• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Köln · Place of Destination: Unknown · Date: 01.01.1806
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Köln
  • Place of Destination: Unknown
  • Date: 01.01.1806
    Printed Text
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: 335976727
  • Bibliography: Krisenjahre der Frühromantik. Briefe aus dem Schlegelkreis. Hg. v. Josef Körner. Bd. 1. Der Texte erste Hälfte. 1791‒1808. Bern u.a. ²1969, S. 268‒271.
  • Weitere Drucke: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 26. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Pariser und Kölner Lebensjahre (1802‒1808). Zweiter Teil (Januar 1806 ‒ Juni 1808). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Hans Dierkes. Paderborn 2018, S. 21‒24.
  • Incipit: „[1] Kölln den 1ten Januar 1806
    Deinen ersten Brief, geliebter Bruder, erhielt ich, da meine Frau viel kränklicher als gewöhnlich oder vielmehr [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: APP2712-Bd-8
  • Classification Number: Mscr.Dresd.App.2712,B,I,26
  • Number of Pages: 8 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 19,8 x 11,7 cm
[1] Kölln den 1ten Januar 1806
Deinen ersten Brief, geliebter Bruder, erhielt ich, da meine Frau viel kränklicher als gewöhnlich oder vielmehr ganz krank war; noch war sie nicht ganz wieder hergestellt, als auch ich unwohl ward, welches zwar bei mir immer unbedeutend aber doch sehr hinderlich ist. Ich schreibe es nur um mich wegen der verspäteten Anwort zu entschuldigen. Daß unter diesen Umständen der übersandte Wechsel besonders erwünscht und gelegen kam, um uns wenigstens von dieser Seite außer Sorgen zu setzen, kannst du leicht denken; ich bitte Dich vorläufig der Staël in meinem Nahmen herzlich zu danken; ihr selbst zu schreiben behalte ich mir noch vor. – Sehr erfreut hast Du mich durch Deine ausführlichen Bemerkungen über den Allmanach, die ich als eben so viel Beweise Deiner Freundschaft ansehe. – Wenn Turpinʼs Chronik mit meinen Romanzen verglichen wird, so werden die Unverständigen vielleicht mir alles eigne Verdienst daran absprechen, so wenig habe ich daran geändert; Du würdest mir aber, hoffe ich, das Lob geben, gezeigt zu haben wie viel mit wenigem zu leisten sei. Nun möchtʼ ich nur [2] noch wissen, wie Dir das Schlachtlied und der Rhythmus oder Metrum desselben gefallen hat. Auch möchtʼ ich doch gern wissen was der ungetreue Eckart zu Rom von meinem Allmanach sagt, obgleich er sich so unfreundlich gegen mich zeigt. – Deine Elegie habʼ ich zugleich mit dem Allmanach empfangen und darin einen neuen Beweis Deiner Meisterschaft bewundert; mir war die Erwähnung des Attila besonders lieb, doch hättʼ ich eigentlich noch auf mehr solche Züge aus der Zeit der Gothen und des Mittelalters gehofft. Einwendung hättʼ ich nur gegen den einen Vers vom Oknos und Esel zu machen; theils ist mir selbst die Anspielung nicht ganz klar, und dann finde ich die Erwähnung des Esels auf jeden Fall etwas störend. Du solltest nur aber ja nicht laß werden, von Zeit zu Zeit ein einzelnes Gedicht zu machen; wie erwünscht wäre das Sonett über den Dom zu Mayland und die Legende von Gaëta. – Sehr wünschte ich die Briefe mit Dir durchlesen zu können in Rücksicht der Sprachnachläßigkeiten die Du darin findest; in dieser Hinsicht wie [3] in jeder andern verliehrt man unsäglich viel durch die Trennung und verwildert halb und halb in der Einsamkeit. – Die Erneuerung der Trutznachtigall war freilich ein häklichtes Werk, was wohl jeder von uns, die es hätten machen können, etwas anders würde gemacht haben; die Hauptsache aber war doch daß es überhaupt geschah. Deine Erinnerung wegen des Daphnis ist sehr richtig; was mich indessen zu der Aenderung bewogen hat, ist daß grade dieses Lied seit hundert Jahren in