• Friedrich de La Motte-Fouqué to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Nennhausen · Place of Destination: Unknown · Date: 11.04.1806
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich de La Motte-Fouqué
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Nennhausen
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 11.04.1806
  • Notations: Absendeort erschlossen.
    Printed Text
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: 335976727
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 1. Der Texte erste Hälfte. 1791‒1808. Bern u.a. ²1969, S. 306‒318.
  • Incipit: „[1] [Nennhausen] abgesandt am 11t April 1806
    Wie soll ich Dich grüßen, mein Freund, mein Bruder, und Meister, um Dir mein Herz [...]“
    Manuscript
  • Provider: Dresden, Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek
  • OAI Id: APP2712-Bd-7
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,25,3
  • Number of Pages: 12 S. auf Doppelbl. u. 4 S., hs. m. U.
  • Format: 23,1 x 19 cm; 19 x 11,5 cm
    Language
  • German
[1] [Nennhausen] abgesandt am 11t April 1806
Wie soll ich Dich grüßen, mein Freund, mein Bruder, und Meister, um Dir mein Herz so hinzugeben, wie es von der freudigsten Rührung über Deinen Zuruf wallt! Mir fehlen die rechten Worte für ein solches Gefühl. In Träumen hatte ich wohl schon ehr gemeint, es müße so kommen, aber daß es nun wirklich da ist, daß Du nun mit der alten ewigneuen Liebe die Hand nach mir ausstreckst, – dies erweckt mir eine Begeistrung, so heilig sie nur je durch meinen Busen quoll. Ich zweifelte noch halb, indem ich die bekannten, so lang ersehnten Züge wieder entdeckte, und die schöne Ueberzeugung trat nun, mit jedem Worte erhebender und tröstender hervor. Fast möchte ich eine solche Stunde nicht durch meine lange Verlassenheit zu theuer erkauft halten; – ich sage: fast, damit Du nicht auf den Gedanken kommen mögest, mir einen solchen Genuß zum zweitenmal zu bereiten. Des Menschen Leben ist kurz, und meines könnte über die Vorbereitung vergehn. Schreib mir nun wieder recht oft, mein Theurer, Geliebter, Du, welcher mir von Allen zuerst das rechte Vertrauʼn und die rechte Scheu erwecktest, und der auch immer der Einzige bleiben wird, mit dem ich über die Kunst und meine Bestrebungen nach ihr auf die Weise sprechen kann, die mir genügt. Ich könnte Dir nun ein Buch schreiben statt eines Briefes, soviel liegt mir auf dem Herzen und bewegt sich vor meinem Geiste; vor Allem aber laß uns zuerst die trübe Beimischung abfertigen, welche uns auch in der höchsten Freude an unsre Endlichkeit und Beschränkung erinnern muß. Ich rede von dem, was Deine Beilage vorzüglich enthält, und schreibe auch meine Antwort darüber auf zwei abgesonderte kleinre Blätter, welche ich Dich jetzt zu lesen bitte, damit alsdann unsre Unterhaltung freier und fröhlicher fortschreiten möge. [Sieh die Beilage am Schlusse des Briefs.]
Du hast nun hoffentlich gelesen und abgemacht, was ich überhaupt gern vergeße, am liebsten, wenn ich mit Dir zu reden habe, und von so erfreulichen Dingen. Unter diesen steht die Nachricht von den schönen und würdigen [2] Verhältnissen, in denen Du gegenwärtig lebst, oben an. Die Ungewißheit über die Art und Weise Deines Seins und Thuns bei mir ganz fremden Personen hat mich oft genug während Deines Schweigens beunruhigt, und ich trug, wie Du in dem Briefe an meine Frau ganz recht sagst, die verdiente Schuld meiner Unbeholfenheit oder Thorheit (nenne es wie Du willst) womit ich in Berlin Dein freundliches Anerbieten, mich bei Frau von Stael einzuführen, ausschlug. Ich habe es nachher oft genug bereut; nicht nur wegen jener Ungewißheit, sondern auch, weil es der letzte Wunsch gewesen war, den Du an mich gerichtet hattest, und er war unerfüllt geblieben. Dies Gefühl trieb mir in den einsamen Stunden, wo ich all Deiner Freundschaft und Liebenswürdigkeit gedachte, und mich nach Dir so herzlich hinüber sehnte, schon oft Thränen inʼs Auge. Nun Dein ganzes schönes Verhältniß so offen und erfreulich vor mir liegt, leide ich wieder auf eine andre Weise, und abermals verdient. Ich könnte nun so glücklich sein, mir das Bild Deiner edlen Freundin recht oft hervorzurufen, sie an Deiner Seite lebendig zu sehn, und Alles viel besser zu verstehn, was Du von ihr schreibst, wenn ich damals kein Thor gewesen wäre. Es ist nun einmal nicht aufzuheben, und ich muß mich mit der Hoffnung trösten, das Versäumte noch künftig nachholen zu können. Du wirst doch wieder das gute Deutsche Land besuchen, vielleicht gar Berlin noch einmal in Gesellschaft Deiner Freundin, und Nennhausen genießt dann vielleicht des Glücks, Dich und sie zugleich zu bewirthen. Kämst Du nicht sobald in unsre Nähe, so bestimme mir den nächsten Punkt, auf welchem Dich Deine Reise an mir vorüberführte. Ich würde Alles möglich zu machen suchen, einem solchen Wink zu Liebe. Empfange nun meinen herzlichsten Glückwunsch des schönen Looses halber, das Dir der Himmel zugetheilt hat. Nun sage man noch, die Dichter seien keine Lieblinge der Götter, und ständen nicht in ihrem unmittelbaren Schutz! Eben so mußtest Du leben, in solcher Pflege der Achtung und inniger Freundschaft, in solcher Abgerissenheit von den Bekümmernissen der aeussern Welt. Seit ich Deine Briefe gelesen habe, wage ich es nicht mehr, mit dem Geschick zu schelten, daß es Dich mir auf so weit und so lange hin entführte. Es wäre ein elender Egoismus, sich nicht an dem Glücke des entfernten Freundes laben zu können, an [3] einem Glücke, wie ich es Dir früher gewünscht habe, ohne es eigentlich in der Hoffnung vor mir zu sehn. Solche edle Fürstinnen (billig nennst du Deine Freundin so) erscheinen nur selten in dem tragikomischen Nachspiele dieser Zeit. Ich schreibe Dir nichts von der allgemeinen Freude, welche Du durch Deine Briefe in unserm Cirkel erweckt hast, weil ich dies meiner Frau nicht vorweg nehmen darf. Nur das sage ich Dir: ein lebhafteres Gefühl und ein ungetheilteres ist selten durch die Botschaft eines Freundes erweckt worden. Du bist sehr geliebt, und erfreust durch Deine Briefe noch Viele außer mir. Um auch von entferntern Bekannten zu reden, theile ich Dir noch mit, daß Du von den Berlinern sehr zurück gewünscht wirst. Deine Freunde haben viele Fragen deshalb zu beantworten, Du kannst leicht denken, von wie verschiedenartigem Gehalt. Aber im Ganzen ist dort die gute Wirkung Deiner Anwesenheit noch immer sichtbar, obgleich der Nachahmungstrieb auch manchen Ungeweihten zur drolligen Fratze verzerrt. Doch das hast Du ja schon früher Alles selbst gesehn, und ich darf nur hinzufügen, daß es auf die ähnliche Weise fortdauert. Was Du aus der Ferne herüber tönen läßt, wird mit Begierde aufgefaßt, früher die Rezension von Bonstettens Werk in der Jen.[aischen] Lit.[eratur] Zeit.[ung], und vor Allem natürlich Deine Elegie. Sie war nicht dem Auftrage, deßen Du erwähnst, zu Folge hierher geschickt worden, und machte daher durch ihre Erscheinung selbst einen elegischen Eindruck auf mich. Ich fühlte mich von Dir wie vergessen, daß Du auch hierbei meiner nicht gedacht hättest, und ging in der That wie über Trümmern einer blühenden Zeit dem Denkmal entgegen, welches Du auf den Trümmern einer großen gesungen hattest. Als ich nun aber wirklich eintrat in die herrliche Dichtung, und die ernsten Gebilde, von der Kraft des Rhythmus neu belebt, an mir vorüberzogen, da vergaß ich mich selbst über der Größe und dem Unglück der Welt. Es ist eine ächt römische Gewalt in diesen Worten, den mächtigen Beschwörungsformeln, denen der Geist der alten Helden sich einergiebt. Und dieser Flügelschlag des Verses! Ich habe die Schönheit des elegischen Sylbenmaaßes, die Klarheit des Hexameters und des Pentameters lieblichen Fall nie lebendiger empfunden als hier, obgleich der letztre (der Pentameter) auch einen ernstern, gehaltnern, römischern Character [4] angenommen hat. Da Du doch einmal Blicke in die neuere, romantische Zeit hinüber wirfst, indem Du die Künstler hervorrufst, hätte ich wohl auch gewünscht die zweite, intellectuelle Herrschaft Roms durch die Päbste im Gegensatz der ersten kriegerischen aufgeführt zu sehn. Es war ja doch auch Rom, und so sehr Rom, als das alte nur immer gewesen ist. Schreib mir darüber, und belehre mich, lieber Meister, denn dies wirst Du mir bleiben durch alle Zeit. Ich fühle es, welche Fodrungen ich nun an mich selbst zu machen habe, um Deiner werth zu sein. Wie ich seit unsern letzten Unterhaltungen, als Künstler gelebt und gerungen habe, darüber vergönne mir nun, Dir ausführliche Rechenschaft abzulegen, oder vielmehr laß mich noch etwas weiter zurückgehn, um Dir klar anzugeben, wie die bisher durchlaufne Bahn mir an dem Punkt, auf dem ich jetzt stehe, erscheint.
