• Ludwig Tieck to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Jena · Date: 09.01.1798
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Ludwig Tieck
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Jena
  • Date: 09.01.1798
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Ludwig Tieck und die Brüder Schlegel. Briefe. Hg. v. Edgar Lohner auf der Grundlage der von Henry Lüdeke besorgten Edition. München 1972, S. 28‒30.
  • Incipit: „[1] Berlin, den 9”. Januar 1798
    Verzeihen Sie, daß ich Ihnen wieder mit einem Blatte beschwerlich falle. Ihr Bruder ist so gut, [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-611-36934
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.28,Nr.58
  • Number of Pages: 8 S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 18,5 x 11,4 cm
[1] Berlin, den 9”. Januar 1798
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen wieder mit einem Blatte beschwerlich falle. Ihr Bruder ist so gut, mir manches aus Ihren Briefen mitzutheilen, was Göthe über Klopstock gesagt hat, hat mir unendlich gefallen, es ist eine ganze Epopöe, Herders Behauptungen gegen Sie sind mehr dramatisch.
Ich habe gefunden, daß Lope de Vega auch das Sujet Romeo und Julie in einer Tragödie bearbeitet hat, wenn es sich auf der Göttingischen Bibliothek befindet, so denke ich es bald zu bekommen, es muß ungemein interessant sein, beide Wercke mit einander zu vergleichen. Ob man wohl in Jena ein Buch haben kann, genannt: Englische Comedi und Tragödi die gegen das Ende des vorigen [2] Jahrhunderts in Hamburg gedruckt sind. Dies Buch gäbe vielleicht einen guten Aufschluß über den Shakspearischen Titus Andronikus: dies Trauerspiel befindet sich nemlich auch darinn und wenn ich nicht irre, spricht auch Eschenburg in seinem Anhange darüber.
Voß & Compagnie haben die Romantischen Darstellungen von mir nicht angenommen; ich bin nun unschlüssig, ob ich mich noch an Göschen wende, oder es liegen lasse. An Becker will ich eine kleine Erzählung schicken und ihm noch vorher einen kleinen Brief schreiben. – In Dodsleys Collection of old Plays, Teil V ist ein Stück, The Merry Devil [3] of Edmonton, das aus dem Shakspearischen Zeitalter ist, den Verfasser weiß man nicht, am Ende ist es von ihm selber, Ben Jonson stichelt wenigstens darauf im Prolog zu: The Devil is an Aß. Wenn es von Shakspeare ist, so hat er es wahrscheinlich früher geschrieben und es ist erst später berühmt geworden. Man sollte fast Shakspeares Geist darinn wahrnehmen, wenn man sich nicht darinn so leicht irren könnte. Die Charaktere gränzen an die in The Merry Wives, eben so die Sprache, der Plan oder Plot hat mit Mid-summer nights dream einige Aehnlichkeit. Es ist wenigstens immer sonderbar, daß sich kein andrer Dichter dazu gemeldet hat, [4] da es ein Lieblingsstück des Publikums gewesen zu sein scheint. Rathen Sie mir doch, ob ich es vielleicht mit der Zeit übersetze, so einzeln und mit einer kritischen Abhandlung begleite. Soviel ich die gleichzeitigen nahmhaften Dichter kenne, kann es kein einziger geschrieben haben. Ben Jonson stichelt übrigens nicht leicht auf einen andren Dichter, außer Shakspeare, (seinen Antagonisten Dekker ausgenommen, von dem das Stück aber unmöglich ist).