alten Kirchen mit der Aenderung des Nahmens in Jesu gesungen wird, wie es für dieses Lied als Volkslied auch passender und nothwendig war; bei einem mehr tiefen und mystischen Gedicht wäre freilich die allegorische Anspielung wichtiger gewesen. – Ueber den Dom zu Mayland bin ich durch einen Kupferstich irre geführt; es ist ein gewöhnlicher Fehler solcher Zeichnungen, nicht anzugeben was ausgebaut ist und was fehlt; daß aber die zwei Thürme am Eingang mit im Plane waren, kann ich nicht bezweifeln da es aus der übrigen Form und Construction nach den Prinzipien der gothischen Baukunst ganz nothwendig folgt. Also ist auch dieser [4] herrliche Dom nicht vollendet! – Es scheint daß wir uns in diesem Gedanken begegnet sind, nachdem was Du schreibst; ich hatte schon ein ähnliches Gedicht auf den hiesigen Dom im Sinne. Ich möchte Dich bitten, nicht alle die einzelnen Gedichte die Du etwa machen wirst, an Tieck zu geben; denn wenn auch der Krieg verhindert daß ich gleich fürs nächste Jahr wieder einen Allmanach geben kann, so geschieht es doch sicher das Jahr drauf. – Könntest Du nicht ein Wort über die Legende vom gespaltnen Berg schreiben; meine Frau glaubt, daß es nach diesem Nahmen dieselbe sein müsse, die sie in dem Primaleone gefunden hat, an welchem sie jezt arbeitet.
Eure Reise hat mir sehr viel zu denken gegeben; denn ich kann sie mir nicht recht erklären, wenn sie nicht auf sehr lange berechnet ist! – Suche doch ja die Staël zu bewegen, daß ich Euch an irgend einem Orte treffen und Euch wenigstens bis ans Meer begleiten kann. Es ist traurig, daß ich so getrennt von Dir [5] und immer allein leben muß. – Vor der Hand bleibe ich hier; sehr unerwartet hat Bon.[aparte] die hiesige Schule zu St. Pölten decretirt; also ist doch wenigstens die Hauptsache und das Eigenthum der fonds gesichert; die nähere Organisation hängt nun wohl von Fourcroy und von der Zeit ab. Die Staël könnte mir vielleicht einen sehr wesentlichen Dienst leisten, wenn sie nun an Degerando noch weit mehr aber an Arnoult (denn mit Fourcroy selbst steht sie unstreitig nicht in Verbindung) die Ermahnung ergehen liesse, da die Schule zu Kölln jezt vom Kaiser decretirt sei, mir die Vortheile und die Auszeichnung dabei zu schaffen auf die ich wohl Ansprüche machen darf; dieses könnte mir sehr nützlich sein, sie wird schon wissen, wie es zu wenden ist.
Sehr gut ist es, wenn Du recht bald nach Hannover schreibst, und nicht aufschiebst was Du etwa zu schreiben hast, auch immer unterrichtet bleibst. Ich fürchte ein unseeliges Elend für jenes Land; fast ist es ein Wunder, wenn dort keine große Hungersnoth ausbricht, so viel Kriegsvolk ist da versammelt; und wie wird es erst nun werden! Die neueste Landung der Engländer vom 10ten December ist durch einen [6] Sturm zerschlagen. – Auch für Sachsen fürchtʼ ich; Charlotte schrieb mir schon vor dem Krieg, es sei alles in Dreßden fast um ein Drittel theurer, so daß sie ihren ganzen Hausstand anders einrichten müssen; und wie wird es erst nun werden!
An meine Reise denke ich eigentlich nicht mehr, obwohl sie sehr nöthig wäre, so gewiß sehe ich noch vielen weit schrecklicheren Begebenheiten entgegen. – Die gewaltsame Erschütterung könnte auf den Geist der Deutschen sehr heilsam wirken, aber ich fürchte das Land geht auf ein Jahrhundert zu Grunde. Die Zaghaftigkeit und halbe Verrätherei der Preußen wird allgemein noch mehr verachtet, als der stupide Eigendünkel der Russen, ja selbst als die entschiedne Niederträchtigkeit des Bo[naparte]. Mir thut nur Oesterreich leid; es war doch der einzige Staat, dem es um Erhaltung des Guten und des Alten einigermaßen zu thun war. Das Schicksal des Erzherzog Karl ist unaussprechlich rührend und tragisch. – Bon.[aparte] scheint aber selbst diesen höheren Werth der Oesterreicher anzuerkennen.