Als ich mich Dir zuerst näherte, war mir das Ziel, nach dem ich zu trachten hatte, keineswegs deutlich bewußt. Es regte sich ein verworrnes Treiben und Sehnen in mir, die Technik der Kunst war mir durch so viele abgeschmackte Kunstlehren, mit auch durch Hülsens seltsamen Unglauben daran, verdächtig geworden. Ich meinte, sie laure uns nur mit buntverkleideten Netzen auf, um uns zum mechanischen Sklavendienst einzufangen. Von der Gunst des Augenblicks erwartete ich Alles. Den Spruch: das Himmelreich kann Gewalt erleiden: verstand ich unter allen Sprüchen göttlicher und menschlicher Weisheit am wenigsten, und auf unbewußte, absolute Eingebung verließ ich mich so gänzlich, daß es ein Mensch mit mir verderben konnte, wenn er die klug überlegte Absichtlichkeit an irgend einem Kunstwerke verstand und lobte. Im Traume, meinte ich, müße das Urbild uns erscheinen, im halben Wahnsinn nachgeschaffen werden. Als Du diesen wilden Strom hemmtest, und ihm sein friedliches Bette anzuweisen begannst, fühlte ich mir natürlich eine ganz neue Welt aufgeschloßen. Davon hatte ich nichts geahnet, nie etwas dem Aehnliches gekannt, und im Ringen, die neugezeigte Herrlichkeit zu faßen, gerieth ich bald auf das entgegengesetzte Gebiet. Nun galt mir die Form mit ihren sinnreichen Spielen Alles, und die alte, trübe Wildheit löste sich in einzelne lachende Bilder auf, die ich mit vielem Stolz betrachtete, wenn sie auf eine nicht unverständige Weise zu einem Ganzen aneinandergereiht waren. Wenn man hierzu die anfängliche Unbeholfenheit und Ungewandtheit meiner Sprache nimmt, so muß man den Meister beklagen, der in dieser Periode meiner Lehrjahre mit mir zu thun hatte. Du milder, freundlicher Mensch, ertrugst mich mit unbegreiflicher Geduld, und ließest die Hoffnung auf künftige beßre Blüthen nicht sinken. Es ist mir schon beinah im ganzen Ernst eingefallen, ob Du nachdem Du mich so weit gebracht hattest, daß ich Arme und Beine so ziemlich nach eignem Belieben regen konnte, nicht absichtlich auf eine Zeitlang von mir zurückgetreten seist, um mich an selbstständigern und festern Gang zu gewöhnen. So manchen tiefen Schmerz ich auch in jener Zeit empfunden habe, kann ich doch nicht läugnen, daß ich dadurch ernster in mich selbst zurückgetrieben ward, und meine eigne Wahrheit mehr in der Poesie zu suchen begann. In dieser Periode ist das Reh geschrieben und daher wohl der seltsame Abstrich von tragischem Ernst und leichter Gaukelei, der dieses Gedicht zu einem so ungleichartigen Ganzen bildet. Besser gelang es mir mit den Romanzen vom Thale Ronceval. Der tragische Gegenstand derselben war mir von jeher unbeschreiblich lieb gewesen, auch ehr ich die Sagen davon näher und ausführlicher kannte. In meinem Soldatenstande war mir oft die Ahnung eines solchen Endes aufgestiegen: Allein mit wenigen Tapfern, das Letzte noch kühnlich versucht und ehr den Othem als den Muth zum Widerstand aufgegeben. Und wer weiß, ob mir nicht wirklich etwas Aehnliches bevorsteht. In unsrer wildverworrnen Zeit kann Niemand sagen, er habe die Waffen auf immer abgelegt. Von solchen Gedanken immer begleitet traf ich auf das köstliche Gedicht Strykers im Schilter, und faßte mit ungewohnter Leichtigkeit und Klarheit den Gedanken zu meinen Romanzen. Mittelbar verdanke ich auch diese Anregung Dir. Ich mache nämlich von Deiner mir einst ertheilten Erlaubniß zu Benutzung Deiner Bücher Gebrauch, und es ist Dein Schilter, aus dem ich geschöpft habe. Neben dem Stryker findet sich [5] dort noch ein Fragment desselben Inhalts, davon jene Arbeit nur eine Uebersetzung in neuers Deutsch zu sein scheint. Mich dünkt, das alte Gedicht ist von Wolfram von Eschilbach. Die Romanzen Deines Bruders machten mir nachher viele Freude. Sie sind so ächt altdeutsch, als noch wenige der Werke unsrer Freunde, so ernst und kindlich und zutraulich. Es hätte sich treffen können, daß ihm meine Romanzen zugekommen wären, indeß er die seinigen dichtete, denn ich wollte sie ihm einmal zum Einrücken in die Europa schicken. – Doch jetzt wieder zu meinen Studien zurück. Ich arbeitete in jener Zeit an dem Galmy, den ich Dir nun bald gedruckt zu übersenden denke. Ich sage Dir dann das Nähere darüber. Hier erwähne ich nur, daß ich es recht eigentlich selbst bin, den ich darin ausser mir hingestellt habe, in den Tändeleien des ersten Teils, und in dem trüben Ernst des zweiten. Ich zog mich damals immer mehr von den Erwartungen auf aeussre Hülfe aller Art zurück. Du warst mir wie verschwunden, von L. Tieck erfuhr ich eben was die Beilage sagt, und ich hätte durchaus irre an mir selbst werden müßen, wenn ich nicht in so gestörten Verhältnissen kräftigen Gegenhalt im eignen Sinn gefunden hätte. Es trieb mich immer mehr zur Tragödie, die Wolkenbilder und nächtlichen Schatten einer frühern Periode stiegen wieder vor mir auf, und ich verweilte gern mit neu erwachter Liebe bei ihnen, ich bin überhaupt darin ein ächter Deutscher, daß mir doch wohl nur der Ernst recht eigenthümlich angehört. Eine vertrautere Bekanntschaft mit dem Calderon (ich habe nun schon die mehrsten seiner Schauspiele gelesen) führte mich wieder auf die Versmaaße, die unsrer Sprache eigenthümlicher sind, zurück, indem ich begriff, wie Dezime, Copla real u.s.w. doch nur den Spaniern ganz eigenthümlich sind, wenigstens für den fortgesetztern dramatischen Gebrauch, und wie ausser der Schwierigkeit der Nachbildung, auch wirklich solche Formen ohne die südliche, ja ich möchte sagen ohne die individuell Spanische Gluth nicht wohl bestehen können. Wie siegreich Du mit dem Castilianer gerungen hast, wird ein beständiger Gegenstand meiner Bewundrung bleiben. [6] Ich habe mich unvermerkt dem Zeitpunkt genähert, wo ich nicht mehr über mich selbst eigentlich urtheilen kann, weil der Beobachter mit dem Beobachteten zusammenfällt. Dies bleibt Dir nun gänzlich überlassen, und mir, die dazugehörigen Data zu liefern.
Vor Allem laß mich Dir sagen, daß die Stelle in Deinem Briefe, wo Du mich zur Bearbeitung von Heinrich des Vierten Leben ermahnst, und überhaupt zu ernsthaftern historischern Gedichten, die freudigste Bewegung in mir erweckt hat. Wir sind zusammengetroffen in den Gedanken über die Richtung meiner Poesie überhaupt, und in der Wahl des Stoffes selbst. Ein so festes unsichtbares Band hat Meister und Jünger verbunden gehalten. Ich habe den Entwurf zu drei Trauerspielen aus Heinrichʼs Leben gemacht. Das erste: Heinrich und die Sachsen, ist vollendet, und wird, wie ich denke, bald erscheinen; an dem zweiten: Heinrich in Canossa, arbeite ich gegenwärtig, und Heinrichs Tod wird den Gegenstand des dritten ausmachen. Ich schreibe Dir bei Uebersendung des ersten näher darüber, und über die ganze Idee, jetzt erwähne ich nur, daß mir Johannes Müllers frühere Schriften, die über den Fürstenbund, und die Reisen der Päbste von wesentlicher Hülfe sind. Es wird bald von mir gelten, was Du von Schillers Wilhelm Tell sagst: Müllern gehört das Beste davon. Ich kenne fast nichts Begeisternders, als diese kurzen, blitzähnlichen Worte, mit denen er wundervolles Licht über die Dunkelheit der Vorwelt verbreitet. Lessings Berengarius habe ich gleichfalls benutzt. Ich hätte mir es nicht getraut, ein Stück, das in Italien spielt, vorzunehmen, ohne wenigstens etwas näher mit Italischer Sprache und Sitte bekannt zu sein. Im Ariost bin ich bis nahe auf die Hälfte gekommen. Es ist nicht zu bewundern, wenn man in diesem Gedicht schnelle Fortschritte macht. Es läßt nicht ab, uns mit sich fortzureissen in seine Strudel von phantastischer Schönheit. Einen seltsamen Contrast bildet es für mich, wenn ich aus diesen Gluthen in die nordische Zauberwelt des Saxo Grammaticus hinaufsteige, wo man ungezogne Helden, wilde Frauenzimmer, kurze sprüchwörtliche Weisheit und gräsliche Erscheinungen antrifft, und doch unter allʼ dieser Rohheit die unverkennbare Anlage zum [7] Ritterthum. Wüßtʼ ich, daß Du damit noch weniger bekannt wärest, so schriebe ich Dir wohl einmal ausführlichere Nachrichten darüber. Das Spanische setze ich mit Eifer fort, und gebrauche Deinen Calderon fleissig. In Schubärts Bibliotheca castellana ist mir das alte fragmentarische Heldengedicht vom Cid sehr merkwürdig gewesen, auch der Form nach, indem das Versmaaß dem der Nibelungen auf eine unverkennbare Weise ähnlich sieht. In beiden glaube ich den Ursprung des spätern Alexandriners zu erkennen. Von meinen Arbeiten bleibt mir die gewagteste noch zu erzählen. Ich habe auf Deinem Boden zu erndten versucht, durch einen Versuch in der poetischen Uebersetzungskunst. Ob ich mein Werk nach seiner Vollendung dem Publikum vorlegen werde, weiß ich noch nicht. Ich treibe es aus eigner Lust, finde eine treffliche Gelegenheit zur Uebung im Versbau dabei, und gerathe auch noch in mancher andern Hinsicht auf Bemerkungen, die mir wichtig sind. Mein Original ist nämlich the troublesome reign of King John, die alte Quelle aus der Shakespear seinen König Johann geschöpft hat. Du kannst leicht denken, wie interessant und lehrreich die Vergleichung zwischen dem ersten Stück und Shakespears Arbeit ausfallen müßte, wenn sie von einem ächten Kritiker unternommen würde. Schon ich finde manches Bedeutende für mich auf. Auch läugne ich nicht, daß ich eine besondre Vorliebe für dies