den Weg welchen ich in jener Riesenstadt zu nehmen habe.<lb/><persName key="132"><persName key="102">Meine Eltern</persName></persName> tragen mir in jedem Briefe auf, sie Ihrem freundschaftlichen Andenken zu empfehlen, ich habe bisher keine Gelegenheit gefunden, und thue es jetzt.<lb/>Mit dem vollsten Vertrauen, auf Ihre Güte und Freundschaft, schließe ich meinen Brief, indem ich mich Ihnen empfehle<lb/>Ihr<lb/>ergebenster Freund<lb/>Th.[eodor] von Knorring.<lb/><lb/>P. S. Nach der Unterschrift fällt es mir ein, daß ich benachrichtigen muß; ich weiß selbst nicht recht warum mir der Nahme <persName key="96">Felix</persName> durchaus nicht zusagt, schon seit geraumer Zeit ist mein zweiter Theodor im Gebrauch, ich schreibe mich immer so.<lb/>Eine sichere Addresse an mich ist, unter meinem Nahmen nach <placeName key="988"><hi rend="weight:bold">Mannheim</hi></placeName>, bey <persName key="2539">Herrn Rath <hi rend="weight:bold">Biermann</hi></persName>. Noch einmal empfehle ich mich Ihnen bestens.</p></div></body></text></TEI>