Wegen Reimer werde ich Deinen Auftrag sorgfältig erfüllen. Es ist nur das einzig fatal daß Du durch diesen Verdruß die Lust zu Deinem [7] schönen Werke selbst zu verliehren scheinst. Könnt ich nur glauben, daß meine Art nicht gar zu ungleich ausfallen würde, so möcht ich Dir anbieten ein oder das andre Stück dazu zu liefern. Freilich fehlt mir dazu das Lexikon der Akademie.
Die Brüder des Thals sind soviel ich weiß ein Roman über die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen von einem sichern Werner, den man sehr in Mode zu bringen suchte, den unsre Freunde in Berlin aber nicht sonderlich zu achten schienen. – Die Litteratur Zeitung bekomme ich hier zwar, aber spät, also auch Deinen Aufsatz über Kunst. – Ueber das Athenäum hast Du mir nicht geantwortet; wenn Friede werden sollte, hätte ich doch große Lust dazu.
Ich bin fleißig, und denke auch besonders darauf, ein oder das andre beträchtliche Werk in Prosa auszuarbeiten, sei es Geschichte der Litteratur oder System der Philosophie. Ich habe den Stoff in beiden durch meine mancherlei Vorlesungen hinreichend verarbeitet. Wird der Krieg freilich im Norden allgemein, so wird es wohl vor der Hand gar keine Litteratur wenigstens keine Ostermesse geben; ich arbeite indessen ruhig fort. – Hier kann ich freilich meine [8] orientalischen Kentnisse eben nicht erweitern sondern nur vollends verarbeiten; sollte ich aber lange hier bleiben, so werde ich in der Litteratur und Geschichte des Mittelalters gewiß viel Schönes finden. Es ist herrliche Gelegenheit hier dazu. Ich fange es aber sehr gründlich an, mit der altdeutschen Geschichte aus den Quellen und mit den lateinischen Kirchenvätern und Scholastikern. Ich bin sehr überzeugt, daß man das Mittelalter mehr als jedes andre nur im ganzen Zusammenhange verstehen kann, und daß man es eben desfalls eigentlich noch gar nicht kennt, so sehr auch seit unsrer Zeit die Idee des Romantischen und selbst des Katholischen ist anerkannt worden. – Auf die Bücher werd ich aufmerksam seyn, sowohl die Du nennst als was ich sonst glaube daß Dir wichtig sein würde; hier folgt eine Auction auf die andre, und in jeder ist so viel wichtiges und seltnes Altes für Altdeutsche und katholische Litteratur daß man sich mit Gewalt zuzückhalten muß. – Lebe wohl für heute; länger darf doch der Brief nicht streunen. Die besten Grüße von meiner Frau; und die besten Wünsche für Euch. Zerstreuung ist jezt gut.
Friedrich
[1] Kölln den 1ten Januar 1806
Deinen ersten Brief, geliebter Bruder, erhielt ich, da meine Frau viel kränklicher als gewöhnlich oder vielmehr ganz krank war; noch war sie nicht ganz wieder hergestellt, als auch ich unwohl ward, welches zwar bei mir immer unbedeutend aber doch sehr hinderlich ist. Ich schreibe es nur um mich wegen der verspäteten Anwort zu entschuldigen. Daß unter diesen Umständen der übersandte Wechsel besonders erwünscht und gelegen kam, um uns wenigstens von dieser Seite außer Sorgen zu setzen, kannst du leicht denken; ich bitte Dich vorläufig der Staël in meinem Nahmen herzlich zu danken; ihr selbst zu schreiben behalte ich mir noch vor. – Sehr erfreut hast Du mich durch Deine ausführlichen Bemerkungen über den Allmanach, die ich als eben so viel Beweise Deiner Freundschaft ansehe. – Wenn Turpinʼs Chronik mit meinen Romanzen verglichen wird, so werden die Unverständigen vielleicht mir alles eigne Verdienst daran absprechen, so wenig habe ich daran geändert; Du würdest mir aber, hoffe ich, das Lob geben, gezeigt zu haben wie viel mit wenigem zu leisten sei. Nun möchtʼ ich nur [2] noch wissen, wie Dir das Schlachtlied und der Rhythmus oder Metrum desselben gefallen hat. Auch möchtʼ ich doch gern wissen was der ungetreue Eckart zu Rom