• Friedrich von Schlegel to August Wilhelm von Schlegel

  • Place of Dispatch: Berlin · Place of Destination: Jena · Date: 26.08.1797
Edition Status: Single collated printed full text with registry labelling
    Metadata Concerning Header
  • Sender: Friedrich von Schlegel
  • Recipient: August Wilhelm von Schlegel
  • Place of Dispatch: Berlin
  • Place of Destination: Jena
  • Date: 26.08.1797
  • Notations: Empfangsort erschlossen.
    Printed Text
  • Bibliography: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Bd. 24. Dritte Abteilung: Briefe von und an Friedrich und Dorothea Schlegel. Die Periode des Athenäums (25. Juli 1797 ‒ Ende August 1799). Mit Einleitung und Kommentar hg. v. Raymond Immerwahr. Paderborn 1985, S. 7‒9.
  • Incipit: „[1] Berlin. Den 26ten August 97
    Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, auch besonders dadurch, daß er mir Hoffnung macht zu [...]“
    Manuscript
  • Provider: Sächsische Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  • OAI Id: DE-1a-34222
  • Classification Number: Mscr.Dresd.e.90,XIX,Bd.24.b,Nr.89
  • Number of Pages: 4S. auf Doppelbl., hs. m. U.
  • Format: 18,9 x 11,7 cm
[1] Berlin. Den 26ten August 97
Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, auch besonders dadurch, daß er mir Hoffnung macht zu einem daurenden Briefwechsel, den ich hier bey vielfachem aber nirgends ganz befriedigenden Umgang gar sehr bedarf. Ich habe heute so vielerley Notizen an Dich zu schreiben, daß ich, besonders da die Zeit beschränkt <ist>, alles nur so, wie es mir einkömmt, durch einander aufs Papier werfen kann. –
Erst das Wichtigste. Von Caesar habe ich den fünften Bogen in der Correctur gehabt. Ich vergleiche Zeile für Zeile mit dem M[anu]scr[i]pt und hoffe das Ganze soll ohne Fehler bleiben. – Ich binde mich knechtisch an das M[anu]scr[i]pt. Doch habe ich einmahl für schlängend (vom Blitz) schlängelnd, für das, daß und für . ein ? setzen müßen. Ich schreibe Dir dieß, damit Du das nächste M[anu]scr[i]pt ja recht sorgfältig durchsiehst. Schicke was Du fertig hast mit umgehender Post an mich <oder U.[nger]>. Hast Du schon die Stücke für den IIIten Band bestimmt? Ich wünsche, daß du vom Hamlet nicht wieder abgehn mögest. Der Kaufmann von Ven.[edig] <auch sonst in jeder Rücksicht sehr populär,> wäre vielleicht eins, was am leichtesten auf die Bühne gebracht werden können, und am schönsten drauf glänzen [würde]. Den IIIten Band rathe ich Dir zu Ostern 98 zu geben, die Foderungen aber beym IIIten Band noch nicht zu erhöhn. Der Debit geht nicht so schnell, und kann nicht so schnell gehn, daß U.[nger] alsdann schon bereitwillig dieser Forderung entgegen kommen könnte. Nach dem dritten Bande riethe ich allenfalls 1 Jahr Pause zu machen, um dem Debit Zeit zu lassen, und [2] dann könntest Du wohl auf Erhöhung der Bedingungen antragen. – Ich habe Alles dieses reiflich überlegt. – Ich habe mir diese Tage während meines Uebelseyns überlegt, daß Du doch eigentlich wie ein Engländer sagen würde, the greatest translator upon the whole earth bist. Mein Schluß ist wie der alte wodurch bewiesen ward, daß Alcibiades <oder wers sonst war> Athen beherrsche. Die Deutschen sind am weitesten unter den Nazionen in der Uebersetzungskunst; Du bist am weitesten unter den Deutschen. Ich habe neulich bey einer andern Gelegenheit allerley über Uebersetzungskunst speckulirt, und dabey Dein Werk mehr von dieser Seite bewundert, wo ichs bisher nicht betrachtet hatte. Verdopple nur ja Deine Sorgfalt auf die Prosa. Es wäre schlimm und traurig, wenn die geringe Vollendung eines Theils dem Ganzen etwas von seiner Vollkommenheit entzöge.
