• Ludwig Gotthard Kosegarten to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Altenkirchen (Landkreis Vorpommern-Rügen) · Place of Destination: Jena · Date: 24.09.1797
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Ludwig Gotthard Kosegarten
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Altenkirchen (Landkreis Vorpommern-Rügen)
  • Place of Destination: Jena
  • Date: 24.09.1797
    Printed Text
  • Bibliography: Leitzmann, Albert: Eine groteske Reklame aus der Schillerzeit. In: Preußische Jahrbücher 177 (Juli‒September 1919), S. 244‒245.
  • Incipit: „[1] Altenkirchen Sept. 24. 97.
    Für die Wärme und Liebe, mit welcher Sie, mein Verehrungswürdiger, sich der neuen Ausgabe meiner Poesien angenommen [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-33958
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.13,Nr.53
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 18,5 x 11 cm
[1] Altenkirchen Sept. 24. 97.
Für die Wärme und Liebe, mit welcher Sie, mein Verehrungswürdiger, sich der neuen Ausgabe meiner Poesien angenommen haben, gebührt ihnen mein herzlichster Dank.
Es war eigentlich nicht in meinem Plan, mein Vorhaben in ersten öffentlichen Blättern ausrufen zu lassen. Meine Anzeige, dünkt mich, ist nicht in dem Tone geschrieben, den so offen liegende Pläzze fordern. Indessen ist jener Aufruf nicht ohne Würkung geblieben. Vielmehr hat mir derselbe manche liebevolle Zuschrift, zum Theil aus fernen Landen, zugezogen; und schon hat sich ein kleines, aber höchst respectables Publicum um mich gesammelt, das mich wenigstens vor zu schwerer Einbuße decken wird.
Die Revision meiner Dichtungen ist vollendet – ein süßes, aber mißliches Geschäft. Dem Einen werdʼ ich zu streng gewesen seyn, dem andern zu gelinde. Ein volles Drittheil meiner früheren Stücke habʼ ich gänzlich gestrichen, ein zweytes Drittheil gänzlich [2] umgearbeitet. Die trunkene Begeisterung, die in manchen meiner Jugendpoesien herrschet, schien mir zwar um Verschonung zu flehen. Allein was halfs. Ist doch, „die Form! die Form!“ izt das einzige und ewige Feldgeschrey; und Wahrheit, Menschlichkeit, Innigkeit, Effekt und Interesse sind lange nicht hinreichend, um Kunstgebilde vor dem Urtheil der Verwesung zu sichern!
Ich hatte in der That beschlossen, diesen Sommer eine Reise durch den größten Theil Deutschlands zu machen, und insonderheit in Jena fast den ganzen Julius zuzubringen. Allein mein schöner Plan ist an einem sehr traurigen Geschik gescheitert. Im April starben meine beyden jüngsten Kinder [Julie am 31. März, noch nicht dreijährig; Emil am 23. April, halbjährig] und meine Gattin verfiel darüber in einen Trübsinn, der es mir gänzlich untersagte, sie für so lange Zeit allein zu lassen. Ich für mein Theil habe den Reiz des Schmerzes durch einige Gesänge abzuleiten gesucht, die ich Schillern gesandt habe. Da jedoch weder reine Griechheit noch reine Objectivität in ihnen athmen, so wird er sie [3] schwerlich brauchen können. Lassen Sie sich sie von ihm geben, und lesen Sie sie ihrer Gattin vor. – Auch habe ich ihm vor zwey Jahren unter mehreren: Ein Lied an Jenny; ingleichen eins „An das Abendroth, als der Dichter krank auf seinem Sofa lag“ zugesandt. Diese beyden Lieder möchte ich gerne wiederhaben, indem ich keine Abschriften davon besizze. Thun Sie mir die Liebe, sie sich von ihm geben zu lassen, und schicken Sie sie mir mit ehester Post.
Es freut mich, mein Theuerster Rath, daß Sie izt selbander leben. Grüßen Sie das geliebte Wesen, das Ihnen Ihre Tage verschönert, und umarmen Sie sie in meiner Seele. An der Seite der Geliebten, an Busen Ihres Shakespeare, im Kreyse von Jenaʼs Dämonen und Heroen – wie schön ist Ihr Looß!
Schreiben Sie mir armen Exulirenden doch bisweilen. Schiller schreibt so selten, und Humboldt schweigt gänzlich; und doch möchte ich aus unsrer litterärischen Metropole, aus dem hyperboreischen Athen bisweilen eine liebe Stimme bis zu meiner öden Küste herübertönen hören.