von meinem Allmanach sagt, obgleich er sich so unfreundlich gegen mich zeigt. – Deine Elegie habʼ ich zugleich mit dem Allmanach empfangen und darin einen neuen Beweis Deiner Meisterschaft bewundert; mir war die Erwähnung des Attila besonders lieb, doch hättʼ ich eigentlich noch auf mehr solche Züge aus der Zeit der Gothen und des Mittelalters gehofft. Einwendung hättʼ ich nur gegen den einen Vers vom Oknos und Esel zu machen; theils ist mir selbst die Anspielung nicht ganz klar, und dann finde ich die Erwähnung des Esels auf jeden Fall etwas störend. Du solltest nur aber ja nicht laß werden, von Zeit zu Zeit ein einzelnes Gedicht zu machen; wie erwünscht wäre das Sonett über den Dom zu Mayland und die Legende von Gaëta. – Sehr wünschte ich die Briefe mit Dir durchlesen zu können in Rücksicht der Sprachnachläßigkeiten die Du darin findest; in dieser Hinsicht wie [3] in jeder andern verliehrt man unsäglich viel durch die Trennung und verwildert halb und halb in der Einsamkeit. – Die Erneuerung der Trutznachtigall war freilich ein häklichtes Werk, was wohl jeder von uns, die es hätten machen können, etwas anders würde gemacht haben; die Hauptsache aber war doch daß es überhaupt geschah. Deine Erinnerung wegen des Daphnis ist sehr richtig; was mich indessen zu der Aenderung bewogen hat, ist daß grade dieses Lied seit hundert Jahren in alten Kirchen mit der Aenderung des Nahmens in Jesu gesungen wird, wie es für dieses Lied als Volkslied auch passender und nothwendig war; bei einem mehr tiefen und mystischen Gedicht wäre freilich die allegorische Anspielung wichtiger gewesen. – Ueber den Dom zu Mayland bin ich durch einen Kupferstich irre geführt; es ist ein gewöhnlicher Fehler solcher Zeichnungen, nicht anzugeben was ausgebaut ist und was fehlt; daß aber die zwei Thürme am Eingang mit im Plane waren, kann ich nicht bezweifeln da es aus der übrigen Form und Construction nach den Prinzipien der gothischen Baukunst ganz nothwendig folgt. Also ist auch dieser [4] herrliche Dom nicht vollendet! – Es scheint daß wir uns in diesem Gedanken begegnet sind, nachdem was Du schreibst; ich hatte schon ein ähnliches Gedicht auf den hiesigen Dom im Sinne. Ich möchte Dich bitten, nicht alle die einzelnen Gedichte die Du etwa machen wirst, an Tieck zu geben; denn wenn auch der Krieg verhindert daß ich gleich fürs nächste Jahr wieder einen Allmanach geben kann, so geschieht es doch sicher das Jahr drauf. – Könntest Du nicht ein Wort über die Legende vom gespaltnen Berg schreiben; meine Frau glaubt, daß es nach diesem Nahmen dieselbe sein müsse, die sie in dem Primaleone gefunden hat, an welchem sie jezt arbeitet.
Eure Reise hat mir sehr viel zu denken gegeben; denn ich kann sie mir nicht recht erklären, wenn sie nicht auf sehr lange berechnet ist! – Suche doch ja die Staël zu bewegen, daß ich Euch an irgend einem Orte treffen und Euch wenigstens bis ans Meer begleiten kann. Es ist traurig, daß ich so getrennt von Dir [5] und immer allein leben muß. – Vor der Hand bleibe ich hier; sehr unerwartet hat Bon.[aparte] die hiesige Schule zu St. Pölten decretirt; also ist doch wenigstens die Hauptsache und das Eigenthum der fonds gesichert; die nähere Organisation hängt nun wohl von Fourcroy und von der Zeit ab. Die Staël könnte mir vielleicht einen sehr wesentlichen Dienst leisten, wenn sie nun an Degerando noch weit mehr aber an Arnoult (denn mit Fourcroy selbst steht sie unstreitig nicht in Verbindung) die Ermahnung ergehen liesse, da die Schule zu Kölln jezt vom Kaiser decretirt sei, mir die Vortheile und die Auszeichnung dabei zu schaffen auf die ich wohl Ansprüche machen darf; dieses könnte mir sehr nützlich sein, sie wird schon wissen, wie es zu wenden ist.