alte Gedicht an und für sich selbst hege. Der grosse tragische Contrast zwischen Arthurs lieblicher Unschuld und der verächtlichen, gottverlassnen Politik der Uebrigen, der in Shakespeares Werk das Gemüth so erschütternd bewegt, findet zwar hier beiweitem nicht in seiner ganzen Klarheit statt. Obgleich die Szene zwischen Arthur und Hubert des Innigen, Pathetischen, ja auch des Kindlich-Zarten Vieles enthält, wie auch die Todesszene Arthurs, findet man doch den Knaben in den frühern Streitigkeiten viel zu sehr von Partheiwuth und Eigennutz mit ergriffen, als daß er so ganz die reine Unschuld, in bessern Welten daheim, in der unsrigen gemishandelt, repräsentiren sollte. Dagegen tritt der Bastard in ganz eigenthümlicher Herrlichkeit hervor. Von wilder Lustigkeit ist auch hier ein Anflug in ihm, aber sonst nimmt er die Sachen ernster, ich möchte sagen grimmiger, löwenähnlicher als der Shakespearische. Er sieht seinem Vater mehr gleich, [8] besonders in der Szene, wo er die Mutter mit Drohung, Bitte und Scherz zwingt, ihm zu gestehn, daß er von Richard erzeugt sei, und jene zu ihrer Entschuldigung das gewaltige Liebeswerben des Königs beschreibt, ein vollkommnes Vorbild der Art, mit welcher der Bastard eben verfuhr. Alsdann sind die Bedrückungen, welche die Klöster treffen, mit vieler Keckheit im Romanzensilbenmaaß ausgeführt, zum Nachtheil der Geistlichen nämlich, denen mit protestantischem Spott allerlei lustige Vergehn angedichtet werden. Johanns Vergiftung durch den Mönch ist tragisch und ausführlich dargestellt, und ich möchte fast glauben, Shakespeare sei durch eine aeußre Veranlassung bewogen gewesen, dies nur so kurz und fast räthselhaft anzudeuten. Mit der Uebersetzung bin ich schon ziemlich vorgerückt, bis auf den ersten Frieden Englands und Frankreichs vor Angiers. Sollte ich meine Arbeit bekannt machen, und Interesse dafür bemerken, so ließe ich vielleicht den Leir and this three daughters folgen, der zwar meinem Bedünken nach an poetischen Werth unter dem King John steht, aber doch an Schönheiten nicht arm ist, und zur Vergleichung mit Shakespeare noch interessantere Veranlassungen darbietet. Der grosse Britte ist durch Dich unsern Landsleuten vertrauter geworden, die Ahnung seiner Herrlichkeit weniger selten, vielleicht sähe man auch seine Vorgänger mit Theilnahme an, um so mehr, da Manches, was die schlechte Kritik über Shakespeare gewörtelt hat, hier augenscheinlich, selbst dem blödesten Sinne widerlegt wird, vorzüglich im Lear, oder vielmehr Leir, wie der alte Dichter ihn schreibt. Willst Du, so rede ich mit Dir hierüber nächstens ausführlicher. Doch wahrscheinlich habe ich Dir von längstbekannten Dingen gesprochen. Um so besser für mich, da ich Deine Meinung alsdann desto entscheidender und ausführlicher vernehmen kann. Ausser den genannten Studien beschäftige ich mich vorzüglich mit Jakob Böhme und Theophrastus Paracelsus. Von dem erstern kann ich Dir nur sagen, daß er nothwendig und ganz eigenthümlich zu meinem Leben gehört, wie ein milder, leitender Vater. Mit Theophrastus wunderlichem Deutschlatein, oder Lateindeutsch, wie Du es nennen willst, hat man allerdings einen harten Kampf zu bestehn, aber die Beute ist reich. Ich suche mir durch Auszüge zu helfen, wo man denn leichter das Feststehende findet und Eins aus dem Andern erklärt. [9] Diese beiden Heroen der göttlichen und natürlichen Erkenntniß halten mich so gefesselt, und gnügen mir auch so vollkommen, daß ich wenig von den neuesten Erscheinungen der Philosophie vernommen habe. Erwarte darüber keinen Bericht von mir, wie ich denn überhaupt von der neusten Literatur das Tausendste nicht erfahre, und in Verlegenheit bin, wie ich Dir die interessanten Nachrichten von Deinen und Deines Bruders Arbeiten, wie auch von denen Deiner übrigen Freunde vergelten soll. Du willst ja indeß nicht nur vom Guten wißen, sondern auch von dem lustigern Schlechten. Beides also zusammengenommen eröffnet mir ein weitres Feld, und ich erzähle, was ich weiß. Daß Fichte im vergangnen Winter Vorlesungen, eine Anweisung zum seeligen Leben gebend, gehalten hat, wird Dir nicht neu sein. Wie ich höre, hat er vielen Zulauf und Beifall gefunden. Ich selbst bin den ganzen Winter über nicht in Berlin gewesen, und weiß also nichts Näheres darüber zu sagen. Das Unwürdige bietet indeß dem Würdigen noch immer hergebrachter Weise die Spitze. Als Beweis davon mag der Erfolg dienen, welcher die Buchholtzischen Gaukeleien noch immer begleitet, freilich großentheils nur bei einer gewissen Classe von Lesern, an der weder verloren noch gewonnen werden kann; indeß finden sich auch leider welche der Bessern mit in diesen Kreis gezogen, und nicht wenig dadurch verwirrt gemacht. Es geht freilich keine Sonne ohne Nebelgewölk auf. – In Chamissoʼs Almanach habe ich für dieses Jahr Gedichte gegeben, nicht etwa, weil ich von den poetischen Arbeiten des Herausgebers, noch weniger seiner Freunde, günstiger dächte, als vormals, sondern weil er mich darum gebeten hat, und vorzüglich, weil ich ein aufrichtiges und inniges Streben in ihm zu erkennen glaube, auch mit, weil ich die Jen.[aische] Lit.[eratur] Zeit.[ung] zwingen möchte mich zu resensiren. Denn als Deinem unmittelbaren Jünger, welchen Du selbst in die literarische Welt eingeführt hast, widerfährt mir mit Tieck u. a. m. die Ehre, gänzlich mit Stillschweigen übergangen zu werden. Wenigstens, wo ich mich mit meinem Schriftstellernamen unterzeichne; als Ungenannter habe ich den Zorn bereits empfunden, welcher sich dort gegen die neure Schule regt. Diese negative Art, Krieg zu führen, scheint sich bei Göthe und bei Allem, was unter seiner Direction steht, ordentlich zum System auszubilden. Es kommt mir aber vor, wie das militairische Cordon-System, wobei auf die Länge nichts Gutes herauskommt. Einzelne mündliche Aeusserungen Goethes wider die neuere Schule sind auch mir zu Ohren gekommen, doch bleiben die mir bekannten immer [10] in gewißen Schranken, so daß man sie allenfalls auch anders deuten könnte. – Es ist ein Trauerspiel erschienen, das Ende des Cevennenkrieges, welches ich Dich zu lesen bitte. Mich hat das Ganze sehr angesprochen, trotz der schlechten, oft fast unleidlichen Verse. Krieg für das Heiligste, Leben in den fröhlichen Wäldern, ein ganzes mystisch begeistertes Volk – welche herrliche Elemente, um daraus ein großes Gedicht zu bilden! Der Dichter ist der Geheimerath Sinclair (mit dem Anagramm: Crisalin unterzeichnet), der ehemals in Würtembergischen Diensten stand, und in die dortigen Streitigkeiten auf eine bedeutende Weise verwickelt war. Mannessinn und kriegrische Freudigkeit wird ihm Niemand absprechen können, der sein Werk gelesen hat. Und wie viel ist das schon in unsrer Zeit! Mir scheint es, als berechtige er zu schönen Erwartungen. – Hülsen wohnt gegenwärtig im Herzogthume Schleswig, und bearbeitet ein kleines Bauergut. Doch hoffe ich seine bis jetzt ungünstige Lage soll sich in aller Hinsicht vortheilhaft durch eine Heirath verändern, die er mit einem Fräulein, – in diesem Augenblick ist mir der Name nicht gegenwärtig – einzugehn im Begriff steht. Willst Du ihm schreiben so addressire nach Wagersrott, bei Schleswig, über Hamburg und Arrild. Er schrieb mir vor Kurzem, und trug mir auf, Dich zu grüßen, und Dich auf die Gedichte des Grafen Adam Moltke aufmerksam zu machen, welche in dieser Ostermesse bei Heinrich Gessner in Zürich erscheinen sollen. Er spricht aeusserst vortheilhaft darüber, und lobt vorzüglich die Sonette. Doch läßt er von einer Tragödie desselben Dichters noch mehr erwarten. Ich habe nichts von seinen Arbeiten gesehn. Noch ersucht er Dich, die grosse Menge der Druckfehler ja vor dem Lesen zu corrigiren, indem sie von der entstellendsten Art sein sollen. – Die Schreier, Merkel u. s. w. machen jetzt wenig Spaß mehr, doch hat sie ein Ungenannter, (ich höre, es soll Varnhagen sein), durch eine Sammlung aller wider Merkel erschienenen Poesie und Prosa von neuem gereitzt. Das Büchlein heißt Testimonium Auctorum de Merkelio, oder Paradiesgärtlein für Garlieb Merkel. Gut und schlecht, fein und plump steht hier Alles nebeneinander. Die hinzugekommnen Beiträge des Herausgebers oder seiner Freunde sind [11] ohne Werth, man müßte denn ein einziges Sonett ausnehmen. – Ein Verwandter von mir, Vizthum von Eckstädt, hat eine Sosandra geschrieben. Ich bitte Dich, daß Du mir die Sünde, ihm doch einigermaaßen anzugehören, verzeihst, der Offenheit halber, mit der ich sie bekenne. So etwas Schlechtes mit so vieler Prätension ist noch nicht leicht geschrieben. Wer hinter die Geheimniße des Delphischen Orakelspruches kommen will, muß es lesen. Er bekommt auch beiläufig Nachrichten von dem, was vorzüglich in den Mysterien abgehandelt ward. Ausserdem lernt er die honettesten Griechen von der Welt kennen, und die hübsch einig darüber sind, daß es mit ihrem Gottesdienste nur eine Art von zierlicher Decoration ist. Der blinde Aberglauben spielt aber den Meister. Sie müßen sich mit aller Aufklärung schlachten laßen, oder selber schlachten. Ein Athener ist noch, wie billig, der Klügste indem er sich bei Zeiten aus dem Staube macht. Es giebt übrigens abwechselnde Versmaaße darin, und was irgend sonst Mode ist; sogar eine Art von Dreiviertelstanzen.