Unter andern möcht ich gern wissen, wer jene [4] Agnes von Lilien schreibt, in die ich mich sterblich verliebt habe. Schiller brummt in seinem lezten Briefe über das arme Mägdchen so ungebührlich, daß ich daraus urtheile, er schreibe sie selber.
Grüßen Sie Schillern und Fichten von mir; und Ihrem Bruder Rhadamanth vermelden Sie meinen grauenvollen Respect. Ich umfasse Sie mit inniger Liebe und bin zeitlebens
Ihr ergebener Freund
Kosegarten.
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[1] Altenkirchen Sept. 24. 97.
Für die Wärme und Liebe, mit welcher Sie, mein Verehrungswürdiger, sich der neuen Ausgabe meiner Poesien angenommen haben, gebührt ihnen mein herzlichster Dank.
Es war eigentlich nicht in meinem Plan, mein Vorhaben in ersten öffentlichen Blättern ausrufen zu lassen. Meine Anzeige, dünkt mich, ist nicht in dem Tone geschrieben, den so offen liegende Pläzze fordern. Indessen ist jener Aufruf nicht ohne Würkung geblieben. Vielmehr hat mir derselbe manche liebevolle Zuschrift, zum Theil aus fernen Landen, zugezogen; und schon hat sich ein kleines, aber höchst respectables Publicum um mich gesammelt, das mich wenigstens vor zu schwerer Einbuße decken wird.
Die Revision meiner Dichtungen ist vollendet – ein süßes, aber mißliches Geschäft. Dem Einen werdʼ ich zu streng gewesen seyn, dem andern zu gelinde. Ein volles Drittheil meiner früheren Stücke habʼ ich gänzlich gestrichen, ein zweytes Drittheil gänzlich [2] umgearbeitet. Die trunkene Begeisterung, die in manchen meiner Jugendpoesien herrschet, schien mir zwar um Verschonung zu flehen. Allein was halfs. Ist doch, „die Form! die Form!“ izt das einzige und ewige Feldgeschrey; und Wahrheit, Menschlichkeit, Innigkeit, Effekt und Interesse sind lange nicht hinreichend, um Kunstgebilde vor dem Urtheil der Verwesung zu sichern!
Ich hatte in der That beschlossen, diesen Sommer eine Reise durch den größten Theil Deutschlands zu machen, und insonderheit in Jena fast den ganzen Julius zuzubringen. Allein mein schöner Plan ist an einem sehr traurigen Geschik gescheitert. Im April starben meine beyden jüngsten Kinder [Julie am 31. März, noch nicht dreijährig; Emil am 23. April, halbjährig] und meine Gattin verfiel darüber in einen Trübsinn, der es mir gänzlich untersagte, sie für so lange Zeit allein zu lassen. Ich für mein Theil habe den Reiz des Schmerzes durch einige Gesänge abzuleiten gesucht, die ich Schillern gesandt habe. Da jedoch weder reine Griechheit noch reine Objectivität in ihnen athmen, so wird er sie [3] schwerlich brauchen können. Lassen Sie sich sie von ihm geben, und lesen Sie sie ihrer Gattin vor. – Auch habe ich ihm vor zwey Jahren unter mehreren: Ein Lied an Jenny; ingleichen eins „An das Abendroth, als der Dichter krank auf seinem Sofa lag“ zugesandt. Diese beyden Lieder möchte ich gerne wiederhaben, indem ich keine Abschriften davon besizze. Thun Sie mir die Liebe, sie sich von ihm geben zu lassen, und schicken Sie sie mir mit ehester Post.
Es freut mich, mein Theuerster Rath, daß Sie izt selbander leben. Grüßen Sie das geliebte Wesen, das Ihnen Ihre Tage verschönert, und umarmen Sie sie in meiner Seele. An der Seite der Geliebten, an Busen Ihres Shakespeare, im Kreyse von Jenaʼs Dämonen und Heroen – wie schön ist Ihr Looß!
Schreiben Sie mir armen Exulirenden doch bisweilen. Schiller schreibt so selten, und Humboldt schweigt gänzlich; und doch möchte ich aus unsrer litterärischen Metropole, aus dem hyperboreischen Athen bisweilen eine liebe Stimme bis zu meiner öden Küste herübertönen hören.
Unter andern möcht ich gern wissen, wer jene [4] Agnes von Lilien schreibt, in die ich mich sterblich verliebt habe. Schiller brummt in seinem lezten Briefe über das arme Mägdchen so ungebührlich, daß ich daraus urtheile, er schreibe sie selber.
Grüßen Sie Schillern und Fichten von mir; und Ihrem Bruder Rhadamanth vermelden Sie meinen grauenvollen Respect. Ich umfasse Sie mit inniger Liebe und bin zeitlebens
Ihr ergebener Freund
Kosegarten.
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