Sehr gut ist es, wenn Du recht bald nach Hannover schreibst, und nicht aufschiebst was Du etwa zu schreiben hast, auch immer unterrichtet bleibst. Ich fürchte ein unseeliges Elend für jenes Land; fast ist es ein Wunder, wenn dort keine große Hungersnoth ausbricht, so viel Kriegsvolk ist da versammelt; und wie wird es erst nun werden! Die neueste Landung der Engländer vom 10ten December ist durch einen [6] Sturm zerschlagen. – Auch für Sachsen fürchtʼ ich; Charlotte schrieb mir schon vor dem Krieg, es sei alles in Dreßden fast um ein Drittel theurer, so daß sie ihren ganzen Hausstand anders einrichten müssen; und wie wird es erst nun werden!
An meine Reise denke ich eigentlich nicht mehr, obwohl sie sehr nöthig wäre, so gewiß sehe ich noch vielen weit schrecklicheren Begebenheiten entgegen. – Die gewaltsame Erschütterung könnte auf den Geist der Deutschen sehr heilsam wirken, aber ich fürchte das Land geht auf ein Jahrhundert zu Grunde. Die Zaghaftigkeit und halbe Verrätherei der Preußen wird allgemein noch mehr verachtet, als der stupide Eigendünkel der Russen, ja selbst als die entschiedne Niederträchtigkeit des Bo[naparte]. Mir thut nur Oesterreich leid; es war doch der einzige Staat, dem es um Erhaltung des Guten und des Alten einigermaßen zu thun war. Das Schicksal des Erzherzog Karl ist unaussprechlich rührend und tragisch. – Bon.[aparte] scheint aber selbst diesen höheren Werth der Oesterreicher anzuerkennen.
Wegen Reimer werde ich Deinen Auftrag sorgfältig erfüllen. Es ist nur das einzig fatal daß Du durch diesen Verdruß die Lust zu Deinem [7] schönen Werke selbst zu verliehren scheinst. Könnt ich nur glauben, daß meine Art nicht gar zu ungleich ausfallen würde, so möcht ich Dir anbieten ein oder das andre Stück dazu zu liefern. Freilich fehlt mir dazu das Lexikon der Akademie.
Die Brüder des Thals sind soviel ich weiß ein Roman über die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen von einem sichern Werner, den man sehr in Mode zu bringen suchte, den unsre Freunde in Berlin aber nicht sonderlich zu achten schienen. – Die Litteratur Zeitung bekomme ich hier zwar, aber spät, also auch Deinen Aufsatz über Kunst. – Ueber das Athenäum hast Du mir nicht geantwortet; wenn Friede werden sollte, hätte ich doch große Lust dazu.
Ich bin fleißig, und denke auch besonders darauf, ein oder das andre beträchtliche Werk in Prosa auszuarbeiten, sei es Geschichte der Litteratur oder System der Philosophie. Ich habe den Stoff in beiden durch meine mancherlei Vorlesungen hinreichend verarbeitet. Wird der Krieg freilich im Norden allgemein, so wird es wohl vor der Hand gar keine Litteratur wenigstens keine Ostermesse geben; ich arbeite indessen ruhig fort. – Hier kann ich freilich meine [8] orientalischen Kentnisse eben nicht erweitern sondern nur vollends verarbeiten; sollte ich aber lange hier bleiben, so werde ich in der Litteratur und Geschichte des Mittelalters gewiß viel Schönes finden. Es ist herrliche Gelegenheit hier dazu. Ich fange es aber sehr gründlich an, mit der altdeutschen Geschichte aus den Quellen und mit den lateinischen Kirchenvätern und Scholastikern. Ich bin sehr überzeugt, daß man das Mittelalter mehr als jedes andre nur im ganzen Zusammenhange verstehen kann, und daß man es eben desfalls eigentlich noch gar nicht kennt, so sehr auch seit unsrer Zeit die Idee des Romantischen und selbst des Katholischen ist anerkannt worden. – Auf die Bücher werd ich aufmerksam seyn, sowohl die Du nennst als was ich sonst glaube daß Dir wichtig sein würde; hier folgt eine Auction auf die andre, und in jeder ist so viel wichtiges und seltnes Altes für Altdeutsche und katholische Litteratur daß man sich mit Gewalt zuzückhalten muß. – Lebe wohl für heute; länger darf doch der Brief nicht streunen. Die besten Grüße von meiner Frau; und die besten Wünsche für Euch. Zerstreuung ist jezt gut.
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