Hier hast Du, mein geliebter Freund, meinen ganzen Vorrath von literarischen Neuigkeiten. Von dem Hamlet des Musje Schütz aus Halle habe ich noch nichts erfahren können. Ich will Dir dafür noch von mir selbst erzählen, daß ich in der gewohnten Ruhe still und friedlich fortlebe, woraus mich nur der Augenblick emporriß, in welchem mein Vaterland zu den Waffen griff. Durch die ehrenden, begeisternden Worte eines unsrer wackersten Generale, Rüchels, noch mehr angefeuert, blickte ich sehnsuchtsvoll nach den Schlachtfeldern hinüber, denen unser Heer entgegenzog; es hätte mich auch noch gewiß dahin gezogen,
aber es ward Friede, und ich –
Schwingʼ im Lied nun alter Ritter Lanze.
Das schöne Sonett, woraus ich diese Strophe nehme, werden meine Frau und ich mit Vergnügen als ein öffentliches Denkmal Deiner Freundschaft irgendwo gedruckt erblicken. – Nach diesem unendlichen Briefe bleibt mir noch so viel zu sagen, daß ich Dir nächstens wieder schreiben muß. Bereite Dich darauf vor, und laß mich ja nicht zu lange auf Antwort warten. Jetzt richte ich Dir nur noch die herzlichsten Grüsse von allen Deinen hiesigen Freunden aus. Giebst Du oder Friedrich irgend etwas heraus, wobei Ihr meine Gedichte brauchen könnt, so weißt Du, daß Du nur fodern darfst. Wenn Du in Berlin etwa Aufträge an Buchhändler oder sonst etwas Andres auszurichten hast, werde ich mich freuen Dir gefällig sein zu können. Im Fall daß Frau v. Stael etwas von mir weiß, bitte ich Dich, sie meiner lebhaftesten Hochachtung zu versichern. Leb wohl mein Herzlichgeliebtester. Ganz der Deinige
Fouqué
[12]
[Beilage:]
Ehr ich mich näher über Bernhardi äussre, muß ich Dich auf den Punkt zu stellen suchen, wo ich mich in dieser Hinsicht befinde, und deshalb mit Dir in die Vergangenheit zurückgehn. Als Du Berlin verließest, und fast der ganze Cirkel, der sich um Dich bewegte, gesprengt war, blieb ich natürlich auf Bernhardi ganz allein angewiesen, auf ihn, den ich als Deinen Freund kannte, und dem ich Brüderschaft zugesagt hatte in derselben schönen Stunde, wo ich den nähern Bund mit Dir schloß, und wo Du selbst mir ihn zugeführt hattest. Ich bedarf ohnehin der Freunde mehr als viele Andre. So heiter Du mich öfters und fast wohl immer gesehn hast, ziehn sich doch öfters sehr dunkle Schatten über mich hin, und weichen nur dem freundlichen Zuspruch der vertraulichen Mittheilung. Zudem erhielt ich nur durch B.[ernhardi] Nachrichten von Dir und von den Uebrigen, die ich in gutmüthigem Wahn, so gänzlich Eins glaubte, wie Leib und Seele nur immer sind. Ich fühlte mich durch dieses einzige Band noch Euch Allen verknüpft, und empfand eine desto lebhaftere Anhänglichkeit für meinen Freund. Er machte sich (ich kann es betheuern) während unsres ganzen Umgangs jenes heiligen Namens werth durch Theilnahme, Herzlichkeit und Offenheit. Diese letztre jedoch ging nie so weit, daß ihm auch nur die leiseste Klage über seine Frau entschlüpft [13] wäre, und ich, der ich selten oder nie Etwas merke, das man mir nicht gradezu sagt, hegte keine Ahnung von einem bedeutendern Misverhältniße, ob mir gleich Sophie Tieck kurz vor ihrer Abreise Winke darüber gegeben hatte. Denke Dir nun mein Erstaunen, meinen Schreck, als kurz vor dem unvermeidlichen Ausbruch dieser Zwistigkeiten Bernhardi mir den Blick in das ganze Gewebe öffnete. Er that es so spät als möglich, als mich fast schon das Gerede der Welt aufmerksam gemacht hätte. Er zeigte sich mir nicht frei von Fehlern, ja von Vergehen, aber verdiente das Alles eine solche Strafe? Um so weniger da er die möglichst schonenden Anerbietungen that, da er unter andern in eine gänzliche Trennung willigte, ihr die Kinder gänzlich überlaßen wollte, nur mit der Bedingung, sie möge in solcher Nähe wohnen, daß er seine Söhne sehn und sprechen könne? Darf man dies dem Vater verweigern? Und einem so unglücklichen Menschen als B.[ernhardi], der um der Tiecks willen fast alle andre Verbindungen aufgehoben hat, ja selbst mit seinen Aeltern entzweit lebt, wenigstens so gut als entzweit! Verzeihe einem so gestörten Gemüth, als das seinige es gegenwärtig ist, Uebereilungen und Fehltritte; ja, ich kann diese Lizenz wohl auch auf die Vergangenheit ausdehnen, wo er schon immer ein getrübtes und beängstigtes Leben führte. Ich habe eigenhändige Briefe gesehn, die jeden Verdacht einer Lüge aufheben. Du und ich, mein geliebter Freund, wollen das Rechte, Einer von uns ist im Irrthum über diese Verhältniße, und gern würde ich mich dazu bekennen, wenn nicht dies [14] eben so viel hieße, als einen Menschen unbedingt verwerfen, der mir Liebe und Vertrauen zeigt, den ich Jahre lang als Freund betrachtet, mit dem ich mich gemeinschaftlich gefreut, gemeinschaftlich mit ihm gearbeitet habe. Du fühlst gewiß, wie schmerzhaft mir auch nur ein solcher Gedanke sein muß. O auch dieser Ursache halb möchte ich so gern einen Tag mit Dir verleben! Im mündlichen Gespräch löst sich alles leichter und besser auf. Vieles auch läßt sich der Feder nicht wohl anvertrauen, was man in des Freundes Brust ohne Bedenken niederlegen würde. Wir würden gewiß einig. Du kennst mich vielleicht als einen nachlässigen Beobachter, und fußest also wohl (nicht mit Unrecht) wenig auf meine Meinung. Fichte aber und Schütz, Beide von hellerm und ruhigerm Gemüth, Beide von Anfang dem ganzen Verhältnisse näher, sehn die Sache grade so, und günstiger noch für B.[ernhardi], als ich sie Dir hier schrieb. Ich weiß dies aus ihrem eignen Munde. Auch Dein Bruder scheint, einem Briefe an B.[ernhardi] zu Folge, zu dessen Erheitrung und Aufrichtung beitragen zu wollen. Ich selbst habe mit dem redlichsten Willen über das unseelige Verhältniß nachgedacht, und durchaus keinen Grund gefunden, der einen Vater alles Anspruchs auf seine Kinder berauben könne. Ich mag wohl sagen, daß ich einen harten Kampf gekämpft habe in der Zeit, wo sich der verborgne Zwiespalt mir mehr und mehr entwickelte. Dazu kam noch, daß ich die unwürdigsten Aeusserungen L. Tiecks und Sophieens über mich vernahm, von der Letztern mir besonders schmerzhaft, da sie mir ehmals unläugbar Achtung und Vertrauen gezeigt hatte. Es betraf nicht sowohl einen Tadel dieser oder jener Seite, es galt den ganzen Menschen, und sein heiligstes Streben. Meine Nachrichten kamen von mehrern Seiten, so daß mir kein Zweifel übrig blieb. Ich war tief verletzt, und der schon lange bekämpfte, schon besiegte Unwille regt sich, indem ich dies [15] wieder berühre, mit erneuter Stärke. Ich rufe mir beruhigend zurück, daß ich zu Dir rede, meinem treuen, immer liebenden Freunde. Daß auch B.[ernhardi] Dich mir als solchen in jedem Augenblicke Deines Lebens aufgeführt hat, erwähne ich zur Steuer der Wahrheit. Bei mir bedurfte es keines Zeugnisses. Mochten auch Andre mich aufs Bitterste getäuscht haben: mein eignes Gefühl sagte mir, daß unsre Freundschaft ewig sei. Jene Kränkung theil ich Dir nur mit, um Dir nichts zu verschweigen. Auch kann ich die Versichrung hinzufügen, daß mein Unwille nach meinem besten Wissen und Wollen keineswegs Lenker meines Urtheils und Verfahrens in B.[ernhardi]ʼs Angelegenheit gewesen ist.