In der Diction im Caesar ist ein ganz eigner seltsamer Ton, von dem ich mir noch gar nicht befriedigende Rechenschaft geben kann. –
Von Hermann und Dorothea weiß ich Dir nicht viel zu sagen aus der Ursache, die ich Karolinen geschrieben habe, und warum ich Dir auch über den Prometheus nichts Bedeutendes schreiben konnte. Es ist das herzlichste, biederbste, edelste, naivste und sittlichste unter G[oethe]ʼs Gedichten. Was könnte der moralisirende Jenisch nicht erst alles über die Wirthin zum goldnen Löwen sagen, welche an Würde und Werth leicht [3] alle Frauen und Mädchen im Meister übertrift. Das Gedicht ist offenbar mit der Absicht gedichtet, so sehr altes Griechisches homerisches επος zu seyn, als bey dem romantischen Geist, der im Ganzen lebt, möglich wäre. Bey sehr großer Aehnlichkeit im Einzelnen ist also absolute Verschiedenheit im Ganzen. Durch diesen romantischen Geist ist es weit über Homer, dem es aber an ηθος und Fülle wieder weit nachsteht. Man könnte es ein romantisirtes επος nennen. Aber freylich in ganz anderm Sinne, als das Romanzo der Italiäner. – Auch wo es am antiksten und naivsten ist, und am homerischsten scheint, läßt s.[ich] doch ein Bewußtseyn, eine Selbstbeschränkung wahrnehmen, die höchst unhomerisch oder vielmehr überhomerisch sind. – Man vergleicht es viel mit Voßens Louise, und wird es noch viel thun. Ich wüßte aber nicht in welcher Rücksicht diese Vergleichung interessant seyn könnte, es müßte denn die vom absoluten Gegensatz zwischen Geist und Buchstaben seyn.
Drollig ists, daß die Rec.[ension] des Shak[espear] in dem Hamb.[urger] Corr.[espondenten] von Rambach verfaßt ist. – Die Lieder habe ich, da ich ihre Absendung an R.[eichardt] nicht verzögern wollte, nur so flüchtig lesen können, daß ich mir vorbehalte darüber zu schreiben. –
Tieck lebt jetzt in Hamburg. Von der Rec.[ension] des Neubeck haben Spalding und Brinkmann mir mit vielem Lobe gesprochen. Beyde kannten den Dichter noch nicht, wollten ihn nun aber genauer kennen lernen. – Ich danke Dir, daß Du mich auf Böttigers Buch von Neuem aufmerksam gemacht hast. Sobald ichs gelesen, schreibe ich Dir darüber. [4] Woltmann soll ja schon im September von seiner Reise nach Wien und Italien zurückkehren, und im Winter ganz wieder hergestellt, Collegia lesen. – Sein Frankreich will gar keinen Abgang finden. –
Du hast ja neulich auf Engl.[ischen] Velinpapier an U.[nger] geschrieben. Hast Du das etwa von Schiller bekommen? U.[nger] hat <ihm> neulich ein Rieß dergl. geschenkt und kann nicht begreifen, wo Du es sonst her hättest. –
Was in dem Goeth[eschen] Gedicht noch sehr merkwürdig und sehr schön ist, ist die liberale Ansicht der Zeitbegebenheiten. Kein Franzose wäre deren so fähig, und das ist doch ein Trost gegen politische Nullität. –
Woltm[ann]ʼs Englische Revoluzion ist fertig geworden. Ich werde sie nächstens lesen.