Ich wünschte recht sehr, daß Sie als Anhang Ihrer Übersetzung auch die 7 sogenannten falschen Stücke gäben, wenn auch Locrin und Cromwell Ihre so fleissige Uebertragung nicht verdienen, [5] aber The Yorkshire Tragedy, the London Prodigal selbst Cromwell haben ungemeine Schönheiten. Cromwell läßt sich überhaupt unter einen ganz eigenen Gesichtspunkt bringen, es ist nehmlich die einzige mir bekannte Tragödie, die eine ordentliche Biographie enthält, darnach ist das ganze Stück geordnet, man findet hier Shakspeares Moralität wieder, die nicht in den Sentenzen liegt und seine tiefgedachten und im Innern gegründeten Contraste. Es kann sein, daß ich Ihnen neulich schon dasselbe geschrieben habe und dann vergeben Sie mir. – Das alte Englische Theater ist für mich immer eine wunderliche Erscheinung, weil [6] man fast gar keine charakteristischen Merkmahle aufstellen kann, weil jeder zu und nach Shakspeares Zeiten galt, weil sich erst seit Dryden eine Art von öffentlichem Geschmack formirte. Darum kann man beim Shakspeare nicht bloß, sondern bei keinem einzigen gleichzeitigen Dichter aus dem Innern der Stücke, aus der größern oder geringem Kunst schließen, welche früher oder welche später sind. Stücke, die ein Gegenstand des allgemeinen Spottes waren, wurden zur Zeit der Satire, auf denselben Theatern, von eben den Schauspielern, vor denselben Zuschauern, mit eben dem Beifall aufgeführt, als die Satire. So findet man von: The Spanish Tra[7]gedy viele Auflagen von 1590 ja 1580 bis 1630, obgleich Shakspear und alle übrigen Dichter dies Trauerspiel zum Ziel ihres Spottes machten. So wird Shakspeare schon von gleichzeitigen Dichtern parodirt, ja Moralities und allegorische Vorstellungen ohne Handlung werden gegeben, als die Leute schon Lear, Macbeth und dergleichen gesehn und vielleicht verstanden hatten. Wir finden nach Shakspeare ein großes allegorisches Stück Lingua, das unausstehlich langweilig ist und das denselben Leuten gefiel, die Fletchers faithfull Shepherdess ausgepocht hatten, weil es zu allegorisch war. – Ich glaube daher, daß man sich an das Undramatische und Unkünstliche [8] in Cromwell, Locrin und Pericles nicht stoßen muß, weil Shakspeare in andern Stücken Künstler ist. Er hat in diesen auch die andre Art versucht. Pericles ist fast wie die Tragödie unseres Hans Sachs gedichtet. – Und eben darum bin ich in Verlegenheit, was ich von dem eben genannten Merry Devil of Edmonton halten soll. –
Verzeihen Sie mein Geschwätz und leben Sie recht wohl und vergnügt.
Ihr
Ludwig Tieck.
[1] Berlin, den 9”. Januar 1798
Verzeihen Sie, daß ich Ihnen wieder mit einem Blatte beschwerlich falle. Ihr Bruder ist so gut, mir manches aus Ihren Briefen mitzutheilen, was Göthe über Klopstock gesagt hat, hat mir unendlich gefallen, es ist eine ganze Epopöe, Herders Behauptungen gegen Sie sind mehr dramatisch.
Ich habe gefunden, daß Lope de Vega auch das Sujet Romeo und Julie in einer Tragödie bearbeitet hat, wenn es sich auf der Göttingischen Bibliothek befindet, so denke ich es bald zu bekommen, es muß ungemein interessant sein, beide Wercke mit einander zu vergleichen. Ob man wohl in Jena ein Buch haben kann, genannt: Englische Comedi und Tragödi die gegen das Ende des vorigen [2] Jahrhunderts in Hamburg gedruckt sind. Dies Buch gäbe vielleicht einen guten Aufschluß über den Shakspearischen Titus Andronikus: dies Trauerspiel befindet sich nemlich auch darinn und wenn ich nicht irre, spricht auch Eschenburg in seinem Anhange darüber.