Ich habe geendet. Das einzige Schmerzhafte in diesen Stunden, die ich dem Gespräch mit Dir widme, ist vorüber, und von Dir wird es inʼs Künftige abhängen, diese Saite zu berühren oder nicht. Ihr Klang verletzt mein Innerstes, und ich genösse die Freude an Deinen Briefen so gern in voller Reinheit. Alles aber kommt auch hierin auf Dich an, mein theurer, geliebter Freund.
[1] [Nennhausen] abgesandt am 11t April 1806
Wie soll ich Dich grüßen, mein Freund, mein Bruder, und Meister, um Dir mein Herz so hinzugeben, wie es von der freudigsten Rührung über Deinen Zuruf wallt! Mir fehlen die rechten Worte für ein solches Gefühl. In Träumen hatte ich wohl schon ehr gemeint, es müße so kommen, aber daß es nun wirklich da ist, daß Du nun mit der alten ewigneuen Liebe die Hand nach mir ausstreckst, – dies erweckt mir eine Begeistrung, so heilig sie nur je durch meinen Busen quoll. Ich zweifelte noch halb, indem ich die bekannten, so lang ersehnten Züge wieder entdeckte, und die schöne Ueberzeugung trat nun, mit jedem Worte erhebender und tröstender hervor. Fast möchte ich eine solche Stunde nicht durch meine lange Verlassenheit zu theuer erkauft halten; – ich sage: fast, damit Du nicht auf den Gedanken kommen mögest, mir einen solchen Genuß zum zweitenmal zu bereiten. Des Menschen Leben ist kurz, und meines könnte über die Vorbereitung vergehn. Schreib mir nun wieder recht oft, mein Theurer, Geliebter, Du, welcher mir von Allen zuerst das rechte Vertrauʼn und die rechte Scheu erwecktest, und der auch immer der Einzige bleiben wird, mit dem ich über die Kunst und meine Bestrebungen nach ihr auf die Weise sprechen kann, die mir genügt. Ich könnte Dir nun ein Buch schreiben statt eines Briefes, soviel liegt mir auf dem Herzen und bewegt sich vor meinem Geiste; vor Allem aber laß uns zuerst die trübe Beimischung abfertigen, welche uns auch in der höchsten Freude an unsre Endlichkeit und Beschränkung erinnern muß. Ich rede von dem, was Deine Beilage vorzüglich enthält, und schreibe auch meine Antwort darüber auf zwei abgesonderte kleinre Blätter, welche ich Dich jetzt zu lesen bitte, damit alsdann unsre Unterhaltung freier und fröhlicher fortschreiten möge. [Sieh die Beilage am Schlusse des Briefs.]
Du hast nun hoffentlich gelesen und abgemacht, was ich überhaupt gern vergeße, am liebsten, wenn ich mit Dir zu reden habe, und von so erfreulichen Dingen. Unter diesen steht die Nachricht von den schönen und würdigen [2] Verhältnissen, in denen Du gegenwärtig lebst, oben an. Die Ungewißheit über die Art und Weise Deines Seins und Thuns bei mir ganz fremden Personen hat mich oft genug während Deines Schweigens beunruhigt, und ich trug, wie Du in dem Briefe an meine Frau ganz recht sagst, die verdiente Schuld meiner Unbeholfenheit oder Thorheit (nenne es wie Du willst) womit ich in Berlin Dein freundliches Anerbieten, mich bei Frau von Stael einzuführen, ausschlug. Ich habe es nachher oft genug bereut; nicht nur wegen jener Ungewißheit, sondern auch, weil es der letzte Wunsch gewesen war, den Du an mich gerichtet hattest, und er war unerfüllt geblieben. Dies Gefühl trieb mir in den einsamen Stunden, wo ich all Deiner Freundschaft und Liebenswürdigkeit gedachte, und mich nach Dir so herzlich hinüber sehnte, schon oft Thränen inʼs Auge. Nun Dein ganzes schönes Verhältniß so offen und erfreulich vor mir liegt, leide ich wieder auf eine andre Weise, und abermals verdient. Ich könnte nun so glücklich sein, mir das Bild Deiner edlen Freundin recht oft hervorzurufen, sie an Deiner Seite lebendig zu sehn, und Alles viel besser zu verstehn, was Du von ihr schreibst, wenn ich damals kein Thor gewesen wäre. Es ist nun einmal nicht aufzuheben, und ich muß mich mit der Hoffnung trösten, das Versäumte noch künftig nachholen zu können. Du wirst doch wieder das gute Deutsche Land besuchen, vielleicht gar Berlin noch einmal in Gesellschaft Deiner Freundin, und Nennhausen genießt dann vielleicht des Glücks, Dich und sie zugleich zu bewirthen. Kämst Du nicht sobald in unsre Nähe, so bestimme mir den nächsten Punkt, auf welchem Dich Deine Reise an mir vorüberführte. Ich würde Alles möglich zu machen suchen, einem solchen Wink zu Liebe. Empfange nun meinen herzlichsten Glückwunsch des schönen Looses halber, das Dir der Himmel zugetheilt hat. Nun sage man noch, die Dichter seien keine Lieblinge der Götter, und ständen nicht in ihrem unmittelbaren Schutz! Eben so mußtest Du leben, in solcher Pflege der Achtung und inniger Freundschaft, in solcher Abgerissenheit von den Bekümmernissen der aeussern Welt. Seit ich Deine Briefe gelesen habe, wage ich es nicht mehr, mit dem Geschick zu schelten, daß es Dich mir auf so weit und so lange hin entführte. Es wäre ein elender Egoismus, sich nicht an dem Glücke des entfernten Freundes laben zu können, an [3] einem Glücke, wie ich es Dir früher gewünscht habe, ohne es eigentlich in der Hoffnung vor mir zu sehn. Solche edle Fürstinnen (billig nennst du Deine Freundin so) erscheinen nur selten in dem tragikomischen Nachspiele dieser Zeit. Ich schreibe Dir nichts von der allgemeinen Freude, welche Du durch Deine Briefe in unserm Cirkel erweckt hast, weil ich dies meiner Frau nicht vorweg nehmen darf. Nur das sage ich Dir: ein lebhafteres Gefühl und ein ungetheilteres ist selten durch die Botschaft eines Freundes erweckt worden. Du bist sehr geliebt, und erfreust durch Deine Briefe noch Viele außer mir. Um auch von entferntern Bekannten zu reden, theile ich Dir noch mit, daß Du von den Berlinern sehr zurück gewünscht wirst. Deine Freunde haben viele Fragen deshalb zu beantworten, Du kannst leicht denken, von wie verschiedenartigem Gehalt. Aber im Ganzen ist dort die gute Wirkung Deiner Anwesenheit noch immer sichtbar, obgleich der Nachahmungstrieb auch manchen Ungeweihten zur drolligen Fratze verzerrt. Doch das hast Du ja schon früher Alles selbst gesehn, und ich darf nur hinzufügen, daß es auf die ähnliche Weise fortdauert. Was Du aus der Ferne herüber tönen läßt, wird mit Begierde aufgefaßt, früher die Rezension von Bonstettens Werk in der Jen.[aischen] Lit.[eratur] Zeit.[ung], und vor Allem natürlich Deine Elegie. Sie war nicht dem Auftrage, deßen Du erwähnst, zu Folge hierher geschickt worden, und machte daher durch ihre Erscheinung selbst einen elegischen Eindruck auf mich. Ich fühlte mich von Dir wie vergessen, daß Du auch hierbei meiner nicht gedacht hättest, und ging in der That wie über Trümmern einer blühenden Zeit dem Denkmal entgegen, welches Du auf den Trümmern einer großen gesungen hattest. Als ich nun aber wirklich eintrat in die herrliche Dichtung, und die ernsten Gebilde, von der Kraft des Rhythmus neu belebt, an mir vorüberzogen, da vergaß ich mich selbst über der Größe und dem Unglück der Welt. Es ist eine ächt römische Gewalt in diesen Worten, den mächtigen Beschwörungsformeln, denen der Geist der alten Helden sich einergiebt. Und dieser Flügelschlag des Verses! Ich habe die Schönheit des elegischen Sylbenmaaßes, die Klarheit des Hexameters und des Pentameters lieblichen Fall nie lebendiger empfunden als hier, obgleich der letztre (der Pentameter) auch einen ernstern, gehaltnern, römischern Character [4] angenommen hat. Da Du doch einmal Blicke in die neuere, romantische Zeit hinüber wirfst, indem Du die Künstler hervorrufst, hätte ich wohl auch gewünscht die zweite, intellectuelle Herrschaft Roms durch die Päbste im Gegensatz der ersten kriegerischen aufgeführt zu sehn. Es war ja doch auch Rom, und so sehr Rom, als das alte nur immer gewesen ist. Schreib mir darüber, und belehre mich, lieber Meister, denn dies wirst Du mir bleiben durch alle Zeit. Ich fühle es, welche Fodrungen ich nun an mich selbst zu machen habe, um Deiner werth zu sein. Wie ich seit unsern letzten Unterhaltungen, als Künstler gelebt und gerungen habe, darüber vergönne mir nun, Dir ausführliche Rechenschaft abzulegen, oder vielmehr laß mich noch etwas weiter zurückgehn, um Dir klar anzugeben, wie die bisher durchlaufne Bahn mir an dem Punkt, auf dem ich jetzt stehe, erscheint.