Vergiß ja nicht Gibbonʼs Memoirs bey Gelegenheit zu lesen. Es hat mir den größten Genuß gewährt zu sehen, wie der Pedant darin seine häusl[ichen] Kleinigkeiten mit derselben classischen Pracht und gemächlichen Würde ausbildet, wie in seiner Geschichte. Es ist <vielleicht> eins der lehrreichsten und gewiß eins der lächerlichsten Bücher, die je geschrieben sind. Groß ist es meines Bedünkens daß er seine Lächerlichkeit selbst fühlte. Ich habe eine große Anhänglichkeit für alle Beschränkung, die man selbst weiß, und die aus Kraft und Vollendung in einer bestimmten Art entspringen. Auch seine freundschaftlichen Briefe sind ein würdigster größter und prächtigster historischer Styl, welcher oft zum Todtlachen ist. –
Dein F. S.
[1] Berlin. Den 26ten August 97
Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, auch besonders dadurch, daß er mir Hoffnung macht zu einem daurenden Briefwechsel, den ich hier bey vielfachem aber nirgends ganz befriedigenden Umgang gar sehr bedarf. Ich habe heute so vielerley Notizen an Dich zu schreiben, daß ich, besonders da die Zeit beschränkt <ist>, alles nur so, wie es mir einkömmt, durch einander aufs Papier werfen kann. –
Erst das Wichtigste. Von Caesar habe ich den fünften Bogen in der Correctur gehabt. Ich vergleiche Zeile für Zeile mit dem M[anu]scr[i]pt und hoffe das Ganze soll ohne Fehler bleiben. – Ich binde mich knechtisch an das M[anu]scr[i]pt. Doch habe ich einmahl für schlängend (vom Blitz) schlängelnd, für das, daß und für . ein ? setzen müßen. Ich schreibe Dir dieß, damit Du das nächste M[anu]scr[i]pt ja recht sorgfältig durchsiehst. Schicke was Du fertig hast mit umgehender Post an mich <oder U.[nger]>. Hast Du schon die Stücke für den IIIten Band bestimmt? Ich wünsche, daß du vom Hamlet nicht wieder abgehn mögest. Der Kaufmann von Ven.[edig] <auch sonst in jeder Rücksicht sehr populär,> wäre vielleicht eins, was am leichtesten auf die Bühne gebracht werden können, und am schönsten drauf glänzen [würde]. Den IIIten Band rathe ich Dir zu Ostern 98 zu geben, die Foderungen aber beym IIIten Band noch nicht zu erhöhn. Der Debit geht nicht so schnell, und kann nicht so schnell gehn, daß U.[nger] alsdann schon bereitwillig dieser Forderung entgegen kommen könnte. Nach dem dritten Bande riethe ich allenfalls 1 Jahr Pause zu machen, um dem Debit Zeit zu lassen, und [2] dann könntest Du wohl auf Erhöhung der Bedingungen antragen. – Ich habe Alles dieses reiflich überlegt. – Ich habe mir diese Tage während meines Uebelseyns überlegt, daß Du doch eigentlich wie ein Engländer sagen würde, the greatest translator upon the whole earth bist. Mein Schluß ist wie der alte wodurch bewiesen ward, daß Alcibiades <oder wers sonst war> Athen beherrsche. Die Deutschen sind am weitesten unter den Nazionen in der Uebersetzungskunst; Du bist am weitesten unter den Deutschen. Ich habe neulich bey einer andern Gelegenheit allerley über Uebersetzungskunst speckulirt, und dabey Dein Werk mehr von dieser Seite bewundert, wo ichs bisher nicht betrachtet hatte. Verdopple nur ja Deine Sorgfalt auf die Prosa. Es wäre schlimm und traurig, wenn die geringe Vollendung eines Theils dem Ganzen etwas von seiner Vollkommenheit entzöge.