Voß & Compagnie haben die Romantischen Darstellungen von mir nicht angenommen; ich bin nun unschlüssig, ob ich mich noch an Göschen wende, oder es liegen lasse. An Becker will ich eine kleine Erzählung schicken und ihm noch vorher einen kleinen Brief schreiben. – In Dodsleys Collection of old Plays, Teil V ist ein Stück, The Merry Devil [3] of Edmonton, das aus dem Shakspearischen Zeitalter ist, den Verfasser weiß man nicht, am Ende ist es von ihm selber, Ben Jonson stichelt wenigstens darauf im Prolog zu: The Devil is an Aß. Wenn es von Shakspeare ist, so hat er es wahrscheinlich früher geschrieben und es ist erst später berühmt geworden. Man sollte fast Shakspeares Geist darinn wahrnehmen, wenn man sich nicht darinn so leicht irren könnte. Die Charaktere gränzen an die in The Merry Wives, eben so die Sprache, der Plan oder Plot hat mit Mid-summer nights dream einige Aehnlichkeit. Es ist wenigstens immer sonderbar, daß sich kein andrer Dichter dazu gemeldet hat, [4] da es ein Lieblingsstück des Publikums gewesen zu sein scheint. Rathen Sie mir doch, ob ich es vielleicht mit der Zeit übersetze, so einzeln und mit einer kritischen Abhandlung begleite. Soviel ich die gleichzeitigen nahmhaften Dichter kenne, kann es kein einziger geschrieben haben. Ben Jonson stichelt übrigens nicht leicht auf einen andren Dichter, außer Shakspeare, (seinen Antagonisten Dekker ausgenommen, von dem das Stück aber unmöglich ist).
Ich wünschte recht sehr, daß Sie als Anhang Ihrer Übersetzung auch die 7 sogenannten falschen Stücke gäben, wenn auch Locrin und Cromwell Ihre so fleissige Uebertragung nicht verdienen, [5] aber The Yorkshire Tragedy, the London Prodigal selbst Cromwell haben ungemeine Schönheiten. Cromwell läßt sich überhaupt unter einen ganz eigenen Gesichtspunkt bringen, es ist nehmlich die einzige mir bekannte Tragödie, die eine ordentliche Biographie enthält, darnach ist das ganze Stück geordnet, man findet hier Shakspeares Moralität wieder, die nicht in den Sentenzen liegt und seine tiefgedachten und im Innern gegründeten Contraste. Es kann sein, daß ich Ihnen neulich schon dasselbe geschrieben habe und dann vergeben Sie mir. – Das alte Englische Theater ist für mich immer eine wunderliche Erscheinung, weil [6] man fast gar keine charakteristischen Merkmahle aufstellen kann, weil jeder zu und nach Shakspeares Zeiten galt, weil sich erst seit Dryden eine Art von öffentlichem Geschmack formirte. Darum kann man beim Shakspeare nicht bloß, sondern bei keinem einzigen gleichzeitigen Dichter aus dem Innern der Stücke, aus der größern oder geringem Kunst schließen, welche früher oder welche später sind. Stücke, die ein Gegenstand des allgemeinen Spottes waren, wurden zur Zeit der Satire, auf denselben Theatern, von eben den Schauspielern, vor denselben Zuschauern, mit eben dem Beifall aufgeführt, als die Satire. So findet man von: The Spanish Tra[7]gedy viele Auflagen von 1590 ja 1580 bis 1630, obgleich Shakspear und alle übrigen Dichter dies Trauerspiel zum Ziel ihres Spottes machten. So wird Shakspeare schon von gleichzeitigen Dichtern parodirt, ja Moralities und allegorische Vorstellungen ohne Handlung werden gegeben, als die Leute schon Lear, Macbeth und dergleichen gesehn und vielleicht verstanden hatten. Wir finden nach Shakspeare ein großes allegorisches Stück Lingua, das unausstehlich langweilig ist und das denselben Leuten gefiel, die Fletchers faithfull Shepherdess ausgepocht hatten, weil es zu allegorisch war. – Ich glaube daher, daß man sich an das Undramatische und Unkünstliche [8] in Cromwell, Locrin und Pericles nicht stoßen muß, weil Shakspeare in andern Stücken Künstler ist. Er hat in diesen auch die andre Art versucht. Pericles ist fast wie die Tragödie unseres Hans Sachs gedichtet. – Und eben darum bin ich in Verlegenheit, was ich von dem eben genannten Merry Devil of Edmonton halten soll. –
Verzeihen Sie mein Geschwätz und leben Sie recht wohl und vergnügt.
Ihr
Ludwig Tieck.
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