Als ich mich Dir zuerst näherte, war mir das Ziel, nach dem ich zu trachten hatte, keineswegs deutlich bewußt. Es regte sich ein verworrnes Treiben und Sehnen in mir, die Technik der Kunst war mir durch so viele abgeschmackte Kunstlehren, mit auch durch Hülsens seltsamen Unglauben daran, verdächtig geworden. Ich meinte, sie laure uns nur mit buntverkleideten Netzen auf, um uns zum mechanischen Sklavendienst einzufangen. Von der Gunst des Augenblicks erwartete ich Alles. Den Spruch: das Himmelreich kann Gewalt erleiden: verstand ich unter allen Sprüchen göttlicher und menschlicher Weisheit am wenigsten, und auf unbewußte, absolute Eingebung verließ ich mich so gänzlich, daß es ein Mensch mit mir verderben konnte, wenn er die klug überlegte Absichtlichkeit an irgend einem Kunstwerke verstand und lobte. Im Traume, meinte ich, müße das Urbild uns erscheinen, im halben Wahnsinn nachgeschaffen werden. Als Du diesen wilden Strom hemmtest, und ihm sein friedliches Bette anzuweisen begannst, fühlte ich mir natürlich eine ganz neue Welt aufgeschloßen. Davon hatte ich nichts geahnet, nie etwas dem Aehnliches gekannt, und im Ringen, die neugezeigte Herrlichkeit zu faßen, gerieth ich bald auf das entgegengesetzte Gebiet. Nun galt mir die Form mit ihren sinnreichen Spielen Alles, und die alte, trübe Wildheit löste sich in einzelne lachende Bilder auf, die ich mit vielem Stolz betrachtete, wenn sie auf eine nicht unverständige Weise zu einem Ganzen aneinandergereiht waren. Wenn man hierzu die anfängliche Unbeholfenheit und Ungewandtheit meiner Sprache nimmt, so muß man den Meister beklagen, der in dieser Periode meiner Lehrjahre mit mir zu thun hatte. Du milder, freundlicher Mensch, ertrugst mich mit unbegreiflicher Geduld, und ließest die Hoffnung auf künftige beßre Blüthen nicht sinken. Es ist mir schon beinah im ganzen Ernst eingefallen, ob Du nachdem Du mich so weit gebracht hattest, daß ich Arme und Beine so ziemlich nach eignem Belieben regen konnte, nicht absichtlich auf eine Zeitlang von mir zurückgetreten seist, um mich an selbstständigern und festern Gang zu gewöhnen. So manchen tiefen Schmerz ich auch in jener Zeit empfunden habe, kann ich doch nicht läugnen, daß ich dadurch ernster in mich selbst zurückgetrieben ward, und meine eigne Wahrheit mehr in der Poesie zu suchen begann. In dieser Periode ist das Reh geschrieben und daher wohl der seltsame Abstrich von tragischem Ernst und leichter Gaukelei, der dieses Gedicht zu einem so ungleichartigen Ganzen bildet. Besser gelang es mir mit den Romanzen vom Thale Ronceval. Der tragische Gegenstand derselben war mir von jeher unbeschreiblich lieb gewesen, auch ehr ich die Sagen davon näher und ausführlicher kannte. In meinem Soldatenstande war mir oft die Ahnung eines solchen Endes aufgestiegen: Allein mit wenigen Tapfern, das Letzte noch kühnlich versucht und ehr den Othem als den Muth zum Widerstand aufgegeben. Und wer weiß, ob mir nicht wirklich etwas Aehnliches bevorsteht. In unsrer wildverworrnen Zeit kann Niemand sagen, er habe die Waffen auf immer abgelegt. Von solchen Gedanken immer begleitet traf ich auf das köstliche Gedicht Strykers im Schilter, und faßte mit ungewohnter Leichtigkeit und Klarheit den Gedanken zu meinen Romanzen. Mittelbar verdanke ich auch diese Anregung Dir. Ich mache nämlich von Deiner mir einst ertheilten Erlaubniß zu Benutzung Deiner Bücher Gebrauch, und es ist Dein Schilter, aus dem ich geschöpft habe. Neben dem Stryker findet sich [5] dort noch ein Fragment desselben Inhalts, davon jene Arbeit nur eine Uebersetzung in neuers Deutsch zu sein scheint. Mich dünkt, das alte Gedicht ist von Wolfram von Eschilbach. Die Romanzen Deines Bruders machten mir nachher viele Freude. Sie sind so ächt altdeutsch, als noch wenige der Werke unsrer Freunde, so ernst und kindlich und zutraulich. Es hätte sich treffen können, daß ihm meine Romanzen zugekommen wären, indeß er die seinigen dichtete, denn ich wollte sie ihm einmal zum Einrücken in die Europa schicken. – Doch jetzt wieder zu meinen Studien zurück. Ich arbeitete in jener Zeit an dem Galmy, den ich Dir nun bald gedruckt zu übersenden denke. Ich sage Dir dann das Nähere darüber. Hier erwähne ich nur, daß ich es recht eigentlich selbst bin, den ich darin ausser mir hingestellt habe, in den Tändeleien des ersten Teils, und in dem trüben Ernst des zweiten. Ich zog mich damals immer mehr von den Erwartungen auf aeussre Hülfe aller Art zurück. Du warst mir wie verschwunden, von L. Tieck erfuhr ich eben was die Beilage sagt, und ich hätte durchaus irre an mir selbst werden müßen, wenn ich nicht in so gestörten Verhältnissen kräftigen Gegenhalt im eignen Sinn gefunden hätte. Es trieb mich immer mehr zur Tragödie, die Wolkenbilder und nächtlichen Schatten einer frühern Periode stiegen wieder vor mir auf, und ich verweilte gern mit neu erwachter Liebe bei ihnen, ich bin überhaupt darin ein ächter Deutscher, daß mir doch wohl nur der Ernst recht eigenthümlich angehört. Eine vertrautere Bekanntschaft mit dem Calderon (ich habe nun schon die mehrsten seiner Schauspiele gelesen) führte mich wieder auf die Versmaaße, die unsrer Sprache eigenthümlicher sind, zurück, indem ich begriff, wie Dezime, Copla real u.s.w. doch nur den Spaniern ganz eigenthümlich sind, wenigstens für den fortgesetztern dramatischen Gebrauch, und wie ausser der Schwierigkeit der Nachbildung, auch wirklich solche Formen ohne die südliche, ja ich möchte sagen ohne die individuell Spanische Gluth nicht wohl bestehen können. Wie siegreich Du mit dem Castilianer gerungen hast, wird ein beständiger Gegenstand meiner Bewundrung bleiben. [6] Ich habe mich unvermerkt dem Zeitpunkt genähert, wo ich nicht mehr über mich selbst eigentlich urtheilen kann, weil der Beobachter mit dem Beobachteten zusammenfällt. Dies bleibt Dir nun gänzlich überlassen, und mir, die dazugehörigen Data zu liefern.
Vor Allem laß mich Dir sagen, daß die Stelle in Deinem Briefe, wo Du mich zur Bearbeitung von Heinrich des Vierten Leben ermahnst, und überhaupt zu ernsthaftern historischern Gedichten, die freudigste Bewegung in mir erweckt hat. Wir sind zusammengetroffen in den Gedanken über die Richtung meiner Poesie überhaupt, und in der Wahl des Stoffes selbst. Ein so festes unsichtbares Band hat Meister und Jünger verbunden gehalten. Ich habe den Entwurf zu drei Trauerspielen aus Heinrichʼs Leben gemacht. Das erste: Heinrich und die Sachsen, ist vollendet, und wird, wie ich denke, bald erscheinen; an dem zweiten: Heinrich in Canossa, arbeite ich gegenwärtig, und Heinrichs Tod wird den Gegenstand des dritten ausmachen. Ich schreibe Dir bei Uebersendung des ersten näher darüber, und über die ganze Idee, jetzt erwähne ich nur, daß mir Johannes Müllers frühere Schriften, die über den Fürstenbund, und die Reisen der Päbste von wesentlicher Hülfe sind. Es wird bald von mir gelten, was Du von Schillers Wilhelm Tell sagst: Müllern gehört das Beste davon. Ich kenne fast nichts Begeisternders, als diese kurzen, blitzähnlichen Worte, mit denen er wundervolles Licht über die Dunkelheit der Vorwelt verbreitet. Lessings Berengarius habe ich gleichfalls benutzt. Ich hätte mir es nicht getraut, ein Stück, das in Italien spielt, vorzunehmen, ohne wenigstens etwas näher mit Italischer Sprache und Sitte bekannt zu sein. Im Ariost bin ich bis nahe auf die Hälfte gekommen. Es ist nicht zu bewundern, wenn man in diesem Gedicht schnelle Fortschritte macht. Es läßt nicht ab, uns mit sich fortzureissen in seine Strudel von phantastischer Schönheit. Einen seltsamen Contrast bildet es für mich, wenn ich aus diesen Gluthen in die nordische Zauberwelt des Saxo Grammaticus hinaufsteige, wo man ungezogne Helden, wilde Frauenzimmer, kurze sprüchwörtliche Weisheit und gräsliche Erscheinungen antrifft, und doch unter allʼ dieser Rohheit die unverkennbare Anlage zum [7] Ritterthum. Wüßtʼ ich, daß Du damit noch weniger bekannt wärest, so schriebe ich Dir wohl einmal ausführlichere Nachrichten darüber. Das Spanische setze ich mit Eifer fort, und gebrauche Deinen Calderon fleissig. In Schubärts Bibliotheca castellana ist mir das alte fragmentarische Heldengedicht vom Cid sehr merkwürdig gewesen, auch der Form nach, indem das Versmaaß dem der Nibelungen auf eine unverkennbare Weise ähnlich sieht. In beiden glaube ich den Ursprung des spätern Alexandriners zu erkennen. Von meinen Arbeiten bleibt mir die gewagteste noch zu erzählen. Ich habe auf Deinem Boden zu erndten versucht, durch einen Versuch in der poetischen Uebersetzungskunst. Ob ich mein Werk nach seiner Vollendung dem Publikum vorlegen werde, weiß ich noch nicht. Ich treibe es aus eigner Lust, finde eine treffliche Gelegenheit zur Uebung im Versbau dabei, und gerathe auch noch in mancher andern Hinsicht auf Bemerkungen, die mir wichtig sind. Mein Original ist nämlich the troublesome reign of King John, die alte Quelle aus der Shakespear seinen König Johann geschöpft hat. Du kannst leicht denken, wie interessant und lehrreich die Vergleichung zwischen dem ersten Stück und Shakespears Arbeit ausfallen müßte, wenn sie von einem ächten Kritiker unternommen würde. Schon ich finde manches Bedeutende für mich auf. Auch läugne ich nicht, daß ich eine besondre Vorliebe für dies