In der Diction im Caesar ist ein ganz eigner seltsamer Ton, von dem ich mir noch gar nicht befriedigende Rechenschaft geben kann. –
Von Hermann und Dorothea weiß ich Dir nicht viel zu sagen aus der Ursache, die ich Karolinen geschrieben habe, und warum ich Dir auch über den Prometheus nichts Bedeutendes schreiben konnte. Es ist das herzlichste, biederbste, edelste, naivste und sittlichste unter G[oethe]ʼs Gedichten. Was könnte der moralisirende Jenisch nicht erst alles über die Wirthin zum goldnen Löwen sagen, welche an Würde und Werth leicht [3] alle Frauen und Mädchen im Meister übertrift. Das Gedicht ist offenbar mit der Absicht gedichtet, so sehr altes Griechisches homerisches επος zu seyn, als bey dem romantischen Geist, der im Ganzen lebt, möglich wäre. Bey sehr großer Aehnlichkeit im Einzelnen ist also absolute Verschiedenheit im Ganzen. Durch diesen romantischen Geist ist es weit über Homer, dem es aber an ηθος und Fülle wieder weit nachsteht. Man könnte es ein romantisirtes επος nennen. Aber freylich in ganz anderm Sinne, als das Romanzo der Italiäner. – Auch wo es am antiksten und naivsten ist, und am homerischsten scheint, läßt s.[ich] doch ein Bewußtseyn, eine Selbstbeschränkung wahrnehmen, die höchst unhomerisch oder vielmehr überhomerisch sind. – Man vergleicht es viel mit Voßens Louise, und wird es noch viel thun. Ich wüßte aber nicht in welcher Rücksicht diese Vergleichung interessant seyn könnte, es müßte denn die vom absoluten Gegensatz zwischen Geist und Buchstaben seyn.
Drollig ists, daß die Rec.[ension] des Shak[espear] in dem Hamb.[urger] Corr.[espondenten] von Rambach verfaßt ist. – Die Lieder habe ich, da ich ihre Absendung an R.[eichardt] nicht verzögern wollte, nur so flüchtig lesen können, daß ich mir vorbehalte darüber zu schreiben. –
Tieck lebt jetzt in Hamburg. Von der Rec.[ension] des Neubeck haben Spalding und Brinkmann mir mit vielem Lobe gesprochen. Beyde kannten den Dichter noch nicht, wollten ihn nun aber genauer kennen lernen. – Ich danke Dir, daß Du mich auf Böttigers Buch von Neuem aufmerksam gemacht hast. Sobald ichs gelesen, schreibe ich Dir darüber. [4] Woltmann soll ja schon im September von seiner Reise nach Wien und Italien zurückkehren, und im Winter ganz wieder hergestellt, Collegia lesen. – Sein Frankreich will gar keinen Abgang finden. –
Du hast ja neulich auf Engl.[ischen] Velinpapier an U.[nger] geschrieben. Hast Du das etwa von Schiller bekommen? U.[nger] hat <ihm> neulich ein Rieß dergl. geschenkt und kann nicht begreifen, wo Du es sonst her hättest. –
Was in dem Goeth[eschen] Gedicht noch sehr merkwürdig und sehr schön ist, ist die liberale Ansicht der Zeitbegebenheiten. Kein Franzose wäre deren so fähig, und das ist doch ein Trost gegen politische Nullität. –
Woltm[ann]ʼs Englische Revoluzion ist fertig geworden. Ich werde sie nächstens lesen.
Vergiß ja nicht Gibbonʼs Memoirs bey Gelegenheit zu lesen. Es hat mir den größten Genuß gewährt zu sehen, wie der Pedant darin seine häusl[ichen] Kleinigkeiten mit derselben classischen Pracht und gemächlichen Würde ausbildet, wie in seiner Geschichte. Es ist <vielleicht> eins der lehrreichsten und gewiß eins der lächerlichsten Bücher, die je geschrieben sind. Groß ist es meines Bedünkens daß er seine Lächerlichkeit selbst fühlte. Ich habe eine große Anhänglichkeit für alle Beschränkung, die man selbst weiß, und die aus Kraft und Vollendung in einer bestimmten Art entspringen. Auch seine freundschaftlichen Briefe sind ein würdigster größter und prächtigster historischer Styl, welcher oft zum Todtlachen ist. –
Dein F. S.
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