alte Gedicht an und für sich selbst hege. Der grosse tragische Contrast zwischen Arthurs lieblicher Unschuld und der verächtlichen, gottverlassnen Politik der Uebrigen, der in Shakespeares Werk das Gemüth so erschütternd bewegt, findet zwar hier beiweitem nicht in seiner ganzen Klarheit statt. Obgleich die Szene zwischen Arthur und Hubert des Innigen, Pathetischen, ja auch des Kindlich-Zarten Vieles enthält, wie auch die Todesszene Arthurs, findet man doch den Knaben in den frühern Streitigkeiten viel zu sehr von Partheiwuth und Eigennutz mit ergriffen, als daß er so ganz die reine Unschuld, in bessern Welten daheim, in der unsrigen gemishandelt, repräsentiren sollte. Dagegen tritt der Bastard in ganz eigenthümlicher Herrlichkeit hervor. Von wilder Lustigkeit ist auch hier ein Anflug in ihm, aber sonst nimmt er die Sachen ernster, ich möchte sagen grimmiger, löwenähnlicher als der Shakespearische. Er sieht seinem Vater mehr gleich, [8] besonders in der Szene, wo er die Mutter mit Drohung, Bitte und Scherz zwingt, ihm zu gestehn, daß er von Richard erzeugt sei, und jene zu ihrer Entschuldigung das gewaltige Liebeswerben des Königs beschreibt, ein vollkommnes Vorbild der Art, mit welcher der Bastard eben verfuhr. Alsdann sind die Bedrückungen, welche die Klöster treffen, mit vieler Keckheit im Romanzensilbenmaaß ausgeführt, zum Nachtheil der Geistlichen nämlich, denen mit protestantischem Spott allerlei lustige Vergehn angedichtet werden. Johanns Vergiftung durch den Mönch ist tragisch und ausführlich dargestellt, und ich möchte fast glauben, Shakespeare sei durch eine aeußre Veranlassung bewogen gewesen, dies nur so kurz und fast räthselhaft anzudeuten. Mit der Uebersetzung bin ich schon ziemlich vorgerückt, bis auf den ersten Frieden Englands und Frankreichs vor Angiers. Sollte ich meine Arbeit bekannt machen, und Interesse dafür bemerken, so ließe ich vielleicht den Leir and this three daughters folgen, der zwar meinem Bedünken nach an poetischen Werth unter dem King John steht, aber doch an Schönheiten nicht arm ist, und zur Vergleichung mit Shakespeare noch interessantere Veranlassungen darbietet. Der grosse Britte ist durch Dich unsern Landsleuten vertrauter geworden, die Ahnung seiner Herrlichkeit weniger selten, vielleicht sähe man auch seine Vorgänger mit Theilnahme an, um so mehr, da Manches, was die schlechte Kritik über Shakespeare gewörtelt hat, hier augenscheinlich, selbst dem blödesten Sinne widerlegt wird, vorzüglich im Lear, oder vielmehr Leir, wie der alte Dichter ihn schreibt. Willst Du, so rede ich mit Dir hierüber nächstens ausführlicher. Doch wahrscheinlich habe ich Dir von längstbekannten Dingen gesprochen. Um so besser für mich, da ich Deine Meinung alsdann desto entscheidender und ausführlicher vernehmen kann. Ausser den genannten Studien beschäftige ich mich vorzüglich mit Jakob Böhme und Theophrastus Paracelsus. Von dem erstern kann ich Dir nur sagen, daß er nothwendig und ganz eigenthümlich zu meinem Leben gehört, wie ein milder, leitender Vater. Mit Theophrastus wunderlichem Deutschlatein, oder Lateindeutsch, wie Du es nennen willst, hat man allerdings einen harten Kampf zu bestehn, aber die Beute ist reich. Ich suche mir durch Auszüge zu helfen, wo man denn leichter das Feststehende findet und Eins aus dem Andern erklärt. [9] Diese beiden Heroen der göttlichen und natürlichen Erkenntniß halten mich so gefesselt, und gnügen mir auch so vollkommen, daß ich wenig von den neuesten Erscheinungen der Philosophie vernommen habe. Erwarte darüber keinen Bericht von mir, wie ich denn überhaupt von der neusten Literatur das Tausendste nicht erfahre, und in Verlegenheit bin, wie ich Dir die interessanten Nachrichten von Deinen und Deines Bruders Arbeiten, wie auch von denen Deiner übrigen Freunde vergelten soll. Du willst ja indeß nicht nur vom Guten wißen, sondern auch von dem lustigern Schlechten. Beides also zusammengenommen eröffnet mir ein weitres Feld, und ich erzähle, was ich weiß. Daß Fichte im vergangnen Winter Vorlesungen, eine Anweisung zum seeligen Leben gebend, gehalten hat, wird Dir nicht neu sein. Wie ich höre, hat er vielen Zulauf und Beifall gefunden. Ich selbst bin den ganzen Winter über nicht in Berlin gewesen, und weiß also nichts Näheres darüber zu sagen. Das Unwürdige bietet indeß dem Würdigen noch immer hergebrachter Weise die Spitze. Als Beweis davon mag der Erfolg dienen, welcher die Buchholtzischen Gaukeleien noch immer begleitet, freilich großentheils nur bei einer gewissen Classe von Lesern, an der weder verloren noch gewonnen werden kann; indeß finden sich auch leider welche der Bessern mit in diesen Kreis gezogen, und nicht wenig dadurch verwirrt gemacht. Es geht freilich keine Sonne ohne Nebelgewölk auf. – In Chamissoʼs Almanach habe ich für dieses Jahr Gedichte gegeben, nicht etwa, weil ich von den poetischen Arbeiten des Herausgebers, noch weniger seiner Freunde, günstiger dächte, als vormals, sondern weil er mich darum gebeten hat, und vorzüglich, weil ich ein aufrichtiges und inniges Streben in ihm zu erkennen glaube, auch mit, weil ich die Jen.[aische] Lit.[eratur] Zeit.[ung] zwingen möchte mich zu resensiren. Denn als Deinem unmittelbaren Jünger, welchen Du selbst in die literarische Welt eingeführt hast, widerfährt mir mit Tieck u. a. m. die Ehre, gänzlich mit Stillschweigen übergangen zu werden. Wenigstens, wo ich mich mit meinem Schriftstellernamen unterzeichne; als Ungenannter habe ich den Zorn bereits empfunden, welcher sich dort gegen die neure Schule regt. Diese negative Art, Krieg zu führen, scheint sich bei Göthe und bei Allem, was unter seiner Direction steht, ordentlich zum System auszubilden. Es kommt mir aber vor, wie das militairische Cordon-System, wobei auf die Länge nichts Gutes herauskommt. Einzelne mündliche Aeusserungen Goethes wider die neuere Schule sind auch mir zu Ohren gekommen, doch bleiben die mir bekannten immer [10] in gewißen Schranken, so daß man sie allenfalls auch anders deuten könnte. – Es ist ein Trauerspiel erschienen, das Ende des Cevennenkrieges, welches ich Dich zu lesen bitte. Mich hat das Ganze sehr angesprochen, trotz der schlechten, oft fast unleidlichen Verse. Krieg für das Heiligste, Leben in den fröhlichen Wäldern, ein ganzes mystisch begeistertes Volk – welche herrliche Elemente, um daraus ein großes Gedicht zu bilden! Der Dichter ist der Geheimerath Sinclair (mit dem Anagramm: Crisalin unterzeichnet), der ehemals in Würtembergischen Diensten stand, und in die dortigen Streitigkeiten auf eine bedeutende Weise verwickelt war. Mannessinn und kriegrische Freudigkeit wird ihm Niemand absprechen können, der sein Werk gelesen hat. Und wie viel ist das schon in unsrer Zeit! Mir scheint es, als berechtige er zu schönen Erwartungen. – Hülsen wohnt gegenwärtig im Herzogthume Schleswig, und bearbeitet ein kleines Bauergut. Doch hoffe ich seine bis jetzt ungünstige Lage soll sich in aller Hinsicht vortheilhaft durch eine Heirath verändern, die er mit einem Fräulein, – in diesem Augenblick ist mir der Name nicht gegenwärtig – einzugehn im Begriff steht. Willst Du ihm schreiben so addressire nach Wagersrott, bei Schleswig, über Hamburg und Arrild. Er schrieb mir vor Kurzem, und trug mir auf, Dich zu grüßen, und Dich auf die Gedichte des Grafen Adam Moltke aufmerksam zu machen, welche in dieser Ostermesse bei Heinrich Gessner in Zürich erscheinen sollen. Er spricht aeusserst vortheilhaft darüber, und lobt vorzüglich die Sonette. Doch läßt er von einer Tragödie desselben Dichters noch mehr erwarten. Ich habe nichts von seinen Arbeiten gesehn. Noch ersucht er Dich, die grosse Menge der Druckfehler ja vor dem Lesen zu corrigiren, indem sie von der entstellendsten Art sein sollen. – Die Schreier, Merkel u. s. w. machen jetzt wenig Spaß mehr, doch hat sie ein Ungenannter, (ich höre, es soll Varnhagen sein), durch eine Sammlung aller wider Merkel erschienenen Poesie und Prosa von neuem gereitzt. Das Büchlein heißt Testimonium Auctorum de Merkelio, oder Paradiesgärtlein für Garlieb Merkel. Gut und schlecht, fein und plump steht hier Alles nebeneinander. Die hinzugekommnen Beiträge des Herausgebers oder seiner Freunde sind [11] ohne Werth, man müßte denn ein einziges Sonett ausnehmen. – Ein Verwandter von mir, Vizthum von Eckstädt, hat eine Sosandra geschrieben. Ich bitte Dich, daß Du mir die Sünde, ihm doch einigermaaßen anzugehören, verzeihst, der Offenheit halber, mit der ich sie bekenne. So etwas Schlechtes mit so vieler Prätension ist noch nicht leicht geschrieben. Wer hinter die Geheimniße des Delphischen Orakelspruches kommen will, muß es lesen. Er bekommt auch beiläufig Nachrichten von dem, was vorzüglich in den Mysterien abgehandelt ward. Ausserdem lernt er die honettesten Griechen von der Welt kennen, und die hübsch einig darüber sind, daß es mit ihrem Gottesdienste nur eine Art von zierlicher Decoration ist. Der blinde Aberglauben spielt aber den Meister. Sie müßen sich mit aller Aufklärung schlachten laßen, oder selber schlachten. Ein Athener ist noch, wie billig, der Klügste indem er sich bei Zeiten aus dem Staube macht. Es giebt übrigens abwechselnde Versmaaße darin, und was irgend sonst Mode ist; sogar eine Art von Dreiviertelstanzen.
Hier hast Du, mein geliebter Freund, meinen ganzen Vorrath von literarischen Neuigkeiten. Von dem Hamlet des Musje Schütz aus Halle habe ich noch nichts erfahren können. Ich will Dir dafür noch von mir selbst erzählen, daß ich in der gewohnten Ruhe still und friedlich fortlebe, woraus mich nur der Augenblick emporriß, in welchem mein Vaterland zu den Waffen griff. Durch die ehrenden, begeisternden Worte eines unsrer wackersten Generale, Rüchels, noch mehr angefeuert, blickte ich sehnsuchtsvoll nach den Schlachtfeldern hinüber, denen unser Heer entgegenzog; es hätte mich auch noch gewiß dahin gezogen,
aber es ward Friede, und ich –
Schwingʼ im Lied nun alter Ritter Lanze.
Das schöne Sonett, woraus ich diese Strophe nehme, werden meine Frau und ich mit Vergnügen als ein öffentliches Denkmal Deiner Freundschaft irgendwo gedruckt erblicken. – Nach diesem unendlichen Briefe bleibt mir noch so viel zu sagen, daß ich Dir nächstens wieder schreiben muß. Bereite Dich darauf vor, und laß mich ja nicht zu lange auf Antwort warten. Jetzt richte ich Dir nur noch die herzlichsten Grüsse von allen Deinen hiesigen Freunden aus. Giebst Du oder Friedrich irgend etwas heraus, wobei Ihr meine Gedichte brauchen könnt, so weißt Du, daß Du nur fodern darfst. Wenn Du in Berlin etwa Aufträge an Buchhändler oder sonst etwas Andres auszurichten hast, werde ich mich freuen Dir gefällig sein zu können. Im Fall daß Frau v. Stael etwas von mir weiß, bitte ich Dich, sie meiner lebhaftesten Hochachtung zu versichern. Leb wohl mein Herzlichgeliebtester. Ganz der Deinige
Fouqué
[12]
[Beilage:]
Ehr ich mich näher über Bernhardi äussre, muß ich Dich auf den Punkt zu stellen suchen, wo ich mich in dieser Hinsicht befinde, und deshalb mit Dir in die Vergangenheit zurückgehn. Als Du Berlin verließest, und fast der ganze Cirkel, der sich um Dich bewegte, gesprengt war, blieb ich natürlich auf Bernhardi ganz allein angewiesen, auf ihn, den ich als Deinen Freund kannte, und dem ich Brüderschaft zugesagt hatte in derselben schönen Stunde, wo ich den nähern Bund mit Dir schloß, und wo Du selbst mir ihn zugeführt hattest. Ich bedarf ohnehin der Freunde mehr als viele Andre. So heiter Du mich öfters und fast wohl immer gesehn hast, ziehn sich doch öfters sehr dunkle Schatten über mich hin, und weichen nur dem freundlichen Zuspruch der vertraulichen Mittheilung. Zudem erhielt ich nur durch B.[ernhardi] Nachrichten von Dir und von den Uebrigen, die ich in gutmüthigem Wahn, so gänzlich Eins glaubte, wie Leib und Seele nur immer sind. Ich fühlte mich durch dieses einzige Band noch Euch Allen verknüpft, und empfand eine desto lebhaftere Anhänglichkeit für meinen Freund. Er machte sich (ich kann es betheuern) während unsres ganzen Umgangs jenes heiligen Namens werth durch Theilnahme, Herzlichkeit und Offenheit. Diese letztre jedoch ging nie so weit, daß ihm auch nur die leiseste Klage über seine Frau entschlüpft [13] wäre, und ich, der ich selten oder nie Etwas merke, das man mir nicht gradezu sagt, hegte keine Ahnung von einem bedeutendern Misverhältniße, ob mir gleich Sophie Tieck kurz vor ihrer Abreise Winke darüber gegeben hatte. Denke Dir nun mein Erstaunen, meinen Schreck, als kurz vor dem unvermeidlichen Ausbruch dieser Zwistigkeiten Bernhardi mir den Blick in das ganze Gewebe öffnete. Er that es so spät als möglich, als mich fast schon das Gerede der Welt aufmerksam gemacht hätte. Er zeigte sich mir nicht frei von Fehlern, ja von Vergehen, aber verdiente das Alles eine solche Strafe? Um so weniger da er die möglichst schonenden Anerbietungen that, da er unter andern in eine gänzliche Trennung willigte, ihr die Kinder gänzlich überlaßen wollte, nur mit der Bedingung, sie möge in solcher Nähe wohnen, daß er seine Söhne sehn und sprechen könne? Darf man dies dem Vater verweigern? Und einem so unglücklichen Menschen als B.[ernhardi], der um der Tiecks willen fast alle andre Verbindungen aufgehoben hat, ja selbst mit seinen Aeltern entzweit lebt, wenigstens so gut als entzweit! Verzeihe einem so gestörten Gemüth, als das seinige es gegenwärtig ist, Uebereilungen und Fehltritte; ja, ich kann diese Lizenz wohl auch auf die Vergangenheit ausdehnen, wo er schon immer ein getrübtes und beängstigtes Leben führte. Ich habe eigenhändige Briefe gesehn, die jeden Verdacht einer Lüge aufheben. Du und ich, mein geliebter Freund, wollen das Rechte, Einer von uns ist im Irrthum über diese Verhältniße, und gern würde ich mich dazu bekennen, wenn nicht dies [14] eben so viel hieße, als einen Menschen unbedingt verwerfen, der mir Liebe und Vertrauen zeigt, den ich Jahre lang als Freund betrachtet, mit dem ich mich gemeinschaftlich gefreut, gemeinschaftlich mit ihm gearbeitet habe. Du fühlst gewiß, wie schmerzhaft mir auch nur ein solcher Gedanke sein muß. O auch dieser Ursache halb möchte ich so gern einen Tag mit Dir verleben! Im mündlichen Gespräch löst sich alles leichter und besser auf. Vieles auch läßt sich der Feder nicht wohl anvertrauen, was man in des Freundes Brust ohne Bedenken niederlegen würde. Wir würden gewiß einig. Du kennst mich vielleicht als einen nachlässigen Beobachter, und fußest also wohl (nicht mit Unrecht) wenig auf meine Meinung. Fichte aber und Schütz, Beide von hellerm und ruhigerm Gemüth, Beide von Anfang dem ganzen Verhältnisse näher, sehn die Sache grade so, und günstiger noch für B.[ernhardi], als ich sie Dir hier schrieb. Ich weiß dies aus ihrem eignen Munde. Auch Dein Bruder scheint, einem Briefe an B.[ernhardi] zu Folge, zu dessen Erheitrung und Aufrichtung beitragen zu wollen. Ich selbst habe mit dem redlichsten Willen über das unseelige Verhältniß nachgedacht, und durchaus keinen Grund gefunden, der einen Vater alles Anspruchs auf seine Kinder berauben könne. Ich mag wohl sagen, daß ich einen harten Kampf gekämpft habe in der Zeit, wo sich der verborgne Zwiespalt mir mehr und mehr entwickelte. Dazu kam noch, daß ich die unwürdigsten Aeusserungen L. Tiecks und Sophieens über mich vernahm, von der Letztern mir besonders schmerzhaft, da sie mir ehmals unläugbar Achtung und Vertrauen gezeigt hatte. Es betraf nicht sowohl einen Tadel dieser oder jener Seite, es galt den ganzen Menschen, und sein heiligstes Streben. Meine Nachrichten kamen von mehrern Seiten, so daß mir kein Zweifel übrig blieb. Ich war tief verletzt, und der schon lange bekämpfte, schon besiegte Unwille regt sich, indem ich dies [15] wieder berühre, mit erneuter Stärke. Ich rufe mir beruhigend zurück, daß ich zu Dir rede, meinem treuen, immer liebenden Freunde. Daß auch B.[ernhardi] Dich mir als solchen in jedem Augenblicke Deines Lebens aufgeführt hat, erwähne ich zur Steuer der Wahrheit. Bei mir bedurfte es keines Zeugnisses. Mochten auch Andre mich aufs Bitterste getäuscht haben: mein eignes Gefühl sagte mir, daß unsre Freundschaft ewig sei. Jene Kränkung theil ich Dir nur mit, um Dir nichts zu verschweigen. Auch kann ich die Versichrung hinzufügen, daß mein Unwille nach meinem besten Wissen und Wollen keineswegs Lenker meines Urtheils und Verfahrens in B.[ernhardi]ʼs Angelegenheit gewesen ist.
Ich habe geendet. Das einzige Schmerzhafte in diesen Stunden, die ich dem Gespräch mit Dir widme, ist vorüber, und von Dir wird es inʼs Künftige abhängen, diese Saite zu berühren oder nicht. Ihr Klang verletzt mein Innerstes, und ich genösse die Freude an Deinen Briefen so gern in voller Reinheit. Alles aber kommt auch hierin auf Dich an, mein theurer, geliebter Freund.
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